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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.07.2024

Schamlos

Schambereich
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„Scham lebt davon, dass wir versuchen, sie weiträumig zu umfahren. Scham ist eine Instanz, deren Macht und Fortbestand von der Angst abhängt, die wir vor ihr haben, von unseren Vermeidungsstrategien, die ...

„Scham lebt davon, dass wir versuchen, sie weiträumig zu umfahren. Scham ist eine Instanz, deren Macht und Fortbestand von der Angst abhängt, die wir vor ihr haben, von unseren Vermeidungsstrategien, die wir pflegen, um uns ihr nicht auszusetzen. Davon zehrt sie.“
Hier soll es um verschiedene Dinge gehen, über die zu reden bei uns ein Schamgefühl verursacht, allen voran um Sex. Und „Frau Koschmieder“, wie sich die Autorin selbst nennt, nimmt kein Blatt vor den Mund, dessen kann man sich gewiss sein.
Das Buch wird mal als Roman, mal als Sachbuch gelistet, je nachdem, wo man schaut. Während sich die Auseinandersetzung mit der Sucht im Vorgänger „Dry“ wie ein Roman las, werden hier zahlreiche Recherche-Ergebnisse und fachliche Referenzen zitiert, die sehr viel mehr nach einem Sachbuch anmuten.
Ebenjene Einschübe verursachten, dass ich mich von der Erzählerin entfernte, während die Entblößung ihres Innersten mich sehr berührte. Dafür musste sie nicht etwa auf sexuelle Spielarten anspielen, sondern nur die alltäglichen Dinge so nachvollziehbar in ihren Bericht einbinden, wie sie es eben tut.
Während das Buch viele Themen beleuchtet, von Pornographie übers Kinderkriegen bis hin zu Feminismus, habe ich mir eigentlich mehr die persönliche Betrachtung gewünscht und bin deshalb ein kleines bisschen enttäuscht von diesem Buch.

Veröffentlicht am 18.06.2024

Der Verlust der Unschuld

Ich stelle mich schlafend
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Yasemin verliebt sich als Teenager in Vito, der auch Jahrzehnte später noch eine große Anziehung auf sie auswirkt. Dazwischen ist sie in Behandlung einer körperlichen Fehlstellung nach einem Sturz vom ...

Yasemin verliebt sich als Teenager in Vito, der auch Jahrzehnte später noch eine große Anziehung auf sie auswirkt. Dazwischen ist sie in Behandlung einer körperlichen Fehlstellung nach einem Sturz vom Pferd und baut sich ihr eigenes Leben auf.
Mir gefiel die Darstellung kindlicher Fantasie, die Yasemin beim Spielen mit der Freundin oder beim Heraufbeschwören des Geliebten an den Tag legt. Und ich habe einige Stellen markiert, die mich durch eine poetische Sprache oder ihre humorvolle Art begeisterten.
Doch in erster Linie geht es in diesem Buch um Scham nach dem Verlust ihrer Unschuld, um ein Minderwertigkeitsgefühl der Protagonistin nach dem Missbrauch durch andere. „War Yasemins Wille gebrochen oder nur gebeugt? Eine Mikrowellenstrahlung, die in ihr Leben hineinragte wie der Nachhall eines Urknalls.“
So wichtig ich dieses Thema empfinde, so unzufrieden macht mich die Umsetzung in diesem Buch. Ich habe mir eine Reaktion gewünscht, zu sehen, wie sich Yasemin in ihrem Leben weiterentwickelt. Stattdessen gibt es unzählige Exkurse, die von den Gefühlen der Hauptfigur ablenken. So fehlt mir der Nachhall, der diesen Roman für mich zu einem besonderen machen würde.

Veröffentlicht am 17.05.2024

Gänse-Geheimtipps

Die erstaunliche Welt der Graugänse
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Sonia Kleindorfer gewährt Einblicke in die Arbeit der Forschungsstation, die sie von Konrad Lorenz übernommen hat, und in das Leben ihrer Forschungsobjekte, den Graugänsen.
Mit dem Griff zu einem Buch ...

Sonia Kleindorfer gewährt Einblicke in die Arbeit der Forschungsstation, die sie von Konrad Lorenz übernommen hat, und in das Leben ihrer Forschungsobjekte, den Graugänsen.
Mit dem Griff zu einem Buch über Tiere, die sonst in meiner Welt keine Rolle spielen, packe ich meine kindliche Neugier aus und begebe mich auf unbekanntes Terrain. Überblicksseiten zu Beginn des Buchs erleichtern Neulingen wie mir den Einstieg, auch wenn ich im Laufe des Lesens feststelle, dass einige Begriffe, wie etwa „Gössel“, vorausgesetzt werden und in meinem Wortschatz fehlen.
„Wenn Sie hingegen jemals eine Gans verärgert haben, kann es Jahre dauern, bis diese ihre Meinung über Sie ändert. In dem Fall viel Glück - am besten verärgern Sie keine Gans, wenn Sie ein friedliches Leben führen wollen.“ Neben derartigen Geheimtipps für das Miteinander mit Gänsen erfahre ich viel über ihre Fähigkeiten, von der Gesichtserkennung bis zu den Signalen, mit denen die Vögel kommunizieren.
Fotos ergänzen die Informationen sehr passend; insbesondere Testszenarien werden dadurch veranschaulicht. Die Aufmachung hat mir außerordentlich gut gefallen. Einzig an der Erzählweise der Autorin, die auch mal zu artfremden Themen abschweift oder den Text mit den Namen ihrer Zöglinge überfrachtet, habe ich mich mitunter gestört.

Veröffentlicht am 11.05.2024

Der Angstversteher

Herr G. hat Angst
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„Herr G.“ leidet unter Ängsten und begibt sich auf die Suche nach Lösungen in der Philosophie, der Wissenschaft oder der Spiritualität.
Die Machart erinnert mich an die Hector-Romane von François Lelord, ...

„Herr G.“ leidet unter Ängsten und begibt sich auf die Suche nach Lösungen in der Philosophie, der Wissenschaft oder der Spiritualität.
Die Machart erinnert mich an die Hector-Romane von François Lelord, denn auch hier spricht der Protagonist mit verschiedenen Personen zu einem Thema und zieht daraus Erkenntnisse für sein Leben.
Trotz der romanhaften Erzählweise wird der vorliegende Text vom Verlag als Sachbuch eingestuft, dies wohl begründet mit den zahlreichen Referenzen zu Fachartikeln oder Sachbüchern. Indirekt könnte es dem an sich zweifelnden Leser wohl auch als Ratgeber dienen, sofern er die Informationen selbst anwendet.
„Immer wenn der Ärger sich gelegt hatte, fragte sich Herr G., weshalb er sich das Leben selbst so schwer machte.“ Herr G. ist eine nahbare Figur, können wir doch an seinen Gedanken direkt teilhaben. Mitunter machte er auf mich einen naiven Eindruck, denn die meisten Fakten dürften einem durchschnittlich informierten Menschen nicht neu sein.
Somit ist das Werk dann eben doch nicht als Ratgeber geeignet, da es zwar einen Querschnitt über die verschiedenen Disziplinen abbildet, aber wenig konkret bei der Anwendung wird. Auch wenn die Lektüre mein Wissen nicht grundlegend erweitert hat, empfand ich sie als philosophisch und unterhaltsam.

Veröffentlicht am 03.05.2024

Allein unter Italienern

Die Spaghetti-vongole-Tagebücher
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Stefan Maiwald will es seiner italienischen famiglia beweisen und sie mit lokalen Speisen bekochen. Zur Vorbereitung konsultiert er Experten zwischen Venedig und Triest.
“Die Spaghetti-vongole-Tagebücher” ...

Stefan Maiwald will es seiner italienischen famiglia beweisen und sie mit lokalen Speisen bekochen. Zur Vorbereitung konsultiert er Experten zwischen Venedig und Triest.
“Die Spaghetti-vongole-Tagebücher” sind aufgeteilt in drei Teile: „Die Vorbereitungen“ handeln von der Reise, „Das Fest naht“ von den eigenen Erfahrungen in der Küche, schließlich bildet „Das Fest“ den krönenden Abschluss. In eingeschobenen und farbig hervorgehobenen Kapiteln erfahren wir “Am Wegesrand” Allgemeines zur cucina italiana.
Der Schreibstil ist locker und unterhaltsam, und für die deutsche Leserschaft wird gut nachvollziehbar, wie sich ein Deutscher in Italien fühlen muss, wenn er sprachlich und beim Kochen mit den Einheimischen mithalten will. Seine Berater, das sind Winzer, Pizzabäcker oder Restaurantbesitzer, scheinen bereits in “Meine Bar in Italien” vorgestellt worden zu sein, das ich jedoch nicht kenne. Somit sind mir womöglich Details in der Vielzahl der Namen untergegangen.
Ich finde es schade, dass der Autor kaum darauf eingeht, wie ihm die Zubereitung der Gerichte gelungen ist, während er zuvor ein aufwändiges Menü in allen Einzelheiten geplant hatte. Die Auseinandersetzung mit der italienischen Kultur ist mitunter etwas speziell, hat mir aber gut gefallen. Die Interaktion mit Freunden und Familie wirkt authentisch und sympathisch. Das Buch scheint mir mit seiner ansprechenden Gestaltung ein passendes Geschenk für alle Liebhaber italienischer Lebensart.