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Veröffentlicht am 10.09.2024

Ein atemraubender, psychisch herausfordernder Roman

Kleine Monster
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[TW: Kindstod, Gewalt gegen Kinder, Tierquälerei (kurz)]


„Kleine Monster“ fordert seine Leser*innen. Er erwartet von ihnen, dass sie Leerstellen und extrem ambivalente Charaktere aushalten können.

Der ...

[TW: Kindstod, Gewalt gegen Kinder, Tierquälerei (kurz)]


„Kleine Monster“ fordert seine Leser*innen. Er erwartet von ihnen, dass sie Leerstellen und extrem ambivalente Charaktere aushalten können.

Der Roman beginnt mit einem Aufhänger, der fairerweise auch nur genau das ist: ein Aufhänger für ein viel tieferliegendes Problem. Am Anfang steht ein Vorfall an der Schule, in den der siebenjährige Luca verwickelt ist. Was genau hat er getan und warum? Seine Mutter Pia möchte es herausfinden und beginnt, das Vertrauen zwischen ihr und ihrem Sohn sowie ihr Kind selbst zunehmend infrage zu stellen. Im Laufe der Handlung taucht die Autorin in ganz kurzen Kapiteln, die stets aus der Sicht von Pia erzählt werden, immer mehr in die Hintergrundgeschichte der Protagonistin ein. Diese ist geprägt von dem furchtbaren Verlust der kleinen Schwester, dem mangelnden Umgang der Eltern mit diesem und einer großen Schuldfrage. Hat Adoptivschwester Romi etwas mit dem Tod zu tun? Inwieweit täuschen die Erinnerungen an ihre Kindheit? Und an welchen Stellen geht es gar nicht um Lucas Verhalten, sondern um Romi?

Jessica Lind spielt in einem extremen Ausmaß mit Leerstellen und Subtext. Auf halbem Wege war ich mir unsicher, ob es mir zu viel Ungesagtes ist. Das letzte Drittel war dann aber wie ein Rausch und mir persönlich hat Pias Entwicklung hier sehr gut gefallen. Sie befindet sich in einem dauerhaften Spannungsfeld zwischen ihrem eigenen unbearbeiteten transgenerationalen Trauma und gesellschaftlichen Erwartungen an Eltern- bzw. konkret Mutterschaft.

Die Vorfälle werden nicht bis ins letzte Detail geklärt und waren für mich doch abgeschlossen. Wahrscheinlich kommt es darauf an, inwieweit mensch den Figuren am Ende Glauben schenkt. Pia zeigt an einigen Stellen ein teilweise gewaltvolles, übergriffiges Verhalten ihrem Sohn gegenüber. Das ist wirklich hart, wird aber auch nicht beschönigt. Ich finde es so erschreckend wie spannend, dass Traumata generationsübergreifend so weitergegeben werden können und habe Pia gern zu Beginn ihrer Aufarbeitung begleitet.

Der Roman ist voller Tempo und hat teils thrillerhafte Züge, die mich mit angehaltenem Atem haben lesen lassen. Ein Buch, das sich gut in einem Zug lesen lässt, welches Aufmerksamkeit fordert und für mich im Ganzen herausfordernd war, aber trotzdem rund.

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Veröffentlicht am 26.08.2024

Leicht lesbar, unterhaltsam und emotional vielschichtig

Mein Herbst voller Küsse, Chaos und Graffiti
3

Ich kenne den ersten Teil der Reihe nicht, das war bei der Lektüre aber gar kein Hindernis. Die Autorin hat es sehr gut geschafft, wichtige Referenzen aus dem Vorgängerroman harmonisch in die Handlung ...

Ich kenne den ersten Teil der Reihe nicht, das war bei der Lektüre aber gar kein Hindernis. Die Autorin hat es sehr gut geschafft, wichtige Referenzen aus dem Vorgängerroman harmonisch in die Handlung einzuschreiben, sodass die Teile problemlos getrennt voneinander gelesen werden können.

Mit Charly begleiten wir eine sympathische Protagonistin, die emotional vielschichtig und damit greifbar geschrieben ist - auch für eine erwachsene Leser:innenschaft. Sowieso ist das gesamte Buch sprachlich sehr zugänglich und humorvoll gehalten, weshalb ich mich gut unterhalten gefühlt habe und beim Lesen meinen Kopf ausschalten konnte.

Noah ist ein liebevoller, respektvoller Junge und ich wünsche mir mehr solche Vorbilder von (jungen) Männern in Büchern. Allgemein sind die Freund:innenschaften im Buch ein sehr positives Element und auch die Eltern empfand ich als wholesome.

Manche Dinge haben mich im letzten Drittel des Buches dann aber doch gestört. Die Streits und Missverständnisse gingen mir allmählich etwas auf die Nerven und auch, dass sie dann so urplötzlich aus der Welt geschafft werden konnten, war für mich nicht ganz rund. Außerdem hätte ich persönlich auf ein paar Klischees (die dümmliche Fashionista etwa oder dass die Mädchen sich besonders schön machen müssen vor einem Date) verzichten können.

Davon abgesehen aber ein wirklich schönes Jugendbuch zum Abschalten.

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Veröffentlicht am 22.08.2024

Ein zarter und poetischer Roman über ein Stück fast vergessener deutscher Geschichte

Die lichten Sommer
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Simone Kucher hat auf der Suche nach der eigenen Geschichte einen Roman über Vertreibung, intergenerationales Trauma sowie die Ambivalenz von Anpassung und Widerstand geschrieben.

In diesem Buch begleiten ...

Simone Kucher hat auf der Suche nach der eigenen Geschichte einen Roman über Vertreibung, intergenerationales Trauma sowie die Ambivalenz von Anpassung und Widerstand geschrieben.

In diesem Buch begleiten wir abwechselnd Liz, die in den 60/70ern in Süddeutschland groß wird, und ihre Mutter Nevenka auf verschiedenen Zeitebenen. Nevenka wuchs in der ehemaligen Tschechoslowakei auf und wurde nach dem zweiten Weltkrieg zusammen mit 3 Millionen weiteren Sudetendeutschen aus ihrer Heimat vertrieben.

Kucher schreibt poetisch und sanft über schlimmste Menschenrechtsverletzungen und über die Vielschichtigkeit des Themas. Besonders Nevenkas Perspektive als eine Jugendliche im letzten Kriegsjahr vermittelt ein Gefühl für die Bevölkerungsgruppe, die erst unter der gewaltvollen Besetzung durch das NS-Regime und wenige Jahre später unter der nicht weniger gewaltvollen Vertreibung (und teilweise Ermordung) zu leiden hatte. In dieser dunklen Zeit entwickelt sich eine zarte Freundinnenschaft zwischen Nevenka und Zena, die ein schreckliches Ende nimmt und Nevenka noch lange begleitet.

Liz wiederum kämpft gegen patriarchale Normen und die Diskriminierung als „Flüchtling“ an, obwohl sie ja in Deutschland geboren wurde. Sie trägt zusätzlich Scham und Trauma in sich, bei denen nicht immer klar ist, ob es die eigene Geschichte oder die der Mutter ist, die hier zugrundeliegt.

Die Sprache fand ich eher anspruchsvoll, auch wenn sich das Buch trotzdem erstaunlich flüssig lesen ließ. Den Perspektivenwechsel mochte ich zwar prinzipiell, ich hätte beide Figuren aber gern noch etwas tiefer kennengelernt. Einiges wird nur angedeutet, was bei allem Grauen manchmal jedoch schlicht notwendig ist. Auch, wenn die Handlung elegant gewisse Grundinformationen mitliefert, hatte ich das Bedürfnis, mich weiter mit diesem Teil der Nachkriegsgeschichte zu befassen. Das möchte ich zwar nicht ständig, fand es hier aber wirklich gut und ansprechend umgesetzt.

Der unabhängige Kjona-Verlag hat ein herausforderndes, aber lohnenswertes Buch publiziert, das ich allen empfehle, die sich gern mit historisch eher unbekannten Ereignissen befassen und eine anspruchsvoll-poetische Sprache mögen.

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Veröffentlicht am 18.08.2024

Besonders, bissig und überspitzt komisch in einem

Malibu Orange
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Ich bin richtig froh, dass ich meine Hoffnungen in "Malibu Orange" hochgehalten und deshalb nicht voreilig abgebrochen habe. Denn der Schreibstil ist ungewohnt, rasant und durchaus gewöhnungsbedürftig. ...

Ich bin richtig froh, dass ich meine Hoffnungen in "Malibu Orange" hochgehalten und deshalb nicht voreilig abgebrochen habe. Denn der Schreibstil ist ungewohnt, rasant und durchaus gewöhnungsbedürftig. Er entfaltet aber auch eine unglaubliche Sogwirkung zu einem so wichtigen wie schwierigen Thema.

Wir sitzen beim Lesen in Anjas Kopf und begleiten ihren inneren Monolog, in dem sie sich kritisch der Gesellschaft und sich selbst, vor allem aber auch anderen gegenüber äußert. Die Protagonistin kehrt nach beruflichem Ausbrennen mit anschließender Kündigung in ihr österreichisches Kaff zurück und trifft dort endlich auch wieder auf ihre beste Freundin Magda. Von deren freiheitsliebender Art ist indes wenig übrig, denn sie hat nun einen Volker. 🙄

Volker ist einfach der Ausbund an patriarchaler, fragiler Männlichkeit und gleichzeitig der Inbegriff eines manipulativen Partners. Ihn nicht zu hassen dürfte beim Lesen unmöglich sein. Doch der Roman will nicht mit Eindeutigkeiten spielen, sondern Fragen nach Verantwortung aufwerfen. Denn Anja merkt schon früh, dass die Beziehung ein toxisches Muster zeigt und versucht auch, zu intervenieren. Doch jede Kritik ist gefolgt von einem weiteren Abwenden Magdas bis die quasi völlig isoliert nur noch in ihrer Beziehung existiert. Exakt an der Stelle muss ich mir als Leserin die Frage stellen: Was würde ich tun? Mich abwenden und die völlige Abhängigkeit meiner besten Freundin in Kauf nehmen oder mitspielen und meine Bedenken beiseiteschieben? Und ist es denn überhaupt so schlimm? (Spoiler: JA!)

Mit viel Überspitzung, Satire und einem wie gesagt absolut rasanten Werk zieht Ulrike Haidacher ihre Leser
innenschaft in ein unangenehmes Terrain. Es bietet sich meiner Meinung nach an, die gut 200 Seiten in einem Rutsch zu lesen, damit sie ihre Wirkung optimal entfalten können. Das Wienerisch brachte mich manchmal ins Stolpern, sorgt aber auch für eine erfrischende Authentizität. Anders als gedacht, aber wirklich gut!

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Veröffentlicht am 07.08.2024

Ein schwer zu beschreibendes Buch, in dem wenig und doch im Detail so viel passiert

Die Sache mit Rachel
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Ich weiß nicht, ob mir eine Buchrezension schon einmal so schwer gefallen ist wie für „Die Sache mit Rachel“. Im ersten Viertel habe ich nämlich ein paarmal überlegt, den Roman abzubrechen. Nicht, weil ...

Ich weiß nicht, ob mir eine Buchrezension schon einmal so schwer gefallen ist wie für „Die Sache mit Rachel“. Im ersten Viertel habe ich nämlich ein paarmal überlegt, den Roman abzubrechen. Nicht, weil er schlecht geschrieben wäre, aber ich konnte eine Weile wenig Kontakt zu den Figuren aufbauen und hatte keine Idee, wo die Handlung hingeht. Aber irgendetwas ist mit diesem Buch, denn es geht nicht nur mir so, dass mensch trotzdem nicht aufhören kann zu lesen.

Der Text ist aus Sicht von Rachel geschrieben, die hauptsächlich über die Zeit rund um 2010 in Cork erzählt. Die Perspektivlosigkeit einer ländlichen Gegend in Irland zu Zeiten der Finanzkrise spielt eine große Rolle, doch es geht auch um viele weitere Themen. Wie nebenher webt Caroline O’Donoghue bspw. Homofeindlichkeit und die Abtreibungsdebatte in dem katholisch geprägten Land ein.

Neben Rachel spielen auch ihr bester Freund James, der sich sehr früh als schwul outet, und ihr Professor Dr. Byrne eine große Rolle. Letzteren will Rachel mit Hilfe von James nämlich eigentlich verführen, aber das Ganze entwickelt sich in eine völlig andere Richtung.

Sprachlich wählt die Autorin eine direkt, manchmal vulgäre Sprache, die ich zum einen authentisch fand für eine 20-Jährige und außerdem gern mochte. Das ist sicherlich Geschmacksache. Zu Beginn habe ich mich mit einigen popkulturellen Referenzen schwer getan. Doch im Endeffekt muss mensch die auch gar nicht kennen, um der Handlung folgen zu können.

Vielmehr geht es nämlich um persönliche Schicksale und Entscheidungen, um das Leben in Perspektivlosigkeit sowie um Privilegien und Beziehungsdynamiken. Ganz besonders wichtig ist natürlich die Freund*innenschaft zwischen Rachel und James, mit der ich erst warm werden musste. Die Zuneigung der beiden ist nicht direkt greifbar, aber mit dem Kennenlernen der Figuren fiel es mir schwer, sie nicht gern zu haben, obwohl oder gerade weil sie irgendwie messy sind.

Ich war selten froh, ein Buch doch nicht abgebrochen zu haben. Hier bin ich es! Ja, mit den Figuren musste ich erst warm werden und ja, am Anfang hatte ich keine Idee, wohin genau die Geschichte gehen soll. Aber der Roman ist so sehr eine leichte Sommerlektüre wie er ein akkurates Bild der Zeit und des Ortes zeichnet, in denen er spielt. Mit kleinen Zeitsprüngen werden immer wieder Cliffhanger eingearbeitet, die mich das Buch irgendwann nicht mehr aus der Hand haben legen lassen. Und auch die Figuren sind irgendwie liebenswert und echt, auch wenn sie teilweise überspitzt gezeichnet sind. Dabei ist der Roman emotional nicht super tief, aber genau das fand ich passend zur Lektüre.

Die Geister scheiden sich an diesem Roman, ich fand in rückblickend wirklich gut. Eine sehr überraschende Leseempfehlung daher für Millennials und alle anderen, die eine leichte Lektüre suchen und kein Problem mit einer derben Sprache von unperfekten Charakteren haben.

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