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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.02.2024

Beeindruckend und lesenswert, verdient auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2023

Maman
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Meine Meinung:
Denke ich an "Maman", sehe ich sofort die berühmte Spinnenskulptur von Louise Bourgeois vor mir. Bourgeois hat sich dazu entschieden, ihre Mutter als Spinne abzubilden, weil sie der Spinne ...

Meine Meinung:
Denke ich an "Maman", sehe ich sofort die berühmte Spinnenskulptur von Louise Bourgeois vor mir. Bourgeois hat sich dazu entschieden, ihre Mutter als Spinne abzubilden, weil sie der Spinne sehr positive Attribute, wie Klugheit und Stärke zuordnet und weil Spinnen nützliche Tiere sind, die ihre Brut beschützen, ihre Netze reparieren und potentiell todbringende Moskitos fressen (ein toller deutscher Artikel zur Skulptur findet sich HIER: https://www.daskreativeuniversum.de/louise-bourgeois-maman/ ).

Was hat das aber nun mit Sylvie Schenks "Maman" zu tun? Vielleicht hat sich nur mir dieser Vergleich aufgedrängt und er spielt im Buch auch gar keine Rolle, ich möchte euch aber an meinen Gedanken dazu teilhaben lassen, denn obwohl sich die Mütter von Schenk und Bourgeois wohl stark unterschieden haben - während Bourgeois ihre Mutter als ihre beste Freundin und als warm, freundlich und aufmerksam bezeichnet, ist Schenks Mutter eine von ihren Lebensumständen tief traumatisierte, freudlose Person, die keine Nähe zulässt - habe ich beim Lesen mehr und mehr Gemeinsamkeiten entdecken können. Denn letztendlich ist sowohl Schenks als auch Bourgois' "Maman" vor allem eines: eine nicht zu übersehende Hommage an die eigene Mutter.
Je mehr wir beim Lesen über Schenks Mutter und Grossmutter und deren Leben erfahren, desto mehr können wir Vergleiche zur Skulptur "Maman" ziehen. Auch Schenks Mutter ist eine Überfigur, die still leidet, unmenschliches Leid totschweigt und ihre Kinder damit vielleicht sogar schützt, obwohl sie ihnen Zärtlichkeiten oder auch nur Zuwendung ein Leben lang verwehrt, weil es einfach nicht anders geht.

Mit um so zarteren und zugleich kraftvollen Worten tastet sich Schenk an die Geschichte ihrer Mutter heran und beleuchtet ein tristes Leben voller Scham, Schuld und Armut. Schenks Grossmutter, die zu keinem ihrer Kinder einen Vater vorzuweisen hat, stirbt nach der Geburt von "Maman", Maman kommt zu Pflegeeltern und wird adoptiert, erlebt die Nachwehen des ersten Weltkriegs und überlebt den zweiten Weltkrieg in Lyon, eine glücklose Ehe an der Seite eines Zahnarztes und die Geburt ihrer Töchter, denen sie vor allem Selbstzweifel und die Angst vor Männern und ungewollten Schwangerschaften mitgibt.

Ungewollte Kinder gebären ungewollte Kinder und so schliesst sich ein Kreis, aber mit dem Schreiben, Erzählen, mit dem Zusammentragen von Lebensdaten und dem kunstvoll literarischen Vermischen von Realität und Fiktion schafft Schenk ein einzigartiges Werk, das von einer ganz speziellen Liebe, einer düsteren Zeit, einem schwierigen Leben erzählt und vielleicht am Ende auch ein wenig Versöhnung und Frieden anbietet.

Meine Empfehlung:
"Maman" überrascht und hallt nach. Es erzählt eine schmerzhafte Geschichte voller Missbrauch und Vernachlässigung, ist aber auch eine Annäherung an die eigene Mutter, die so viele Dinge ungesagt gelassen hat, weil ihr oft die Worte gefehlt haben, die ihr nun aber von ihrer Tochter nachträglich geschenkt werden. Lasst euch darauf ein.

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Veröffentlicht am 26.02.2024

Ich bin immer noch begeistert, lest diese Reihe

Rory Shy, der schüchterne Detektiv - Ein Clown unter Verdacht (Rory Shy, der schüchterne Detektiv, Bd. 5)
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Inhalt:
Matilda kommt unverhofft zu ein wenig unbeaufsichtigter Zeit und verbringt diese in Rory Shys Detektivbüro. Da er gerade an keinem grösseren Fall arbeitet, hat sie sich bereits darauf eingestellt, ...

Inhalt:
Matilda kommt unverhofft zu ein wenig unbeaufsichtigter Zeit und verbringt diese in Rory Shys Detektivbüro. Da er gerade an keinem grösseren Fall arbeitet, hat sie sich bereits darauf eingestellt, ihm für die nächsten Tage bei seiner Büroarbeit zu helfen. Natürlich kommt es anders und die beiden werden von einer bekannten Journalistin auf einen brisanten Fall angesetzt. Die Ermittlungen zum versuchten Mord führen die beiden in eine Vermittlungsagentur für Unterhaltungskünstler wie Magier, Feuerschlucker und Clowns, ein komplett talentfreier Detektiv "ermittelt" ebenfalls im Fall und sorgt für reichlich Chaos und plötzlich widersprechen sich sämtliche Zeugenaussagen und es ist gar nichts mehr, wie es scheint.

Meine Meinung:
Der fünfte Band der Reihe ist eventuell mein bisher liebster Band, obwohl ich sie alle so gerne mochte, aber ich war einfach begeistert von der Idee, den Schauplätzen, den skurrilen Nebenfiguren und dem Ermittlerteam. Einmal mehr bin ich beeindruckt von den vielen Einfällen des Autors und seiner Liebe zum Detail, wenn es um die Beschreibungen der Figuren geht. Auch ist dieses Buch wieder äusserst amüsant erzählt und vor allem Rory Shys "ehemaliger Lehrer", ein absolut chaotischer und leider auch unfähiger Detektiv, mit dem Rory wohl vor Jahren schon einmal zusammengearbeitet hat, hat mich bestens unterhalten. Auch die anderen Nebenfiguren, insbesondere natürlich die toll ausgearbeiteten Unterhaltungskünstler, die alle durch das Buch torkeln, stolpern und wackeln, haben es mir angetan.
Matilda, die eigentliche Hauptfigur der Reihe, läuft zur Höchstform auf und trägt mit ihrem Charme, ihren kreativen Ideen und ihrer grossen Einsatz massgeblich zur Aufklärung des Falles bei. Sie ist meine persönliche Favoritin und ich freue mich immer, wenn ich ihr und ihrem Cockerspaniel Dr. Herkenrath über die Schulter blicken darf.

Meine Empfehlung:
Ich bin immer noch absolut begeistert und empfehle euch das Buch und die ganze Reihe sehr gerne weiter. Und jetzt freue mich noch mehr auf den sechsten Band und hoffe auf viele weitere Geschichten rund um Matilda und Rory Shy.

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Veröffentlicht am 31.01.2024

Bewegende, erschütternde Geschichte voller Mut, Liebe und Humor

Von Geistern und Schatten
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Inhalt:
Dieses eher schmale Buch beinhaltet fünfzehn Szenen, die mitten aus dem Leben gegriffen sind und vom Aufwachsen und Leben in Haiti, von Krieg und Gewalt, Flucht und der grossen Liebe berichten ...

Inhalt:
Dieses eher schmale Buch beinhaltet fünfzehn Szenen, die mitten aus dem Leben gegriffen sind und vom Aufwachsen und Leben in Haiti, von Krieg und Gewalt, Flucht und der grossen Liebe berichten und Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen zu Wort kommen lassen. Roxane Gay nimmt kein Blatt vor den Mund und beschreibt menschliche Abgründe, Schmerz und Leid, aber auch den Stolz auf die Heimat und die Freude am Leben und der Liebe.

Meine Meinung:
Mit dem Buch habe ich geliebäugelt, seit es mir in einer Verlagsvorschau begegnet ist. Ich habe es mir auf die Wunschliste gepackt und wollte noch ein wenig abwarten, um den SuB zu schonen. Aber....die liebe Zeilentänzerin hat so eine bewegende, überzeugende Rezension geschrieben, dass ich das Buch einfach beim Verlag anfragen musste und damit sogar Glück hatte. Innerhalb weniger Stunden (verteilt auf drei Tage) bin ich durch die Erzählungen gerauscht, welche Roxane Gays Liebe zu Haiti aber auch ihre feministische Kritik am Land beinhalten und ganz verschiedene Menschen für kurze oder manchmal auch ein wenig längere Zeit durch ihr Leben begleiten.
Die in Haiti nach wie vor herrschenden Unruhen, Bandenkriege, die allgegenwärtige Gewalt und Armut sorgen dafür, dass jährlich tausende von Menschen das Land verlassen, um in anderen Teilen der Welt ihr Glück zu versuchen. In ihrer neuen Heimat schlagen ihnen oft erneut Armut und Rassismus entgegen, was Roxana Gay eindringlich schildert.
Diesem scheinbar undurchdringlichen Teufelskreis setzt sie aber auch Szenen voller Liebe und Zärtlichkeit, voller Mut und Stärke und vor allem auch voller Humor entgegen. Sie erzählt von jungen Paaren, die (erneut) zueinanderfinden, von Familienmitgliedern, welche sich gegenseitig unterstützen, von Traumata, die langsam aufgearbeitet werden.

Meine Empfehlung:
Ich kann mich Zeilentänzerin anschliessen: das dünne Büchlein mit den kurzen Kapiteln hat mich tief berührt, atemlos durch die Seiten blättern lassen und wird noch lange nachhallen. Aufgrund der teilweise sehr heftigen Szenen und Hintergründe empfehle ich das Buch nur denen, die mit den Inhalten umgehen können und freue mich schon darauf, weitere Texte von Roxana Gay zu entdecken.

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Veröffentlicht am 16.12.2023

Unterhaltsam und ans Herz gehend

Winterzauber in den Dünen
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Inhalt:
Der Alltag als arbeitstätige Witwe verlangt Anja einiges ab, weshalb sie sich über die Festtage auf die Insel Juist, auch "Zauberland" genannt, zurückzieht. Der Verlust ist immer noch frisch, die ...

Inhalt:
Der Alltag als arbeitstätige Witwe verlangt Anja einiges ab, weshalb sie sich über die Festtage auf die Insel Juist, auch "Zauberland" genannt, zurückzieht. Der Verlust ist immer noch frisch, die Trauer gross und das verschneite Winterwunderland kommt da wie gerufen. Im Gästebuch ihres Hotels entdeckt Anja ein Haiku, das verdächtig an die Gedichte ihrer Jugendliebe Thomas erinnert. Sie hat ihn damals auf Juist kennengelernt und leider aus den Augen verloren. Als sie seine Adresse im Internet findet, beschliesst sie, ihm zu schreiben.

Meine Meinung:
Ganz ehrlich? Das Cover lässt eine leichte, schnulzige Geschichte mit austauschbaren Figuren und einer vorhersehbaren Handlung erahnen und ich hätte das Buch sogar fast im Bücherschrank stehenlassen. ABER: dem Autorinnenduo (das ich vorher übrigens noch nicht kannte) ist eine beeindruckende, berührende Geschichte gelungen, die mit einer herzerwärmenden Handlung und wunderschönen Beschreibungen der verschneiten Nordseeinsel überzeugt. Besonders gut gefallen hat mir, wie authentisch der Alltag der Figuren beschrieben wird. Vor allem Thomas habe ich wirklich gerne bei seiner Arbeit als Lehrer begleitet und seine Käsespatzen hätte ich auf jeden Fall gerne probiert. Generell wird im Buch viel gegessen und im Anhang finden sich ausserdem noch Rezepte, das finde ich immer sehr sympathisch.

Schreibstil und Aufbau:
Mir hat sehr gefallen, dass sich Anja und Thomas per Mail austauschen, ich lese solche Texte immer sehr gerne. Ausserdem mochte ich es, wie Anja spürbar zu Kräften kommt, neue Bekanntschaften macht, die kleine Mieke, welche gerade ihre Tante besucht, weil ihre Mutter im Krankenhaus ist, ins Herz schliesst und sich täglich ein wenig mehr ins Leben zurückwagt.
Ausserdem wird das Gefühlschaos, das bei Anja und Thomas herrscht, realistisch beschrieben und aus einer Missverständnismücke wird kein Elefant gemacht, wie das sonst bei solchen Romanen ja oft der Fall ist, sondern es wird offen und ehrlich kommuniziert. So oft schon hätte ich nämlich die Figuren solcher Romane am liebsten schon geschüttelt, weil sie sich über hunderte von Seiten hinweg über einen kleinen Misstritt des Gegenübers Gedanken machen und nie zum Punkt kommen. Hier ist das anders, humorvoll verpackt und einfach nur stimmig aufgebaut.

Meine Empfehlung:
Ich bin absolut positiv überrascht von dieser unterhaltsamen, berührenden Geschichte mit den schönen Beschreibungen der Figuren und Landschaften. Das Buch wird in Erinnerung bleiben und nicht sofort wieder ausziehen und ich hoffe sehr auf viele weitere so durchdachte und schön erzählte Romane des Autorinnenduos.

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Veröffentlicht am 01.11.2023

Eine reduziert aber unfassbar eindringlich erzählte Geschichte

Beinahe Herbst
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Inhalt:
1942, es wird Herbst in Oslo. Ilse Stern trifft sich immer öfter mit dem Nachbarsjungen Hermann. Obwohl eine Ausgangssperre herrscht, obwohl immer mehr Soldaten die Strassen bevölkern. In der Schneiderei ...

Inhalt:
1942, es wird Herbst in Oslo. Ilse Stern trifft sich immer öfter mit dem Nachbarsjungen Hermann. Obwohl eine Ausgangssperre herrscht, obwohl immer mehr Soldaten die Strassen bevölkern. In der Schneiderei von Ilses Vater bleibt es leer, die Schaufenster sind mit antisemitischen Parolen beschmiert und eines Tages wird Ilses Vater abgeholt. Ihre Mutter versinkt in Trauer, ihre ältere Schwester Sonja versucht, für die jüngste Schwester zu sorgen, während Ilse wieder einmal unterwegs ist und nicht mehr zurückkommt. In dieser Nacht fällt Schnee und am nächsten Morgen wird die Familie Stern abgeholt.

Meine Meinung:
Anfangs musste ich mich an den kühlen, distanzierten Schreibstil und die sehr ichbezogene Ilse gewöhnen. Ganz selbstverständlich überlässt sie ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester den Haushalt und die Arbeit in der Schneiderei des Vaters und kümmert sich nur um ihre eigenen Bedürfnisse. Naiv und unselbstständig lässt sie sich wieder einmal auf ein Treffen mit Hermann ein. So naiv und unselbstständig, wie Teenager eben sind. Und diese Gleichzeitigkeit eines normalen Teenageralltags, in dem es um die hübscheste Kleidung und den modischsten Haarschnitt geht, während die Nazis immer stärker und präsenter werden, ist unendlich schwer auszuhalten und gerade deshalb so authentisch, berührend und leider aktueller denn je.
"Beinahe Herbst" ist ein Jugendbuch, das vor keinem Thema Halt macht und das kindlich anmutende Cover täuscht. Einige der beschriebenen Szenen, wie der Transport der Familie Stern nach Auschwitz oder die Gefangennahme des Vaters, sind an einschneidender Tragik kaum zu überbieten.
Es zeigt sich aber auch in diesen Ausnahmesituationen, dass die Grenzen zwischen Freund und Feind immer mehr verschwimmen und dass man Menschlichkeit manchmal an den überraschendsten Orten und bei den zufälligsten Begegnungen antreffen kann.
Kaurins Schreibstil ist so reduziert, dass er enorm viel Handlung in wenigen Sätzen transportiert und ohne ausschweifende Beschreibungen auch kleinste Andeutungen und Stimmungen fassbar macht. Die melancholische Atmosphäre wird erst gegen Ende ein wenig hoffnungsvoller und die mitten aus dem Leben gegriffene Geschichte wird bei mir noch lange nachhallen.

Meine Empfehlung:
Dieses Buch sollte Schullektüre sein und ich wünsche ihm viele weitere Leserinnen und Leser. Es scheint, als wäre es gerade jetzt wichtiger denn je, genau solche Bücher zu lesen und Marianne Kaurin schafft es mit ihrer einzigartigen und äusserst eindringlichen Sprache, Geschichte lebendig zu machen. Mit diesem Romandebüt ist ihr zu Recht der Durchbruch gelungen.

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