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Veröffentlicht am 17.10.2017

Einfühlsam und authentisch

Die Glasglocke
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"Die Glasglocke" ist der einzige Roman der Dichterin Sylvia Plath und enthält viele autobiografische Elemente, welche mich sehr berührt haben. Wie auch Plath selbst verbringt Protagonistin und Musterstudentin ...

"Die Glasglocke" ist der einzige Roman der Dichterin Sylvia Plath und enthält viele autobiografische Elemente, welche mich sehr berührt haben. Wie auch Plath selbst verbringt Protagonistin und Musterstudentin Esther Greenwood einen Monat in New York bei einer Modezeitschrift. Was als größte Chance ihres Lebens beginnt, verwandelt sich schon bald in einen Albtraum und wird von schweren Depressionen überschattet. Nicht nur Esther beginnt im Buch eine Therapie mit den damals noch gebräuchlichen Elektroschocks, auch Plath musste sich diesen Behandlungen unterziehen, beendete ihr Leben jedoch 1963 selbst. Wie es für Esther Greenwood ausgeht, verrate ich an dieser Stelle natürlich nicht.

Ihren Weg zu verfolgen ist spannend und extrem emotional. Ich habe Esther schnell in mein Herz geschlossen und konnte ihre Gefühle, Ängste und Träume gut nachvollziehen. Sylvia Plath hat einen einfühlsamen und sehr bildlichen Schreibstil, was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass sie sich sonst eher mit der Lyrik auseinandergesetzt hat. Esther ist an einem Punkt im Leben angekommen, an welchem sie sich über ihre Zukunft klar werden muss und folgendes Bild von einem Feigenbaum geht mir in diesem Zusammenhang nicht mehr aus dem Kopf:

"Ich sah, wie sich mein Leben vor mir verzweigte, ähnlich [einem] grünen Feigenbaum [...]. Gleich dicken, pupurroten Feigen winkte und lockte von jeder Zweigspitze eine herrliche Zukunft. Eine der Feigen war ein Ehemann, ein glückliches Zuhause und Kinder, eine andere Feige war eine berühmte Dichterin, wieder eine andere war eine brillante Professorin, die nächste war [eine] tolle Redakteurin, die übernächste war Europa und Afrika und Südamerika, eine andere Feige war Constantin und Sokrates und Attila und ein Rudel weiterer Liebhaber mit seltsamen Namen und ausgefallenen Berufen, eine weitere Feige war eine olympische Mannschaftsmeisterin, und hinter und über all diesen Feigen hingen noch viele andere, die ich nicht genau erkennen konnte.Ich sah mich in der Gabel dieses Feigenbaumes sitzen und verhungern, bloß weil ich mich nicht entscheiden konnte, welche Feige ich nehmen sollte. Ich wollte sie alle, aber eine von ihnen nehmen bedeutete, alle anderen verlieren, und während ich dasaß, unfähig, mich zu entscheiden, begannen die Feigen zu schrumpfen und schwarz zu werden und plumpsten eine nach der anderen auf den Boden unter mir." (S. 85f)

Ich möchte gleich noch ein Beispiel für den in meinen Augen fantastischen Schreibstil bringen, der Esthers Schmerz richtig greifbar macht und die depressive Abwärtsspirale besonders deutlich hervorhebt:

"Ich sagte Doreen, ich würde nicht zu der Schau oder zum Lunch oder zu der Filmpremiere gehen, ich würde aber auch nicht mit nach Coney Island kommen, sondern im Bett bleiben. Nachdem Doreen gegangen war, fragte ich mich, warum ich es nicht mehr schaffte, das zu tun, was ich eigentlich tun sollte. Darüber wurde ich traurig und müde. Dann fragte ich mich, warum ich es nicht mehr schaffte, das zu tun, was ich eigentlich nicht tun sollte, so wie Doreen, und darüber wurde ich noch trauriger und noch müder.Ich wusste nicht, wie spät es war, aber ich hörte das Hin und Her und die Rufe der Mädchen auf dem Gang, während sie sich für die Pelzschau fertig machten, und dann hörte ich, wie auf dem Gang wieder Stille einkehrte, und während ich auf meinem Bett lag und zu der leeren, weißen Decke hinaufstarrte, schien diese Stille immer größer zu werden, bis mir fast das Trommelfell platzte." (S. 36f)

Tatsächlich habe ich mir sehr viele Stellen markiert und lese diese auch einige Wochen nach Beenden des Buches immer wieder gerne durch.

Die Thematik ist natürlich erdrückend und hat mich mitgenommen, doch immer wieder wurden auch schöne, hoffnungsvolle und sogar witzige Momente in Esthers Leben beschrieben, die vor allem ihrem Humor und ihrer Intelligenz zu verdanken waren. "Die Glasglocke" ist keine leichte Lektüre, aber das Lesen lohnt sich. Ich kann das Buch jedem ans Herz legen, der etwas mehr über Depressionen und den Umgang mit dieser Krankheit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts erfahren möchte.

Fazit:
Ein bewegender Roman über das Leben mit Depressionen in den 1950ern. Mir hat besonders der emotionale und bildliche Schreibstil von Sylvia Plath gefallen und der dadurch sehr einfühlsame Umgang mit einem so schwierigen Thema. Die Geschichte rund um Esther Greenwoods Schicksal enthält außerdem einige autobiografische Elemente, weswegen das Leseerlebnis für mich durch eine Recherche zu Plaths eigenem Leben noch einmal intensiver wurde. Ich zähle "Die Glasglocke" ab sofort zu meinen Lieblingsbüchern.

Veröffentlicht am 17.10.2017

Wenn das Lachen im Halse stecken bleibt

QualityLand
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QualityLand – ein Land, in welchem niemand für sich selbst zu denken braucht, schon gar nicht Protagonist Peter. Peter betreibt eine kleine Schrottpresse, hat nicht besonders viel Geld oder Einfluss und ...

QualityLand – ein Land, in welchem niemand für sich selbst zu denken braucht, schon gar nicht Protagonist Peter. Peter betreibt eine kleine Schrottpresse, hat nicht besonders viel Geld oder Einfluss und befindet sich daher am unteren Rand der Nahrungskette. Persönliche Assistenten helfen ihm durch den Alltag, denn sie wissen am besten, was Peter wann essen will, wen er wählen will, welche Produkte er haben will und zu wem er sich hingezogen fühlt. Wie alle anderen Bewohner von QualityLand vertraut Peter darauf, dass Maschinen und Algorithmen keine Fehler machen, doch eines Tages bekommt er ein Produkt zugeschickt, welches seiner Meinung nach nicht zu ihm passt und er beginnt zu zweifeln.

Marc-Uwe Klings neuster Roman ist eine Zukunftsvision, die sich stark auf das aktuelle Zeitgeschehen in Deutschland bezieht. Schon auf den ersten Seiten sprangen mir massenhaft Anspielungen entgegen, sei es auf Parteien, Politiker und Rechtspopulismus, Datenschutz, Fake News und "Alternative Fakten", Gentechnik und moralische Konflikte beim autonomen Fahren. All diese Anspielungen sind sehr geschickt und humorvoll in die Geschichte rund um Peter eingebaut, sodass sie mir nie als zu viel oder zu gewollt erschienen, sondern immer passend und richtig dosiert.

Gerade anfangs musste ich sehr viel schmunzeln, schon bald aber blieb mir das Lachen im Halse stecken. Natürlich stellt der Autor die einzelnen Aspekte sehr überzogen dar, trifft aber einen absolut wahren Kern. Nicht nur die Chancen, sondern vor allem die Gefahren der eben genannten Aspekte werden beklemmend dargestellt und rütteln wach. Die Reise nach QualityLand sorgt für eine kritische Auseinandersetzung mit der Welt, in der wir leben, und mit einer Welt, in der wir bald leben könnten, und lohnt sich daher für jeden.

Das gesamte Werk lebt von originellen Ideen und Charakteren, wie Drohnen mit Flugangst oder einem Androiden als Präsidentschaftskandidat. Dadurch rückt der Plot ein bisschen in den Hintergrund und auch Peters Entwicklung war etwas schwach. Ich persönlich kann darüber jedoch hinwegsehen, da mich der gesamte Aufbau von QualityLand und die geschickt eingeflochtenen Anspielungen vollends überzeugt haben.

Der Roman und das Hörbuch dazu sind außerdem in zwei verschiedenen Coverfarben erhältlich, nämlich in einer dunklen und einer hellen Version. Die Kapitel rund um Peter sind ab und zu von Werbeanzeigen und Artikeln (inkl. sehr passender Kommentare) aus QualityLand unterbrochen und auch diese sollen in den beiden Ausgaben anders sein. Auf der letzten Seite ist allerdings ein Link zu finden, mit welchem man die Inhalte der jeweils anderen Version anschauen kann. Die verschiedenen Gestaltungen sollen auf die Themen Personalisierung und Filterblasen hinweisen, was ich absolut gelungen finde.

Fazit:
Marc-Uwe Klings neuster Roman ist eine Zukunftsvision, die sich vor allem mit der Digitalisierung und ihren Folgen für das menschliche (Zusammen-)Leben auseinandersetzt. Das tut sie auf eine sehr humorvolle und geschickte Art und Weise, wodurch zum einen großer Lesespaß, zum anderen ein beklemmendes Gefühl garantiert ist. Von mir gibt es 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Mehr Informationen gibt es auf der Webseite zum Buch: http://qualityland.de

Veröffentlicht am 30.01.2023

Ein Buch für mehr Sichtbarkeit

Macht
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Der erste ins Deutsche übersetzte Roman der norwegischen Autorin Heidi Furre ist zwar ein kurzes, dafür aber sehr eindringliches Werk. Sie schreibt von Pflegerin Liv, die auf den ersten Blick ein "normales" ...

Der erste ins Deutsche übersetzte Roman der norwegischen Autorin Heidi Furre ist zwar ein kurzes, dafür aber sehr eindringliches Werk. Sie schreibt von Pflegerin Liv, die auf den ersten Blick ein "normales" Leben mit Job, Haus, Mann und Kindern führt. Dass sie in ihrer Studienzeit vergewaltigt wurde und auch Jahre später mit den Nachwirkungen zu kämpfen hat, versucht Liv nicht nur vor ihrem Umfeld, sondern auch vor sich selbst zu verstecken.

Dass dieses Thema keine leichte Kost wird, merkt man schon auf den ersten Seiten. Es gibt keine richtigen Kapitel, das Buch ist eher eine Ansammlung aus alltäglichen Momenten und Situationen. Die Protagonistin Liv beschreibt ganz eindrücklich wie allgegenwärtig die Tat in ihr nachwirkt. Überall lauern Erinnerungen, Gefahren, Gedanken, mögliche Betroffene, Überlebende sowie Täter. Liv kann keinen Schritt mehr gehen ohne an die furchtbare Tat zu denken. Mal analysiert sie mehr sich selbst beziehungsweise ihr früheres Ich und mal mehr den Täter, wobei sie immer wieder zwischen Verständnis, Wut, Schuldzuweisungen, Verharmlosung und Hoffnung schwankt. Jedes dieser kurzen Kapitel und Abschnitte hat auf mich sehr beklemmend, aber auch sehr authentisch gewirkt.

"Manchmal ist es schlimmer zu sagen, ich bin vergewaltigt worden, als tatsächlich vergewaltigt worden zu werden. Als würde man eine Todesnachricht überbringen. Man muss dabei zusehen, wie die anderen mit Abscheu reagieren. Für sie ist die Abscheu nur ein vorübergehendes Gefühl, etwas, das sie ablegen können. Aber in mir hat sie einen festen Platz, wie ein inneres Organ." (S. 135)

Im Roman "Macht" kommt auch zur Sprache wie die Gesellschaft im Allgemeinen mit Vergewaltigungen umgeht. Zum Beispiel, ob es nun Opfer oder Überlende/r heißt, oder die immer wieder auftretenden Skandale um Schauspieler, Musiker, Patriachen, die aber nach wenigen Wochen wieder in der Versenkung verschwinden. Ich fand es spannend und auch realistisch, solche Aspekte aus Sicht einer Betroffenen zu lesen. Liv wirkt so authentisch, dass ich manchmal vergessen habe, dass es sich hier um ein fiktionales Werk handelt.

Denn auch gewisse Zwänge und Verhaltensmuster, die die Protagonistin entwickelt hat, haben mich sehr getroffen und wirkten gleichzeitig schlüssig. Sehr eindrücklich waren Livs Gedanken über ihre beiden Kinder und wie sie einerseits mit Erstaunen und Stolz dabei zusieht, wie sie aufwachsen und (noch) Vertrauen in die Menschheit haben, andererseits mit Sorge und Wut darauf blickt.

Heidi Furre hat mit "Macht" ein ganz wichtiges und eindringliches Buch geschrieben. Es war stellenweise schwer zu lesen, aber gleichzeitig finde ich die Sichtbarkeit absolut notwendig und bin dankbar für diesen Roman.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.10.2017

Schockierendes Portrait einer belgischen Dorfgemeinde

Und es schmilzt
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Belgien während der Jahrtausendwende: In dem kleinen verschlafenen Dorf Bovenmeer wachsen die „drei Musketiere“ Eva, Pim und Laurens auf. 13 Jahre später kehrt Eva in ihr Heimatdorf zurück, mit nichts ...

Belgien während der Jahrtausendwende: In dem kleinen verschlafenen Dorf Bovenmeer wachsen die „drei Musketiere“ Eva, Pim und Laurens auf. 13 Jahre später kehrt Eva in ihr Heimatdorf zurück, mit nichts weiter als einem riesigen Eisblock und einem mindestens genauso großen Trauma im Gepäck. Mit der Geschichte hinter dieser mysteriösen Buchbeschreibung eroberte die Autorin Lize Spit die belgische Bestsellerliste im Sturm und hielt sich ein ganzes Jahr auf dem ersten Platz.

Die Erzählung beginnt eigentlich ganz sanft. Eva ist 13 und eng mit Pim und Laurens befreundet, den einzigen gleichaltrigen Kindern in Bovenmeer. Getreu dem Motto der drei Musketiere „Einer für alle, alle für einen“ drücken sie gemeinsam die Schulbank und verbringen auch den Großteil ihrer Freizeit auf dem Bauernhof von Pims Eltern. Bei Eva daheim sind sie dagegen nie. Ihre Mutter ist Alkoholikerin, ihr Vater suizidgefährdet, ihre kleine Schwester Tesje entwickelt nach und nach Zwangsneurosen, für die sich kein Erziehungsberechtigter zu interessieren scheint, und der große Bruder Jolan schottet sich so weit es geht von der Familie ab, versteckt sich lieber hinter Büchern und wissenschaftlichen Fragestellungen. Trotz allem erzählt Lize Spit zunächst ruhig, sanftmütig und fast schon lustig von Evas Kindheit. Es könnte alles so idyllisch sein, wenn man mal von Evas Heim absieht.

Langsam aber sicher werden die drei Musketiere jedoch erwachsen und wollen ihre Grenzen austesten. Anfangs lies ich den Dreien vieles durchgehen, verharmloste und rechtfertigte dies damit, dass Jugendliche eben so sind. Nach und nach wurde mir jedoch immer bewusster, dass die Handlungen Ausmaße annehmen, die die Grenzen des guten Geschmacks deutlich überschreiten. Lize Spit steuert ihre Protagonisten auf eine Katastrophe zu, die der Grund ist, warum Eva mit Mitte 20 wieder in ihr Heimatdorf zurückkehrt. Es gelingt ihr nicht, mit den Ereignissen des Sommers 2002 abzuschließen.

"Ich bestehe nicht länger aus einem Körper, sondern aus einer ganzen Gruppe von Menschen, die alle in eine andere Richtung gerannt sind." (S.53)

Der Schauplatz Bovenmeer spielt bei dieser Entwicklung eine große Rolle und vereint so gut wie alles, was im Jahre 2002 eigentlich schon undenkbar sein sollte: Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Tierquälerei, Erniedrigung von behinderten Menschen. Es gab so viele Aspekte, die mich unfassbar wütend zurückgelassen haben. Keine einzige Person in diesem konservativen und gelangweilten Dorf war nicht vollkommen auf sich selbst fixiert. Keiner war bereit, für jemand anderen einzustehen. Es ging nur darum, nicht aufzufallen, der Dorfgemeinde keinen Klatsch und Tratsch zu liefern, egal, ob dabei der körperliche oder seelische Schaden eines Lebewesens in Kauf genommen werden musste. In diesem Buch wird auf eine schockierende Art und Weise gezeigt, wie die Zeit in Bovenmeer stehen geblieben ist und wie ignorant die gesamte Dorfgemeinde gegenüber jeglichem Fehlverhalten ist. Obwohl die meisten Bewohner passiv auftreten, machte sie das in meinen Augen nicht weniger schuldig und damit meine ich auch Eva, die zwar am Ende jenes Sommers selbst zum Opfer wird, bis dahin aber auch immer nur eine Mitläuferin war, auch wenn sie die immer extremeren Aktionen ihrer Freunde Pim und Laurens sehr wohl bemerkt hatte.

"[Ich stelle mir vor,] dass ich ein x-beliebiges Mädchen bin, dass meine Vagina nicht mir gehört. Das ist wichtig. Wenn dies nicht mein Körper ist, braucht auch die Scham nicht meine zu sein." (S. 279)

Lize Spits Schreibstil ist großartig. Sie beschreibt detailliert und lebendig, verliert sich niemals in Nebensächlichkeiten und wusste mich zu fesseln. Genau dadurch wirken einige Szenen auch so knallhart. Ich war schockiert, fassungslos, angewidert, wütend, traurig und habe vor allen Dingen selbst körperliche Schmerzen beim Lesen gespürt. Dieses Buch ist nichts für zarte Gemüter, es ist eine Wucht und bereitet mir auch noch Tage nach dem Beenden Kopfzerbrechen.

"Wenn es möglich wäre, würde ich jetzt gern eindimensional werden, zeitreisen, in dieses Foto kriechen, in diesen Moment schlüpfen, Tesje vor dem warnen, was ihr bevorsteht, sagen: Mach, dass du hier wegkommst. […] Das könnte ich sagen, aber es würde wenig ändern. Wäre vor zwanzig Jahren eine dreißigjährige Version meiner selbst plötzlich aufgetaucht und hätte gesagt: „Ich weiß, was passieren wird, mach, dass du hier wegkommst“, dann hätte ich mich keinen Zentimeter bewegt. Dann wären Tesje und ich einfach sitzen geblieben, nicht, weil wir glücklich waren, sondern weil Dinge erst geschehen müssen, bevor man sie bereuen kann." (S. 328f)

Fazit:
„Und es schmilzt“ ist stilistisch wunderbar, weswegen es inhaltlich gleich doppelt und dreifach wehtut. Mit dem Gedanken, dass die beschriebenen menschlichen Abgründe realer sein könnten, als ich glauben will, bleibe ich zurück. Ich weiß nicht, ob gerade das den Roman absolut genial oder ein bisschen zu eindimensional macht. Lesenswert ist das Debüt auf jeden Fall, jeder muss sich aber darüber im Klaren sein, dass dieses Buch keine leichte Kost ist und dass die Schmerzen, die Lize Spit beim Lesen zufügt, noch einige Zeit erhalten bleiben.

Veröffentlicht am 17.10.2017

Be who you are

George
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George ist ein transgender Mädchen, d.h. sie ist ein Mädchen, ihr genotypisches Geschlecht ist allerdings männlich. Sie ist 10 Jahre alt und hat sich ihrer Umwelt noch nicht anvertraut. Ein Schultheater ...

George ist ein transgender Mädchen, d.h. sie ist ein Mädchen, ihr genotypisches Geschlecht ist allerdings männlich. Sie ist 10 Jahre alt und hat sich ihrer Umwelt noch nicht anvertraut. Ein Schultheater soll dies ändern, denn George glaubt, dass eine weibliche Rolle im Stück ihr helfen kann zu zeigen, wer sie wirklich ist.

"George" ist ein Kinderbuch und dementsprechend relativ kurz und in simplem Englisch geschrieben. Wir lernen nicht nur George kennen, sondern auch ihre Mutter, ihren Bruder, ihre beste Freundin Kelly und zwei Lehrerinnen, die sehr unterschiedlich mit George umgehen. Alex Gino hat mit diesen Charakteren in meinen Augen wunderbar zusammengefasst, wie unterschiedlich die Reaktionen auf George und ihre Gefühle auch im realen Leben sein können. Während die Klassenlehrerin George für ihr Vorsprechen der weiblichen Rolle sogar auslacht, unterstützt Kelly sie ohne wenn und aber. Kelly war sowieso meine Lieblingsfigur im gesamten Buch, denn sie ist offen, ehrlich und lebensfroh.

Dieses Buch soll nicht nur all jenen Mut machen, die eine ähnliche Situation wie George durchleben. Es soll auch aufzeigen, wie sehr unsere Gesellschaft noch durch Vorurteile und Stereotypen geleitet wird, wie schwer wir es Menschen machen, die auch nur im geringsten von diesen Stereotypen abweichen, und wie wir es besser machen können. Das hat mir sehr gut gefallen und es gibt ein ausführliches Nachwort mit erklärenden Worten zu den Begriffen wie transgender, nonbinary und genderqueer. In diesem knapp 200 Seiten umfassenden Kinderbuch können natürlich nicht alle Fragen abgedeckt werden, ich empfand es aber als guten und herzergreifenden Einstieg und möchte mich in Zukunft noch mehr mit dem Thema (und dem respektvollen Umgang damit) beschäftigen.

Einen Stern habe ich abgezogen, weil ich mit der Genrezuordnung Kinderbuch nicht so ganz zufrieden bin. Vom Schreibstil her stimme ich zu, George und die anderen Kinder haben sich aber in meinen Augen nicht unbedingt wie Zehnjährige verhalten, sondern schon ein bisschen älter. Damit beziehe ich mich vor allem auf ein paar Sprüche, die ich bis zur sechsten oder siebten Klasse bestimmt nicht verstanden hätte. Es ist auch kein richtiges Jugendbuch, sondern eher zwischen den beiden Genres. Ich tue mich selbst schwer mit einer Altersempfehlung, sofern ein Kind aber nicht selbst zu dem Buch greift und Eltern es schenken möchten, sollten sie es vielleicht vorher selbst überfliegen und darüber nachdenken, ob ihr Kind dafür reif genug ist. Zwischen zwei Zehnjährigen können schließlich Welten liegen.

Fazit:
Bei "George" handelt es sich um ein Kinderbuch, welches in meinen Augen sehr gut zum Einstieg in die transgender Thematik und einen respektvollen Umgang damit geeignet ist. Die Geschichte ist herzergreifend und ermutigend geschrieben und ich wünsche mir, dass jeder eine Kelly zur besten Freundin hat.