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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.10.2023

Bewegend und wichtiger denn je!

Radio Sarajevo
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Inhalt:
Der zehnjährige Tijan Sila lebt in Sarajevo als die ersten Bomben fallen und die Belagerung der Stadt beginnt. Der erwachsene Tijan Sila blickt auf seine Kindheit zurück und erzählt von der unerwarteten ...

Inhalt:
Der zehnjährige Tijan Sila lebt in Sarajevo als die ersten Bomben fallen und die Belagerung der Stadt beginnt. Der erwachsene Tijan Sila blickt auf seine Kindheit zurück und erzählt von der unerwarteten kindlichen Freude, wieder in die Schule gehen zu dürfen, von einem Leben in Banden, von Soldaten und vermeintlichen Kriegshelden, von der Ohnmacht der Eltern und der bitteren Kälte in einem Winter ohne Ofen. Er erzählt auch, wie es sich anfühlt, nach der Flucht noch einmal neu ankommen zu müssen und wie sehr gewisse Ereignisse ein Leben für immer verändern.

Meine Meinung:
"Radio Sarajevo" habe ich gemeinsam mit Jamie vom Blog Librovore gelesen. Vielen Dank für den schönen, spannenden Austausch. Der kurze, äusserst intensive Text lässt tief blicken in eine belagerte Stadt und auf einen Krieg, der immer noch so nahe ist. Der junge Erzähler schafft dabei mit seiner Sprache Zugänglichkeit und lässt immer wieder einen zarten Humor durchschimmern, ohne auch nur einmal zu verharmlosen, welche Gräuel sich tagtäglich ereigneten.
Sila schreibt im autofiktionalen Buch von seiner Liebe zur Musik und seiner Freundschaft zu Sead und Rafik, die stellvertretend für alle seine Freunde stehen. Diese Erinnerungen lassen uns Leser*innen am Geschehen teilnehmen und zumindest ein wenig nachvollziehen, wie komplex, brutal und einschneidend der Bosnienkrieg war und wie er sich auf ganz viele Kinder ausgewirkt hat. Wir lesen von der Freude, als die Schule ausfällt und der kurz darauf folgenden Ernüchterung und Langeweile und können nachvollziehen, wie abenteuerlich wohl genau deshalb das Herumstreunen in Banden, der Schwarzhandel mit Soldaten oder das Kleberschnüffeln auf Kinder wirken konnten.
Besonders berührt haben mich die Schilderungen vom neuen familiären Alltag und der Rolle der Eltern in Tijan Silas Leben. Dadurch schafft er es, liebevoll und zugleich kritisch auf eine tief traumatisierte Generation zu blicken.

Meine Empfehlung:
Ich bin begeistert und immer noch sehr bewegt von dieser intensiven Geschichte, die so wichtig ist und noch viel mehr Aufmerksamkeit verdient hat. Sila schafft es, mit seinem Text für Menschen mit Kriegserfahrungen zu sensibilisieren und denen eine Stimme zu geben, die keine (mehr) haben. Gerade angesichts des aktuellen Weltgeschehens sollte uns dieses Buch zu denken geben und uns immer wieder daran erinnern, dass aus einem Krieg keine Gewinner hervorgehen können. Unbedingte Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 12.10.2023

Tragische Familiengeschichte mit Sogwirkung

Im letzten Licht des Herbstes
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Inhalt:
Claras Schwester Rose ist verschwunden und seither ist nichts mehr, wie es war. Nicht nur verhalten sich Claras Eltern ganz anders als sonst, es zieht auch noch ein fremder Mann ins Nachbarhaus ...

Inhalt:
Claras Schwester Rose ist verschwunden und seither ist nichts mehr, wie es war. Nicht nur verhalten sich Claras Eltern ganz anders als sonst, es zieht auch noch ein fremder Mann ins Nachbarhaus ein. Clara steht täglich am Fenster um auf ihre Schwester zu warten und den neuen Nachbar Liam zu beobachten. Sie weiss nicht, weshalb er hier ist und sie weiss auch nicht, dass ihre Nachbarin Mrs. Orchard und Liam eine gemeinsame Geschichte verbindet, der sie nach und nach auf die Spur kommt.

Meine Meinung:
Dieses Buch habe ich ganz spontan gemeinsam mit Martina vom Blog "Martinas Buchwelten" gelesen und es war sehr schön, mich mit ihr austauschen zu können. Vom ersten Satz an war ich mitten in dieser tragischen, sehr berührenden Geschichte und finde, dass Mary Lawson sowohl zart und einfühlsam als auch extrem spannend erzählt. Ich kann das Buch wirklich nur loben und möchte bald weitere Bücher der Autorin entdecken. Obwohl Lawson verschiedene Figuren zu Wort kommen lässt, ist die achtjährige Clara - zumindest in meinen Augen - die eigentliche Protagonistin der Geschichte. Die Liebe zu ihrer Schwester, ihre Klugheit und ihr Pflichtbewusstsein sind sehr realistisch erzählt. Ausserdem kümmert sich Clara während Mrs. Orchards Krankenhausaufenthalt liebevoll um deren Kater Moses und damit wird sie zu meiner kleinen Heldin

Schreibstil und Aufbau:
Das Buch wird aus drei Perspektiven erzählt und besonders hervorheben möchte ich, dass es Mary Lawson gelungen ist, allen drei Figuren - die sie übrigens jeweils aus der ich-Perspektive erzählen lässt - eine ganz unterschiedliche Stimme zu geben. So schafft sie es eindringlich und äusserst gekonnt, die kleine Clara zu Wort kommen zu lassen ohne aufgesetzt oder gekünstelt zu wirken. Erfahrungsgemäss tun sich Autor*innen mit Kinderstimmen ja oft ziemlich schwer. Hier gelingt dies mühelos. Elizabeth Orchard, die im Krankenhaus liegt und ihre Gedanken und Erinnerungen vorbeiziehen lässt und dabei Licht ins Dunkel bringt, klingt ganz anders. Sie ist nachdenklicher aber immer versöhnter mit ihrem Leben. Die dritte Perspektive ist Liams Sicht auf die Dinge, die er in der neuen Nachbarschaft antrifft. Ausserdem erfahren wir mehr über seine Vergangenheit und die Gründe, welche ihn nach Solace geführt haben.
Lawsons Erzählsprache sorgt für viel Spannung, die aber ohne Tempo auskommt, sondern sich langsam aufbaut und einen stetigen Sog entwickelt. Ausserdem sind die Beschreibungen wunderschön poetisch und man kann sich in dieser Geschichte so richtig verlieren.

Meine Empfehlung:
Es ist länger her, dass ich mich so sehr in einem Buch festgelesen habe, wie in diesem. "Im letzten Licht des Herbstes" ist ein wahrer buchiger Schatz, der zum Schmökern einlädt und eine bewegende Geschichte mit einer mutigen jungen Protagonistin erzählt. Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 05.10.2023

Packend und handwerklich geschickt erzählt, Highlight!

Wo auch immer ihr seid
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Inhalt:
Kiều verliert an Weihnachten ihre Oma, an die sie sich kaum erinnern kann, schliesslich hat ihr Vater seit fünfzehn Jahren keinen Kontakt mehr zu seiner Familie. Dann aber reist Kiều mit ihren ...

Inhalt:
Kiều verliert an Weihnachten ihre Oma, an die sie sich kaum erinnern kann, schliesslich hat ihr Vater seit fünfzehn Jahren keinen Kontakt mehr zu seiner Familie. Dann aber reist Kiều mit ihren Eltern zu ihrem Onkel Sơn nach Kalifornien, wo sich die ganze Familie zur Testamentseröffnung treffen soll. Während sie noch mit ihrer eigenen Beziehung hadert, wird sie mit einer seltsam fremden und zugleich vertrauten Welt konfrontiert, in der sie sich zuerst zurechtfinden muss, bevor sie ihre Familie erneut kennenlernen kann.

Meine Meinung:
Ich bin sehr froh, dieses Buch in der Bibliothek gefunden zu haben, so hat nämlich mein Lesemonat gleich mit einem Highlight gestartet. Khuê Phạms (autofiktional verzerrte) Familiengeschichte, ihre liebevolle und genau beobachtende Erzählweise und die differenzierte und sehr berührende Auseinandersetzung mit sich selber hat mich begeistert. Das Buch habe ich in wenigen Tagen verschlungen und dabei hatte ich stets das Gefühl, mit am Esstisch, im Flieger oder im Zimmer zu sitzen und hautnah miterleben zu dürfen, wie eine Familie nach so vielen Jahren zusammenfindet, sich neu organisieren muss, und dabei zugleich von gefühlt unüberwindbaren Grenzen voneinander getrennt und trotzdem auch irgendwie vereint ist.

Schreibstil und Aufbau:
In einem ersten Erzählstrang erleben wir die in Berlin lebende Kiều, welche kaum Vietnamesisch spricht und vor fünfzehn Jahren zuletzt in Vietnam war und schliesslich mit ihren Eltern nach Kalifornien reist, wo sie sich zuerst im ganzen Chaos der Kulturen zurechtfinden muss. Anhand des zweiten Erzählstrangs, der Geschichte der Jugendjahre von Kiềus Vater Minh, der während des Vietnamkriegs von seiner Familie nach Deutschland geschickt wird, um Medizin zu studieren, lernen wir etwas über eine in Deutschland mit der kommunistischen Partei sympathisierende Studierendenorganisation. Während Minh realisiert, welche unterschiedliche Kriegspropaganda kursiert, wird es für ihn immer schwieriger, die Erzählungen seiner in Vietnam verbliebenen Familie einzuordnen. In einem dritten Erzählstrang begleiten wir Minhs Bruder Sơn während seiner Flucht von Saigon nach Kalifornien.
Es hat mich beeindruckt, wie Phạm diese durchaus komplexen historischen Hintergründe absolut gekonnt in ihren Roman einbaut. So oft lesen wir Berichte aus einer amerikanischen Perspektive auf diesen furchtbaren, so lange andauernden Krieg. Aber Khuê Phạm gibt ihrer vietnamesischen Familie eine Stimme und lässt tief in eine nachhaltig traumatisierte Gesellschaft blicken.

Meine Empfehlung:
Ich bin voller Lob für diesen Roman, der äusserst komplexe historische Hintergründe aber auch Themen wie Herkunft, Rassismus und Zugehörigkeit so vielschichtig und packend erzählt. Dieses Buch ist wirklich eine Entdeckung für mich und ich empfehle es euch allen weiter.

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Veröffentlicht am 27.07.2023

Sehr berührend und mit feinsinnigem Humor erzählt

Nur ein einziger Tanz
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Inhalt:
Nach dem Tod ihrer Mutter und an einem schwierigen Punkt in ihrer Beziehung sorgt ein Brief aus den Niederlanden dafür, dass Rike Kehrmann auf den Spuren einer tragischen Liebesgeschichte nach ...

Inhalt:
Nach dem Tod ihrer Mutter und an einem schwierigen Punkt in ihrer Beziehung sorgt ein Brief aus den Niederlanden dafür, dass Rike Kehrmann auf den Spuren einer tragischen Liebesgeschichte nach Amsterdam reist. Dort trifft sie Hendrik Rhee, die ehemalige grosse Liebe ihrer Mutter und bemerkt, dass sie erst einige Dinge in ihrem Leben ordnen muss, bevor sie nach vorne schauen und mit ihrer Vergangenheit Frieden schliessen kann.

Meine Meinung:
Auf dieses Buch von Hermien Stellmacher habe ich mich schon lange gefreut, weil ich ihre Erzählsprache sehr, sehr gerne mag und weil die Entstehungsgeschichte dieses Romans so spannend ist. Stellmacher hat nämlich ganz etwas ähnliches erlebt, wie ihre Protagonistin Rike Kehrmann: nach dem Tod ihrer Mutter hat sie einen Brief einer damaligen Freundin ihrer Mutter bekommen und sich daraufhin auf eine spannende und emotionale Spurensuche gemacht. Davon hat sie bei Instagram berichtet und mich mit diesem Erlebnisbericht sofort neugierig gemacht.
Es hat mir sehr gefallen, wie gekonnt sie ihre persönliche Erfahrung mit ganz viel Zartheit, Humor und natürlich Fantasie zu einer ruhigen, bewegenden und lange nachhallenden Geschichte gesponnen hat. Vor allem die sehr realistische und selbstbestimmte Entwicklung ihrer Protagonistin hat mir sehr gut gefallen.

Schreibstil und Aufbau:
Stellmacher beschreibt ihre Figuren äusserst vielschichtig und mitten aus dem Leben gegriffen. Hendriks WG würde ich zu gerne besuchen und mit der fröhlichen Runde einen Kaffee trinken oder das Tanzbein schwingen und auch Rike würde ich gerne kennenlernen. Besonders beeindruckt hat mich, dass dieses Buch äusserst ruhig und poetisch erzählt ist und über einen feinsinnigen Humor verfügt. Freundschaft, Liebe und das Vermissen aber auch Vergebung und Neuanfänge spielen eine grosse Rolle in der Geschichte.
Einige überraschende Wendungen sorgen für eine ganz spannende Entwicklung der Protagonistin, die mich tief beeindruckt haben. Ausserdem haben die Beschreibungen von Amsterdam den Wunsch in mir geweckt, wieder einmal in diese spannende Stadt zu reisen und die Beschreibungen der kulinarischen Genüsse haben mich immer wieder hungrig gemacht, wie ich mir das von Hermien Stellmachers Geschichten gewohnt bin.

Meine Empfehlung:
Einmal mehr hat Hermien Stellmacher mich mit einem Roman begeistert, der ganz ohne Schnickschnack und mit um so mehr Gefühl und Klugheit auskommt. Die berührende, poetisch erzählte Geschichte mit den liebevoll skizzierten Figuren lege ich euch sehr ans Herz und wünsche dem Buch viele weitere Leser*innen.

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Veröffentlicht am 27.05.2023

Ein wichtiges, erschütterndes Buch

Secondhand-Zeit
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Inhalt:
Dieses Buch ist eine tiefschürfende Reportage und beinhaltet Interwiews - Monologe - und einen ausführlichen Anhang. Es kommen Menschen zu Wort, welche die Sowjetunion und den Zerfall der Sowjetunion ...

Inhalt:
Dieses Buch ist eine tiefschürfende Reportage und beinhaltet Interwiews - Monologe - und einen ausführlichen Anhang. Es kommen Menschen zu Wort, welche die Sowjetunion und den Zerfall der Sowjetunion miterlebt haben und welche teilweise durch die Hölle gehen mussten, aber überlebt haben und nun erzählen können, was ihnen widerfahren ist.

Meine Meinung:
Vor allem während meines Bachelorstudiums (2011-2014) habe ich mich intensivst mit Komponist*innen der damaligen Sowjetunion (wenn auch zwar vor allem Georgiens) beschäftigt und das Thema hat mich nie wieder losgelassen. HIER habe ich dazu auch etwas geschrieben. Deshalb hat mir eine damalige Kommilitonin 2014 "Secondhand-Zeit" geschenkt. Ich habe sofort mit dem Lesen begonnen, das Buch aber dann wieder zur Seite gelegt. Der Reportageband hat es nämlich definitiv in sich. Nicht nur wirken die Texte oft schwerfällig und sogar teilweise wirr, sondern sind vor allem die Inhalte nichts für leichte Nerven. Die Nobelpreisträgerin Alexijewitsch hat nämlich mit zahlreichen Menschen Interviews geführt, respektive bei gemeinsamen Gesprächen ein Band mitlaufen lassen. Wir lesen also teilweise sehr lange, abgehackte, von der Autorin unkommentierte Monologe von Menschen, die in der Sowjetunion geboren worden sind und Revolutionen, Unterdrückung, Krieg und Folter erlebt haben. Die erlebt haben, wie Widerstände niedergeknüppelt, Verwandte in nassen Särgen zurückgebracht, Kinder an die Front gegangen und gefestigte Überzeugungen sowie der Glauben an das Gute im Menschen in den Grundfesten erschüttert worden sind.
Nach dem Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine habe ich das Buch wieder hervorgeholt und nun vor wenigen Tagen beendet. Es hat mich immer wieder zutiefst bewegt und ich musste zahlreiche Lesepausen einlegen. Teilweise, um den Inhalt sacken zu lassen, teilweise auch, um ein paar Ereignisse zu recherchieren. Das Buch fordert, da es wenige Informationen, sondern fast ausschliesslich Erfahrungsberichte beinhaltet. Es ist aber genau deshalb ein enorm wichtiges und starkes Buch, weil es betroffene Menschen zu Wort kommen lässt und lange nachhallt.

Meine Empfehlung:
"Secondhand-Zeit" ist ein enorm wichtiges Buch, ein Buch, das warnt, hinsieht, zu Wort kommen lässt. Aber auch ein Buch, das schmerzt und aufwühlt und für das ich sämtliche mögliche Triggerwarnungen aussprechen muss.