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Veröffentlicht am 29.01.2024

The Geschichtenerzähler

Der Storyteller
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Wer Dave Grohl aus Interviews, Dokumentation und bestenfalls von Liveauftritten kennt, kann sich vorstellen, dass diese biografische Geschichtensammlung des Foo Fighters Frontmanns schon einmal nur grundsympathisch ...

Wer Dave Grohl aus Interviews, Dokumentation und bestenfalls von Liveauftritten kennt, kann sich vorstellen, dass diese biografische Geschichtensammlung des Foo Fighters Frontmanns schon einmal nur grundsympathisch ausfallen kann. Auf beachtlichen 460 Seiten trägt Grohl Begebenheiten aus seinem Leben zusammen, die keinesfalls eine lückenlose Biografie ergeben – und auch nicht so gedacht sind – sondern vielmehr zeigen, wie stark sein Leben von Musik beeinflusst wurde und anders herum seine Musik vom Leben.

Der Schreibstil ist dabei ebenso überraschend literarisch verdichtend, wie anspruchsvoll und an anderen Stellen wieder locker leicht dahingetippt. Eine jede der (relativ) chronologisch sortierten 24 Geschichten beginnt mit einer einleitenden Anekdote aus dem späteren Leben des Autors und findet dann gekonnt einen Blick zurück in die Vergangenheit, um zum Schluss den Bogen zurück zur Ausgangsanekdote zu finden. Wenn er zum Beispiel von seiner mittleren Tochter gefragt wird, ob er ihr das Schlagzeugspiel beibringen könne, denn er ist ja von Haus aus Schlagzeuger, nutzt er diese Vorlage, um seinen eigenen Weg zum Schlagzeugspiel und in die Welt der Musik als Kind und Jugendlicher zu erzählen, nur um den Weg zurück zu seiner Tochter zu finden und der Erkenntnis, dass er eigentlich so richtigen Schlagzeugunterricht nicht geben könne, da er ja nie selbst welchen kennengelernt habe, und nun mittlerweile immer mal einen Titel mit seiner ältesten und mittleren Tochter zusammen spiele. Dieses Prinzip wendet Grohl durchgängig an. Und wie bei einem gut geölten Foo Fighters Song funktioniert dieser „Songaufbau“ auch im geschriebenen Buch immer wieder hervorragend.

Inhaltlich bewegt sich Grohl gezielt eher um das große Thema seines Lebens, die wenigen Jahre mit Nirvana und den Selbstmord Kurt Cobains herum. Das finde ich persönlich großartig, denn so erfahren wir Leser:innen mehr vom Menschen und Musiker Grohl als „nur“ die oberflächlichen Schlagzeilen-Infos, die Musikinteressierte sowieso schon damals selbst miterlebt haben oder bei späteren MTV-Dokus noch und nöcher präsentiert bekommen haben. Untermalt werden die Geschichten übrigens von sehenswerten Fotos oder – auch ganz witzig – abgedruckten Postkarten, die der junge David von den frühen Touren an seine Mutter und Schwester geschrieben hat.

Jedoch gibt es auch zwei Kritikpunkte meinerseits am Buch. Der erste wiegt meines Erachtens weniger stark, sollte jedoch benannt werden. Manche Textpassagen, einzelne scheinbar dem Autor (oder Lektorat) wichtige Sätze werden mithilfe einer Schriftart hervorgehoben, welche sich durch durchgängig genutzte, Schreibschrift artige Großbuchstaben auszeichnet. Das ist bei US-Amerikanern - und so auch auf den Postkarten Grohls ersichtlich – weit verbreitet und liest sich für diese sicherlich auch angenehm. Mich haben sie komplett aus dem Lesefluss geworfen und eher geärgert, sodass mir die Wichtigkeit der Aussage eher verloren ging. Bei manchen Passagen fragte ich mich auch, worin eigentlich deren besonders hervorhebenswerter Wert liegt.

Der zweite Kritikpunkt zielt auf die Übersetzung von Dieter Fuchs. Über weite Strecken funktioniert diese ganz gut, aber es gibt einzelne Wörter und Redewendungen, die meines Erachtens zweifelhaft und zwanghaft ins Deutsche übersetzt wurden und dann wieder andere, die im Englischen belassen wurden, obwohl meines Wissens noch nicht im deutschen Sprachgebrauch üblich. So fällt sofort der deutsche Titel des Buches „DER Storyteller“ in den Blick. Die Vermischung des deutschen Artikels mit dem englischen Begriff Storyteller finde ich vollkommen daneben. Entweder „The Storyteller“ wie im Original oder (schlechter) „Der Geschichtenerzähler“. So setzt Grohl in einer Geschichte auch sein „Pokergesicht“ auf; isst eine „Pepperoni-Pizza“ (in den USA ist dies aber eine Salami-Pizza und nicht einfach das Äquivalent zum deutschen Wort Pepperoni); stehen „Performer“ neben einer Bühne, die wie Fallschirmspringer darauf warten, aus einem Flugzeug zu „jumpen“; und seine Frau Jordyn ist „das Gewicht meiner Waagschale, das den Zeiger am Tillen hindert“. Und eine Kuriosität gibt es noch, die aber eigentlich gar kein Übersetzungsfehler sein kann, im Buch aber an zwei Stellen auftaucht und mich an Dave Grohl Musikwissen zweifeln lassen. So wird Death Metal glatt mit Black Metal verwechselt: „das satanische Death-Metal-Zeug“ und „hätte mein Leben allein aus Death Metal und Corpsepaint bestanden“. Kenner werden die unübersehbaren Fehler erkennen! Sehr merkwürdig…

Aber gut. Insgesamt hat mir die Lektüre von Dave Grohls autobiografischen Geschichten sehr gut gefallen, eben weil sie literarisch sehr ansprechend gestaltet und inhaltlich stets interessant sowie aussagekräftig sind. Eine – nicht nur für Musikfans – empfehlenswerte Lektüre.

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Veröffentlicht am 29.01.2024

Hier ist aufmerksames Lesen notwendig

Meinetwegen
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Dagmar Schifferli vollführt mit ihrem Roman „Meinetwegen“ ein kleines psychologisches Kunststück. Die auf den ersten Blick wie die reumütigen Therapiesitzungen einer jungen Straftäterin, die Opfer ihrer ...

Dagmar Schifferli vollführt mit ihrem Roman „Meinetwegen“ ein kleines psychologisches Kunststück. Die auf den ersten Blick wie die reumütigen Therapiesitzungen einer jungen Straftäterin, die Opfer ihrer eigenen harten Kindheit wurde und somit zur Täterin, aufgebaute Geschichte bietet mehr als erwartet.

Die 17jährige Katharina erscheint zur ersten Therapiesitzung mit ihrem Psychiater in einer geschlossenen Einrichtung für auffällige Jugendliche. Ganz unerwartet gibt sie vom ersten Satz an den Ton an und legt fest, dass ihr Therapeut schweigen müsse und nur sie reden dürfe. Nicht einmal räuspern dürfe sich der Mann. In der ersten Hälfte des Buches lesen wir einen Monolog von Katharina über ihre schlimme Kindheit. Immer wieder bekommen wir – mal mehr mal weniger – subtile Hinweise darauf, dass sich das Gespräch in 1970 abspielt. Im zweiten Teil dann lässt Katharina den Therapeuten Kärtchen mit kurzen Wörtern wie „Ja“, „Nein“, „Warum?“ hochhalten und kommt somit in eine Art Dialog mit ihm. Ganze 17 Therapiesitzungen bekommen wir auf diesem Wege vermittelt und bekommen sogar noch einen kleinen Ausblick, wie es zukünftig mit Katharina darüber hinaus weitergehen könnte.

Mich hat zunächst die – für mich – innovative Form der einseitigen Darstellung einer Kommunikation und im Speziellen eines Therapiesettings überrascht sowie positiv eingenommen. Etwas derartiges habe ich bis dato noch nicht gelesen. Enttäuschend schlug sich für mich dann die Entwicklung nieder, dass doch plötzlich Kärtchen zur dyadischen Kommunikation genutzt werden und somit die Stringenz der Erzählung unterbrochen wird. Auch empfand ich das Einweben von Hinweisen zum zeitlichen Setting in 1970 erst sehr gekonnt und später dann leider doch zu penetrant. Nach zwei drei Andeutungen Katharinas sollte eigentlich jedem:r Leser:in klar geworden sein, in welchem Handlungsjahr wir uns befinden. Störend empfand ich ebenso die vermehrt auftretenden Hinweise von Katharina auf Gegenstände, die im Therapieraum eigentlich für beide Gesprächspartner sichtbar sind, und scheinbar nur angesprochen werden, dass die Lesenden erfahrend, was Katharina gerade nonverbal tut, z.B. etwas Wasser trinken, husten, die Uhrzeit ablesen.

Aber all diese Punkte, die mich im Gesamten das Werk von Schifferli zunächst kritisch haben sehen lassen verblassen gegen den versteckten Anteil Katharinas Ausführungen. Bei aufmerksamen Lesen werden immer mehr Indizien ersichtlich, die Katharina als waschechte Psychopathin ausweisen und sie von einem bemitleidenswerten Opfer ihrer Lebensumstände zu einer berechnenden Täterin im Opfer-Schafspelz machen. So bekommt der Roman zwei Deutungsebenen, die eine Zweitlektüre lohnenswert werden lassen. Geschickt wickelt die Autorin ihre Leser:innen zunächst um den Finger. Man sollte jedoch während der gesamten Lektüre nicht vergessen, dass Katharina selbst sich schon auf der ersten Seite als eine unzuverlässige Erzählerin beschreibt. Dass diese Unzuverlässigkeit nicht mit Erinnerungslücken sondern mit dem Willen zur Manipulation zusammenhängt wird im Verlauf immer deutlicher. Eine kreative Charakterdarstellung von Katharina, die psychologisch durchaus schlüssig gelungen ist.

Insgesamt handelt es sich meines Erachtens hierbei um einen sehr klug konstruierten Roman über eine äußerst hinterlistige Wölfin im Schafspelz. Ich habe das Buch trotz seiner kleinen Schwächen sehr gern gelesen und mich diebisch an den verschiedenen Deutungsmöglichkeiten erfreut. Es handelt sich bei diesem 112 Seiten dünnen Büchlein um eine definitiv lohnens- und empfehlenswerten Lektüre.

Somit komme ich auf glatte 4 Sterne und damit die Bewertung „sehr gut“.

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Veröffentlicht am 13.12.2023

Eine würdige Fortsetzung der Trilogie

Rosewater – der Aufstand
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Auch im zweiten Teil der Wormwood-Trilogie überzeugt Tade Thompson mit kreativen Ideen zu einer Sci-Fi-, Fisrst-Contact- Geschichte verortet im Nigeria von 2067.

Ein Jahr nach den Geschehnissen des ersten ...

Auch im zweiten Teil der Wormwood-Trilogie überzeugt Tade Thompson mit kreativen Ideen zu einer Sci-Fi-, Fisrst-Contact- Geschichte verortet im Nigeria von 2067.

Ein Jahr nach den Geschehnissen des ersten Buches treffen wir Kaaro aber vor allem auch seine Partnerin Aminat, ehemalige Chefin Femi sowie weitere Protagonisten wieder, um sie bei ihren Abenteuern rund um die außerirdische Entität Wormwood und die darum entstandene Stadt Rosewater zu begleiten. Diesmal ist das große Thema des Romans, dass das auf den ersten Blick friedliche Alien von einer mit eingeschleppten Pflanzenart bedroht wird und gleichzeitig die Stadt in Chaos versinkt, als der Bürgermeister Jack Jacques (in diesem Band mit anderen Charakteren aus dem ersten Band ins Zentrum gerückt) die Unabhängigkeit von Rosewater von Nigeria erklärt und ein blutiger Bürgerkrieg ausbricht. Nebenbei lernen wir noch ein neues außerirdisches Wesen besser kennen.

Wir man erkennen kann, spielt auch in diesem Buch von Thompson die Politik und die Entwicklung von Slums zu anerkannten Städten oder gar unabhängigen Stadtstaaten in Afrika eine Rolle. Ebenso wie er erneut die Zerstörung unserer Erde über das Vehikel der von ihrem Planeten flüchtenden Aliens in die Geschichte einwebt. Dies zwar weniger subtil, sondern schon recht plakativ, aber egal. Man kann es nicht oft genug betonen, dass wir unseren schönen Planet zerstören.

Die Erzählperspektive wird in der vorliegenden Fortsetzung aufgebrochen. Sind wir im ersten Band noch ausschließlich Kaaro gefolgt, bekommen wir nun sehr viele Protagonisten und deren Sichtweisen auf das Geschehen präsentiert. Das funktioniert insofern gut, als man die Personen größtenteils schon aus dem ersten Band kennt. Nur einige wenige tauchen komplett neu auf.

Diese Perspektivwechsel machen das Buch, neben dem gewohnt zackigen Plot, sehr spannend, führen aber gegen Ende des Buches zu einer gefühlt zu schnellen Abfolge von verschiedenen Entscheidungen und Ereignissen, wodurch die Übersichtlichkeit der Geschehnisse und Nachvollziehbarkeit auf menschlicher Ebene eingeschränkt werden. Ein langsameres Erzähltempo hätte dem Roman zum Ende hin sehr gut getan.

Trotzdem kann ich nicht klagen. Es handelt sich um ein sehr spannendes Science Ficiton-Abenteuer mit Niveau, ebenso wie der erste Band, welcher mich jedoch vollumfänglicher überzeugen konnte. Nun heißt es warten auf den dritten Band, welcher erst in einem Jahr erscheinen wird… Ich bleibe auf jeden Fall dem Autor und seiner ungewöhnlichen Geschichte treu.

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Veröffentlicht am 13.12.2023

Die (nicht ganz) unerschütterliche Wahrheit der Zeugen Jehovas

Kein Teil der Welt
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Die Autorin Stefanie de Velasco wagt sich an eine Thematik, die vielen sicherlich zu heiß wäre, um darüber kritisch zu schreiben: Das Aufwachsen in der Weltuntergangssekte der Zeugen Jehovas. Für sie ist ...

Die Autorin Stefanie de Velasco wagt sich an eine Thematik, die vielen sicherlich zu heiß wäre, um darüber kritisch zu schreiben: Das Aufwachsen in der Weltuntergangssekte der Zeugen Jehovas. Für sie ist dieses Thema jedoch sehr nah, denn sie selbst lebte bis zum Alter von 15 Jahren in der Gemeinschaft und verließ diese dann im Jugendalter.

Dass de Velasco weiß, wovon sie schreibt, merkt man diesem Buch deutlich an. Mithilfe der Lebensgeschichte der jugendlichen Protagonistin Esther, welche im Rheinland geboren wurde und später direkt nach der Wende mit den Eltern in die fiktive ostdeutsche Stadt Peterswalde geht, um dort einen neuen Königreichssaal und damit auch eine neue Gemeinde von Jehovas Zeugen aufzubauen, erklärt de Valasco detailliert die Lehren und Gebräuche dieser sehr speziellen Glaubensgemeinschaft. Eine simple Erzählung dieses Aufwachsens wäre sicherlich schon interessant genug für einen Roman, die Autorin baut jedoch noch ein schicksalhaftes Ereignis, um welches sich Esthers Gedanken und letztlich ihr gesamtes Leben in Peterswalde herum bewegen. Stück für Stück erfahren wir, was am früheren Wohnort und in der dortigen Gemeinde vorgefallen ist, was Esthers Leben nachhaltig verändert hat. So springt die Ich-Erzählerin immer wieder gedanklich in die Vergangenheit, um diesem Trauma nachzuspüren.

Dieses Buch bietet in seiner süffigen, spannenden Erzählweise die Möglichkeit, einen Blick hinter die Kulissen der Menschen zu werfen, die viele Personen sicherlich nur aus der Fußgängerzone von Innenstädten kennen, wie sie unauffällig gekleidet mit ihren Traktaten dastehen und geduldig lächelnd darauf warten, neue Gläubige akquirieren zu können. Der Titel des Romans „Kein Teil der Welt“ kann nach der Lektüre nicht nur so verstanden werden, dass die Mitglieder der Zeugen Jehovas nicht nur nicht in unserer Gesellschaft angekommen sind, sondern auch sich selbst als keinen Teil „der Welt“ ansehen. Denn „die Welt“ beschreibt alles außerhalb der Gemeinschaft und dieses Alles ist von Satan beseelt. Dieses Alles wird nach dem Harmagedon (der Apokalypse, dem Weltuntergang) nicht ins Paradies kommen, so wie Jehovas Zeugen, die „die Wahrheit“ kennen und zwar nur sie. So leben diese Menschen zwar unter uns, haben vielleicht weltliche Berufe, bleiben jedoch selbstgewählt stets unter einer Glasglocke, wie das Cover des Buches eindrücklich widerspiegelt.

Mit der mitreißenden Geschichte hat es de Velasco geschafft, dass ich mich eingehend mit dieser Glaubensgemeinschaft/Sekte beschäftigt habe und die Thematik noch lange und intensiv in mir nachhallt. Die Autorin beschwört außerdem die Atmosphäre nicht nur hinter den Mauern der Gemeinschaft sondern auch des fiktiven Ortes im Osten Deutschlands kurz nach der Wende, das viel beschriebene Vakuum und die Orientierungslosigkeit der Menschen, herauf. Der Roman ist solide geschrieben, hat aber kleinere Längen im Mittelteil sowie für mich nicht deutbare, einzelne, kurze Kapiteleinschübe, die eine nicht greifbare fantastische Geschichte, unabhängig vom eigentlichen Romangeschehen, erzählen. Was es damit auf sich hat, bleibt mir bis zum Schluss verschlossen. Ich konnte hier keinerlei Bezug zum eigentlichen Roman herstellen. Diesen gibt es bestimmt, aber er erscheint mir dann doch zu stark verborgen.

Insgesamt handelt es sich hier um einen spannenden Roman über die Kindheit und Jugend bei den Zeugen Jehovas, der nicht nur eine interessante Grundthematik behandelt, sondern auch im Kleinen die persönliche Geschichte Esthers mitfühlend erzählt.

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Veröffentlicht am 13.12.2023

Ungewöhnliche Form, ungewöhnliche Geschichte

Singe ich, tanzen die Berge
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„Singe ich, tanzen die Berge“ ist ein Buch, in welches ich nicht ganz so einfach reinkam, was mich zwischendurch bei manch einem Kapitel nicht ganz abholen konnte, aber dann doch häufiger glänzte als enttäuschte.

Die ...

„Singe ich, tanzen die Berge“ ist ein Buch, in welches ich nicht ganz so einfach reinkam, was mich zwischendurch bei manch einem Kapitel nicht ganz abholen konnte, aber dann doch häufiger glänzte als enttäuschte.

Die katalanische Autorin Irene Solà packt in ihren zweiten Roman die Geschichte einer Familie und eigentlich eines ganzen katalanischen Bergdorfes über mehrere Generationen hinweg, im 20. Jahrhundert zeitlich verortet. Der Vater einer jungen Familie stirbt durch den Einschlag eines Blitzes. Das Interessante daran: Wir Leser:innen bekommen dies aus Sicht des Gewitters erzählt, erfahren aber später auch mehr aus Sicht des Vaters, später aus der seiner Frau, Kinder aber auch anderer Dorfbewohner über das weitere Leben der Familie nach Verlust des Vaters bis hinein in das Erwachsenenleben der Kindes- und Kindeskindergeneration. Immer wieder werden von Kapitel zu Kapitel dieses Buches die Erzählperspektiven gewechselt. Und zwar nicht nur, wie schon angedeutet, zwischen den menschlichen Protagonisten, sondern es kommt auch mal ein Rehbock, eine Hündin, Pilze oder ganz andere Entitäten und Naturphänomene zu Wort. Das ist nicht nur interessant gemacht, sondern sorgt auch für ein bisschen Rätselraten, wohin wohl die Reise in diesem oder dem nächsten Kapitel gehen wird. Auch die Rahmenhandlung um die Menschen des katalanischen Bergdorfes ist teilweise rätselhaft, nicht sofort weiß man beim Lesen gleich Bescheid, wer das jetzt eigentlich ist und in welcher (familiären oder anderweitigen auch mal ferneren) Beziehung diese oder jene Person zu schon bekannten Protagonisten steht. Manchmal eröffnet sich ein Zusammenhang erst einige Kapitel später. Das macht die Lektüre aber auch nie langweilig, sondern durchaus anspruchsvoll.

Zugegeben einige Kapitel konnten mich mehr begeistern, andere weniger. Im Mittelteil wird das Buch recht experimentell und auch sehr poetisch, ohne jetzt zu viel verraten zu wollen. Dort konnte es mich das Buch am wenigsten erreichen. Aber gerade das "Hunde"- und "Rehbock"-Kapitel gefielen mir sehr gut und konnten mich ob ihrer Beschreibungen wirklich erwärmen. Auch die Hauptgeschichte um die Menschen hat mich bis zum Schluss noch so richtig eingewickelt und ich fieberte im letzten Kapitel mit den Protagonisten stark mit.

Insgesamt handelt es sich hier um eine wirklich lesenswerte Lektüre. Man sollte jedoch grundsätzlich offen für die nicht lineare Erzählweise und auch sowieso für die verschiedenartigen Erzählinstanzen, sowie eine gute Portion „Sagenhaftes“ (katalanische, mystisch angehauchte Legenden spielen eine größere Rolle) sein. Dann wird die Lektüre auch zu einem sehr schönen, naturnahen Leseerlebnis.

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