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Veröffentlicht am 23.06.2024

Eine Mutter und ihre drei Kinder

Nach uns der Sturm
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Historische Romane über den Zweiten Weltkrieg gibt es zuhauf, doch nur selten bekommt man als deutscher Leser eine Geschichte in die Hände, die sich mit Malaysia in dieser Zeit auseinandersetzt. Die Schriftstellerin ...

Historische Romane über den Zweiten Weltkrieg gibt es zuhauf, doch nur selten bekommt man als deutscher Leser eine Geschichte in die Hände, die sich mit Malaysia in dieser Zeit auseinandersetzt. Die Schriftstellerin Vanessa Chan schildert in ihrem Debütroman »Nach uns der Sturm« die Auswirkungen des Krieges auf eine junge Familie während der japanischen Besatzung Kuala Lumpurs im Jahr 1945. Dabei verfolgt sie zum einen die Geschichte der Mutter, Cecily, die früher als Spionin tätig war und seither ein Geheimnis vor ihren Angehörigen verbirgt. Sie hat drei Kinder, aus deren Sichtweise ebenfalls erzählt wird. Ihr Sohn Abel kehrt eines Tages nicht nach Hause zurück, weil er in ein Arbeitslager verschleppt wurde, wo er fortan für die Japaner unter schlimmsten Bedingungen schuften muss. Cecilys beiden Töchter haben es daheim ebenfalls nicht leicht. Jujube arbeitet in einem Teehaus und wird zunehmend in die Angelegenheiten ihres Stammgastes Mr. Takahashi hineingezogen. Als sie ihre jüngere Schwester Jasmin daheim in den Keller einsperrt, gelingt dieser die Flucht. Daraufhin quartiert Jasmin sich im Haus des Generals Fujiwara ein, ohne zu ahnen, dass eine Verbindung zwischen ihm und der Mutter besteht.
Der ständige Wechsel zwischen den Figuren führt zu einem temporeichen Leseerlebnis. Wie in einem Puzzle wird die Geschichte der Charaktere stückweise zusammengesetzt, wodurch sich am Ende ein vollständiges Bild der Familie Alcantara und ihrer Zeit ergibt — und das, obwohl nicht alle vier Erzählstränge gleichermaßen fesselnd sind. Vor allem die Handlung mit Cecily und Abel sind der Autorin gut gelungen, hier entwickeln sich Drama und Spannung. Weitestgehend ist auch Jasmins Geschichte greifbar, vor allem zum Ende hin. Jedoch wirken weite Teile von Jujubes Tun und Treiben wie ein Lückenbüßer. Auch einige Rückblenden, in denen Chan in die Vergangenheit von Cecily eintaucht sind teilweise etwas zu lang geraten. Von diesen Längen einmal abgesehen entfaltet der Roman durchaus eine Sogwirkung. Der Leser wird immer tiefer in das Schicksal der Familie hineingezogen, teilweise überschlagen sich die Ereignisse, und das Leid der Figuren, sowie ihr Überlebenswillen wird erfahrbar gemacht. Für meinen Geschmack hätte die Autorin an der einen oder anderen Stelle auf ein wenig Dramatik verzichten können, zuweilen tritt das Bemühen der Autorin, eine cineastische Wirkung zu erzielen, allzu offen zutage. Ein starker Einstieg, in dem die Autorin historische Fakten einfließen lässt und die Umstände des Krieges in Kuala Lumpur anschaulich beschreibt, weicht zunehmend der bloßen Schilderung von Geschehnissen. Für eine Debütantin hat Venessa Chan jedoch ganze Arbeit geleistet, ihr gelingt ein niveauvoller Roman mit starken Figuren, einer weitestgehend fesselnden Handlung und historischer Authentizität. Im Anbetracht dessen, dass in Malaysia von der betreffenden Generation nur selten über den Krieg gesprochen wird, ist »Nach uns der Sturm« durchaus ein Eisbrecher. Als deutscher Leser wird man grundsätzlich von Romanen über den Zweiten Weltkrieg überhäuft, sodass kaum noch ein Buch in der Lage ist, eine wirklich neuartige Sichtweise zu liefern. In einigen Bereichen kann »Nach uns der Sturm« jedoch neue Ansätze liefern, denn der Handlungsort ist bisher nur selten literarisch aufgearbeitet worden. Eine deutschsprachige Veröffentlichung findet somit seine Berechtigung und ist als Lektüre definitiv zu empfehlen.

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Veröffentlicht am 13.06.2024

Einbrüche, Dinos und ein Kleeblatt

Baskerville Hall - Das geheimnisvolle Internat der besonderen Talente
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Kinder- und Jugendbuchreihen über geheimnisvolle Internatsschulen sind ein beliebtes Thema von Autorinnen und Autoren und die Konkurrenz in diesem Genre ist daher gewaltig. Die amerikanische Autorin Ali ...

Kinder- und Jugendbuchreihen über geheimnisvolle Internatsschulen sind ein beliebtes Thema von Autorinnen und Autoren und die Konkurrenz in diesem Genre ist daher gewaltig. Die amerikanische Autorin Ali Standish legt nun mit "Baskerville Hall: Das geheimnisvolle Internat der besonderen Talente" den Auftakt einer neuen Serie für Leser ab 10 Jahren vor. Die Besonderheit: die Figuren entstammen dem Universum des britischen Schriftstellers Arthur Conan Doyle, der sogar dem Ich-Erzähler seinen Namen, sowie sein familiäres Umfeld leiht. Ebenso bevölkern Figuren wie Dr. Watson, Moriaty und Sherlock Holmes dieses Kinderbuch, jedoch sind sie völlig neue Charaktere und haben nur wenig gemein mit ihren Vorbildern aus den Erzählungen Doyles.
Arthurs Geschichte beginnt damit, dass er auf dem Heimweg das Baby einer fremden Mutter davor bewahrt, von einem Pferdezugwagen überrollt zu werden. Seine selbstlose Rettungsaktion hat eine große Wirkung auf den weiteren Hergang seines Lebens, denn kaum Zuhause, trifft ein unerwartetes Schreiben bei ihm ein. Die geheimnisvolle Schule "Baskerville Hall" hat ihn kurzfristig für das kommende Schuljahr angenommen. Schon am nächsten Tag geht es los. Per Luftschiff wird Arthur nach England gebracht, wonach die Ereignisse sich überschlagen. Im Internat schließt er sowohl Freundschaft mit Pocket, Irene Adler, Jimmie Moriarty und Grover, macht sich aber auch den einen oder anderen Feind. Zudem wird er mehr und mehr in ein Abenteuer verstrickt, in dem ein Dinosaurierei, eine rätselhafte Maschine, Poltergeister, eine Einbruchsserie und der Geheimbund »Das Kleeblatt« eine tragende Rolle spielen.
Schon der Inhalt gibt vage Auskunft darüber, was man von der Geschichte zu erwarten hat. Der Held, aus ärmlichen Verhältnissen stammend, erhält durch den Besuch einer außergewöhnlichen Schule die Gelegenheit, über sich selbst hinauszuwachsen. Beim Lösen eines großen Mysteriums wird er tatkräftig von seinen eigenwilligen Freunden unterstützt. Wirklich neuartig ist an dieser Erzählung erst einmal nichts, daher spielt vor allem die Umsetzung der Autorin eine tragende Rolle. Und Standish meistert diese Aufgabe durchaus zufriedenstellend. Geschickt konfrontiert sie ihre Helden mit verschiedenen Rätseln, die zuerst keinerlei Verbindung zueinander aufweisen, sich am Ende jedoch zu einem zusammengehörigen Bild verdichten. Arthur und seine Freunde sind liebevoll gestaltet und eine junge Zielgruppe wird sich gewiss mit ihnen identifizieren können. Baskerville Hall als Handlungsort wird interessant beschrieben, man hat Lust in den nachfolgenden Bände dorthin zurückzukehren. Manchmal trägt Standish jedoch reichlich dick auf, beispielsweise wird Arthurs Reise mit dem Luftschiff völlig überzogen dramatisch geschildert. Ebenso gerät Arthur in einem viel zu schnellen Rhythmus von einer Konfliktsituation in die nächste. Selbst eine Schule wie Baskerville Hall wird seine Schüler wohl kaum beim ersten Rundgang durch seine Räumlichkeiten in einen Boxkampf verwickeln. An mancher Stelle darf es, auch im Hinblick auf den nachfolgenden Teil, gerne etwas mehr Realismus sein. Für sein Genre darf "Baskerville Hall" aber im allgemeinen für einen gelungenen Auftakt in eine neue Reihe angesehen werden.

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Veröffentlicht am 10.06.2024

Gefühlswelt einer jungen Frau

Was das Meer verspricht
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"Was das Meer verspricht" von Alexandra Blöchl kann in vielerlei Hinsicht überzeugen, zum einen, weil die Autorin einen flotten und geschliffenen Erzählstil beherrscht. Die Szenen reihen sich schnell und ...

"Was das Meer verspricht" von Alexandra Blöchl kann in vielerlei Hinsicht überzeugen, zum einen, weil die Autorin einen flotten und geschliffenen Erzählstil beherrscht. Die Szenen reihen sich schnell und bildhaft aneinander, sodass der Leser zügig durch die Handlung getragen wird. Weiterhin gelingt es Blöchl, die inneren Zustände ihrer Protagonisten Vida glaubhaft zu beschreiben, die anfangs in ihrem monotonen Leben gefangen ist, mit Maries Auftauchen plötzlich von ungewohnter Euphorie gepackt wird, und letztlich von ihrer Eifersucht förmlich aufgefressen wird. In jeder der drei Phasen fühlt sich der Leser als ein Teil von Vida, man teilt ihr Glück und ihr Leid; als Leser kann man förmlich miterleben, wie Vida nach und nach aus dem Schlaf erwacht, den sie für ihr Leben gehalten hat. Durch Marie erkennt sie, dass sie bisher stets im Schatten ihres Bruders stand, ihre Träume und Wünsche nicht aus ihrem Inneren kamen, sondern ihr von außen diktiert wurden. Schade nur, dass die Geschichte nicht ohne einen großen "Knall" auskommt, was aus dramaturgischer Hinsicht zwar nachvollziehbar ist, der ansonsten lebensnah erzählten Geschichte jedoch einen unschönen Beigeschmack narrativer Konstruktion verleiht. Ansonsten wird das Inselleben überzeugend beschrieben; die Darstellungen der einzelnen Charaktere wie Marie, der geheimnisvollen Neuen, oder Zander, Vidas besitzergreifendem Bruder, sind durchweg gelungen.
Insgesamt bietet der Roman ein kurzweiliges Lesevergnügen. Als Leser taucht man tief ein in die Gefühlswelt einer jungen Frau, die eine innere Verwandlung durchmacht.

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Veröffentlicht am 02.06.2024

Aus der Asche

Wo die Asche blüht
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Der Vietnamkrieg ist ein seltenes Subjekt der Literatur, da er von amerikanischen Autoren weitestgehend totgeschwiegen wird, während vietnamesische Schriftsteller hierzulande nur selten herausgegeben werden. ...

Der Vietnamkrieg ist ein seltenes Subjekt der Literatur, da er von amerikanischen Autoren weitestgehend totgeschwiegen wird, während vietnamesische Schriftsteller hierzulande nur selten herausgegeben werden. Aber dank Nguyễn Phan Quế Mai und dem Insel Verlag gibt es nun einen beachtenswerten Roman zu diesem Thema, in dem die Autorin sowohl das Schicksal der Opfer, als auch der Täter aufzeigt. Dazu bedient sie sich mehrerer Erzählperspektiven. Zum einen begleitet der Leser den jungen Mann Phong, der Jahrzehnte nach dem Vietnamkrieg nach Amerika auszuwandern hofft, bei den Behörden jedoch vorerst abgewiesen wird, weil es ihn an Beweisen mangelt, dass er der Sohn eines amerikanischen Soldaten ist. Daraufhin begibt er sich auf die Suche nach seinem unbekannten Vater, der während des Krieges in Vietnam stationiert war. Quasi als Gegenstrang zu Phongs Geschichte kehrt Dan, ein ehemaliger Flieger von Kriegshelikoptern, nach Ho-Chi-Minh zurück, um Quỳnh ausfindig zu machen, mit der er während seines Kriegsaufenthalts eine Liebesbeziehung hatte, woraus eine gemeinsame Tochter hervorging. Jedoch hat er beide zurückgelassen. Die Geschichte von Quỳnh und ihrer Schwester Trang im Jahre 1969 ist ebenfalls ein wesentlicher Bestandteil des Romans.
Es ist nicht schwierig zu identifizieren, was Nguyễn Phan Quế Mai mit ihrem Buch ausdrücken will, ihr Hauptaugenmerk liegt auf der Schilderung von kleinen Einzelschicksalen, die dieser verheerende Krieg mit sich brachte. Die Auswirkungen sind für die Menschen auch noch in der Gegenwart spürbar. Besonders authentisch gelingt der Autorin dabei die Beschreibung des Lebens von Quỳnh und Tang, die für das Überleben ihrer Familie so einiges auf sich nehmen. Ebenfalls gut geraten ist die Figur des Dan, ein Kriegsveteran mit Gefühlen der Reue. Ihm dämmert die Sinnlosigkeit der amerikanischen Intervention in einen Krieg, den das Land Vietnam lieber selbst gelöst hätte. Dan sollte jedoch als ein Individuum angesehen werden und steht keineswegs als Sinnbild für die Gesamtheit der Vietnamveteranen. Wie eingangs bereits erwähnt, wird sich in den USA nur wenig mit diesem Krieg auseinandergesetzt, von Bedauern ist nicht nur im Kulturbereich wenig zu vernehmen. Mitunter wird der Vietnamkrieg sogar als Podium für eine amerikanische Heldengeschichte missbraucht – ein prominentes Beispiel ist hierfür "Forrest Gump". Als Vietnamesin begeht Nguyễn Phan Quế diesen Fehler nicht, in ihrem Text setzt sie sich gleichermaßen mit der Sichtweise der Täter und Opfer auseinander. Sie verweilt jedoch weitestgehend auf einer Mikroebene, das große Ganze der damaligen Kriegspolitik ist kein wesentlicher Teil des Romans.
Wie ein vielstimmiger Chor gibt "Wo die Asche blüht" den vergessenen Kindern des Vietnamkriegs eine Stimme, und ist nebenbei äußerst unterhaltsam zu lesen.

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Veröffentlicht am 22.05.2026

Der amerikanische Traum als Bühne für Selbsttäuschung und Abhängigkeit

Sunset Flip
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Mit »Sunset Flip« widmet sich Joey Goebel erneut einem ungewöhnlichen Thema und rückt diesmal die Welt des Wrestlings in den Mittelpunkt, eine Sportart, die in der Literatur bislang kaum Beachtung gefunden ...

Mit »Sunset Flip« widmet sich Joey Goebel erneut einem ungewöhnlichen Thema und rückt diesmal die Welt des Wrestlings in den Mittelpunkt, eine Sportart, die in der Literatur bislang kaum Beachtung gefunden hat. Doch wie so oft bei Goebel geht es letztlich um weit mehr als nur den eigentlichen Gegenstand der Handlung. Ähnlich wie bereits in »Heartland« und gewissermaßen auch in seinem gesamten bisherigen Werk kreist der Roman erneut um den amerikanischen Traum und die Frage, wie Menschen versuchen, sich aus einfachen Verhältnissen heraus ein anderes Leben aufzubauen.
Im Zentrum steht Auggie Schnuck, der eher zufällig in die Welt des Wrestlings gerät und auf den ersten Blick kaum wie jemand wirkt, der in diesem Milieu bestehen könnte. Er stammt aus bescheidenen Verhältnissen, ist introvertiert und träumt eigentlich von einer Karriere in Hollywood. Wrestling erscheint ihm zunächst lediglich als eine mögliche Einstiegschance in die Unterhaltungsindustrie, und tatsächlich scheint sein Manager ernsthaft bemüht zu sein, ihn auf diesem Weg zu unterstützen. Doch je tiefer Auggie in diese Welt hineingezogen wird, desto stärker gerät er in ein Geflecht aus Abhängigkeiten, Illusionen und schicksalhaften Entwicklungen, denen er sich kaum entziehen kann.
Literatur, die sich intensiv mit Sport beschäftigt, bewegt sich grundsätzlich auf schwierigem Terrain, denn nur selten besitzt Sport allein genügend intellektuelle Tragweite, um eine längere literarische Auseinandersetzung zu rechtfertigen. Umso wichtiger ist daher alles, was sich um das eigentliche Geschehen herum entfaltet, wie die gesellschaftlichen Mechanismen, die menschlichen Konflikte und die symbolische Ebene. Gerade beim Wrestling, das wesentlich auf Inszenierung, Täuschung und Rollenbildern beruht, eröffnet sich dabei ein interessanter Zusammenhang zur Schauspielerei und zur Welt der Unterhaltung, an dem Goebel auch gezielt ansetzt. Nach anfänglichen Befürchtungen, der Roman könne zu sehr im Wrestling- oder Hollywoodmilieu verharren, gelingt es ihm jedoch erfreulicherweise recht schnell, die Geschichte auf eine allgemeinere Ebene zu heben, auf der es letztlich um das Streben nach Erfolg, Anerkennung und persönlichem Glück geht, selbst dann, wenn die äußeren Umstände einen immer wieder zurückdrängen.
Auggie Schnuck bleibt dabei eine Figur, die sich eher treiben lässt, als ihr Leben aktiv zu gestalten, weshalb es kaum überrascht, dass er trotz seines Erfolgs im Wrestling immer wieder vom eigenen Weg abkommt. Obwohl er eigentlich genügend Härte entwickelt haben müsste, um konsequent an seinem Traum festzuhalten, wirkt er oft orientierungslos und fremdbestimmt. Schon früh deutet sich an, dass sein Wunsch nach einer Karriere in Hollywood vermutlich unerreichbar bleiben wird, wodurch sich zwangsläufig die viel grundlegendere Frage stellt, was vom Leben übrig bleibt, wenn die großen Träume zerbrechen.
Literarisch gehört Joey Goebel sicherlich nicht zu den ganz großen Stilisten, auch wenn sein Name immer wieder mit bedeutenderen Autoren in Verbindung gebracht wird. Seine Romane sind leicht zugänglich, vergleichsweise schlicht konstruiert und mit eher einfachen erzählerischen Mitteln umgesetzt. Dennoch gelingt es ihm immer wieder, mit bemerkenswerter Genauigkeit kleine Nuancen des amerikanischen Lebensgefühls sowie die allgegenwärtige Sehnsucht nach Erfolg, Macht und gesellschaftlichem Aufstieg einzufangen, und zwar weniger wertend als vielmehr beobachtend. Zwar wird Auggie als ambivalente Figur beschrieben, doch erreicht diese Ambivalenz den Leser emotional nicht immer vollständig, und ähnlich verhält es sich auch mit einigen Nebenfiguren.
Zudem entsteht der Eindruck, dass Goebel Themen, die er in früheren Romanen bereits überzeugender behandelt hat, hier noch einmal variiert: Die Sensibilität eines Mannes in einer Welt, die Härte verlangt, schilderte er in »Ich gegen Osborne« deutlich eindringlicher, während das Ringen um Erfolg innerhalb der Kulturindustrie in »Vincent« stärker ausgearbeitet war. Auch als Roman über den amerikanischen Traum wirkt »Heartland« letztlich facettenreicher und nachhaltiger. So erscheint »Sunset Flip« stellenweise fast wie eine Zusammenfassung vieler Motive und Themen, die Joey Goebel bereits zuvor beschäftigt haben. Das macht den Roman keineswegs schlecht – er bleibt lesenswert, unterhaltsam und durchaus spannend –, doch von einem literarisch herausragenden Werk oder einem wirklich großen Schriftsteller zu sprechen, fällt auch nach diesem Buch schwer.

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