Nichts für schwache Nerven und sicherlich keine leichte Unterhaltung - Polarisation par excellence
Zeitbrand: GenesisDieses Buch polarisiert. Durch seine Schonungslosigkeit, durch seine Unbequemlichkeit, durch seine Konsequenz, hässliche Dinge beim Namen zu nennen – ungeschönt. Dabei ist es inhaltlich gespickt mit subtiler, ...
Dieses Buch polarisiert. Durch seine Schonungslosigkeit, durch seine Unbequemlichkeit, durch seine Konsequenz, hässliche Dinge beim Namen zu nennen – ungeschönt. Dabei ist es inhaltlich gespickt mit subtiler, brandaktueller Gesellschaftskritik und zahlreichen Anregungen, das eigene Verhalten, eigene Einstellungen kritisch zu hinterfragen und dabei auch bewusst das Augenmerk auf die Aspekte zu legen, die uns unangenehm sind. Ja, jede Entscheidung oder Überzeugung hat ihre Schattenseiten und negative Konsequenzen. Ob für uns oder andere, ist dabei unerheblich. Es gibt sie. Sie existieren. Darum und die Auseinandersetzung damit geht es.
Eryx Vail hält den Leser:innen mit stoischer Konsequenz diesen unerfreulichen Spiegel vor, was das Lesen des Buches, wie er selbst schreibt, zu einer Zumutung macht.
Um jedoch ein tieferes Verständnis dieses in weiten Teilen äußerst brutal geschriebenen Textes zu erlangen, ist es notwendig, sich intensiv damit auseinander zu setzen. Fahriges Drüberlesen oder Berieseln-Lassen wird nicht funktionieren. Und selbst wenn die Leserin oder der Leser sich darauf einlassen kann, wird es zahlreichen davon nicht gefallen. Aber das muss es auch nicht, wenn andersartige, zum Nachdenken anregende Literatur und nicht gefällige gewünscht ist.
Es ist sehr schwer, das Buch genauer zu beschreiben, ohne zu viel von der Story oder den Charakteren zu verraten. Allerdings so viel: Der Klappentext der ersten Auflage lässt nicht einmal erahnen, wie heftig und unbequem der Inhalt ist und wie tief die Abgründe der gezeichneten Charaktere. Empfindsamen, sensiblen oder gewaltaversen Leser:innen kann ich daher nur dringend abraten, dieses Buch zu lesen. Auch ist es in meiner Wahrnehmung ausschließlich für erwachsene Leser geeignet.
Neben den von mir positiv empfundenen Punkten, nämlich, dass dieses Fantasy-Buch so ganz anders daherkommt als erwartet, gibt es allerdings auch Kritikpunkte: Die Charaktere verlieren im Laufe der Geschichte teilweise an Zeichnung und waren für mich zum Ende hin nicht mehr stimmig. Grundsätzlich werden sehr viele Charakter in die Geschichte eingeführt, was verwirrend sein kann.
Insbesondere zum Ende hin hat die Story für mich an Dichte verloren. Zu viele Zufälle und „glückliche“ Fügungen, um mich zufrieden zu stellen und bei der Geschichte zu halten.
Bezugnehmen auf die erste Auflage besticht das Buch, leider, auch negativ durch nur mäßige Lektoratsarbeit. Es finden sich zahlreiche, vermeidbare Fehler, die ggfs. den inhaltlichen Lesefluss stören.
Ein womöglich ebenfalls wichtiger Hinweis: Es handelt sich um den ersten Band einer Serie. Das Buch ist damit nicht in sich abgeschlossen und es bleiben viele Fragen offen.
Und damit schließt sich der Kreis zum Beginn dieser Rezension: Dieses Buch polarisiert. Entscheidet selbst, ob es etwas für euch sein könnte.