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Veröffentlicht am 28.06.2024

Auf high heels durch die finnischen Wälder

Weißglut
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"Weißglut" von Tobias Quast spielt zwar im hohen Norden, genauer gesagt in Finnland, ist aber dennoch eher cozy als Scandinavia Noir. Hängt vielleicht auch damit zusammen, dass der Autor Deutscher ist, ...

"Weißglut" von Tobias Quast spielt zwar im hohen Norden, genauer gesagt in Finnland, ist aber dennoch eher cozy als Scandinavia Noir. Hängt vielleicht auch damit zusammen, dass der Autor Deutscher ist, wenn auch mit Finnland als zweiter Heimat. Ein deutsches Element liefert auch die Protagonistin, die Münchner Society Lady Sarah, die mit einer Auszeit in einem "Mökki", einem Ferienhaus an einem finnischen See, allem entkommen will: Dem schlagzeilenträchtigen Ehe-Aus, dem bevorstehenden Scheidungskrieg, den Geldforderungen ihrer Tochter und der Schickeria, die dank Illustrierten-Story weiß, dass sie von ihrem noch-Ehemann zugunsten einen 27-jährigen Schlagersternchens abserviert wurde. Danke, auf die öffentliche Demütigung kann sie verzichten.

In Finnland kennt zwar niemand Sarah, aber Probleme begleiten sie auch in die Idylle am See. Nicht nur, dass sie erst mal im falschen und nicht sonderlich heimeligen Mökki absteigt, sie findet am Morgen auch eine Leiche. Und ist für die Dorfgemeinschaft nicht nur die wahrscheinliche Mörderin, sondern wird auch gleich als heimliche Geliebte des Mannes gelabelt. Andere dagegen halten sie für eine Unterwelt-Russin. Und der ermittelnde Kommissar, der wie ein Klon des früheren Rennfahrers Mika Häkkinen aussieht und ständig Lakritze kaut? Sarah ist überzeugt, dass er nur darauf lauert, ihr Handschellen anzulegen.

Also muss sie selbst rauskriegen, wer den Nachbarn ermordet hat, mit tatkräftiger Hilfe der volltätowierten Anhalterin Ilvi, die trotz hippen Aussehens mit Sprichwörtern der finnischen Tradition um sich wirft. Auf high heels stöckelt Sarah durch finnische Wälder und auf Mittsommerfeste, versucht Tatverdächtige zu ermitteln und kommt hinter so manches Geheimnis der teilweise exzentrischen Dorfgemeinschaft.

"Weißglut" ist durchaus unterhaltsam, stellenweise in Richtung Klamauk, die Spannung hält sich allerdings in Grenzen. Im Grunde lebt das Buch von dem Kontrast der Luxusfrau in der eher kernigen naturnahen Umgebung und den Vorstellungen, die die Dorfbewohner von der Fremden haben. In einem zweiten Strang geht es um einen eher weltfremden und sozial isolierten Nachwuchswissenschaftler und seine Jagd nach einem Gegenstand, der die finnische Mythologie umschreiben könnte. Bis Sarah dahinter kommt, was das mit ihrer Mördersuche zu tun hat, hat der Roman ein paar Längen. Dennoch ein nettes Leseerlebnis mit ordentlich Skandinavien-Flair.

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Veröffentlicht am 18.06.2024

Entführung aus dem Nobelinternat

Der rote Spatz
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Mit Kindern hat Wirtschaftsspionin Eliza Roth-Schild ja eher nicht so viel zu tun. Ihr neuester Auftragsgeber in Marcel Huwylers "Der rote Spatz", ein Rüstungsindustrieller mit Wohnsitz in Monaco, lässt ...

Mit Kindern hat Wirtschaftsspionin Eliza Roth-Schild ja eher nicht so viel zu tun. Ihr neuester Auftragsgeber in Marcel Huwylers "Der rote Spatz", ein Rüstungsindustrieller mit Wohnsitz in Monaco, lässt sie allerdings als angebliche Mutter auftreten, die Schweizer Nobelinternate unter die Lupe nimmt. Sein Sprössling, so ist er überzeugt, ist ein verweichlichtes Muttersöhnchen, der eine härtere Schule und Distanz zu der liebevollen Mama braucht.

Neue Rolle, aber was tut man nicht alles für Geld, zumal Elizas Taxifahrer als nobler Chauffeur seine Belle Epoque-Phantasien bei der Recherche ausleben kann. Der Auftrag hat allerdings ein Nachspiel, als der Knabe aus dem Internat verschwindet und eine Lösegeldforderung auftaucht. Da sich die Direktoren diverser Internate an die Frau erinnern, die kurz zuvor einen Platz suchte und deren Fahrer sich auf mancher Sicherheitskamera verdächtig herumtrieb, rückt ein Spezialkommando der Polizei an und unterbricht Elizas Schönheitsschlaf.

Das Missverständnis ist schnell geklärt, auch wenn Eliza Erfahrungen mit schwedischen Gardinen macht, auf den die Frau mit dem Hang zum diskreten Luxus auch hätte verzichten können. Nun soll sie, noch so eine ungewohnte Rolle, ihrem Auftraggeber auch im Entführungsfall beistehen. Ihr Mitbewohner Fabio ist unterdessen einem Familiengeheimnis auf der Spur.

In Huwylers Buch spielt weniger der Plot eine Rolle - ich hatte schon bald geahnt, in welche Richtung sich der Fall entwickelt, als die leicht exaltierten Figuren. Vor allem Elizas chauffierender Assistent ist liebenswert-schrullig mit seiner Begeisterung für Undercovermissionen und Verkleidungen. Aber auch Eliza Roth-Schild ist eine Ermittlerin, die sich von den klassischen Polizistinnen, Privatdetektivinnen und anderen weiblichen Ermittlerinnen unterscheidet. Ich habe dieses Duo beim Lesen ins Herz geschossen. "Der rote Spatz" ist eher unterhaltsam als spannend und für Freunde des Nervenkitzels vielleicht nicht ausreichend, wer aber Cozy in Verbindung mit Upper Class-Gesellschaft mag, ist hier gut bedient.

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Veröffentlicht am 27.05.2024

Liebe, Wahn und Tod

Vergebens
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Im neuen Spreewaldkrimi von Christiane Diekerhoff um die Kommissarin Klaudia Wagner und ihre Kolleginnen und Kollegen des Polizeirevier Lübben geht es neben einem ziemlich blutigen Mordfall auch um allerlei ...

Im neuen Spreewaldkrimi von Christiane Diekerhoff um die Kommissarin Klaudia Wagner und ihre Kolleginnen und Kollegen des Polizeirevier Lübben geht es neben einem ziemlich blutigen Mordfall auch um allerlei große Dinge, von Transphobie über psychische Erkrankungen, Folgen tiefsitzender Traumata und daneben auch noch um viel Zwischenmenschliches im Arbeitsleben.

Denn abgesehen davon, dass der ausgesprochen brutale Mord an einem Gerichtsvollzieher aufzuklären ist und kurze Zeit später auch die Frau, die den Toten gefunden hat, tot ist, gärt ein Konkurrenzkampf im Lübbener Revier: Der langjährige Dienststellenleiter wird in den Ruhestand gegen, Klaudia hat sich für die Stelle beworben. Mit 46 Jahren wird es Zeit, Aufstiegswillen zu zeigen - doch eigentlich ist sie ja Vollblutermittlerin.

Will sie sich das wirklich antun, einen Job, der von Verwaltung und Dienstplänen geprägt ist. Zudem hat Klaudia Konkurrenz durch den smarten LKA-Ermittler Meinert, Mitte 30 und obendrein Polizeigewerkschafter, einer der vermutlich gut ankommt beim Personalrat. Für die Zusammenarbeit im kleinen Team jedenfalls ist die Jagd auf den Chefposten eher suboptimal, während sich Lager für die jeweiligen Kandidaten bilden und auf Fehler der Konkurrenz geachtet wird.

Diekerhoff schafft es, Spannung mit einer ruhigen Erzählweise zu verbinden und immer wieder auch die Wälder und Flusslandschaften zu schilder, die neugierig machen auf den Spreewald. Der beschaulichen Landschaft zum Trotz hat der neue Fall der Lübbener Ermittler viele Untiefen und erlebt eine dramatische Zuspitzung. Beharrlichkeit und Hartnäckigkeit, aber auch voller Einsatz prägen dieses Team. Der Titel "Vergebens" passt für den Fall, in dem es auch um Liebe, Wahn und Tod geht.

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Veröffentlicht am 24.05.2024

Tod eines Kritikers

Bitteres Ende
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iteraten können empfindliche Wesen sein. Das kann ein Kritiker ganz schön Schaden anrichten. Was aber, wenn der Kritiker auch charakterlich ein eher unangenehmer Zeitgenosse ist? Als am Ende eines einwöchigen ...

iteraten können empfindliche Wesen sein. Das kann ein Kritiker ganz schön Schaden anrichten. Was aber, wenn der Kritiker auch charakterlich ein eher unangenehmer Zeitgenosse ist? Als am Ende eines einwöchigen Literaturkolloquiums auf Sylt ein Literaturkritiker mausetot auf einer Bank an der Kampener Vogelkoje aufgefunden wird, merken die Kommissare Silja Blanck, Bastian Kreuzer und Sven Winterberg in Eva Eyleys Sylt-Krimi "Bitteres Ende" jedenfalls sehr schnell: Zwischen den schreibenden Schöngeistern und dem Kritiker herrschte so gar kein eitler Sonnenschein.

Doch reicht das als Mordmotiv? Und wer hatte überhaupt die Gelegenheit? Oder waren sie es womöglich alle gemeinsam, wie bei "Mord im Orient-Express", um mal bei der (Kriminal-)Literatur zu bleiben? Die Kommissare verrennen sich in diesem Buch gleich mehrmals und müssen ziemlich lange rumrätseln. Die dann doch sehr unterschiedlichen Literaten - ein Lyriker, eine Kinderbuchautorin, eine Ratgeberautorin und ein literarisches Nachwuchstalent plus eine Talkmasterin und der den Kommissaren bestens bekannte Inseljournalist Hübner hatten alle so ihre Spannungen mit dem toten Kritiker. Allein lässt sich niemandem ein Mord nachweisen.

Vielleicht war alles ganz anders? Bei ihren weiteren Nachforschungen stoßen die Ermittler auf eine Häufung von Zufallsbegegnungen, die irgendwann kein Zufall mehr sein können. Der wahre Hintergrund der Tat erschließt sich erst beim etwas melodramatisch ausfallendem Finale.

Den Reiz dieses Romans machen die ein wenig überzeichneten Autorinnen und Autoren aus, die entsprechend exaltiert wirken. Dass es sich um eine bereits seit längerem laufende Serie handelt, ist nicht weiter problematisch. "Bitteres Ende" ist ein solider Whodunnit mit Inselkulisse.

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Veröffentlicht am 08.05.2024

Schlagfertige Reporterin auf der Suche nach Serienmörder

Doch das Messer sieht man nicht
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Der Titel "Doch das Messer sieht man nicht" von I. L. Callis´historischem Kriminalroman hat mich gleich getriggert - klar, die Ballade von Mackie Messer, Glanz und Elend der Weimarer Republik, dazu eine ...

Der Titel "Doch das Messer sieht man nicht" von I. L. Callis´historischem Kriminalroman hat mich gleich getriggert - klar, die Ballade von Mackie Messer, Glanz und Elend der Weimarer Republik, dazu eine expressionistisch angehauchte Covergestaltung, die ebenfalls in die Zeitperiode passt. Ich war sofort neugierig auf Anais Maar, die Protagonistin dieses Buchs, die eher unfreiwillig einem Serienmörder nachstellt, der an Jack the Ripper erinnert. Auch hier handelt es sich bei den Opfern um Prostituierte aus armen Verhältnissen, hier am Schlesischen Bahnhof.

Dabei ist Anais eigentlich Leiterin der Kulturredaktion bei einem Berliner Wochenblatt und interessiert sich eher für eine literarische Zukunft. Journalistisch eifert sie dem großen Vorbild Egon Erwin Kisch nach, der im deutschsprachigen Journalismus die Form der literarischen Reportage begründet hat. Aber das Polizeiressort entlockt ihr zunächst doch ein gewisses Naserümpfen.

Allerdings ist Anais nicht nur ein feuilletonistischer Feingeist, in ihrer Freizeit boxt sie, was für Frauen ihrer Zeit verboten ist. Als Tochter einer Deutschen und eines Afrikaners wird sie seit ihrer Kindheit teils rassistisch beleidigt, teils als Exotin behandelt, Was sie andererseits schützt, ist ihre privilegierte Herkunft aus dem gehobenen Großbürgertum. Dennoch beginnt auch in der Redaktion des "Brennpunkt" die politische Aufspaltung der Gesellschaft Wurzeln zu schlagen.

Eine andere starke Frauenfigur dieses Buchs ist Josefine, die von einer Zukunft beim Film träumt, als Partygirl aus prekären Verhältnissen aber vor allem zahlungskräftige Männer braucht und für die harte, wenig schillernde Seite des Berlins der späten 1920-er Jahre steht. Für mich ist Josefine dabei glaubwürdiger als die arg konstruiert wirkende Figur der Anais.

Ein klassischer Whodunit ist dies nicht, die Polizeiarbeit spielt hier keine Rolle, vielmehr ist der Kriminalfall in das Zeitporträt eingebettet. Das ist wohl auch besser, denn ich konnte mir schon bald denken, wer hinter den Morden steckt. Die Atmosphäre des gleichzeitig schillernden und sich zuspitzenden Berlins der Weimarer Republik ist gut eingefangen und macht das Buch lesenswert.

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