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Veröffentlicht am 13.12.2023

Ungemein interessante Memoiren

»Neger, Neger, Schornsteinfeger!«
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Bis zum Erwerb des vorliegenden Buches war mir der Autor Hans-Jürgen Massaquoi vollkommen unbekannt. Warum nahm ich das Buch bei einem Bücherbasar mit? Ganz ehrlich, aufgrund des Titels. Natürlich schreit ...

Bis zum Erwerb des vorliegenden Buches war mir der Autor Hans-Jürgen Massaquoi vollkommen unbekannt. Warum nahm ich das Buch bei einem Bücherbasar mit? Ganz ehrlich, aufgrund des Titels. Natürlich schreit einen dieser in Deutschland altbekannte Spruch „Neger, Neger, Schornsteinfeger!“ förmlich an. Dem Autor wurde er hinterhergerufen als er seine Kindheit als „braunes Kind“ im Nazideutschland durchlebte.

Die hochinteressante Lebensgeschichte bzw. die Erinnerungen an seine jungen Jahre drehen sich bei Hans-Jürgen Massaquoi verständlicherweise um sein Selbstverständnis und der Umgang anderer Menschen sowie einem Gesellschaftssystem mit ihm als Sohn einer Deutschen und eines Liberianers. 1926 als uneheliches Kind der Liebe geboren, zog ihn die Mutter fortan allein groß. Lehrte ihm ihre weltoffenen aber auch immer strikten Moralvorstellungen und brachte ihn durch die 12jährige Naziherrschaft in Deutschland, speziell in Hamburg. Denn dort spielt der Großteil der Anekdoten, die Massaquoi zusammengetragen hat, um nicht nur die unerschütterliche Lieber seiner Mutter zu ihm und vice versa wiederzugeben, sondern auch die Verlockungen der Demagogie selbst für einen „nicht-arischen“ Jungen, die langsam aufkeimenden Zweifel am Nazisystem sowie das Überleben in einem Bombenkrieg. Dabei wird das Buch vor allem in der ersten Hälfte getragen von der liebevollen und liebevoll beschriebenen Beziehung zwischen Hans-Jürgen und seiner toughen Mutter. Der Stadt Hamburg wird fast schon für sich genommen ein Denkmal durch dieses Buch gesetzt und man erfährt ganz hautnah historische Ereignisse, die die Stadt für immer prägen sollten. Die Besonderheit, dass hier kein verfolgter Jude seine Memoiren aufschreibt, sondern ein Mensch mit dunkler Hautfarbe, der sich nicht vor den Nazischergen „tarnen“ konnte, macht die Geschichte zu etwas Außergewöhnlichem. Wenn dann dieser kleine Junge auch in die HJ eintreten will, aber abgelehnt wird, sich zur Wehrmacht melden will, aber abgelehnt wird und erst nach und nach feststellt, dass dieser Hitler keineswegs der anzuhimmelnde, deutsche Retter ist, als welcher er sich und seine Propagandamaschine ihn ausgibt, werden Geschichten erzählt, die man in der Form noch nirgends gelesen hat.

Erst gegen Ende des Buches kommt Massaquoi noch darauf zu sprechen, dass er zwei Jahre nach Ende des Krieges in das Heimatland seines Vaters, Liberia, reist, um diesen kennenzulernen, später in die USA geht, um dort auch noch fälschlicherweise zum Militär mitten zur Zeit des Koreakrieges einberufen zu werden. Eine Lebensgeschichte, die wahrscheinlich einmalig ist. Wir erfahren am Rande, dass Massaquoi später Chefredakteur des wohl wichtigsten Gesellschaftsmagazins der Schwarzen Bevölkerung der USA „Ebony“ wurde. Aber darum dreht sich das Buch nicht. Wie der Untertitel der deutschen Ausgabe verdeutlicht, geht es hier um „Meine Kindheit in Deutschland“. Ein sehr gut übersetztes Werk, deren deutsche Übersetzung vom Autor persönlich geprüft und für gut befunden wurde.

Mein einziger, kleiner Kritikpunkt an diesem unerwartet fesselndem Werk, sind die in der ersten Hälfte des Buches mitunter inhaltlich etwas sehr abrupten Sprünge zwischen den Anekdoten. Hier hätte ich mir an der ein oder anderen Stelle mehr Reflexionen erhofft, um vielleicht an anderer Stelle die ein oder andere Anekdote zu kürzen.

Insgesamt handelt es sich hierbei jedoch um ein fraglos lesenswertes Buch, welches die Themen Nationalsozialismus, Rassismus, Stadtgeschichte und „typische“ Verfolgtenlebensläufe um eine neue, ungemein interessante Facette bereichert.

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Veröffentlicht am 06.12.2023

Scharfsinnige Betrachtungen über Mädchen als „2. Wahl“

Es ist ein Mädchen
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In ihrem autofiktionalen Roman lässt Camille Laurens ein Ende der 50er Jahre in Frankreich geborenes Mädchen (fast) alle Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten durchleben, die man als weibliches Wesen in ...

In ihrem autofiktionalen Roman lässt Camille Laurens ein Ende der 50er Jahre in Frankreich geborenes Mädchen (fast) alle Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten durchleben, die man als weibliches Wesen in dieser Welt zu dieser Zeit hätte erleben können. Laurence hätte ein Junge werden sollen und wurde dann doch nur (!) ein Mädchen. Sie wächst auf, in einer Welt, in der Mädchen weniger wert sind als Jungs, weniger ernst genommen werden, weniger geachtet sind. Nach verschiedensten negativ prägenden und mitunter auch traumatischen Erfahrungen wird ihr Selbstverständnis, ihre Sexualität, ja ihr ganzes Leben langfristig beeinflusst. So begleiten wir Laurence bis hinein in ihr Erwachsenenleben ,bis sie selbst Mutter wird und erneut vor der Frage steht: „Was ist es? Ein Junge oder ein Mädchen?“.

Gleich vorweg gesagt: Wenn man dieses Buch mit der Prämisse liest, dass „autofitkional“ nicht „autobiografisch“ heißt und vor allem, dass Camille Laurens hier sehr wahrscheinlich den Kunstgriff gewagt hat, so ziemlich jede Unaussprechlichkeit, die einem Mädchen und Frau passieren könnte, in die Lebensgeschichte von Laurence einzubauen, öffnet sich einem beim Lesen ein großartiges feministisches Manifest. Solange man versucht all die Erlebnisse gedanklich in ein „echtes“ Menschenleben zu packen, wirkt die Geschichte unglaubwürdig, wenn auch nicht komplett unwahrscheinlich(!). Dieses vorliegende feministische Manifest zeichnet sich aber nicht dadurch aus, dass es den heldenhaften Befreiungskampf einer Amazone zeigt, sondern vielmehr zeigt es die unglaublich vielen Demütigungen und Bedrohungen auf, denen – mitunter bis heute – Frauen ausgesetzt sind, einfach nur, weil sie eben nicht männlich sind.

So spielt die Autorin in ihrem Roman vor allem mit der Sprache und Perspektive, um diese Ungleichbehandlungen zu verdeutlichen. Und das tut sie durchaus mit Witz und präziser Beobachtungsgabe, was durch die Übersetzerin Lis Künzli überraschend gut ins Deutsche überführt worden ist. Die Erzählperspektive des ersten Kapitels setzt ein mit einem das Mädchen ansprechenden „Du“. Später wechselt die Erzählperspektive in eine „Ich“-Erzählstimme, um dann – nicht ohne Grund – zu einer von außen erzählenden, personalen Perspektive zu werden. So wechseln immer wieder im Roman diese Perspektiven durch. Der Clou an der Sache: Die Autorin kündigt diese Wechsel an indem sie auf die Metaebene geht, um den Lesenden zu verdeutlichen, was hier gerade geschieht, warum es gerade besser ist aus der personalen Perspektive zu erzählen. Das ist klasse gemacht und ist ein weiteres Indiz für das schriftstellerische Können der Autorin. Hier wird die Sprache und Form ein kongenial eingesetztes, kreatives Mittel. Toll!

Auf der inhaltlichen Ebene muss betont werden, dass alle dargestellten inneren Mechanismen, die Laurence‘ Denken, Fühlen und Handeln bestimmen, auf fachlich-psychologischer Ebene Hand und Fuß haben. Das lässt Laurence, trotz der eher prototypischen Funktion als „eine Frau dieser Generation“, trotzdem zu einer authentischen Figur werden, die in sich geschlossen agiert. Und gerade diese Authentizität führte bei mir dazu, dass ich an einigen Stellen emotional aufgewühlt und erschüttert war und durchaus wütend wurde auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Genau das kann ein feministisches Werk, welches Misogynie aufzeigt, im besten Falle bewirken. Dass man wütend wird ob der Verhältnisse und eine Veränderung dieser einfordern möchte.

Zum Ende des Romans gibt es auch eine Tendenz genau dazu, zu zeigen, was sich mit dem Generationenwechsel schon zum Besseren verändert hat. Da geht es dann um Laurence‘ eigenes Kind und dessen Umgang mit Zwängen und Normen. Leider ist für mich dieser dritte und letzte Teil des Romans mit seinen 60 Seiten der Schwächste. Wobei das Meckern auf hohem Niveau ist. Die Autorin spricht hier durchaus wichtige und interessante Themen an, die sich aber wegbewegen von denen Laurence‘. Und dies ist dann einfach zu viel für das dünne Buch. Hätte die Autorin es bei der Fokussierung auf Laurence belassen, hätte der Roman für mich persönlich in sich geschlossener gewirkt.

Insgesamt ist und bleibt der Roman jedoch für mich eine Lektüre, die mich tief bewegen, mit ihrer sprachlichen und formellen Kreativität überzeugen konnte und letztlich in mir noch lange nachhallen wird. Definitiv kann ich „Es ist ein Mädchen“ für eine Lektüre empfehlen. Wem? Frauen, aber auch - und vielleicht sogar vor allem - Männern, denn das Buch macht einmal mehr deutlich, dass Männer durchaus auch Sorgen und Nöte haben, keine Frage, diese aber allein bezogen auf ihr im Geburtenregister eingetragenes Geschlecht in einer anderen Gewichtsklasse liegen, als die, mit denen Frauen über ihr gesamtes Leben hinweg aufgrund ihres biologischen Geschlechts zu kämpfen haben.

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Veröffentlicht am 06.12.2023

Dieses Buch wird nicht entfernt

Dieser Beitrag wurde entfernt
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Müssen anstößige Beiträge auch aus Bücherforen entfernt werden? Wahrscheinlich nicht. Hier gibt es hoffentlich keine Gewalt gegen andere und sich selbst, Missbrauch, Tierquälerei und und und. Aber in Sozialen ...

Müssen anstößige Beiträge auch aus Bücherforen entfernt werden? Wahrscheinlich nicht. Hier gibt es hoffentlich keine Gewalt gegen andere und sich selbst, Missbrauch, Tierquälerei und und und. Aber in Sozialen Netzwerken gibt es dies leider zuhauf und es braucht Menschen (sog. Content-Moderator:innen), die sich diese Kommentare, Bilder und Videos anschauen, um entscheiden zu können, ob ein Beitrag gelöscht wird oder nicht. Diese Menschen werden noch so lange benötigt, bis ein Algorithmus die mitunter heiklen Entscheidungen selbst treffen kann. Bis dahin, werden unzählige Arbeiter:innen traumatisiert sein.

Hanna Bervoets Roman beschäftigt sich mit genau diesen Menschen im Schatten der Sozialen Medien. Er stellt den Bericht einer ehemaligen Mitarbeiterin dar, die unter belastenden Bedingungen allerlei belastende Beiträge gesichtet hat, deren Kolleg:innen traumatisiert die Firma verlassen haben und welche nun eine Klage gegen den Konzern anstrengen. Kayleigh, besagte Ex-Mitarbeiterin, verweigert sich jedoch einer Beteiligung an der Klage. Warum, beschreibt sie in ihrem Bericht, der für den aufdringlichen Anwalt der Kläger gedacht ist. Eigentlich, um diesem zu erläutern, warum sie keinesfalls so traumatisiert ist, wie ihre ehemaligen Kolleg:innen. So lesen wir nun die 122seitige Schilderung Kayleighs mit großer Spannung und auch Anspannung, ob der beschriebenen Kettenreaktion, die die Aufnahme der Arbeitsstelle in der besagten Firma für Kayleighs Leben und das ihrer Nächsten hatte.

In diesem Buch geht es keinesfalls allein darum, Katastrophentourismus zu betreiben und möglichst viele abartige, verstörende und schreckliche Szenen des Internets und damit menschlicher Abgründe zu erforschen. Dieser Schrecken ist nur ein Nebenprodukt der Lektüre, sofern man bisher in seinem Leben um derartige Beiträge drum herumgekommen ist. Hauptsächlich geht es darum aufzudecken, unter welchen Bedingungen Menschen dafür sorgen müssen, damit die ahnungslosen Nutzer:innen diverser Plattformen ihr sorgenfreies Surferlebnis genießen können. Es geht um sog. sekundäre Traumatisierungen, dass diese nicht immer die bekannten Symptome von Alpträumen, Gereiztheit, Schlaflosigkeit etc. haben müssen, sondern sich auch ganz anders zeigen können. Und es geht um die Auswirkungen dieser sekundären Traumatisierungen auf die Betroffenen und deren Leben.

Sehr geschickt entwirft die Autorin hier einen Roman, der zwar mit wenigen Seiten und knappen Worten daherkommt, allerdings sehr präzise oben genannte Kettenreaktionen beschreibt. Die Idee das ganze als einen Brief an den Anwalt, mit welchem Kayleigh klarstellen will, dass sie keineswegs so traumatisiert ist, wie ihre Kolleg:innen, ist grundsätzlich sehr gut umgesetzt. Nur manchmal zwischendrin fragt man sich, ob eine Person tatsächlich so ausführlich auch private Ereignisse geschildert hätte, sodass das Ganze nicht mehr 100%ig authentisch in seiner Entstehungsgeschichte wirkt. Die Schilderungen als solches sind jedoch vollkommen authentisch und natürlich auch subjektiv, was sie noch authentischer wirken lässt. Denn daran liegt die Crux an dem Buch. Welche Wahrnehmung ist „die korrekte“, was ist hier wirklich passiert. Die Lesenden müssen sich selbst dazu ein Bild machen und auch um die Ecke denken können. Der Roman endet sehr abrupt, was zunächst unbefriedigend wirkt. Aber gerade das Ende macht sehr viel Sinn und führt zu einer noch tiefgreifenderen Beschäftigung mit diesem selten beleuchtetem Thema. Dass die Autorin weiß, wovon sie schreibt, kann man den Quellenangaben des Anhangs entnehmen. Wichtig ist hier auch die Erklärung der Autorin: „Dieser Roman ist ein Werk der Fiktion, die Figuren und ihre Erlebnisse sind frei erfunden. Übereinstimmungen mit der Wirklichkeit sind jedoch alles andere als zufällig.“

Bervoets möchte die Schattenseite der digitalen Welt von Social Media Firmen anprangern und vor allem aufrütteln. Das hat sie meines Erachtens mit ihrem Roman eindeutig geschafft. Eindringlich schreibt sie über ein Thema, was selten beleuchtet wird, und verdient dafür ein großes Publikum. Eine unkonventionelle, äußerst empfehlenswerte Lektüre. Somit wird dieses Buch keinesfalls aus meinem Bücherschrank entfernt, sondern wird dort definitiv verbleiben.

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Veröffentlicht am 30.11.2023

You made a Fool of Death

Du bist so schön, sogar der Tod erblasst
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Bisher kenne ich von Akwaeke Emezi nur den Debütroman "Süßwasser", welcher sowohl inhaltlich als auch stilistisch nur schwer zu lesen, dennoch sehr gehaltvoll war. Ja, fast durchkämpfen musste ich mich ...

Bisher kenne ich von Akwaeke Emezi nur den Debütroman "Süßwasser", welcher sowohl inhaltlich als auch stilistisch nur schwer zu lesen, dennoch sehr gehaltvoll war. Ja, fast durchkämpfen musste ich mich damals durch die Lektüre. Das war bei "Du bist so schön, sogar der Tod erblasst" (im englischsprachigen Original "You made a Fool of Death with your Beauty") komplett anders. Emezi scheint sich hier ganz und gar in die Unterhaltungsliteratur begeben zu haben, denn nun liest es sich eingängig und scheinbar auch recht oberflächlich.

Es geht um eine junge Frau, Ende Zwanzig, die vor fünf Jahren bei einem gemeinsam erlebten Autounfall ihren Ehemann verloren hat. Die Trauer hat sich in ihr Dasein und auch ihre Arbeit als Künstlerin eingebrannt und nun geht sie die ersten Schritte und öffnet sich wieder (sexuellen) Beziehungen. Davon ist auch der Beginn des Romans geprägt. Wir bekommen einige Sexszenen zu lesen, die aber erst einmal nur dem Stillen der körperlichen Lust der Protagonistin Feyi dienen. Mit Nasir könnte es mehr werden, weshalb sie zunächst enthaltsam bleibt und ihn als gute Freundin in seine Heimat auf eine nicht näher bezeichnete karibische Insel begleitet, um an einer Gruppenausstellung von Künstler:innen der afrikanischen Diaspora teilzunehmen. Schon beim ersten Blick, den sie auf Nasirs Vater Alim wirft erwecken lang verschüttete Gefühle, umso mehr als sie erkennt, dass er einen ähnlichen Verlust wie sie in seinem Leben zu verkraften hatte. Ein Mechanismus beginnt sich in Gang zu setzen, der zu viel Leid aber potentiell auch zu viel Liebe führen kann.

Mir hat der Roman von Emezi unter der Prämisse, dass es sich um eine leicht zugänglich angelegte Geschichte um Trauer, Trauerbewältigung und neue Liebe handelt, sehr gut gefallen. Mit farbenprächtigen Bildern erzählt Emezi von dem Heraustreten aus der grauen Zeit der Trauer in eine neue (Gefühls-)Welt. Hier wird das Thema Trauer einmal von einer neuen Seite beleuchtet und literarisch umgesetzt. So findet das Voranschreiten im Trauerprozess sein Äquivalent in der immer reichhaltiger werdenden Umgebung und dem Leuchten der Figuren. Das karibische Setting weiß Emezi detailliert zu beschreiben, sodass vor dem inneren Auge eine ganz neue Welt auftut, in welche man selbst eintauchen möchte. Ebenso nutzt sie den gustatorischen Sinn, um das Aufblühen von Feyi zu beschreiben, ist doch Alim ein Sternekoch, der sein Können immer wieder unter Beweis stellt. Weiterhin wird die Beschreibung der Installationen Feyis genutzt, um Trauerarbeit darzustellen. Und letztlich gefällt mir einfach am Roman, dass er ganz selbstverständlich in einer Schwarzen gehobenen Klasse spielt. Dieser Roman braucht keine weißen Menschen, um sich zu verorten, auch wenn die beste Freundin von Feyi an einer Stelle ihr ins Gewissen redet, das Ausstellungsangebot durch Beziehungen zu nutzen, wie es genügend weiße Menschen der Kunstwelt jeden Tag tun. Es ist angenehm endlich eine Geschichte zu lesen, die in der Welt von Schwarzen Reichen und Schönen spielt.

Insgesamt konnte mich der Roman von Akwaeke Emezi abholen und in diese wunderschöne. karibische Welt mitnehmen. Nicht nur optisch und gustatorisch sondern auch emotional. "Nur" vier Sterne gibt es für den Roman, weil ich von Emezi einfach literarisch etwas Anspruchsvolleres erwartet hatte und sie stilistisch keine Sprünge in dem vorliegenden Roman macht. Emezi kann das eigentlich, wollte hier aber scheinbar einen eingängigeren Roman schreiben. Egal, mir hat es gefallen.

4/5 Sterne

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Veröffentlicht am 27.10.2023

Porzellanpuppe

All die Frauen, die das hier überleben
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Die ukrainische Autorin Natalja Tschajkowska hat ihren Roman im Original „Porzellanpuppe“ genannt, denn dies ist nicht nur einer der wenigen Besitztümer, den Marta mit in die überstürzte Ehe mit Maksym ...

Die ukrainische Autorin Natalja Tschajkowska hat ihren Roman im Original „Porzellanpuppe“ genannt, denn dies ist nicht nur einer der wenigen Besitztümer, den Marta mit in die überstürzte Ehe mit Maksym mitbringt, sondern steht auch für sie selbst, die zunehmend der häuslichen Gewalt ihres Ehemanns ausgesetzt ist und wie eine Porzellanpuppe zu zerbrechen droht.

Tschajkowska geht in ihrem tonnenschweren Roman gleich zu Beginn einen Schritt auf ihre Leser:innen zu, indem sie mit dem Ende beginnt. Wir nehmen in der Ich-Perspektive von Marta an der Beerdigung ihres verstorbenen Mannes in 2021 teil. Schon hier erfahren wir mindestens zwei Dinge: Erstens waren die letzten fünf Jahre von Martas Eheleben ein einziges Martyrium unter dem gewalttätigen Tyrann Maksym. Und zweitens wissen wir aber gleich: Sie hat es überstanden und er ist nun tot und keine Bedrohung mehr. Wie es zu all dem gekommen ist, erkunden wir nun gemeinsam mit Marta ganz von Anfang an, als sie 2016 Maksym kennen- allerdings nicht lieben lernt, und ihn doch heiratet. Was zunächst noch mit kleineren Wutausbrüchen beginnt, entwickelt sich schnell zu einer lebensbedrohlichen Situation für Marta, die es lange, zu lange, in dieser Beziehung aushält und erst spät beginnt einen Ausweg zu suchen aus diesem physischen wie auch psychischen Gefängnis.

Ein muss gesagt sein: Dieser Roman ist wirklich ganz schwer verdaulich und auch nur schwer zu verkraften. Das liegt meines Erachtens nicht nur an der grundsätzlich scheußlichen Thematik der häuslichen Gewalt, sondern auch an der Erzählperspektive, die die Autorin hier gewählt hat. Da wir stets in der Ich-Perspektive von Marta bleiben, treten deren schrecklichen Erlebnisse ganz nah an uns Lesende heran. Da sie sich, wie so unglaublich viele andere betroffene Frauen, in einem Teufelskreis befindet, aus welchem sie lange Zeit keinen Ausweg für sich findet, können sich die 365 Seiten dieses Buches wie eine schier endlose Qual anfühlen. Das muss man aushalten können. Ich konnte es nur durch Leseunterbrechungen.

Die Tatsache, dass der Roman von Tschajkowska genau das bei einer Leserin auslösen kann, zeigt das Können der Autorin. Sie entwirft ein über weite Strecken psychologisch stimmiges Bild einer Frau, die es zunächst nicht schafft aus ihrem eigenen, inneren Gefängnis auszubrechen, bevor sie auch nur eine Chance hat, aus dem äußeren Gefängnis der Ehe mit psychischer, physischer und sexualisierter Gewalt auszubrechen. Komplett Außenstehende tendieren häufig zu schnell dazu zu denken: „Warum geht verlässt sie ihn nicht einfach?“, wenn sie die Geschichten von Betroffenen hören. So einfach ist das aber sehr häufig nicht und Tschajkowska verdeutlicht dies sehr gut in ihrem Roman.

Leider gab es für mich eine Stelle zum Ende des Romans hin, indem die Autorin ihre Protagonistin tatsächlich sehr blauäugig (und hier sind nicht die Hämatome um ihre Augen herum gemeint!) agieren lässt. Das passte an dieser Stelle nicht mehr zum inneren Entwicklungsstand der Protagonistin und ließ sie dumm wirken. Das ist etwas, was ich niemals über Betroffene von häuslicher Gewalt denken möchte, dass sie dumm seien. Denn dies entspräche dem Vorurteil, dass sie „zu dumm sind“, um sich endgültig zu trennen. Aber danach fängt die Autorin die Romanhandlung wieder ab und wirft zum Schluss noch einmal wichtige moralische Fragen zu dem Thema auf, mit welchen Mitteln sich eine Gepeinigte aus den Fesseln einer solch schlimmen Situation lösen kann und darf.

Meines Erachtens handelt es sich hierbei um einen äußerst wertvollen Roman, der aufgrund seiner intensiven Erzählperspektive ganz ungefiltert das Thema beleuchtet.

4/5 Sterne

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