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Veröffentlicht am 24.12.2024

Kurzweilige Lektüre mit Tiefgang aber zu schnödem Abschluss

Barbara stirbt nicht
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Herr Schmidt, ein Mann, der denkt, da er der Mann im Haus ist, habe er auch alle Zügel in der Hand. Schon immer. In Wahrheit entpuppt sich der altbacken-konservativ verbohrte Herr Schmidt als ein hoch ...

Herr Schmidt, ein Mann, der denkt, da er der Mann im Haus ist, habe er auch alle Zügel in der Hand. Schon immer. In Wahrheit entpuppt sich der altbacken-konservativ verbohrte Herr Schmidt als ein hoch unselbstständiger Zeitgenosse. Bis zu dem Zeitpunkt, als seine Frau Barbara bettlägrig wird und nicht mehr die Geschicke im Verborgenen lenken kann. So sieht sich Herr Schmidt gezwungen, selbst Hand anzulegen und den Alltag der beiden zu bewältigen.

Unglaublich amüsant und gleichzeitig in seiner Überspitztheit sehr wahrheitsgemäß beschreibt Alina Bronsky ein nicht so seltenes Szenario. Der frühere „Geldverdiener“ (und mehr aber auch nicht) muss zum „Hausmann“ werden und realisiert, was die Ehefrau die letzten 52 Jahre eigentlich alles gestemmt und geschafft hat. Denn natürlich wissen wir: Keine Arbeit macht sich von allein. Feinfühlig zwischen „hinreißend“ und „bitterböse“ entlarvt Bronsky die mal mehr mal weniger offensichtlichen Unterschiede in der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Ich bin begeistert. Der so unfehlbare Herr Schmidt ist nämlich bei weitem nicht unfehlbar oder gar perfekt. Die Leser*innen sehen, was er nicht erkennt oder nicht erkennen will. Dass sein Sohn, wenn er nach dem Enkelkind befragt antworten muss „Ist nicht meine Woche“, meint, dass er von der Kindsmutter getrennt lebt und ein Wechselmodell zur Kindsbetreuung existiert. Dass wenn die Tochter immer ihre „beste Freundin“ mit zu Familienbesuchen bringt, natürlich ihre Partnerin gemeint ist. Herr Schmidt ist nun einmal verbohrt altmodisch, versteht die Welt nicht sonderlich gut. Und doch ist der Blick von Bronsky immer feinfühlig, denn auch Herr Schmidt ist nicht ohne Grund so geworden, wie er ist. Das scheint immer wieder durch. Nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Die Autorin nimmt sich die Zeit, genauer hinzuschauen.

Eigentlich legt Bronsky damit einen sehr guten, kurzweiligen Roman mit Tiefgang vor. Die Figuren sind – auch wenn sie nicht die von vornherein absolute Sympathieträger sein können – doch mit Empathie angelegt und man schließt sie mit all ihren Ecken und Kanten ins Herz. Nur leider konnten mich die letzten 40 Seiten des Buches überhaupt nicht überzeugen. Da zaubert die Autorin plötzlich noch eine neue Figur aus dem Hut, führt sie nur kurz ein und macht sie zur Hauptperson des Buchendes. Das holt mich als Leserin einfach nicht ab. Hinzu kommt, dass auch diese Person auf ihre Art „besonders“ ist und aus der Norm fällt, sodass es scheint, als ob Bronsky auf Biegen und Brechen dem auf den ersten Blick vollkommen durchschnittlich wirkenden Herrn Schmidt, so viele diverse Figuren, wie nur möglich an die Seite stellen wollte. Das wirkt, neben der homosexuellen Tochter und dem Sohn, dessen Sohn übrigens „brauner“ Hautfarbe ist, also die Ex-Schwiegertochter eine Person of Color zu sein scheint, der russischstämmigen Ehefrau Barbara und anderen einprägsamen Randfiguren, doch alles sehr gewollt, zu überzufällig divers und in seinem Auftreten doch sehr unwahrscheinlich. Mit dieser Konstruktion des Romanpersonals im Sinne von: „only to proof a point“ habe ich Probleme. Das war dann wirklich zu viel des Guten. Ein bisschen wie ein zu schönes Weihnachtsmärchen.

Somit ist dies durchaus ein guter, auch zur Lektüre empfehlenswerter Roman geworden, der meines Erachtens zum Ende hin zu sehr schwächelt. Mit seeehr viel gutem Willen sind es noch gerade so 4 Sterne geworden, weil mir die Grundthematik von Pflege und Abschied mal unkonventionell umgesetzt erscheint.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Für Laien gut aufgearbeiteter Ratgeber

Leaky Gut
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Dirk Schweigler erklärt das (mir bis zur Lektüre unbekannte) Phänomen des "Durchlässigen Darms" (Leaky Gut) in seinem selbstveröffentlichten Büchlein wirklich sehr gut und zeigt Wege zur Diagnostik und ...

Dirk Schweigler erklärt das (mir bis zur Lektüre unbekannte) Phänomen des "Durchlässigen Darms" (Leaky Gut) in seinem selbstveröffentlichten Büchlein wirklich sehr gut und zeigt Wege zur Diagnostik und Behandlung auf. Dies leitet er schlüssig her und untermalt viele psycho- wie auch somatischen Zusammenhänge mit anschaulichen, vergleichenden, bildhaften Beispielen.

Besonders diese Beschreibungen haben mir im Buch sehr gefallen. Aber auch die vielen ganz konkreten Praxistipps zu erhältlichen Tests und Nährstoffen waren wirklich wissens- und lesenswert. Alles sehr übersichtlich aufbereitet. Ganz selten sind mal noch ein paar kleinere Tippfehler durch die Kontrolle gerutscht, aber das ist nicht weiter schlimm. Ein wenig tiefergründige Informationen zum Autor hätten mir gefallen. Und zuletzt war es unnötig das insgesamt nur 150 Seiten dünne Büchlein zum Schluss erst in einem Zusammenfassungsteil nochmals zu wiederholen und danach erneut einen sog. "FAQ"-Abschnitt anzuhängen, der genau das vorher schon Zusammengefasste noch einmal in Frage- und Antwortform darbietet. Das Buch kann man sowieso recht gut an einem Tag durcharbeiten und braucht dann nicht zwingend zwei Arten von Zusammenfassungen.

Von dieser Formsache abgesehen, ist dies ein wirklich tolles und vor allem verständliches Buch zum Thema.

Veröffentlicht am 24.06.2024

Beeindruckende Sprache

Wie Inseln im Licht
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Nach der Lektüre von „Inseln im Licht“ bleibt vor allem Franziska Gänslers Zauberei mit der Sprache im Gedächtnis hängen. Natürlich neben der ungewöhnlichen Geschichte einer mittlerweile erwachsenen Frau, ...

Nach der Lektüre von „Inseln im Licht“ bleibt vor allem Franziska Gänslers Zauberei mit der Sprache im Gedächtnis hängen. Natürlich neben der ungewöhnlichen Geschichte einer mittlerweile erwachsenen Frau, die eine symbiotische Beziehung zu ihrer Mutter unterhielt und das alles nicht ohne Grund. Zoeys Mutter ist nach Jahren der Pflege mit Ende Vierzig verstorben. Was hinter der ungewöhnlichen Familiengeschichte steckt, erfährt man nach und nach im Laufe des sehr kurzen, nur etwas mehr als 200 Seiten langen Romans.

Der Plot, üder den man nicht zu viel verraten sollte, ist fast krimihaft, da Zoey nach dem Tod der Mutter an die französische Atlantikküste reist, um dort deren Asche zu verstreuen. Der Ort ist nicht per Zufall gewählt, lebte sie doch bis zu ihrem siebten Lebensjahr mit der jüngeren Schwester und der Mutter hier auf einem Campingplatz. Nach und nach „ermittelt“ Zoey zum damaligen Verschwinden ihrer fünfjährigen Schwester und es treten Familiengeheimnisse ans Licht, die auch die Dynamiken zwischen Zoey und ihrer Mutter offenbaren.

Das macht Gänsler durch eine beeindruckende, punktgenaue Sprache. Hier ist kein Wort zu viel. Abschließend hätte ich mir aber durchaus den ein oder anderen Satz mehr gewünscht, um manche Ereignisse, die als gegeben hingenommen werden, näher zu beleuchten. Mit vielleicht insgesamt 250 Seiten wäre dies sicherlich ein Highlight für mich geworden.

Nichtsdestotrotz handelt es sich hier um einen mitreißenden Roman, der sich in eine ganz andere Richtung entwickelt, als man das bei der Prämisse „Tochter will Asche der Mutter verstreuen und deckt Familiengeheimnisse auf“ erwartet hätte. Hat mir sehr gut gefallen!

4/5 Sterne

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Veröffentlicht am 10.05.2024

Der Aufstieg und Fall der Juniper Song

Yellowface
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Bereits im Alter von 22 Jahren wurde Rebecca F. Kuang, eine chinesischstämmige, US-amerikanische Autorin, mit ihrem Debütroman „The Poppy War“ für so einige Buchpreise nominiert. Nun sechs Jahre später ...

Bereits im Alter von 22 Jahren wurde Rebecca F. Kuang, eine chinesischstämmige, US-amerikanische Autorin, mit ihrem Debütroman „The Poppy War“ für so einige Buchpreise nominiert. Nun sechs Jahre später erscheint ihr fünfter Roman „Yellowface“ auch auf Deutsch.

In diesem Werk webt die Autorin sehr wahrscheinlich eigene Erfahrungen als junger Shooting-Star in der Literaturbranche mit ein. Doch entwirft sie keine Ich-Erzählerin, die Kuang selbst entspricht, nein, sie macht das genaue Gegenteil. Wir lesen die Geschichte aus Sicht der weißen US-Amerikanerin June Hayward. Sie ist eine erfolglose Autorin, Ende Zwanzig, und zufällig einzige Zeugin als die im Vergleich massiv erfolgreiche chinesischstämmige Jungautorin Athena Liu bei einem Unfall verstirbt. June und Athena, so erfahren wir, waren seit dem Collage lose befreundet, aber schon immer und besonders nachdem Athena ihren ersten Buchvertrag bekam, überwiegt bei June der Neid gegenüber ihrer Mitstreiterin. Also schnappt sie sich nach deren Tod den aktuellsten Romanentwurf für „Die letzte Front“, ein Historischer Roman, der die chinesischen Arbeitercorps im Ersten Weltkrieg thematisiert. June passt den Roman an ihre Schreibe an, bekommt einen hochdotierten Buchvertrag bei einem angesehenen Verlagshaus, nimmt ihren von der Hippie-Mutter gewählten Geburtsnamen - Juniper Song (Hayward) -, der zufällig eine (nicht existente) chinesische Abstammung impliziert, und somit beginnt ein wilder Ritt durch die Literaturwelt.

Kuang nutzt hier das Stilmittel der subjektiven, unzuverlässigen Erzählstimme, um ein Vexierspiel im Literaturbusiness auszubreiten, welches verschiedenste Themen rund um kulturelle Aneignung, Diversität in der Kultur, aber auch Hassmitteilungen im Internet und allgemeine Empörung aufgreift. Diese Erzählerin manipuliert uns und gibt uns bestimmte Informationen nur, wenn sie es will und es in ihre Agenda passt. Und auch wenn Juniper Song/June Hayward hier von Anfang an als von der Ungerechtigkeit ihr gegenüber (Nichtwahrnehmung ihrer Literatur) von Neid zerfressene Unsympathin dargestellt wird, so schafft Kuang doch Momente, in denen die Leserschaft durchaus mit Juniper mitfühlen kann und wird. Gerade wenn es um Hass und Gewaltandrohungen im Netz geht, wirkt das Mitgefühl für Juniper universell für alle in der Öffentlichkeit Stehende, die Anfeindungen ertragen müssen. Gleichzeitig muss man bei der Lektüre allerdings aufpassen, dass man nicht einmal zu schnell der Argumentation Junipers folgt und nickend ihr zustimmt, denn gerade dort versteckt sich häufig der sog. „white gaze“ (der „weiße Blick“), eine Perspektive, die besonders Menschen weißer Hautfarbe beim Konsum von Literatur und anderen Medienerzeugnissen einnehmen. Und genau das ist unter anderem auch wiederum Inhalt des Romans, wenn Juniper den von Athena entworfenen Roman auf die Sichtweise einer weißen Person umschreibt, obwohl es dort historisch um das Leid von chinesischen Arbeitern in Europa geht. Zu vielfältig sind die von Kuang aufgezeigten Mechanismen, die in „Yellowface“ vorkommen, um sie an dieser Stelle alle zu erläutern.

Grundsätzlich kann man sagen, dass Kuang ein sehr hartes Bild der Literaturbranche zeichnet. Nach welchen Kriterien Autor:innen ausgewählt werden, Bücher beworben und Fakten verdreht, um maximale Gewinne zu erreichen. Ob es sich hierbei nun um eine überhöhte Satire oder eine annähernd realistische Darstellung der gegenwärtigen Literaturwelt handelt, kann ich nicht einschätzen. Überhöht oder nicht, der Roman gibt einen guten und facettenreichen Einblick und ist allein dafür schon äußerst interessant und lesenswert.

Allein der Plot erschien mir im letzten Viertel etwas zu hinken. Immer mehr doppelte Böden und Möglichkeiten zieht die Autorin in die Geschichte ein, wodurch sie zuletzt etwas ihren Biss und Charme verliert. Insgesamt empfinde ich aber „Yellowface“ als einen sehr gelungenen Roman, der zeigt, dass die Autorin nicht ausschließlich Bücher mit phantastischem Setting erschaffen kann. Eine Leseempfehlung!

4/5 Sterne

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Veröffentlicht am 22.04.2024

„Das ist kein lustiges Abenteuer, Huck.“

James
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Zumindest vom Namen her kennt so ziemlich jeder und jede „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ von Mark Twain. Dort erlebt der Halbwaise Huck zusammen mit dem entlaufenen Sklaven Jim so einige Abenteuer ...

Zumindest vom Namen her kennt so ziemlich jeder und jede „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ von Mark Twain. Dort erlebt der Halbwaise Huck zusammen mit dem entlaufenen Sklaven Jim so einige Abenteuer entlang des Mississippi Mitte des 19. Jahrhunderts. Percival Everett schnappt sich nun die Romanvorlage von Twain, den er sehr verehrt (siehe Danksagung: „Sein [Mark Twains] Humor und seine Menschlichkeit haben mich beeinflusst, lange bevor ich Schriftsteller wurde.“), und erweitert diesen Klassiker um den Blickwinkel des Sklaven Jim.

Everett löst dies sehr geschickt, indem er die Passagen auserzählt bzw. hinzuerfindet, in denen im Originaltext Huck und Jim voneinander getrennt sind. Erfährt man bei Twain ausschließlich, was Huck in diesen Episoden passiert, ist es bei Everett umgekehrt. Wir begleiten die gesamte Zeit über Jim und mit zunehmenden Verlauf weicht Everetts Roman sowie Everetts Jim auch mehr und mehr vom Originaltext ab. Wir werfen quasi einen Blick hinter die Kulissen von Twains Roman, denn Jim erschien damals eher eine Kulisse für Hucks Abenteuer zu sein. Nun spielt er die Hauptrolle und somit erfahren sehr viel über die Lebensrealität von Sklaven in der damaligen Zeit.

Hier macht sich Everett, wie auch schon in „Die Bäume“, das Stilmittel der phantastischen Elemente zunutze. Denn Jim kann nicht nur lesen und schreiben, was damals nur ganz, ganz selten überhaupt der Fall war, sondern er liest auch noch aus der Bibliothek von Richter Thatcher Bücher von Voilaire und anderen Philosophen und Gesellschafts-/Staatstheoretikern. Jim ist hochgebildet. Überhaupt erfährt man schon auf den ersten Seiten, dass alle Sklaven in diesem Roman „zweisprachig“ aufwachsen. Sie können ganz regulär Standardenglisch sprechen, was sie allerdings nur tun, wenn sie sich untereinander unterhalten, und wenn sie mit Weißen sprechen, nutzen sie eine vereinfachte und grammatikalisch falsche „Sklavensprache“. Denn die Weißen sollen sich überlegen fühlen. So heißt es im Buch „Es lohnt sich immer, Weißen zu geben, was sie wollen“, denn „je besser sie sich fühlen, desto sicherer sind wir.“ Eine Feststellung, die noch bis in die Gegenwart hineinreicht, wenn Schwarze Eltern ihren Kindern beibringen, wie sie sich weißen Polizisten gegenüber verhalten sollen, damit sie ja nicht aus Versehen bei einer Polizeikontrolle umgebracht werden. Und mit diesem Verweis in unsere heutige Zeit ist gleich die Tiefgründigkeit und Doppeldeutigkeit des vorliegenden Romans skizziert. Everett hat definitiv keinen einfachen historischen Roman geschrieben, nein es handelt sich meines Erachtens um Gegenwartsliteratur, die das historische Setting nutzt, um nicht nur die lebensbedrohliche Realität für Schwarze in der Vergangenheit aufzuzeigen, sondern auch immer wieder Querverweise in die Gegenwart zu geben und weiterhin bestehende Probleme anzuprangern.

Hatte ich zunächst noch Probleme mit dem Tempo, der Struktur des Romans, der nun einmal stark an den Abenteuerroman angelehnt ist, waren mir die Episoden zu schnell erzählt und wechselten von einer Szene in die nächste hopplahopp. So ergriff mich „James“ im späteren Verlauf immer mehr. Ich habe den Roman zu Beginn als sarkastisch und beißend empfunden, nie lustig/witzig/amüsant, wie es bei Twain der Fall war. Später wird er immer ernster und tonnenschwer, indem er immer stärker von "Die Abenteuer des Huckleberry Finn" abweicht und - nicht nur - in die (Überlebens-)Realität von James eintaucht. Hier bleibt der Autor vom Stil her der Vorlage treu, es sind meist sehr kurze, "abenteuerliche" Sequenzen, die schnell wechseln. Das ist grundsätzlich ein Stil der mir nicht gut gefällt, aber ich kann nachvollziehen, warum sich hier Everett anpasst an Twains Vorlage. Umso stärker der Roman ein Eigenleben entwickelt und auch immer stärker der "Sklave Jim" zum "freien Mann James" wird, umso stärker hat der Roman mir gefallen. An einer Stelle sagt James zu Huck: „Das ist kein lustiges Abenteuer, Huck.“ als es um das Leben als Schwarzer geht. Und dieser Satz unterstreicht hervorragend nicht nur den Unterschied zwischen Twains und Everetts Werk sondern auch die Wichtigkeit von dieser literarischen Ergänzung Everetts zum Schlüsselwerk der US-amerikanischen Literatur.

Mir hat der Roman als Ganzes sehr gut gefallen. Das liegt vor allem an Everetts Ideen, wie er das Thema Sprache, Intelligenz, Bildung und die damit einhergehende Gefahr für die Unterdrücker umgeht. Er zeigt auf, dass Schwarze eben nie per se "dumm" waren, sondern genauso intelligent (oder eben nicht), wie alle anderen Menschen auch. Gleichzeitig zeigt er, wie (überlebens)wichtig ein an die Unterdrückung angepasstes Verhalten für die damaligen Sklaven war.

Die Übersetzung von Nikolaus Stingl finde ich, besonders unter Betrachtung der „Sklavensprache“, „eine spezielle Ausprägung des Südstaatenenglisch, die im 19. Jahrhundert von Schwarzen gesprochen wurde und in Grammatik und Aussprache stark vom Standardenglisch abweicht“ (aus den Nachbemerkungen des Übersetzers), äußerst gelungen und auch dessen Nachbemerkungen erscheinen mir interessant und wichtig.

Somit handelt es sich hierbei um einen wichtigen Roman, der den Klassiker „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ von Mark Twain keinesfalls vollständig ersetzen will, sondern eine dringliche Ergänzung zu der bisherigen Charakterisierung und der Geschichte der Sklaven in den USA darstellt. Ein Roman, der definitiv eine Leseempfehlung von mir erhält, auch wenn er meines Erachtens an den Vorgänger „Die Bäume“ nicht heranreicht.

4/5 Sterne

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