Profilbild von GAIA_SE

GAIA_SE

Lesejury Star
offline

GAIA_SE ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit GAIA_SE über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.12.2024

Wenn das Unaussprechliche ausgesprochen wird - und passiert.

Betreff: Falls ich sterbe
0

Carolina Setterwall hat sich Großes vorgenommen. Sie verpackt ihren selbst erlebten Verlust des Lebensgefährten sowie die folgende Trauerarbeit in einen autofiktionalen Roman. Und meistert diese Aufgabe, ...

Carolina Setterwall hat sich Großes vorgenommen. Sie verpackt ihren selbst erlebten Verlust des Lebensgefährten sowie die folgende Trauerarbeit in einen autofiktionalen Roman. Und meistert diese Aufgabe, an der man sich schnell verheben kann, wirklich nicht nur inhaltlich interessant, sondern auch literarisch ansprechend.

Es ist unheimlich: Carolina bekommt im Mai 2014 von ihrem Partner eine prophetische Email mit dem Betreff "Falls ich sterbe", nur so zur Sicherheit, mit den wichtigsten Informationen und Passwörtern, er hoffe aber natürlich nur das Beste. Nur fünf Monate später ist ihr Partner Aksel tot. Plötzlich und unvorhersehbar gestorben an einem Herzstillstand. Wie sich Carolina aus dieser unfassbaren, unaushaltbaren Situation nach und nach herausarbeitet, beschreibt sie nun in diesem Roman.

Stilistisch wählt sie hierfür einige kreative Kniffe, um es nicht zu einem weiteren "Trauerarbeitsbuch" werden zu lassen. Setterwall arrangiert die mitunter recht kurzen Kapitel in zeitlichem Wechsel zwischen der ersten Zeitlinie ab dem Todestag von Aksel im Oktober 2014 und der zweiten Linie, welche im April 2009 mit dem Kennenlernen der beiden einsetzt. So nähern sich im Verlauf der ersten 250 Seiten die beiden Zeitlinien immer weiter an, immer mehr erfahren die Leser*innen über die Beziehung von Carolina und Aksel, immer intimer wird der Einblick in ihr gemeinsames Leben. Und ebenso intim gestaltet sich der Einblick in das Leben Carolinas ohne ihren Partner und Vater des gemeinsamen Sohnes, kein Jahr alt, als der Vater verstirbt. Diese Anordnung lässt das Buch unglaublich spannend werden. Man wünscht sich nach jedem Kapitelwechsel, so schnell wie möglich auf der anderen Zeitlinie weiterlesen zu können. Sehr gut gemacht. Ebenso geschickt ist der Kunstgriff, den Roman wie einen Brief, eine Niederschrift an den Verstorbenen zu formulieren. Stets wird Aksel direkt von Carolina angesrochen, es ist von "Du", "Dir", "Deine" die Rede. Das hebt den Roman auf eine äußerst persönliche Ebene.

Die fast schon minutiös geschilderten Höhen und Tiefen der Beziehung, der Elternschaft als auch der Trauer sind wirklich interessant und fesselnd, werden aber über die letzten 200 Seiten hinweg etwas ermüdender und auch gefühlt langatmiger. Hier scheint sich Setterwall zu stark in Gedankenkreisen zu bewegen, fast schon zu psychoanaytisch-reflektiert vorzugehen. Und dann denkt man wieder: Nein, genau dieses Detail musste ich jetzt wissen, um die Protagonistin Carolina besser verstehen zu können.

Wer Isabel Bogdans "Laufen" mochte und es gern ausführlicher gehabt hätte, wird sicherlich in diesem Roman eine für sich passende Lektüre finden. Mich hat bewegt, wie wichtig Familie und Freunde als Unterstützung nach einem solch undenkbaren Verlust sind und wie deutlich dies aus dem Roman hervorgeht. Eine empfehlenswerte Lektüre für Personen, die mit detailierten Beschreibungen emotionaler wie auch kognitiver Reaktionen eines Menschen auf einen plötzlichen Verlust umgehen können und daran viel Interesse zeigen. Für alle anderen könnte dieser Roman zu analytisch, überbordend und überfordernd wirken.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Der erste Roman über die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts

Das Feuer
0

"Zwei sich bekämpfende Armeen sind nur eine große Armee, die Selbstmord begeht." Diese und andere einprägsame wie auch leider wahre Aussagen legt Henri Barbusse seinen Kameraden im Ersten Weltkrieg in ...

"Zwei sich bekämpfende Armeen sind nur eine große Armee, die Selbstmord begeht." Diese und andere einprägsame wie auch leider wahre Aussagen legt Henri Barbusse seinen Kameraden im Ersten Weltkrieg in den Mund und fasst damit immer wieder diese Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts schmerzlich zusammen.

Als erste literarische Bearbeitung des Ersten Weltkrieges wurde "Das Feuer" von Barbusse bereits 1916 noch mitten im Krieg - ohne die vollen Ausmaße dieses verheerenden Krieges kennen zu können -, veröffentlicht. Barbusse verarbeitet hierin seine Erlebnisse während der ersten eineinhalb Kriegsjahre an der Westfront im nördlichen Frankreich. Relativ banal beginnt der Roman mit Eindrücken aus dem Soldatenalltag der Frontsoldaten. Er gehörte dabei den Truppen an, die vorrücken und neue Gräben ausheben sollten. Und genau das ist auch so bezeichnend für den Ersten Weltkrieg: Es war ein reiner Stellungskrieg aus den Schützengräben heraus. Direkten Feindkontakt gab es selten. Das einfache Fußvolk diente lediglich als Kanonenfutter. Über Wochen und Monate konnten die Soldaten in ihren nassen, kalten, todbringenden Gräben feststecken, der ständigen Gefahr durch die feindliche Artillerie ausgesetzt. Dabei wird der Autor nicht müde, den Unterschied zwischen den einfachen Arbeitern und Bauern und den (schon vor dem Krieg) privilegierten Armeeangehörigen der höheren Schichten in seinem Buch zu betonen. Er dokumentiert wie in einem Tagebuch, schreibt mithilfe eines Ich-Erzählers, der jedoch hinter den Schilderungen der Geschehnisse fast vollkommen verschwindet. Der Einzelne ist hier nicht ausschlaggebend. Barbusse führte erstmalig in einer neuen Form die direkte Rede in die Welt der Literatur ein. Er lässt sogar einen Kameraden fragen: "Wenn du im Buch uns Grabenschweine reden läßt, läßt du uns dann auch so reden, wie wir es wirklich tun, oder frisierst du das?" Man sei beruhigt: Er zeichnet die Soldaten genau nach dem Leben und lässt sie auch ihre derben Worte sprechen. Wirklich eine wichtige Erfahrung, um die Erlebnisse authentisch wiedergeben zu können.

Der Roman gewinnt meines Erachtens besonders in der zweiten Hälfte an Eindringlichkeit, wenn immer deutlicher wird - auch anhand von steigenden Verlustzahlen -, dass es in diesem Krieg für die einfache Bevölkerung, zu der die Soldaten gehören, auf beiden Seiten (!) nur Verlierer geben kann. Barbusse zeigt den nackten Krieg mit Schanzarbeiten und Läusen, genauso wie mit Trommelfeuer und Sturmangriff. Mehr als Literatur auch ein Plädoyer für Pazifismus und (tatsächlich in Ansätzen schon) die kommunistischen Ideen der späteren Werke des Autors. Der Krieg wird hier eben nicht als ein unabwendbares Unglück, sondern vielmehr als ein Verbrechen, dessen Schuldige Barbusse geißelt - die privilegierten Machthaber.

Prophetisch wird der Roman, wenn einzelne Soldaten realisieren: "Weder die anderen noch wir werden es im Gedächtnis behalten! All das Unheil ist umsonst gewesen!" und "Nach so einem Krieg darf kein zweiter mehr kommen!". Was Barbusse zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste und auch bis zu seinem Tode zwar nur ahnte, aber nicht verhindern konnte: Es kam noch ein zweiter und dieser mit ganz anderen, ungeahnten Grausamkeiten.

Eine empfehlenswerte, aufschlussreiche Lektüre, durch die man zwar nicht das große Ganze des Ersten Weltkrieges erklärt bekommt, aber ganz nah am einfachen Menschen erlebt: „Dieser Krieg ist mehr als der Sturmangriff, der einer Parade gleicht, mehr als die offene Schlacht, die sich wie eine Standarte erhebt, sogar mehr als Nahkampf, bei dem man schreiend aufeinanderstürzt – dieser Krieg ist mehr als das alles: Er ist die furchtbare, die grenzenlose Erschöpfung, Wasser bis an die Hüften, der Morast und der Schlamm und der widerwärtige Schmutz.“

Veröffentlicht am 24.12.2024

Wie ein literarisches Überraschungsei: Spiel, Spaß, Spannung

Der Stotterer
0

Dieser Roman von Charles Lenwinsky kann auf allen Ebenen überzeugen. Es handelt sich hier nur nur um ein Vexier-Spiel, das Spaß macht und die nötige Spannung enthält, sondern ich meine noch drai ganz andere ...

Dieser Roman von Charles Lenwinsky kann auf allen Ebenen überzeugen. Es handelt sich hier nur nur um ein Vexier-Spiel, das Spaß macht und die nötige Spannung enthält, sondern ich meine noch drai ganz andere Komponenten, die an ein Ü-Ei erinnern.

Lewinsky lässt seinen inhaftierten Betrüger Johannes Hosea Stärckle aus der JVA heraus in Briefen an den Anstaltspfarrer, genannt "der Padre", nicht nur seine eigene Lebensgeschichte erzählen, sondern auch in kleinen sogenannten "Fingerübungen" dessen literarisches Können zeigen. Diese Fingerübungen sind Kurzgeschichten auf höchstem Niveau, die so auch als Kurzgeschichtenband von Lewinsky direkt veröffentlich werden könnten. Die dritte Komponente stellt der Plot in der Gegenwart dar, also das Geschehen im Gefängnis, von welchem man nicht nur in den Briefen an den Padre erfährt sondern auch über Tagebucheinträge von Stärckle. Wobei nicht nur bei den Tagebucheinträgen dem schreibenden Betrüger unvoreingenommen zu glauben ist. Es handelt sich hier nämlich um einen unzuverlässigen Erzähler. Das ist nichts, was man erst im Laufe des Buches für sich selbst herausfindet, nein, der Erzähler sagt es uns (bzw. dem Padre) offen heraus: Er erfindet nun mal und nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau.

Das ist auch eins von zwei kleinen Mankos im ansonsten brillanten Text von Lewinsky. Für meinen Geschmack betont der Protagonist zu Beginn ein wenig zu oft seine nicht vorhandene Vertrauenswürdigkeit. Da hätte einmalig ein Hinweis genügt, um es den Lesenden verständlich zu machen. So scheint es mir, als ob Lewinsky seinen Leserinnen nicht genügend Sachverständnis zutraut, wenn es doch um einen verurteilten Trickbetrüger geht. Das zweite Manko stellt die länge der Geschichte dar. Die Spannung kann nicht ganz bis zum Schluss aufrecht erhalten werden. Die hochinteressante und kreative Art, wie der Autor seinen Roman konstruiert hat, nutzt sich einfach mit der Zeit etwas ab. Eine leicht verkürzte Romanfassung hätte dem Buch gut getan.

Ohne Frage ist Charles Lewinsky einer der größten Erzähler des deutschsprachigen Raums und er beweist vor allem mit den eingeschobenen Kurzgeschichten, dass er in vielen Genres Talente hat. Allein die "Fingerübungen" verdienen schon 6 von 5 Sternen, aber es zählt nun einmal der Gesamteindruck. Ein sehr gelungenes, ungewöhnliches Buch, was ich allen Leser
innen nur ans literarische Herz legen kann.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Spiel mit der Zeit

Der Kolibri
0

In „Der Kolibri“ schwirrt der Autor Sandro Veronesi wie der gleichnamige Vogel um das Leben von Marco Carrera. Zunächst wirkt dieser Marco wie ein eher langweiliger Nullachtfünfzehn-Augenarzt mit Affäre ...

In „Der Kolibri“ schwirrt der Autor Sandro Veronesi wie der gleichnamige Vogel um das Leben von Marco Carrera. Zunächst wirkt dieser Marco wie ein eher langweiliger Nullachtfünfzehn-Augenarzt mit Affäre inklusive schmalzigen Liebesbriefen. Er wird von seiner Frau verlassen und erfährt dies nicht von ihr selbst, sondern von deren Psychoanalytiker. Wie kläglich. Dass das Leben von Marco aber mit nicht immer nur „kläglich“ war, sondern auch echte und abwegige Schicksalsschläge für ihn bereithielt und – vom Zeitpunkt des Gesprächs mit dem Psychoanalytiker ausgehen – noch zukünftig bereithalten wird, erfahren die Lesenden dieses ungewöhnlichen Romans erst mit der Zeit.

„Mit der Zeit“ ist das Stichwort, da das herausstechendste Merkmal des Romans dessen Erzähl- und Zeitstruktur darstellt. Hier wird nichts chronologisch den Lesenden auf dem Präsentierteller hingehalten, nein, die Abfolge der Lebensereignisse von Marco muss sich schwer erarbeitet werden. Zwischen den Jahren 1960 und 2030 springt Veronesi wild hin und her, wirft nicht nur prosaische Texte sondern ebenso (Liebes-)Briefe, Telefonate und Emails ein. Was jetzt wirr klingt, ist es mitunter auch, fügt sich schlussendlich aber doch zu einem einigermaßen vollständigen Puzzlebild.

Was genau der Autor mit diesem Puzzlebild, welches das schicksalhafte Leben von Marco zeigt, ausdrücken möchte, ist mir zwar bis zum Schluss nicht ganz klar, aber auch egal. Der Sprachstil von Veronesi lohnt sich einfach aufgrund seiner Art zu lesen. Wenn er über Seiten hinweg am Stück, ohne Luft zu holen, ohne Punkt aber mit vielen Kommata den Moment beschreibt, wenn ein Elternteil einen Telefonanruf des Nachts bekommt, welcher nur bedeuten kann, dass etwas Schlimmes passiert sein muss, setzt auch der Atem bei den Lesenden aus. So nimmt das Buch, nach einer ersten Eingewöhnungsphase, vor allem im zweiten Teil enorm an Fahrt auf und steht gleichzeitig auch auf der Stelle. Wie ein Kolibri eben.

Meine Kritikpunkte liegen vor allem in einer stellenweise nachlässigen Übersetzung bzw. ungünstigen Übersetzungsentscheidungen, die dem Text nicht gut zu Gesicht stehen. Und mitunter schweift der Autor dann doch auch inhaltlich zu weit ab, wird zum Zugvogel statt ein Kolibri zu bleiben. Zuletzt hat mich das letzte Kapitel mit den Nachweisen und der Danksagung gleichermaßen enttäuscht, mir aber auch gefallen. Enttäuscht, weil man desillusioniert erkennen muss, wie viele Ideen ein Autor (und wahrscheinlich auch viele andere Autorinnen) von anderen Schriftstellerinnen übernehmen. Gerade an den Stellen, die man besonders toll und kreativ empfand. Gefallen, weil der Autor damit eine mir bisher im Anschluss an einen Roman nur selten begegneten Transparenz darbietet. Es lohnt sich also bis zur letzten Seite zu lesen!

Insgesamt liegt hier ein sehr guter Roman - mit Abstrichen - vor, der durchaus lesenswert ist, mich zeitweise tief berühren konnte, aber auch mal genervt hat. Deshalb abschließend 3,5 Sterne von mir für diesen Kolibri von einem Roman.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Kurzweilige Lektüre mit Tiefgang aber zu schnödem Abschluss

Barbara stirbt nicht
0

Herr Schmidt, ein Mann, der denkt, da er der Mann im Haus ist, habe er auch alle Zügel in der Hand. Schon immer. In Wahrheit entpuppt sich der altbacken-konservativ verbohrte Herr Schmidt als ein hoch ...

Herr Schmidt, ein Mann, der denkt, da er der Mann im Haus ist, habe er auch alle Zügel in der Hand. Schon immer. In Wahrheit entpuppt sich der altbacken-konservativ verbohrte Herr Schmidt als ein hoch unselbstständiger Zeitgenosse. Bis zu dem Zeitpunkt, als seine Frau Barbara bettlägrig wird und nicht mehr die Geschicke im Verborgenen lenken kann. So sieht sich Herr Schmidt gezwungen, selbst Hand anzulegen und den Alltag der beiden zu bewältigen.

Unglaublich amüsant und gleichzeitig in seiner Überspitztheit sehr wahrheitsgemäß beschreibt Alina Bronsky ein nicht so seltenes Szenario. Der frühere „Geldverdiener“ (und mehr aber auch nicht) muss zum „Hausmann“ werden und realisiert, was die Ehefrau die letzten 52 Jahre eigentlich alles gestemmt und geschafft hat. Denn natürlich wissen wir: Keine Arbeit macht sich von allein. Feinfühlig zwischen „hinreißend“ und „bitterböse“ entlarvt Bronsky die mal mehr mal weniger offensichtlichen Unterschiede in der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Ich bin begeistert. Der so unfehlbare Herr Schmidt ist nämlich bei weitem nicht unfehlbar oder gar perfekt. Die Leser*innen sehen, was er nicht erkennt oder nicht erkennen will. Dass sein Sohn, wenn er nach dem Enkelkind befragt antworten muss „Ist nicht meine Woche“, meint, dass er von der Kindsmutter getrennt lebt und ein Wechselmodell zur Kindsbetreuung existiert. Dass wenn die Tochter immer ihre „beste Freundin“ mit zu Familienbesuchen bringt, natürlich ihre Partnerin gemeint ist. Herr Schmidt ist nun einmal verbohrt altmodisch, versteht die Welt nicht sonderlich gut. Und doch ist der Blick von Bronsky immer feinfühlig, denn auch Herr Schmidt ist nicht ohne Grund so geworden, wie er ist. Das scheint immer wieder durch. Nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Die Autorin nimmt sich die Zeit, genauer hinzuschauen.

Eigentlich legt Bronsky damit einen sehr guten, kurzweiligen Roman mit Tiefgang vor. Die Figuren sind – auch wenn sie nicht die von vornherein absolute Sympathieträger sein können – doch mit Empathie angelegt und man schließt sie mit all ihren Ecken und Kanten ins Herz. Nur leider konnten mich die letzten 40 Seiten des Buches überhaupt nicht überzeugen. Da zaubert die Autorin plötzlich noch eine neue Figur aus dem Hut, führt sie nur kurz ein und macht sie zur Hauptperson des Buchendes. Das holt mich als Leserin einfach nicht ab. Hinzu kommt, dass auch diese Person auf ihre Art „besonders“ ist und aus der Norm fällt, sodass es scheint, als ob Bronsky auf Biegen und Brechen dem auf den ersten Blick vollkommen durchschnittlich wirkenden Herrn Schmidt, so viele diverse Figuren, wie nur möglich an die Seite stellen wollte. Das wirkt, neben der homosexuellen Tochter und dem Sohn, dessen Sohn übrigens „brauner“ Hautfarbe ist, also die Ex-Schwiegertochter eine Person of Color zu sein scheint, der russischstämmigen Ehefrau Barbara und anderen einprägsamen Randfiguren, doch alles sehr gewollt, zu überzufällig divers und in seinem Auftreten doch sehr unwahrscheinlich. Mit dieser Konstruktion des Romanpersonals im Sinne von: „only to proof a point“ habe ich Probleme. Das war dann wirklich zu viel des Guten. Ein bisschen wie ein zu schönes Weihnachtsmärchen.

Somit ist dies durchaus ein guter, auch zur Lektüre empfehlenswerter Roman geworden, der meines Erachtens zum Ende hin zu sehr schwächelt. Mit seeehr viel gutem Willen sind es noch gerade so 4 Sterne geworden, weil mir die Grundthematik von Pflege und Abschied mal unkonventionell umgesetzt erscheint.