Profilbild von clematis

clematis

Lesejury Star
offline

clematis ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit clematis über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.02.2024

Familienträume

Sieben Tage einer Ehe
0

Seit ihrer Collegezeit sind Jess und Malcolm zusammen, mittlerweile eine erfolgreiche Juristin und ein attraktiver Barkeeper. Das Glück der Ehe trübt nur ein seit einigen Jahren unerfüllter Kinderwunsch. ...

Seit ihrer Collegezeit sind Jess und Malcolm zusammen, mittlerweile eine erfolgreiche Juristin und ein attraktiver Barkeeper. Das Glück der Ehe trübt nur ein seit einigen Jahren unerfüllter Kinderwunsch. Während Jess ihr ganzes Erspartes in verschiedene Behandlungen steckt, liebäugelt Malcolm mit einer eigenen Bar. Immer mehr driften die Träume und Vorstellungen der beiden über ein wahres Familienleben auseinander, bis schließlich ein Schneesturm über die kleine kanadische Ortschaft hinwegfegt und die Wasser- und Stromversorgung kappt. Durch die außergewöhnliche Situation werden Jess und Malcolm gezwungen, ihren Blick aufs Wesentliche zu richten und darüber nachzudenken, was ihnen wirklich wichtig ist.

Mary Beth Keane erschafft in diesem Roman eine ganz besondere Atmosphäre, überwiegend wird die Situation aus Malcolms Sicht erzählt, aber auch Jess kommt zu Wort, sodass man beide Seiten dieser Paarbeziehung kennenlernen darf und verstehen kann. Die Geschichte wird chronologisch erzählt, erstreckt sich auch nur über wenige Tage, frühere Ereignisse, welche wertvoll zu wissen sind, werden immer wieder eingeflochten und vervollständigen das Bild über das prinzipiell sehr sympathische Paar. So schafft die Autorin eine dicht gewebte Atmosphäre und stellt die beiden Hauptfiguren vor schwierige Entscheidungen. Durchaus darf auch der Leser überlegen, wie er sich in ähnlichen Situationen verhalten würde, welche Verhaltensmuster sich vielleicht in sein eigenes Leben eingeschlichen haben und für Glück oder Unzufriedenheit sorgen. „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.“ (kindle, Pos. 4735). Dieser Satz stimmt schon sehr nachdenklich.

Ohne viel Schnickschnack und überbordende Handlung fokussiert sich Keane auf grundlegende Fragen, ohne Gefühlsduselei begegnet man einer Ehe, welche durchaus so aussehen könnte wie die von Jess und Malcolm. Welche Antworten werden sie finden, welche Träume begraben, welche zum Leben erwecken? Eine Reise zum wahren Ich kann beginnen.

Veröffentlicht am 25.02.2024

1963

Zitronensorbet-Stunden
0

Edith Waltz führt seit fast zehn Jahren ihre Koch- und Hauswirtschaftsschule auf sehr konservative Art und Weise, sehr zum Missfallen ihrer Tochter Inge, die das Institut einmal übernehmen soll. Ein neuer ...

Edith Waltz führt seit fast zehn Jahren ihre Koch- und Hauswirtschaftsschule auf sehr konservative Art und Weise, sehr zum Missfallen ihrer Tochter Inge, die das Institut einmal übernehmen soll. Ein neuer Jahrgang von acht Schülerinnen wird aufgenommen, darunter die eher desinteressiert wirkende Margarethe. Als die junge Dame einen Studenten im nahen Köln kennenlernt, wird ein dunkles Kapitel aus Ediths Vergangenheit aufgeworfen.

Teil Zwei der Kochschulreihe spielt knapp zehn Jahre nach Band Eins. Neben der Schulleiterin Edith Waltz begegnet der Leser ebenfalls ihrer Tochter Inge und deren Freund aus Kindertagen wieder, sowie einigen Lehrern und ehemaligen Schülerinnen. Ansonsten ist die Handlung abgekoppelt von früheren Episoden und somit gut auch allein für sich zu lesen.

Ganz unterschiedliche junge Damen starten hier ins neue Schuljahr, Ursula nimmt freudig am Unterricht teil und wird schnell als Streberin nach Fleißkärtchen kritisiert, Margarethe hätte ohne elterlichen Zwang niemals den Weg ins Institut gewählt, auch Karin wirkt unzufrieden, während andere eher Rollen von durchschnittlichen Schülerinnen am Rande spielen. Anders als im Vorgängerband kommt diesmal aber nicht so rege Lebendigkeit auf, obwohl unerwartete Überraschungen in der Stadt und Missgeschicke in der Küche den Leser unterhalten. Auch die Zeit des Nationalsozialismus wird aufgearbeitet und Vorurteile über Studenten oder andere „Nichtsnutze“ diskutiert. Dass Inga die Rolle der Frau anders sieht als ihre Mutter, führt zu großen Differenzen, wie sie die Schule der Zukunft sieht, darf man gespannt in der Fortsetzung Pfirsichbowlen-Tage lesen.

Veröffentlicht am 24.02.2024

Doppelgängerin

Mörderfinder – Stimme der Angst
0

Max Bischoffs Freund, Professor Bormann, wird beerdigt, als dem begnadeten Fallanalytiker eine Frau am Rande der Trauergesellschaft auffällt - sie sieht seiner großen Liebe Jennifer verblüffend ähnlich, ...

Max Bischoffs Freund, Professor Bormann, wird beerdigt, als dem begnadeten Fallanalytiker eine Frau am Rande der Trauergesellschaft auffällt - sie sieht seiner großen Liebe Jennifer verblüffend ähnlich, die ist allerdings seit fünf Jahren tot. Verdrängte Schuldgefühle kommen wieder an die Oberfläche, werden noch stärker, als zwei Menschen aus Max‘ unmittelbarem Umfeld verschwinden.

Schon zum vierten Mal ist Max Bischoff also in seiner Rolle als Privatermittler gefragt, wobei ihm – wie gewohnt – Ex-Kollege Horst Böhmer tatkräftig unter die Arme greift, während KK11-Leiterin Keskin ihm möglichst viele Prügel vor die Füße wirft. Wer die Reihe kennt, wird mit einem Schmunzeln auch den Psychoanalytiker Marvin Wagner wieder willkommen heißen. Von den Figuren her sind also einige bereits bekannt, weshalb sich auch das Einhalten der Reihenfolge beim Lesen empfiehlt, obwohl der Fall in sich abgeschlossen ist.

Flott lässt sich Strobels Text lesen, die Handlung ist durchaus interessant und die Auflösung am Ende kommt schlüssig daher. Was ich aber zunehmend vermisse beim „Möderfinder“, sind Spannung und echte Gänsehautmomente. Irgendwie beschleicht einen als Leser das Gefühl, dass sich alles nur noch wiederholt, nichts wirklich Neues geschieht. Dennoch hat mir das Wiedersehen mit Max und allen anderen einige nette Lesestunden geschenkt, nicht jeder Band einer Reihe kann der beste sein.

In diesem Sinne bin ich neugierig, wie es weitergeht mit dem Privatermittler und dem KK11 unter baldiger neuer Leitung.

Veröffentlicht am 20.02.2024

Neufundland trifft Mexiko

Two for the Tablelands
0

Sebastian Synard hat sein Leben wieder im Griff – zumindest mit einem Gläschen Whisky und klassischer Literatur. Nach seinem Lehrerdasein hat er nun die Ausbildung zum Privatdetektiv abgeschlossen und ...

Sebastian Synard hat sein Leben wieder im Griff – zumindest mit einem Gläschen Whisky und klassischer Literatur. Nach seinem Lehrerdasein hat er nun die Ausbildung zum Privatdetektiv abgeschlossen und schlittert prompt auf einer Wanderung mit seinem Sohn Nick in seinen ersten richtigen Fall, denn Nick entdeckt eine übel zugerichtete Leiche in der malerischen Natur der Tablelands. Bald stellt sich heraus, dass der Tote ein Geologiestudent ist und Sebastian hört sich um in dessen Universität. Aber auch die Tante des Mordopfers, eine elegante Mexikanerin, hält plausible Theorien parat und lockt Sebastian prompt in den warmen Süden.

Während der Leser im ersten Band dieser skurrilen Krimireihe Sebastian näher kennenlernt, geht es in Teil Zwei gleich nahtlos weiter, man kann aber gewiss auch ganz gut ohne Vorkenntnisse einsteigen. Dass der Privatdetektiv sein Lehrerdasein an den Nagel gehängt hat, geschieden ist und sein Leben mit Sohn Nick und Hund Gaffer teilt, wird jedenfalls erwähnt. Privates wird wohldosiert mit dem Kriminalfall verquickt, in den sich Synard wie selbstverständlich einmischt, sehr zum Missfallen der örtlichen Polizei, denn auch diesmal bringt sich der Alleinermittler in größte Gefahr.

Raue Berge in Neufundland, mexikanisches Flair, ein melancholischer Genießer, der sich aber bestens um seinen halbwüchsigen Sohn kümmert und ein Mordfall in Kreisen der Universität – hochwertige Zutaten für einen kurzweiligen Krimi, der über diverse Umwege letztendlich zum Ziel führt, auch wenn nicht jedes Detail realistisch erscheint. Eine Prise Humor und Selbstironie trösten über sonderbar anmutende Szenen hinweg, gute Unterhaltung ist auch dieser Band allemal, obwohl mir der Vorgänger noch ein wenig besser gefallen hat.

Veröffentlicht am 19.02.2024

Schweres Erbe

Vom Krähenjungen
0

Moosbruck ist ein kleines Dorf, jeder kennt jeden, und jeder kennt den See, der nie zufriert, auch im tiefen Winter nicht. Geschichten ranken sich um das Stück Wald mit schwarzer Erde, fernhalten solle ...

Moosbruck ist ein kleines Dorf, jeder kennt jeden, und jeder kennt den See, der nie zufriert, auch im tiefen Winter nicht. Geschichten ranken sich um das Stück Wald mit schwarzer Erde, fernhalten solle man sich von dort, besonders von der kleinen Hütte – und vom Krähenjungen, dem Enkel des Städters, der dazumal die Anna aus dem Dorf geholt hat.

Mystisch mutet dieses moderne Märchen an, die Sprache, derer sich Kettenring bedient ist malerisch, ja fast poetisch, wie sie die weißen Schneedecken der Wiesen beschreibt, welche mit dem schmutzigen Grau des Himmels verschwimmen (kindle, Pos. 64). Sofort bin ich gefesselt von der Geschichte, welche ganz klassisch mit „Es war einmal“ beginnt und eine Familientragödie zum Inhalt hat. Die Erbfolge reicht vom Urgroßvater bis hin zum kleinen Johannes, dem eine schwere Last aufgebürdet wird. Allerdings geht die Autorin knapp und sparsam um mit ihren Worten, nicht alles wird ans Licht gezerrt, sondern bleibt Mutmaßungen überlassen. So bin ich am Ende des Buches nicht sicher, ob ich tatsächlich die Botschaft Kettenrings ganz verstanden habe, ob ich meine Fantasie spielen lassen soll oder ob ich schlicht etwas überlesen habe im Text, denn dem Sog, welcher immer wieder entsteht, sollte man sich nicht bedingungslos hingeben, vielmehr muss man sich konzentriert auf nichts als auf diese Geschichte einlassen.

Fazit: ein bemerkenswertes Buch mit einem beeindruckenden, faszinierenden Schreibstil, welches mich völlig in seinen Bann gezogen hat, auch wenn – für mich – wohl durch die stark verdichtete Handlung noch ein paar Fragen offen geblieben sind.