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Veröffentlicht am 17.09.2024

Der Verlust der Unschuld

Aufs Land
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„Die ganze Welt war düster und beängstigend“. Was liegt da näher, als sich nach einem Idyll zu sehnen? Aber ob diese idealisierte Vorstellung vom Landleben die Härten und Hürden des Alltags übersteht? ...

„Die ganze Welt war düster und beängstigend“. Was liegt da näher, als sich nach einem Idyll zu sehnen? Aber ob diese idealisierte Vorstellung vom Landleben die Härten und Hürden des Alltags übersteht? Bleibt abzuwarten.

Der Roman setzt im Jahr 2005 ein und endet 2010. Er nimmt uns mit nach Herefordshire in den englischen West Midlands. In dieser ländlichen Gegend haben drei Familien einen heruntergekommenen Bauernhof gekauft, um ihren Traum vom Leben auf dem Land in die Tat umzusetzen.

In Sadie Jones‘ „Aufs Land“ begleiten wir die beiden siebenjährigen Kinder Amy und Lan über diesen fünfjährigen Zeitraum, beobachten das Leben auf dem Hof, stromern mit ihnen durch die Natur, feiern mit ihnen Feste und belauschen die Gespräche, die sie führen. Die alternierenden Kapitel, in denen sie zu Wort kommen, schaffen Nähe.

Ich bin immer skeptisch, wenn Erwachsene aus Kindersicht schreiben, und auch hier stolpert man zu Beginn über einige Bemerkungen, die Kinder dieses Alters wohl so nicht machen würden. Aber das schleift sich glücklicherweise im Verlauf der Geschichte zunehmend ab und weicht in den Gesprächen, in denen die Kinder das Verhalten der Erwachsenen beobachten und kommentieren, einer sehr klaren, ja fast schon entlarvenden Beobachtungsgabe.

Auch wenn wir nicht erleben, wie die beiden Kinder zu Teenagern werden, nehmen wir doch Anteil an ihren ersten Schritten dahin. Je älter sie werden, desto feiner werden ihre Antennen und sie entwickeln ein untrügliches Gefühl für die Spannungen, die in der Luft liegen und das fragile Landidyll zum Einsturz bringen könnten. Natürlich geht es um Geld, dem die Träume geopfert werden sollen, aber auch um Beziehungen, die sich verändern, plötzlich auf dem Prüfstand stehen. Und nicht zuletzt gilt es, Verluste hinzunehmen. Auch Amy und Lans großes Abenteuer, ihre unbeschwerte Kindheit, wird von einer Realität, der sie nicht entkommen können, eingeholt.

Veröffentlicht am 09.09.2024

Thematisch am Puls der Zeit

In der Erde
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Pernilla Ericsons neuer Kriminalroman „In der Erde“ thematisiert, wie schon bereits die beiden Vorgänger („Im Feuer“ und „Im Sturm“) die Auswirkungen, die der Klimawandel auch in den nordischen Ländern ...

Pernilla Ericsons neuer Kriminalroman „In der Erde“ thematisiert, wie schon bereits die beiden Vorgänger („Im Feuer“ und „Im Sturm“) die Auswirkungen, die der Klimawandel auch in den nordischen Ländern zeigt. Die Autorin kommt aus dem Journalismus und hat sich in der Vergangenheit schwerpunktmäßig sowohl mit Umweltfragen als auch mit gesellschaftspolitischen Themenfeldern auseinandergesetzt. Das merkt man ihren kenntnisreichen Romanen auch an, in denen sie das, was sie an- und umtreibt, in eine spannende Rahmenhandlung packt und glücklicherweise den erhobenen Zeigefinger vermeidet.

Eine Hitzeglocke liegt über Nynäshamn, wochenlang ist kein Tropfen Regen gefallen. Die Vegetation hat ihre Farbe von grün zu braun geändert, alles ist knochentrocken. Ein Haus brennt nieder, die Bewohner kommen ums Leben. Brandursache ist eine verheerende Explosion, befeuert durch eine größere Menge Gasflaschen, die im Haus gelagert waren. Die Bewohner kommen ums Leben, einzige Ausnahme ist deren sechsjährige Tochter. Sie wurde entführt, und die Anweisungen des Kidnappers sind eindeutig. Sollte seine Forderungen nicht erfüllt werden, lässt er das Kind verdursten. Und dann brennt wieder ein Haus, und ein weiteres Kind verschwindet. Warum wurden gerade diese beiden Kinder entführt?

Soweit die Haupthandlung. In einem Nebenstrang liegt der Fokus, wie erwartet, auf der mittlerweile hochschwangeren Kommissarin Lilly Hed. Da sie noch immer an anhaltender Übelkeit leidet, wird sie vom Dienst befreit, was sie allerdings nicht daran hindert, im Entführungsfall der beiden Mädchen auf eigene Faust zu ermitteln, ganz gleich, wie schlecht es ihr geht. Und als wäre das nicht schonanstrengend und belastend genug, wird sie einmal mehr mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Der Prozess wegen häuslicher Gewalt gegen ihren ehemaligen Lebensgefährten steht an. Sie muss als Anklägerin ihre Aussage machen, damit es zu dessen Verurteilung kommt und er seine gerechte Strafe erhält. Ein Szenario, das nicht nur an Lillys Nerven zehrt, sondern auch eine konkrete Bedrohung nach sich zieht.

Ein gelungener Krimi mit sympathischen Personen und kritisch-realistischer Darstellung der Polizeiarbeit, der mit Klimawandel, Bauernprotesten, Misogynie, häuslicher Gewalt und Versagen des staatlichen Fürsorgesystems auch thematisch am Puls der Zeit ist. Aber dennoch schneidet er im Vergleich mit den Vorgängern etwas schlechter ab. Zum einen generiert die ständige Wiederholung der Schwangerschaftsbeschwerden zwischendurch immer wieder Längen, zum anderen sorgt dies auch dafür, dass die Unter-dem-Radar-Einsätze der Protagonistin sehr unglaubwürdig daherkommen. Bleibt die Hoffnung, dass der abschließende Band der Reihe sich mit der Qualität der beiden Vorgänger messen kann.

Veröffentlicht am 06.09.2024

Wer nach vorne schauen will, muss zuerst zurückblicken

Unter Wasser ist es still
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Geschichten, in denen die Hauptfigur nach längerer Abwesenheit an den Ort der Kindheit zurückkehrt, gibt es wie Sand am Meer. Meist aktiviert die Rückkehr Erinnerungen, führt zur Konfrontation mit der ...

Geschichten, in denen die Hauptfigur nach längerer Abwesenheit an den Ort der Kindheit zurückkehrt, gibt es wie Sand am Meer. Meist aktiviert die Rückkehr Erinnerungen, führt zur Konfrontation mit der Vergangenheit, was durchaus schmerzlich werden kann, wenn traumatische Erlebnisse nicht verarbeitet wurden und noch immer im Unterbewusstsein schwelen.

Ein solches Szenario hat sich auch Julia Dibbern für ihren neuen Roman „Unter Wasser ist es still“ ausgesucht, in dem sie die Protagonistin Maira in ihre ehemalige Heimat reisen lässt. Aus freien Stücke geschieht das nicht, es ist ein konkreter Anlass, der sie dazu bewogen hat. Sie muss ihre Angelegenheiten regeln, das Haus ihrer Kindheit zum Verkauf vorbereiten, die Vergangenheit endlich abhaken, damit die Zukunft gesichert ist.

Jeder, der schon einmal in der Situation war, kann wohl nachvollziehen, was mit einem passiert, wenn man ein Haus leer räumen muss, in dem man Kindheit und Jugend verbracht hat. Jedes Stück, das man in die Hand nimmt, birgt Erinnerungen an vergangene Tage. Und wie könnte es auch anders sein, es sind nicht nur die schönen Erlebnisse, die Erinnerung an die unbeschwerten Tage der Kindheit mit ihren Freunden, die aufploppen. Freundschaften, die in die Brüche gegangen sind. Entscheidungen, die sich im Rückblick als falsch erweisen. Die Erkrankung der Mutter, deren Tod und die damit verbundenen Schuldgefühle. Das alles prasselt auf Maira nieder, als sie wieder in ihrem ehemaligen Zuhause auf dem Darß angekommen ist.

„Unter Wasser ist es still“ ist ein ruhiger, ein nachdenklicher Roman, was nicht nur dem Thema, sondern auch Julia Dibberns Art des Schreibens geschuldet ist, erzählt sie doch Mairas Geschichte sehr behutsam und mit viel Fingerspitzengefühl für das Seelenleben ihrer Protagonistin. Obwohl in vielen Passagen eine fast greifbare Melancholie mitschwingt, gibt es auch solche, die durch Leichtigkeit bestimmt sind. Alles passt und wirkt nicht aufgesetzt – bis auf das Ende. Tut mir leid, aber das war eindeutig zu konstruiert und hat leider einen Teil des guten Eindrucks, den ich von diesem Roman hatte, zunichte gemacht.

Veröffentlicht am 18.08.2024

Herz und Hirn

Pi mal Daumen
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Im Zentrum von Alina Bronskys neuem Roman stehen zwei Menschen, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Oscar ist ein hochbegabter, sechzehnjähriger Überflieger mit einem ausgeprägten Mangel an sozialer ...

Im Zentrum von Alina Bronskys neuem Roman stehen zwei Menschen, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Oscar ist ein hochbegabter, sechzehnjähriger Überflieger mit einem ausgeprägten Mangel an sozialer Kompetenz - im Schwäbischen würde man ihn als „Käpsele“ bezeichnen - der die Geduld der Menschen in seinem Umfeld permanent auf die Probe stellt. Ihm gegenüber steht Moni, eine dreiundfünfzigjährige Spätberufene, die sich, als hätte sie privat nicht genug um die Ohren, mit ihren 53 Jahren der Herausforderung des Mathe-Studiums stellt und dabei immer wieder an ihre Grenzen stößt.

Sie lernen sich bei der Einführungsverlesung per Zufall kennen, als Moni den freien Platz neben Oscar besetzt, bilden gezwungenermaßen eine Arbeitsgruppe und kommen mehr oder weniger miteinander, zuerst fachlich, später aber auch persönlich, ins Gespräch. Und ja, sie sind sehr verschieden, und gerade bei Oscar ist diese an den Tag gelegte emotionslose Überheblichkeit oft grenzwertig, aber das gleicht Moni mit ihrer warmherzigen Art immer wieder aus. Aber auch Oscar lernt dazu, so dass sich aus dieser Gegensätzlichkeit peu à peu eine von Verantwortungsgefühl und Verständnis geprägte Beziehung entwickelt, die beide verändert. Oscar wird sensibler, empfänglicher für die zwischenmenschlichen Signale, Moni hingegen gewinnt an Selbstvertrauen und lernt, auf ihre Bedürfnisse zu hören und diese zu artikulieren.

Was Alina Bronskys Romane immer wieder so besonders macht, ist die tiefe Empathie, mit der sie Personen zeichnet, die mit ungewohnten Situationen konfrontiert werden, sich damit zurechtfinden müssen und schlussendlich daran wachsen. Mit Leichtigkeit und einer Portion Humor schafft sie es, wichtige und gesellschaftlich relevante Themen zu transportieren. In diesem Fall kritisiert sie zum einen zu Recht unser Bildungssystem, insbesondere dessen fehlende Durchlässigkeit, moniert aber auch die Rolle der Frauen im Wissenschaftsbetrieb, im Speziellen in den MINT-Fächern. Zwar bemängeln einige Besprechungen eine unglaubwürdige Darstellung des Uni-Betriebs, aber wenn ich an meine Studienzeit zurückdenke, muss ich dem widersprechen, denn genauso habe ich es auch erlebt.

„Pi mal Daumen“ ist ein unterhaltsamer Roman mit kritischen Untertönen, in dem Herz über Hirn triumphiert. Und nein, um ihn genießen zu können, ist kein besonders ausgeprägtes Verständnis für die höhere Mathematik vonnöten.

Veröffentlicht am 17.07.2024

Ein außergewöhnliches Feuerwerk der Ideen

Der Hund des Nordens
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Elizabeth McKenzies „Der Hund des Nordens“ ist das richtige Buch für alle, die ein Herz für schräge Außenseiter und eine abgedrehte Story haben. Im Zentrum der Handlung steht Penny Rush, eine Mitdreißigerin, ...

Elizabeth McKenzies „Der Hund des Nordens“ ist das richtige Buch für alle, die ein Herz für schräge Außenseiter und eine abgedrehte Story haben. Im Zentrum der Handlung steht Penny Rush, eine Mitdreißigerin, die nicht nur mit dem Trauma ihrer im australischen Outback spurlos verschwundenen Eltern kämpft, sondern auch vor einem gewaltigen Problemberg steht, denn gerade fliegt ihr ihr Leben um die Ohren.

Die Ehe im Eimer, die finanziellen Mittel eher übersichtlich und dann noch die Nachricht vom Amt, dass ihre allein lebende Messi-Großmutter Pincer die Essen-auf-Rädern Lieferantin mit einer Waffe bedroht hat. Keine Frage, Penny, fühlt sich für alles und jede/n verantwortlich und ist der Überzeugung, sämtliche Probleme der Welt nicht nur auf ihren Schultern tragen sondern auch lösen zu müssen. Also packt sie ihre Siebensachen und macht sich auf den Weg zur Oma.

Und damit nimmt eine völlig schräge Geschichte ihren Lauf, in dem die Begegnungen mit allerlei seltsamen Gestalten und ein abgewrackter Van namens „Der Hund des Nordens“ und dessen Besitzer nicht unwesentliche Rollen spielen (der Titel ist übrigens eine Verbeugung der Autorin vor „The Dog of the South“, einem Roman des True Grit-Autors Charles Portis).

Natürlich haben diese Aneinanderreihungen schräger Erlebnisse und die skurrilen Personen einen hohen Unterhaltungswert, aber es gibt auch einen ernsthaften Kern in diesem Roman. Da wäre noch das klassische Motiv der Helden- bzw. Heldinnenreise, die sich ihren Problemen stellen und zahllose Stufen der Bewusstwerdung und Bewältigung durchschreiten muss, ehe sich ihr Leben zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügt.

Ein höchst unterhaltsamer Roman mit einem Feuerwerk an Ideen, was ich so nicht erwartet hatte. Die etwas andere Lektüre für alle, die gerne auch abseits des Mainstream lesen. Lasst euch darauf ein und lest diesen außergewöhnlichen Roman!