Profilbild von Havers

Havers

Lesejury Star
offline

Havers ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Havers über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.09.2024

Wer nach vorne schauen will, muss zuerst zurückblicken

Unter Wasser ist es still
0

Geschichten, in denen die Hauptfigur nach längerer Abwesenheit an den Ort der Kindheit zurückkehrt, gibt es wie Sand am Meer. Meist aktiviert die Rückkehr Erinnerungen, führt zur Konfrontation mit der ...

Geschichten, in denen die Hauptfigur nach längerer Abwesenheit an den Ort der Kindheit zurückkehrt, gibt es wie Sand am Meer. Meist aktiviert die Rückkehr Erinnerungen, führt zur Konfrontation mit der Vergangenheit, was durchaus schmerzlich werden kann, wenn traumatische Erlebnisse nicht verarbeitet wurden und noch immer im Unterbewusstsein schwelen.

Ein solches Szenario hat sich auch Julia Dibbern für ihren neuen Roman „Unter Wasser ist es still“ ausgesucht, in dem sie die Protagonistin Maira in ihre ehemalige Heimat reisen lässt. Aus freien Stücke geschieht das nicht, es ist ein konkreter Anlass, der sie dazu bewogen hat. Sie muss ihre Angelegenheiten regeln, das Haus ihrer Kindheit zum Verkauf vorbereiten, die Vergangenheit endlich abhaken, damit die Zukunft gesichert ist.

Jeder, der schon einmal in der Situation war, kann wohl nachvollziehen, was mit einem passiert, wenn man ein Haus leer räumen muss, in dem man Kindheit und Jugend verbracht hat. Jedes Stück, das man in die Hand nimmt, birgt Erinnerungen an vergangene Tage. Und wie könnte es auch anders sein, es sind nicht nur die schönen Erlebnisse, die Erinnerung an die unbeschwerten Tage der Kindheit mit ihren Freunden, die aufploppen. Freundschaften, die in die Brüche gegangen sind. Entscheidungen, die sich im Rückblick als falsch erweisen. Die Erkrankung der Mutter, deren Tod und die damit verbundenen Schuldgefühle. Das alles prasselt auf Maira nieder, als sie wieder in ihrem ehemaligen Zuhause auf dem Darß angekommen ist.

„Unter Wasser ist es still“ ist ein ruhiger, ein nachdenklicher Roman, was nicht nur dem Thema, sondern auch Julia Dibberns Art des Schreibens geschuldet ist, erzählt sie doch Mairas Geschichte sehr behutsam und mit viel Fingerspitzengefühl für das Seelenleben ihrer Protagonistin. Obwohl in vielen Passagen eine fast greifbare Melancholie mitschwingt, gibt es auch solche, die durch Leichtigkeit bestimmt sind. Alles passt und wirkt nicht aufgesetzt – bis auf das Ende. Tut mir leid, aber das war eindeutig zu konstruiert und hat leider einen Teil des guten Eindrucks, den ich von diesem Roman hatte, zunichte gemacht.

Veröffentlicht am 18.08.2024

Herz und Hirn

Pi mal Daumen
0

Im Zentrum von Alina Bronskys neuem Roman stehen zwei Menschen, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Oscar ist ein hochbegabter, sechzehnjähriger Überflieger mit einem ausgeprägten Mangel an sozialer ...

Im Zentrum von Alina Bronskys neuem Roman stehen zwei Menschen, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Oscar ist ein hochbegabter, sechzehnjähriger Überflieger mit einem ausgeprägten Mangel an sozialer Kompetenz - im Schwäbischen würde man ihn als „Käpsele“ bezeichnen - der die Geduld der Menschen in seinem Umfeld permanent auf die Probe stellt. Ihm gegenüber steht Moni, eine dreiundfünfzigjährige Spätberufene, die sich, als hätte sie privat nicht genug um die Ohren, mit ihren 53 Jahren der Herausforderung des Mathe-Studiums stellt und dabei immer wieder an ihre Grenzen stößt.

Sie lernen sich bei der Einführungsverlesung per Zufall kennen, als Moni den freien Platz neben Oscar besetzt, bilden gezwungenermaßen eine Arbeitsgruppe und kommen mehr oder weniger miteinander, zuerst fachlich, später aber auch persönlich, ins Gespräch. Und ja, sie sind sehr verschieden, und gerade bei Oscar ist diese an den Tag gelegte emotionslose Überheblichkeit oft grenzwertig, aber das gleicht Moni mit ihrer warmherzigen Art immer wieder aus. Aber auch Oscar lernt dazu, so dass sich aus dieser Gegensätzlichkeit peu à peu eine von Verantwortungsgefühl und Verständnis geprägte Beziehung entwickelt, die beide verändert. Oscar wird sensibler, empfänglicher für die zwischenmenschlichen Signale, Moni hingegen gewinnt an Selbstvertrauen und lernt, auf ihre Bedürfnisse zu hören und diese zu artikulieren.

Was Alina Bronskys Romane immer wieder so besonders macht, ist die tiefe Empathie, mit der sie Personen zeichnet, die mit ungewohnten Situationen konfrontiert werden, sich damit zurechtfinden müssen und schlussendlich daran wachsen. Mit Leichtigkeit und einer Portion Humor schafft sie es, wichtige und gesellschaftlich relevante Themen zu transportieren. In diesem Fall kritisiert sie zum einen zu Recht unser Bildungssystem, insbesondere dessen fehlende Durchlässigkeit, moniert aber auch die Rolle der Frauen im Wissenschaftsbetrieb, im Speziellen in den MINT-Fächern. Zwar bemängeln einige Besprechungen eine unglaubwürdige Darstellung des Uni-Betriebs, aber wenn ich an meine Studienzeit zurückdenke, muss ich dem widersprechen, denn genauso habe ich es auch erlebt.

„Pi mal Daumen“ ist ein unterhaltsamer Roman mit kritischen Untertönen, in dem Herz über Hirn triumphiert. Und nein, um ihn genießen zu können, ist kein besonders ausgeprägtes Verständnis für die höhere Mathematik vonnöten.

Veröffentlicht am 17.07.2024

Ein außergewöhnliches Feuerwerk der Ideen

Der Hund des Nordens
0

Elizabeth McKenzies „Der Hund des Nordens“ ist das richtige Buch für alle, die ein Herz für schräge Außenseiter und eine abgedrehte Story haben. Im Zentrum der Handlung steht Penny Rush, eine Mitdreißigerin, ...

Elizabeth McKenzies „Der Hund des Nordens“ ist das richtige Buch für alle, die ein Herz für schräge Außenseiter und eine abgedrehte Story haben. Im Zentrum der Handlung steht Penny Rush, eine Mitdreißigerin, die nicht nur mit dem Trauma ihrer im australischen Outback spurlos verschwundenen Eltern kämpft, sondern auch vor einem gewaltigen Problemberg steht, denn gerade fliegt ihr ihr Leben um die Ohren.

Die Ehe im Eimer, die finanziellen Mittel eher übersichtlich und dann noch die Nachricht vom Amt, dass ihre allein lebende Messi-Großmutter Pincer die Essen-auf-Rädern Lieferantin mit einer Waffe bedroht hat. Keine Frage, Penny, fühlt sich für alles und jede/n verantwortlich und ist der Überzeugung, sämtliche Probleme der Welt nicht nur auf ihren Schultern tragen sondern auch lösen zu müssen. Also packt sie ihre Siebensachen und macht sich auf den Weg zur Oma.

Und damit nimmt eine völlig schräge Geschichte ihren Lauf, in dem die Begegnungen mit allerlei seltsamen Gestalten und ein abgewrackter Van namens „Der Hund des Nordens“ und dessen Besitzer nicht unwesentliche Rollen spielen (der Titel ist übrigens eine Verbeugung der Autorin vor „The Dog of the South“, einem Roman des True Grit-Autors Charles Portis).

Natürlich haben diese Aneinanderreihungen schräger Erlebnisse und die skurrilen Personen einen hohen Unterhaltungswert, aber es gibt auch einen ernsthaften Kern in diesem Roman. Da wäre noch das klassische Motiv der Helden- bzw. Heldinnenreise, die sich ihren Problemen stellen und zahllose Stufen der Bewusstwerdung und Bewältigung durchschreiten muss, ehe sich ihr Leben zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügt.

Ein höchst unterhaltsamer Roman mit einem Feuerwerk an Ideen, was ich so nicht erwartet hatte. Die etwas andere Lektüre für alle, die gerne auch abseits des Mainstream lesen. Lasst euch darauf ein und lest diesen außergewöhnlichen Roman!

Veröffentlicht am 15.07.2024

Jammern auf hohem Niveau

Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne
0

Zwölf Erzählungen, wobei die Bitte des mehrfach für seine Romane ausgezeichneten Autors, diese nacheinander zu lesen, vermuten lässt, dass es Zusammenhänge zwischen den Inhalten gibt. Also doch ein Roman? ...

Zwölf Erzählungen, wobei die Bitte des mehrfach für seine Romane ausgezeichneten Autors, diese nacheinander zu lesen, vermuten lässt, dass es Zusammenhänge zwischen den Inhalten gibt. Also doch ein Roman? Ich neige dazu, diese Frage mit Ja zu beantworten, zeigen sich doch im Verlauf immer wieder die Schnittstellen zwischen den verschiedenen Menschen, von denen Sasa Stanisic uns hier erzählt, wobei „Neue Heimat“, die erste Geschichte, die Klammer ist, die alles zusammenhält.

Sommer 1994, eine Clique von vier Jugendlichen. Alle haben einen Migrationshintergrund, leben in prekären Verhältnissen und wünschen sich ein Leben, das besser als ihr gegenwärtiges ist, aber unerreichbar scheint. Sie fühlen sich fremd, chancenlos, aber noch haben sie ihre Träume. Fatihs Idee von einem Proberaum, in dem man die Zukunft testen kann, findet Anklang. Das Einloggen, kostet 130 DM, aber möchte man das Gesehene leben, wird ein sechsstelliger Betrag fällig.

Natürlich geht es um die großen Themen, die zentralen Fragen der menschlichen Existenz, die immer wieder in Stanisics Werken eine Rolle spielen: Migration, Herkunft, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Chancen und verpasste Gelegenheiten. Gewissheiten und Zweifel. Dem Streben nach Glück und der Sehnsucht nach einem lebenswerten Leben. Und natürlich beschreibt er diese sprachlich brillant, angereichert mit einer Prise Humor und den passenden Dosen Sensibilität und Melancholie.

Keine Frage, das ist gelungen, aber dennoch fehlt mir etwas. Die Texte bewegen sich zwar souverän auf dem Terrain, das wir von ihm kennen, legen aber mehr Wert auf sprachliche Brillanz, Querverweise und humoristische Einlagen, als auf Tiefe. Sie bleiben nicht haften, rufen nicht die gleichen Emotionen wie die Vorgänger ab. Ist zwar Jammern auf hohem Niveau, aber trotzdem schade.

Veröffentlicht am 06.07.2024

Weder Gewaltorgien noch Superhelden

Lost Places
0

Jørn Lier Horst, Paul Finch und Norbert Horst. Was haben diese drei Autoren gemeinsam? Sie schreiben Kriminalromane, aber sie haben noch eine weitere Gemeinsamkeit. Alle drei haben bei der Kriminalpolizei ...

Jørn Lier Horst, Paul Finch und Norbert Horst. Was haben diese drei Autoren gemeinsam? Sie schreiben Kriminalromane, aber sie haben noch eine weitere Gemeinsamkeit. Alle drei haben bei der Kriminalpolizei gearbeitet, waren also auch mit Tötungsdelikten vertraut. Und diese Erfahrung fließt natürlich auch in ihre Bücher ein, die sich allesamt durch die realistischen Beschreibungen der Polizeiarbeit auszeichnen.

„Bitterer Zorn“, Band 4 der Steiger-Reihe und 2019 erschienen, war der letzte Krimi aus Norbert Horsts Feder, aber nun gibt es mit „Lost Places: Wo die Toten schweigen“ Nachschub, der Auftaktband einer neuen Reihe, die in und um Essen verortet ist und ein neues Dreier-Team einführt: Deniz Müller, KHK bei der Essener Kripo, Camilla Lopez, Staatsanwältin und Alexander Rahn, Journalist („nicht verwandt und nicht verschwägert“), die sich schon seit ihrer Schulzeit kennen. Eine interessante Figurenkonstellation, die mit Blick auf den Klappentext Vermutungen ins Kraut schießen lässt.

Drei Todesfälle, die auf den ersten Blick keine Gemeinsamkeit aufweisen. Drei Fundorte, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Drei Tote, deren Herkunft, Hintergrund und Lebensumstände keine Verbindungen zeigen. Und doch lassen sich während der kleinteiligen Ermittlungsarbeit und dem Auswerten der verschiedenen Hinweise Gemeinsamkeiten, aber auch bei genauerem Hinsehen ein Muster erkennen, was den Schluss zulässt, dass es sich um einen Serientäter handeln könnte.

In diesem Krimi gibt es weder Gewaltorgien noch Superhelden, da der Autor einmal mehr seine Erfahrungen aus seinem früheren Berufsleben einfließen lässt. Er zeigt, wie die verschiedenen Rädchen ineinandergreifen müssen, beschreibt Sammeln und Analyse der Informationen sowie die daraus logisch resultierenden Ergebnisse. Das ist weder trocken noch langweilig, sondern wirkt sich positiv auf die Spannung aus, deren Kurve im Verlauf kontinuierlich ansteigt.

Eine willkommene Abwechslung im Krimi-Einerlei, die die Vorfreude auf den Nachfolger „Sweet Home: Du bist nirgends sicher“ (erscheint im Januar 2025) wachsen lässt.