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Veröffentlicht am 22.08.2024

Ein zarter und poetischer Roman über ein Stück fast vergessener deutscher Geschichte

Die lichten Sommer
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Simone Kucher hat auf der Suche nach der eigenen Geschichte einen Roman über Vertreibung, intergenerationales Trauma sowie die Ambivalenz von Anpassung und Widerstand geschrieben.

In diesem Buch begleiten ...

Simone Kucher hat auf der Suche nach der eigenen Geschichte einen Roman über Vertreibung, intergenerationales Trauma sowie die Ambivalenz von Anpassung und Widerstand geschrieben.

In diesem Buch begleiten wir abwechselnd Liz, die in den 60/70ern in Süddeutschland groß wird, und ihre Mutter Nevenka auf verschiedenen Zeitebenen. Nevenka wuchs in der ehemaligen Tschechoslowakei auf und wurde nach dem zweiten Weltkrieg zusammen mit 3 Millionen weiteren Sudetendeutschen aus ihrer Heimat vertrieben.

Kucher schreibt poetisch und sanft über schlimmste Menschenrechtsverletzungen und über die Vielschichtigkeit des Themas. Besonders Nevenkas Perspektive als eine Jugendliche im letzten Kriegsjahr vermittelt ein Gefühl für die Bevölkerungsgruppe, die erst unter der gewaltvollen Besetzung durch das NS-Regime und wenige Jahre später unter der nicht weniger gewaltvollen Vertreibung (und teilweise Ermordung) zu leiden hatte. In dieser dunklen Zeit entwickelt sich eine zarte Freundinnenschaft zwischen Nevenka und Zena, die ein schreckliches Ende nimmt und Nevenka noch lange begleitet.

Liz wiederum kämpft gegen patriarchale Normen und die Diskriminierung als „Flüchtling“ an, obwohl sie ja in Deutschland geboren wurde. Sie trägt zusätzlich Scham und Trauma in sich, bei denen nicht immer klar ist, ob es die eigene Geschichte oder die der Mutter ist, die hier zugrundeliegt.

Die Sprache fand ich eher anspruchsvoll, auch wenn sich das Buch trotzdem erstaunlich flüssig lesen ließ. Den Perspektivenwechsel mochte ich zwar prinzipiell, ich hätte beide Figuren aber gern noch etwas tiefer kennengelernt. Einiges wird nur angedeutet, was bei allem Grauen manchmal jedoch schlicht notwendig ist. Auch, wenn die Handlung elegant gewisse Grundinformationen mitliefert, hatte ich das Bedürfnis, mich weiter mit diesem Teil der Nachkriegsgeschichte zu befassen. Das möchte ich zwar nicht ständig, fand es hier aber wirklich gut und ansprechend umgesetzt.

Der unabhängige Kjona-Verlag hat ein herausforderndes, aber lohnenswertes Buch publiziert, das ich allen empfehle, die sich gern mit historisch eher unbekannten Ereignissen befassen und eine anspruchsvoll-poetische Sprache mögen.

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Veröffentlicht am 18.08.2024

Besonders, bissig und überspitzt komisch in einem

Malibu Orange
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Ich bin richtig froh, dass ich meine Hoffnungen in "Malibu Orange" hochgehalten und deshalb nicht voreilig abgebrochen habe. Denn der Schreibstil ist ungewohnt, rasant und durchaus gewöhnungsbedürftig. ...

Ich bin richtig froh, dass ich meine Hoffnungen in "Malibu Orange" hochgehalten und deshalb nicht voreilig abgebrochen habe. Denn der Schreibstil ist ungewohnt, rasant und durchaus gewöhnungsbedürftig. Er entfaltet aber auch eine unglaubliche Sogwirkung zu einem so wichtigen wie schwierigen Thema.

Wir sitzen beim Lesen in Anjas Kopf und begleiten ihren inneren Monolog, in dem sie sich kritisch der Gesellschaft und sich selbst, vor allem aber auch anderen gegenüber äußert. Die Protagonistin kehrt nach beruflichem Ausbrennen mit anschließender Kündigung in ihr österreichisches Kaff zurück und trifft dort endlich auch wieder auf ihre beste Freundin Magda. Von deren freiheitsliebender Art ist indes wenig übrig, denn sie hat nun einen Volker. 🙄

Volker ist einfach der Ausbund an patriarchaler, fragiler Männlichkeit und gleichzeitig der Inbegriff eines manipulativen Partners. Ihn nicht zu hassen dürfte beim Lesen unmöglich sein. Doch der Roman will nicht mit Eindeutigkeiten spielen, sondern Fragen nach Verantwortung aufwerfen. Denn Anja merkt schon früh, dass die Beziehung ein toxisches Muster zeigt und versucht auch, zu intervenieren. Doch jede Kritik ist gefolgt von einem weiteren Abwenden Magdas bis die quasi völlig isoliert nur noch in ihrer Beziehung existiert. Exakt an der Stelle muss ich mir als Leserin die Frage stellen: Was würde ich tun? Mich abwenden und die völlige Abhängigkeit meiner besten Freundin in Kauf nehmen oder mitspielen und meine Bedenken beiseiteschieben? Und ist es denn überhaupt so schlimm? (Spoiler: JA!)

Mit viel Überspitzung, Satire und einem wie gesagt absolut rasanten Werk zieht Ulrike Haidacher ihre Leser
innenschaft in ein unangenehmes Terrain. Es bietet sich meiner Meinung nach an, die gut 200 Seiten in einem Rutsch zu lesen, damit sie ihre Wirkung optimal entfalten können. Das Wienerisch brachte mich manchmal ins Stolpern, sorgt aber auch für eine erfrischende Authentizität. Anders als gedacht, aber wirklich gut!

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Veröffentlicht am 07.08.2024

Ein schwer zu beschreibendes Buch, in dem wenig und doch im Detail so viel passiert

Die Sache mit Rachel
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Ich weiß nicht, ob mir eine Buchrezension schon einmal so schwer gefallen ist wie für „Die Sache mit Rachel“. Im ersten Viertel habe ich nämlich ein paarmal überlegt, den Roman abzubrechen. Nicht, weil ...

Ich weiß nicht, ob mir eine Buchrezension schon einmal so schwer gefallen ist wie für „Die Sache mit Rachel“. Im ersten Viertel habe ich nämlich ein paarmal überlegt, den Roman abzubrechen. Nicht, weil er schlecht geschrieben wäre, aber ich konnte eine Weile wenig Kontakt zu den Figuren aufbauen und hatte keine Idee, wo die Handlung hingeht. Aber irgendetwas ist mit diesem Buch, denn es geht nicht nur mir so, dass mensch trotzdem nicht aufhören kann zu lesen.

Der Text ist aus Sicht von Rachel geschrieben, die hauptsächlich über die Zeit rund um 2010 in Cork erzählt. Die Perspektivlosigkeit einer ländlichen Gegend in Irland zu Zeiten der Finanzkrise spielt eine große Rolle, doch es geht auch um viele weitere Themen. Wie nebenher webt Caroline O’Donoghue bspw. Homofeindlichkeit und die Abtreibungsdebatte in dem katholisch geprägten Land ein.

Neben Rachel spielen auch ihr bester Freund James, der sich sehr früh als schwul outet, und ihr Professor Dr. Byrne eine große Rolle. Letzteren will Rachel mit Hilfe von James nämlich eigentlich verführen, aber das Ganze entwickelt sich in eine völlig andere Richtung.

Sprachlich wählt die Autorin eine direkt, manchmal vulgäre Sprache, die ich zum einen authentisch fand für eine 20-Jährige und außerdem gern mochte. Das ist sicherlich Geschmacksache. Zu Beginn habe ich mich mit einigen popkulturellen Referenzen schwer getan. Doch im Endeffekt muss mensch die auch gar nicht kennen, um der Handlung folgen zu können.

Vielmehr geht es nämlich um persönliche Schicksale und Entscheidungen, um das Leben in Perspektivlosigkeit sowie um Privilegien und Beziehungsdynamiken. Ganz besonders wichtig ist natürlich die Freund*innenschaft zwischen Rachel und James, mit der ich erst warm werden musste. Die Zuneigung der beiden ist nicht direkt greifbar, aber mit dem Kennenlernen der Figuren fiel es mir schwer, sie nicht gern zu haben, obwohl oder gerade weil sie irgendwie messy sind.

Ich war selten froh, ein Buch doch nicht abgebrochen zu haben. Hier bin ich es! Ja, mit den Figuren musste ich erst warm werden und ja, am Anfang hatte ich keine Idee, wohin genau die Geschichte gehen soll. Aber der Roman ist so sehr eine leichte Sommerlektüre wie er ein akkurates Bild der Zeit und des Ortes zeichnet, in denen er spielt. Mit kleinen Zeitsprüngen werden immer wieder Cliffhanger eingearbeitet, die mich das Buch irgendwann nicht mehr aus der Hand haben legen lassen. Und auch die Figuren sind irgendwie liebenswert und echt, auch wenn sie teilweise überspitzt gezeichnet sind. Dabei ist der Roman emotional nicht super tief, aber genau das fand ich passend zur Lektüre.

Die Geister scheiden sich an diesem Roman, ich fand in rückblickend wirklich gut. Eine sehr überraschende Leseempfehlung daher für Millennials und alle anderen, die eine leichte Lektüre suchen und kein Problem mit einer derben Sprache von unperfekten Charakteren haben.

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Veröffentlicht am 06.08.2024

Schöne Geschichte zu innerer Schönheit mit einigen Längen in der Umsetzung

A Beautiful Flaw
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Ich fand das beschriebene Setting im Klappentext spannend und auch das Hauptthema zu "Was ist eigentlich schön" hat mich angesprochen. Außerdem wurde ein Vergleich zu Bridgerton gezogen und da bin ich ...

Ich fand das beschriebene Setting im Klappentext spannend und auch das Hauptthema zu "Was ist eigentlich schön" hat mich angesprochen. Außerdem wurde ein Vergleich zu Bridgerton gezogen und da bin ich natürlich sofort am Start. 😅

Die Geschichte lässt sich sprachlich gut lesen und besonders gut haben mir die Abschnitte mit den Drehbuchauszügen gefallen. Die Handlung wechselt zwischen den Perspektive von Vic und Lex, Sam kommt als Hauptdarstellerin der Serie und als Vics Schwester auch in ein paar Kapiteln zu Wort. An der Stelle habe ich aber bereits eine erste Kritik, denn ihre Sichtweise bleibt mir viel zu flach, eindimensional und langweilig. Irgendwie habe ich das Gefühl, die Perspektive hätte auch gestrichen werden können und es hätte nichts an der Handlung verändert. Sam bekommt im nächsten Teil ja auch noch ihren Auftritt, das hätte meiner Meinung nach auch genügt. Vic und Lex sind als Figuren deutlich komplexer, doch auch sie konnte ich emotional nicht zu 100 % greifen bzw. waren sie mir ein wenig zu vorhersehbar. Ich mag aber auch ambivalente Figuren lieber, das sei zur Einordnung gesagt.

Trotz des zugänglichen Schreibstils und des hilfreichen Glossars hatte das Buch seine Längen, durch die ich mich phasenweise etwas durchbeißen musste. Auf den Themen "vergangene Traumata" sowie "innere Schönheit" wurde mir persönlich ein wenig zu intensiv herumgeritten und auch der Beziehungsaufbau zwischen Vic und Lex hätte für mich ein wenig mehr Dynamik haben können. Ein paar Inkonsistenzen/Fehler gab es auch im Roman, so wurde z. B. beschrieben, dass die Serienszenen oft gar nicht chronologisch zur Handlung gedreht werden, aber die Schlussszene wurde dann auf einmal doch ganz am Ende gedreht. Und so sehr das Glossar bei den Filmbegriffen hilft, bleibt für mich bspw. trotzdem offen, was mit "Cont'd" im Skript gemeint ist.

Die konkreten Unsicherheiten Vics können bestimmt vielen Menschen dabei helfen, sich gesehen und weniger allein zu fühlen. Auch, wenn das konkret mich persönlich nicht angesprochen hat, finde ich den Roman sehr wichtig. Die 4 Sterne sind aufgrunddessen etwas aufgerundet, da er für mich wie gesagt deutlich flüssiger und emotional zugänglicher hätte sein dürfen.

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Veröffentlicht am 23.07.2024

Voller Humor und mit Leichtigkeit erzählte Suche nach dem eigenen Vater (und der eigenen Identität)

Land in Sicht
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Das Buch lässt sich in seiner Kürze einfach unfassbar flüssig lesen. Der Schreibstil ist leicht und von einem feinen Humor geprägt. Es ist absolut beeindruckend, wie Ilona Hartmann hier ernste Themen auf ...

Das Buch lässt sich in seiner Kürze einfach unfassbar flüssig lesen. Der Schreibstil ist leicht und von einem feinen Humor geprägt. Es ist absolut beeindruckend, wie Ilona Hartmann hier ernste Themen auf eine so leichtfüßige Weise behandelt, ohne ihnen dabei die Ernsthaftigkeit zu nehmen.

Jana sucht ihren Vater und geht dabei an Bord eines Kreuzfahrtschiffes auf der Donau, auf welchem er der Kapitän ist. Es geht aber nicht nur um das Annähern der beiden, um das Gegenüberstellen von Erwartungen und Realität, um die Erinnerung an sein Fehlen. Ilona Hartmann reflektiert durch ihre Protagonistin auch über ganz andere Themen, die meine inner millenial sehr deutlich angesprochen haben.

Wie ist eigentlich das wirkliche "Coming of Age"-Leben? Welche Rolle hätte ein Vater spielen können, wäre er zumindest physisch anwesend gewesen? Was genau sind die eigenen Vorstellungen von der Zukunft? Und trotz all dieser bedeutenden Fragen wird das Buch nie schwer.

Ich hatte mit dem Buch eine sehr gute Lesezeit und musste etliche Male lachen. Emotional hätte es für mich noch ein wenig intensiver sein können, die Handlung springt dafür dann doch etwas zu schnell hin und her. Doch alle, die eine kurzweilige und humorvolle Lektüre suchen, werden mit "Land in Sicht" glücklich sein.

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