Wie gemütlich sich die niedliche Maus auf dem Cover in den karierten Seniorenpantoffel kuschelt… Auch wenn sich in diesem Roman viel um diesen kleinen Mäuserich dreht, werden doch auch weniger heitere ...
Wie gemütlich sich die niedliche Maus auf dem Cover in den karierten Seniorenpantoffel kuschelt… Auch wenn sich in diesem Roman viel um diesen kleinen Mäuserich dreht, werden doch auch weniger heitere Dinge thematisiert: Alter, Einsamkeit, Kummer und Verlust. Wie gut, dass Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft diese aufwiegen.
Sechzig Jahre nachdem Helen Cartwright von England nach Australien ausgewandert ist, kehrt sie über 80jährig zurück in den englischen Ort, in dem sie aufgewachsen ist. Mehr als einen Koffer hat sie nicht mitgebracht. Sie kommt allein, denn Mann und Sohn sind in Australien gestorben.
Sie zieht sich zurück in ein bescheidenes Zuhause in der Wohngegend ihrer Kindheit, verharrt isoliert drei Jahre ohne jegliche sozialen Kontakte in einem kargen Leben um Routine und Gewohnheit herum. Letztendlich bereitet sie sich ohne großes Aufhebens auf ihren Tod vor.
Doch das Leben hat seinen eigenen Plan. Über einen Zeitraum von knapp zwei Wochen begleiten wir Helen, beginnend an einem Freitag, als sie unfreiwillig mit dem aufgesammelten Gerümpel des Nachbarn eine kleine Hausmaus in die Küche trägt.
Man kann sich sehr gut in die recht authentisch dargestellte Helen hineinfühlen. Es berührt, die Entwicklung der Witwe zu beobachten, ausgehend vom alten Menschen, der sich eigentlich schon selber aufgegeben hat und nur noch von und in Erinnerungen lebt. Es ist wie eine Rückkehr zu den Wurzeln, obwohl dort einen niemand mehr zu kennen scheint.
Die Einsamkeit durch die Verarmung an Kontakten, die körperlichen Einschränkungen durch das fortgeschrittene Alter, die Traurigkeit durch die Verluste: Helen erwartet nichts mehr vom Leben.
Dass in Helen vom ersten Moment an Empathie für das kleine tierische Leben erwacht, macht sie besonders liebenswert. Dieses Mitgefühl setzt in Helen Kräfte und am Ende Lebenswillen in Gang. Um ihre Maus zu retten, traut sie sich auf eine Reise mit vielen notwendigen sozialen Begegnungen.
Gerade, wenn man sich sicher in seinem Bild von der Figur der alten Witwe Helen zu sein scheint, dann schafft sie es, mit der Enthüllung ihres Lebensweges einen absolut zu überraschen. Eine Wendung, die einen zum Nachdenken bringt…
„Das ist richtig. Da sehen Sie, ich bin nicht nur irgendeine alte Frau.“ S. 173
Die anfängliche depressive Stimmung des Buches löst sich mit Helens Engagement immer mehr auf. Als Leser*in ist man selbst immer wieder überrascht, wie sich plötzlich um die Maus eine Art Gemeinschaft bildet.
Merlin, die heimatlose Hausmaus, die im Original „Sipsworth“ heißt, bleibt als Charakter selber (leider) blass und schwächlich. Mich hat beim Lesen etwas verwundert, dass zweimal im Text der englische Originalname „Sipsworth“ (bzw. Sips) anstatt des (unkreativen) Ersatznamens Merlin verwendet wird. Wohl kaum Absicht, sondern eher Fehler oder Nachlässigkeit beim Übersetzen/ Lektorieren?
Diese berührende, herzerwärmende Geschichte geht Themen an, die uns alle irgendwann betreffen werden. Dass gerade ein so kleines Tier es schafft, einen Menschen zu bewegen, seinen Lebensfaden wieder aufzugreifen, bewegt mich besonders.
Was für ein merkwürdiger Buchtitel: „Die Lungenschwimmprobe“. Richtig, das hört sich ziemlich medizinisch an. Diese Methode, mit der überprüft wird, ob ein Kind lebend oder tot geboren wurde, stellt den ...
Was für ein merkwürdiger Buchtitel: „Die Lungenschwimmprobe“. Richtig, das hört sich ziemlich medizinisch an. Diese Methode, mit der überprüft wird, ob ein Kind lebend oder tot geboren wurde, stellt den Beginn der Gerichtsmedizin dar. Mutig und nach den damals allerneuesten Erkenntnissen führt im Jahr 1681der Zeitzer Stadtarzt Johannes Schreyer erstmals eine Lungenschwimmprobe an einem toten Säugling aus. Ein spektakulärer Vorgang in jener Zeit!
Diesen außergewöhnlichen Vorgang fördert der bekannte norwegische Schriftsteller Tore Renberg in den Archiven Mitteldeutschlands zu Tage, als er neugierig nach den Ursprüngen der Pathologie sucht. Die gewonnenen historischen Fakten verwebt er mit fiktiven Elementen zu einer packenden Geschichte.
In seinem historischen Roman „Die Lungenschwimmprobe. Verteidigung einer jungen Frau, die des Kindsmords bezichtigt wurde“ erzählt der Norweger nun einen Kriminalfall, der auf diesen wahren Begebenheiten beruht. Im Jahr 1681 wird die gerade erst fünfzehnjährige Gutsbesitzertochter Anna Voigt aus der Gegend um Leipzig beschuldigt, heimlich ein uneheliches Kind zur Welt gebracht, im Anschluss getötet und vergraben zu haben. Nachbarn und Gesinde waren aufmerksam geworden und haben das Kind ausgegraben und die Behörden informiert. Doch die noch recht naive Anna beharrt darauf, nichts von der Schwangerschaft gewusst zu haben. Nach ihrem Sturz sei das Kind tot zur Welt gekommen.
Man muss sich das vorstellen: Der Dreißigjährige Krieg ist 1648 zu Ende gegangen, die Folgen sind für die Bevölkerung noch zu spüren und ins Gedächtnis eingeritzt. Das Mittelalter ist ausgeklungen, Leipzig ist geprägt vom Barock und die Aufklärung steht gerade erst vor der Tür. Gesellschaft und Justiz sind hauptsächlich von der Kirche beeinflusst. Noch werden Prozesse gegen vermeintliche Hexen geführt, Folter ist Mittel der Wahrheitsfindung in den Kerkern, die Formen der Todesstrafen weisen eine große, äußerst brutale Vielfalt auf. Eine uneheliche Geburt wie bei Anna Voigt gilt als furchtbare Schande. Vergewaltigende oder missbrauchende Männer bleiben in der Regel straffrei. Ein Kindesmord durch die verzweifelte Mutter endet in der Regel mit dem Todesurteil. Notfalls wird das Geständnis unter der Folter erzwungen. Doch Annas Fall verläuft anders als die der vielen anderen Mädchen und Frauen, denen ähnliches widerfahren ist.
Annas Vater Hans Heinrich Voigt, der zwar unbeliebt, aber nicht unvermögend ist, steht zu seiner Tochter und versucht, das schier Unmögliche zu erreichen. Er überträgt die Verteidigung an den jungen Juristen Christian Thomasius. Dessen Tätigkeit kann nun auf dieser damals spektakulären Untersuchung des Mediziners Johannes Schreyer aufbauen. Denn der Stadtarzt ist von einem Amtmann beim Fund der Kinderleiche hinzugezogen worden. Der belesene und neuen Erkenntnissen offen gegenüber stehende Schreyer hat dazu ein von einem niederländischen Mediziner entwickeltes Verfahren angewendet: Die Lungenschwimmprobe. Damit kann er beweisen, dass das Kind bereits tot zur Welt kam, und die Angeklagte demnach nicht lügt. Die Frage ist nur, ob dieses Verfahren von der Justiz anerkannt wird. Eine Verurteilung würde eine besonders grausame Hinrichtung für Anna, die ihre Unschuld beteuert, bedeuten.
Doch die Justiz lässt sich Zeit. Viel Zeit. Für einen längeren Zeitraum scheint der Prozess gegen Anna Voigt und ihre Mutter nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen. Stattdessen entzündet sich am Verfahren ein Konflikt zwischen dem aufmüpfigen Juristen Thomasius, seinem Vater, dem bekannten Wissenschaftler Jakob Thomasius, der Theologen-Familie Carpzov, den Vertretern der Behörden und dem Scharfrichter. Die alte Zeit ringt mit der neuen. Doch eine so lange Kerkerhaft überleben die Menschen jener Zeit meist nicht unbeschadet. Kann Anna gerettet werden. Und wenn ja: zu welchem Preis?
Fazit:
Der in Norwegen sehr bekannte Schriftsteller Renberg hat für seinen ersten historischen Roman eine sehr gründliche, ausführliche Recherche rund um Leipzig betrieben. Da der sogenannte „Vater der deutschen Aufklärung“ Christian Thomasius sehr im Zentrum der Handlung steht, wurde er dabei von Forschenden des „Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung der Europäischen Aufklärung“ der Uni Halle (als deren Mitbegründer Thomasius gilt) unterstützt. Der Wegbereiter der deutschen Frühaufklärung Thomasius berichtet im ersten Band seiner „Juristischen Händel“ später über diesen Prozess, so dass einiges davon heute noch nachvollziehbar ist.
Gut, dass diese Geschichte nicht endgültig in den Archiven verstaubt ist, denn Schreyer und Thomasius haben dafür gesorgt, dass Anna Voigts Fall in die Rechtsgeschichte und Geschichte der Forensik eingegangen ist.
Um den historischen Fakten Leben einzuhauchen, hat Renberg sie mit fiktivem Geschehen gefüllt. Dadurch sind die Charaktere für uns sehr greifbar und authentisch geworden.
Der Roman ist sehr vielschichtig, da er viele Themen berührt, die bis auf den heutigen Tag noch aktuell sind: z.B. Fragen nach der Frauenrolle in der patriarchalischen Gesellschaft, Gerechtigkeit und Einfluss der Kirche auf Justiz und Gesellschaft. Man hat den Sprachduktus jener Zeit im Ohr, erfährt den Umgang der Menschen miteinander und erlebt den Einfluss des gesellschaftlichen Denkens auf den Prozess um Anna Voigt. So wird Geschichte lebendig.
Interessant ist, wie man als Leser*in auch immer wieder in den Entstehungsprozess des Romans und auch der Übersetzung mit einbezogen wird.
Die Übersetzerinnen stellen im Anhang dar, wie sich ihre Arbeit gestaltet hat. Da der Autor versucht hat, sich an der Sprache des 17. Jahrhunderts zu orientieren, musste dies angemessen ins Deutsche übertragen werden. So ist die weitschweifige Art des Juristen Thomasius seinem Charakter und der Zeit geschuldet, wie auch die Arroganz der Geistlichen und Amtspersonen. Sprachlich kann man sich in die damalige Zeit gut einfühlen, auch wenn barocke Weitschweifigkeit gelegentlich langatmig wirken kann.
Die Geschichte wird nicht chronologisch erzählt. Es gibt kapitelmäßig sowohl Sprünge in der Zeit, als auch wechselnde Erzählperspektiven. Dieser Perspektivwechsel ist sehr erhellend. So erleben wir, wie ganz unterschiedliche historisch belegte Personen das Geschehen und ihre Umwelt sehen. Ihre Sichtweisen stehen oft hart und kompromisslos gegenüber. Auch der Autor selber tritt manchen Kapiteln oder auch zwischendurch an die Lesenden heran, um Erklärungen, Deutungen, etwas über den Prozess des Schreibens beizusteuern.
Das klingt verwirrender als es ist, denn aus diesem Puzzle fügt sich bald ein beeindruckendes Bild.
Das Tempo der Erzählung ist in den einzelnen Kapiteln recht unterschiedlich. Es kommt Dichte und Spannung auf. Aber gelegentlich habe ich mir eine Straffung mancher Diskurse gewünscht, die für mich den Schwung der eigentlich fesselnden Handlung abschwächten.
Die Charaktere sind alle sehr authentisch, vor allem, weil man auch aus ihrer Sicht das Geschehen sehen kann.
Zwischen all den Stimmen steht die junge, verängstigte Anna Voigt, fast noch ein Kind, und beharrt darauf, unschuldig zu sein. Ihre Sichtweise ist natürlich durch fehlende Quellen fiktiv, doch hätte ich mir gewünscht, noch viel mehr aus ihrer Perspektive zu lesen.
Im Anhang befinden sich ein QR-Code und eine Internet-Quelle über die man zusätzliche Informationen über die historischen Figuren, Karten und Literaturangaben herunterladen kann. Ich persönlich hätte es viel besser gefunden, wenn diese Angaben direkt im Buch abgedruckt worden wären. So hätte ich beim Lesen direkt und einfacher darauf zurückgreifen können. Der Umfang des Buches wäre dadurch auch nicht gesprengt worden.
Mich hat das Buch ganz tief in diese Zeit eintauchen lassen, über die ich bislang noch nicht so viel wusste. Die Mischung aus Unterhaltung, Spannung und Information empfinde ich als sehr gelungen. Wer sich für Geschichte interessiert, wird hier begeistert sein.
Tatsächlich muss ich gestehen, dass mich weniger der Name des recht bekannten Romanautors John Green (z.B. “Das Schicksal ist ein mieser Verräter”), sondern der Titel dieses Buches: „Wie hat Ihnen das ...
Tatsächlich muss ich gestehen, dass mich weniger der Name des recht bekannten Romanautors John Green (z.B. “Das Schicksal ist ein mieser Verräter”), sondern der Titel dieses Buches: „Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?“ gelockt hat. Was die Leserschaft erwarten könnte, wird gleich mit auf den Weg gegeben: „Notizen zum Leben auf der Erde“. Doch, das hört sich eher humorvoll, denn todernst an. Bei seinem ersten Sachbuch hat sich Green offensichtlich gleich die Menschheitsgeschichte als Objekt gewählt. Das Anthropozän ist das aktuelle, von Menschen geprägte Erdzeitalter. Ein sportliches Unterfangen.
John Green begann „The Anthropocene Reviewed“ 2018 als einen Podcast, der den Planeten Erde menschenbezogen betrachten sollte. Einige der Podcast-Ausgaben hat er für dieses Buch zu 44 Essays zusammengefasst. Seine Notizen über die Welt sind dabei höchst persönlich.
Green gelingt dabei eine Bandbreite von Themen von der Beulenpest bis zu Monopoly. Dabei vergibt er jedem Thema Punkte auf einer Skala von 1 bis 5.
Mir hat gefallen, dass Green neugierig genug ist, Bedeutung in Dingen zu finden, die auf den ersten Blick bedeutungslos oder belanglos zu sein scheinen. Ganz unerwartet steht man vor spannenden geschichtlichen Ereignissen, menschlichen Wendepunkten, tiefen philosophischen Fragen, absurden oder lustigen Enden. Tatsächlich lernt man etwas Überraschendes über die Welt, nimmt tiefergehende Fragen oder neue Herangehensweisen mit.
„Wenn die Erde mal mit uns fertig sein sollte, wird es heißen: „Na, so toll war das ja nicht mit diesem Befall mit Menschen, aber wenigstens habe ich kein Großasteroidensyndrom bekommen.“ S. 29
Wie sehen die anderen Teamplayer auf dem Planeten uns Menschen? Wie würden sie das Anthropozän bewerten? Green lässt daran keinen Zweifel:
„Schon jetzt ist der Mensch eine ökologische Katastrophe. […] Für viele Lebensformen ist die Menschheit deshalb die Apokalypse.“ S. 28
Green schreibt dieses Buch mitten in einer Pandemie-Situation, was natürlich auch nicht spurlos an seiner Sichtweise vorbei gehen kann. Nie hat man deutlicher gemerkt, wie veränderbar die sogenannte „Normalität“ ist.
„Aber in den frühen Stunden des Jahres 2021, in denen ich dies schreibe, scheint es komplett widernatürlich, ein Kino überhaupt zu betreten. Für Menschen ändert sich das „Natürliche“ ständig.“ S. 89
Daneben ist es immer eine sehr persönliche Sichtweise, wie man an den Abstechern in Spezialitäten seiner Heimat Indiana wie z.B. das ganz spezielle meteorologische Phänomen des „Wintermixes“ sieht. Hier und auch an manch anderen Stellen spürt man etwas die Orientierung ans amerikanische Lesepublikum, was der Lesefreude aber keinen Abbruch tut.
Fazit
Green erkundet an ganz persönlichen Themen, was es bedeutet in dieser Welt zu leben. Selbst wenn Kanadagänse oder das Googlen von Fremden seine Ausgangspunkte sind, stößt er doch immer wieder an sensible Punkte des Menschseins, die sehr berühren.
Für unsere derzeit etwas ausgekoppelte Weltsituation versucht er dabei ein wenig Balsam zu stiften. Mal absurd, mal humorvoll, dann wieder schmerzlich oder zum Philosophieren anregend. Doch vor allem immer wieder sehr empathisch wie auch kurzweilig ist dieser Rückblick auf unser geologisches Zeitalter. Vor Überraschungen ist man in diesem Buch nie gefeit. Da verweist Green auf die Anfangssequenz des Films „Die Pinguine aus Madagaskar“:
„Aber wie sollten wir den Absurditäten des Anthropozäns auch sonst begegnen?“S. 124
Mein persönlicher Kritikpunkt: ich finde das Cover vollkommen nichtssagend. Trotzdem: eine Leseempfehlung gibt es von mir auf jeden Fall!
Der Titel „Lass die anderen reden“ lässt noch viele Erwartungshaltungen zu, da ist der Untertitel doch nötig: „Stresscoaching für einen gelassenen Umgang mit Menschen und Hunden“.
Die Autorin Vanessa Engelstädter ...
Der Titel „Lass die anderen reden“ lässt noch viele Erwartungshaltungen zu, da ist der Untertitel doch nötig: „Stresscoaching für einen gelassenen Umgang mit Menschen und Hunden“.
Die Autorin Vanessa Engelstädter ist eine erfahrene Hundetrainerin und begleitet Menschen mit Stress- und Resilienzcoaching.
Um es gleich vorauszuschicken: wenn man den Untertitel ganz genau liest, merkt man, dass sich hier nicht nur Menschen mit Hunden Lass die anderen reden: Stresscoaching für einen gelassenen Umgang mit Menschen und Hunden.
Das Cover des Buches vermittelt schon durch die hellen Blautöne und das Weiß eine ruhige, entspannte Atmosphäre. Wir lernen auf dem Foto gleich die Autorin und ihren weißen Schäferhund kennen, die beide angesprochen fühlen müssen. Obwohl Verlagsname, Autorin und Foto das nahelegen. Schließlich ist der Umgang mit Stress und der Wunsch nach mehr Gelassenheit bei vielen Menschen Alltag.
Bei Mensch-Hunde-Teams stehen üblicherweise vor allem das Training und die Erziehung des Vierbeiners im Zentrum. Das hat auch seine Berechtigung. Aber nicht selten hängt die Ursache von Problemen und Schwierigkeiten an der anderen Seite der Leine. Wie schön wäre es, wenn doch Hund und Mensch gemeinsam eine positive Entwicklung durchmachen können. So gingen sie zusammen viel entspannter auf ihren Wegen.
Wer schon einmal einen Hund an der Leine hatte, weiß, wie schnell da eine Stimmungsübertragung vom Menschen zu seinem Tier passiert: eine kleine Anspannung des Körpers, manchmal nur ein negativer Gedanke und die Übertragung auf den Hund funktioniert. Das ist die Stelle, an der das vorliegende Buch ansetzt.
Man sollte hier also kein Hundeerziehungsbuch erwarten. Es geht hier vor allem um den Menschen: Stresscoaching, Achtsamkeit, Umgang mit den eigenen Emotionen, Kommunikationstraining und vieles mehr. Es wird sehr ausführlich auf die Entstehung von Stress und dem Umgang damit eingegangen.
Die Schrift ist angenehm lesbar, die Kapitel überschaubar, Zusammenfassungen erleichtern die Dinge zu erfassen. Immer wieder gibt es Möglichkeiten selber Notizen einzufügen oder einen Selbsttest zum eigenen Stresslevel zu machen. Die optische Übersichtlichkeit ist sehr angenehm. Die Autorin versucht das Thema von allen Seiten, mit möglichst vielen Informationen und mit allen Facetten zu betrachten. Denkanstöße, Lösungsansätze und viele praxisnahen Tipps zur Erlangung eine Resilienz sollen die Ratsuchenden motivieren und ins Tun bringen.
Mit einer gelassenen, entspannten Haltung fühlt man sich bei Begegnungen mit seinen Mitmenschen viel sicherer und kann dies auch dem Hund vermitteln.
Das Buch ist durchaus anspruchsvoll und verlangt Mitarbeit. Ich könnte mir vorstellen, dass auch Hundetrainer*innen viel mitnehmen können, um besser auf Ihre Kunden einzugehen.
Wer also nicht nur mit seinem Hund, sondern auch unterstützend an sich selber arbeiten möchte, findet in diesem Buch vollumfängliche Informationen.
Was ist Heimat? Wie gehen Menschen mit einer Entwurzelung aus ihrem Herkunftsland um? Wie finden sie ihre Identität? Ist vielleicht sogar eine Rückverwurzelung möglich? Aktuelle Fragen, die hier an Schicksalen ...
Was ist Heimat? Wie gehen Menschen mit einer Entwurzelung aus ihrem Herkunftsland um? Wie finden sie ihre Identität? Ist vielleicht sogar eine Rückverwurzelung möglich? Aktuelle Fragen, die hier an Schicksalen aus Siebenbürgen aufgezeigt werden. Was wissen wir eigentlich von den „Siebenbürger Sachsen“, die seit dem Mittelalter im Zentrum des heutigen Rumänien siedel(te)n? Ein bisschen mehr erfahren wir in diesem Roman.
Es sind über zwanzig Jahre vergangen, seit Sine als Kind mit ihren Eltern von Rumänien nach Deutschland ausgewandert ist. Sie gehören den Siebenbürger Sachsen an, einer deutschstämmigen Minderheit in Rumänien, die seit dem 13. Jahrhundert in Transsylvanien ansässig sind. Großmutter Agneta war dort im kleinen Ort Michelsberg (rumänisch Cisnădioara) geblieben. Nun ist sie verstorben und Sine fährt mit ihrem Vater Johann zum Begräbnis. Während Sines Vater inzwischen immer wieder in die alte Heimat gereist war, ist dies für Sine die erste Begegnung mit dem Landstrich ihrer Kindheit. Sine befindet sich gerade in einer Umbruchssituation nach Abschluss des Studiums. Unentschlossen und mutlos wartet sie auf ein Zeichen, wie es weitergeht. So nimmt sie alles ganz intensiv und sensibel auf dieser Reise auf, so dass wir es durch ihre Augen sehen.
Das versponnen wirkende einzigartige alte Haus der Großmutter Agneta scheint Sine wie eine Persönlichkeit herzlich zu empfangen und zu fragen, wo sie so lange geblieben sei. Von Raum zu Raum schreitet Sine in verschiedene Farbwelten. Kein Wunder, denn dieses Gebäude war früher auch Teil der Färberei, die die Familie einst betrieb. Erst ihr Vater hatte sich vom Handwerk abgewandt und war Kunstmaler geworden. Längst vergessen geglaubte Erinnerungen und Bilder werden in Rückblenden lebendig. Agnetas Lebensgeschichte breitet sich vor ihr aus. Unter jenen freundlichen Bewohnern, die Sine wiedererkennen, ist auch Julian, ihr Freund aus der Kinderzeit. Er wird zu Sines Ankerpunkt. Mit ihm erkundet sie aufs Neue die geschichtsträchtige, märchenhafte Landschaft Siebenbürgens und ihre alten Siedlungen, das unperfekte aber faszinierend einfache Leben, die spätsommerliche Natur und ein bisschen auch sich selbst.
Allmählich enthüllt sich die Bedeutung des Buchtitels: Der „Halbe Stein“ ist eigentlich ein Naturmonument aus der Kreidezeit und Ort zum Innehalten und Nachdenken für Sine. Für sie ist es auch ein Symbol für ihre Suche nach einer verlorenen Hälfte, von der sie noch nicht weiß, was es ist.
Aus Sines sehr feinsinnigen und genauestens beobachtenden Position erleben wir das äußere Umfeld und ihre drängenden Fragen. Nachdem sie als Kind die Heimat verließ, vermisst sie das Gefühl der Zugehörigkeit, ihre Wurzeln, die Heimat, ein Zuhause. Diese Reise nach Siebenbürgen, das Eintauchen in die Landschaft und die Geschichte seiner Menschen konfrontiert sie mit dem Schmerz des Vergangenen. Diese Fragen haben sehr große Aktualität, egal wo man seine Wurzeln hat.
Spannend ist, wie die anderen Charaktere mit den Fragen umgegangen sind, mit denen Sine gerade ringt. Auch wenn Großmutter Agneta gestorben ist, kommt es einem vor, als wäre sie präsent im Haus. Sie war eine mutige, tapfere und tatkräftige Frau, der ihr Leben die Bereitschaft gelehrt hatte, immer wieder aufs Neue loszulassen. Alles, auch Menschen, sind nur Geschenke auf Zeit „Menschen und Dinge kann man nicht besitzen.“ S. 206
Mit Sine erleben wir, wie unterschiedlich ihre Eltern und ihr Onkel mit der Identität und dem Verlust der Verwurzelung in der Heimat umgehen. Der Blick zurück gehört für den einen wesentlich zu seiner Identität, während andere damit abschließen oder sich gänzlich ablehnend abwenden.
Besonders fein ist, dass das künstlerische, atmosphärische Haus fast schon zu einem eigenen Charakter in der Handlung wird. Damit hinterlässt es mehr Eindruck bei mir als andere Protagonist*innen.
Die Autorin beschreibt ausdrucksstark und poetisch Natur und Landschaft Siebenbürgens, seine historischen Besonderheiten und geschichtliche Elemente der (fast) verloren gegangenen Gemeinschaft. Auch wenn sie feinfühlig auf den Dialekt der Siebenbürger eingeht, bin ich mir nicht sicher, in welcher Sprache sich denn eigentlich Sine und Julian unterhalten. Denn weder im Siebenbürger Dialekt noch im Rumänischen scheint Sine noch ganz firm zu sein. Gänzlich unerwähnt bleibt, dass in Rumänien die nationalen Minderheiten sowohl unter Ceaușescu als auch nach der Wende Schulen in ihrer Muttersprache besuchen konnten. (Übrigens komplett im Gegensatz zu den Deutschstämmigen aus Russland.)
Das Schicksal von Sines Familie macht natürlich auch neugierig, noch mehr über Siebenbürgen zu erfahren. Ein bisschen von der Historie Siebenbürgens klingt an und auch die Auswanderung vieler Siebenbürger Sachsen und die Gründe dafür: Willkür und Misswirtschaft des kommunistischen Systems. Nur in wenigen Sätzen erfährt man über die Deportationen nach dem Krieg durch die Russen, über Enteignungen und warum Agneta dem entkommen konnte. Leider wird hier lieber ein anderes Familiengeheimnis aufgedeckt, anstatt an dieser Stelle tiefer zu schürfen. Schade.
Gefallen hat mir, dass durch diesen Roman bildlich ein „Siebenbürger Brunnen“ wiederbelebt wird denn:
„Einer der vielen toten Brunnen in Siebenbürgen“, sagte Vater. … „Wenn man einen Brunnen nicht benutzt, versiegt er.“ S. 76 Ansonsten scheint mir hier Siebenbürgen so komplett abgehoben von seinem Dasein im rumänischen Umfeld und im Zeitstrom der Geschichte dargestellt zu werden. Hier fehlt es mir an Tiefe, an Handlung, an Bewegung, an etwas, was mich berührt.
Da kommt mir der so sympathische Balduin in den Sinn, der auf Sines Frage nach seinem Alter (76), erst rechnen musste „Ach, weißt du, liebe Sina, das ist etwas, womit ich mich nicht beschäftige. Es gibt so viele andere Dinge, mit denen man seine Zeit verbringen kann.“ S. 225
Sehr liebenswert, aber etwas aus der Zeit gefallen. Geht nicht auch beides gleichzeitig? Mir schenkt der Roman immerhin den Aufhänger, mich etwas mehr mit der Geschichte Rumäniens und der Siebenbürger Sachsen zu beschäftigen.