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Veröffentlicht am 27.08.2024

Damit sich Zwei-und Vierbeiner stressfreier begegnen

Lass die anderen reden
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Der Titel „Lass die anderen reden“ lässt noch viele Erwartungshaltungen zu, da ist der Untertitel doch nötig: „Stresscoaching für einen gelassenen Umgang mit Menschen und Hunden“.
Die Autorin Vanessa Engelstädter ...

Der Titel „Lass die anderen reden“ lässt noch viele Erwartungshaltungen zu, da ist der Untertitel doch nötig: „Stresscoaching für einen gelassenen Umgang mit Menschen und Hunden“.
Die Autorin Vanessa Engelstädter ist eine erfahrene Hundetrainerin und begleitet Menschen mit Stress- und Resilienzcoaching.
Um es gleich vorauszuschicken: wenn man den Untertitel ganz genau liest, merkt man, dass sich hier nicht nur Menschen mit Hunden Lass die anderen reden: Stresscoaching für einen gelassenen Umgang mit Menschen und Hunden.

Das Cover des Buches vermittelt schon durch die hellen Blautöne und das Weiß eine ruhige, entspannte Atmosphäre. Wir lernen auf dem Foto gleich die Autorin und ihren weißen Schäferhund kennen, die beide angesprochen fühlen müssen. Obwohl Verlagsname, Autorin und Foto das nahelegen. Schließlich ist der Umgang mit Stress und der Wunsch nach mehr Gelassenheit bei vielen Menschen Alltag.

Bei Mensch-Hunde-Teams stehen üblicherweise vor allem das Training und die Erziehung des Vierbeiners im Zentrum. Das hat auch seine Berechtigung. Aber nicht selten hängt die Ursache von Problemen und Schwierigkeiten an der anderen Seite der Leine. Wie schön wäre es, wenn doch Hund und Mensch gemeinsam eine positive Entwicklung durchmachen können. So gingen sie zusammen viel entspannter auf ihren Wegen.
Wer schon einmal einen Hund an der Leine hatte, weiß, wie schnell da eine Stimmungsübertragung vom Menschen zu seinem Tier passiert: eine kleine Anspannung des Körpers, manchmal nur ein negativer Gedanke und die Übertragung auf den Hund funktioniert. Das ist die Stelle, an der das vorliegende Buch ansetzt.

Man sollte hier also kein Hundeerziehungsbuch erwarten. Es geht hier vor allem um den Menschen: Stresscoaching, Achtsamkeit, Umgang mit den eigenen Emotionen, Kommunikationstraining und vieles mehr. Es wird sehr ausführlich auf die Entstehung von Stress und dem Umgang damit eingegangen.
Die Schrift ist angenehm lesbar, die Kapitel überschaubar, Zusammenfassungen erleichtern die Dinge zu erfassen. Immer wieder gibt es Möglichkeiten selber Notizen einzufügen oder einen Selbsttest zum eigenen Stresslevel zu machen. Die optische Übersichtlichkeit ist sehr angenehm. Die Autorin versucht das Thema von allen Seiten, mit möglichst vielen Informationen und mit allen Facetten zu betrachten. Denkanstöße, Lösungsansätze und viele praxisnahen Tipps zur Erlangung eine Resilienz sollen die Ratsuchenden motivieren und ins Tun bringen.
Mit einer gelassenen, entspannten Haltung fühlt man sich bei Begegnungen mit seinen Mitmenschen viel sicherer und kann dies auch dem Hund vermitteln.

Das Buch ist durchaus anspruchsvoll und verlangt Mitarbeit. Ich könnte mir vorstellen, dass auch Hundetrainer*innen viel mitnehmen können, um besser auf Ihre Kunden einzugehen.
Wer also nicht nur mit seinem Hund, sondern auch unterstützend an sich selber arbeiten möchte, findet in diesem Buch vollumfängliche Informationen.

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Veröffentlicht am 14.02.2026

Die toten Brunnen in Siebenbürgen

Halber Stein
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Was ist Heimat? Wie gehen Menschen mit einer Entwurzelung aus ihrem Herkunftsland um? Wie finden sie ihre Identität? Ist vielleicht sogar eine Rückverwurzelung möglich? Aktuelle Fragen, die hier an Schicksalen ...

Was ist Heimat? Wie gehen Menschen mit einer Entwurzelung aus ihrem Herkunftsland um? Wie finden sie ihre Identität? Ist vielleicht sogar eine Rückverwurzelung möglich? Aktuelle Fragen, die hier an Schicksalen aus Siebenbürgen aufgezeigt werden. Was wissen wir eigentlich von den „Siebenbürger Sachsen“, die seit dem Mittelalter im Zentrum des heutigen Rumänien siedel(te)n? Ein bisschen mehr erfahren wir in diesem Roman.
Es sind über zwanzig Jahre vergangen, seit Sine als Kind mit ihren Eltern von Rumänien nach Deutschland ausgewandert ist. Sie gehören den Siebenbürger Sachsen an, einer deutschstämmigen Minderheit in Rumänien, die seit dem 13. Jahrhundert in Transsylvanien ansässig sind. Großmutter Agneta war dort im kleinen Ort Michelsberg (rumänisch Cisnădioara) geblieben. Nun ist sie verstorben und Sine fährt mit ihrem Vater Johann zum Begräbnis. Während Sines Vater inzwischen immer wieder in die alte Heimat gereist war, ist dies für Sine die erste Begegnung mit dem Landstrich ihrer Kindheit. Sine befindet sich gerade in einer Umbruchssituation nach Abschluss des Studiums. Unentschlossen und mutlos wartet sie auf ein Zeichen, wie es weitergeht. So nimmt sie alles ganz intensiv und sensibel auf dieser Reise auf, so dass wir es durch ihre Augen sehen.

Das versponnen wirkende einzigartige alte Haus der Großmutter Agneta scheint Sine wie eine Persönlichkeit herzlich zu empfangen und zu fragen, wo sie so lange geblieben sei. Von Raum zu Raum schreitet Sine in verschiedene Farbwelten. Kein Wunder, denn dieses Gebäude war früher auch Teil der Färberei, die die Familie einst betrieb. Erst ihr Vater hatte sich vom Handwerk abgewandt und war Kunstmaler geworden. Längst vergessen geglaubte Erinnerungen und Bilder werden in Rückblenden lebendig. Agnetas Lebensgeschichte breitet sich vor ihr aus. Unter jenen freundlichen Bewohnern, die Sine wiedererkennen, ist auch Julian, ihr Freund aus der Kinderzeit. Er wird zu Sines Ankerpunkt. Mit ihm erkundet sie aufs Neue die geschichtsträchtige, märchenhafte Landschaft Siebenbürgens und ihre alten Siedlungen, das unperfekte aber faszinierend einfache Leben, die spätsommerliche Natur und ein bisschen auch sich selbst.

Allmählich enthüllt sich die Bedeutung des Buchtitels: Der „Halbe Stein“ ist eigentlich ein Naturmonument aus der Kreidezeit und Ort zum Innehalten und Nachdenken für Sine. Für sie ist es auch ein Symbol für ihre Suche nach einer verlorenen Hälfte, von der sie noch nicht weiß, was es ist.

Aus Sines sehr feinsinnigen und genauestens beobachtenden Position erleben wir das äußere Umfeld und ihre drängenden Fragen. Nachdem sie als Kind die Heimat verließ, vermisst sie das Gefühl der Zugehörigkeit, ihre Wurzeln, die Heimat, ein Zuhause. Diese Reise nach Siebenbürgen, das Eintauchen in die Landschaft und die Geschichte seiner Menschen konfrontiert sie mit dem Schmerz des Vergangenen. Diese Fragen haben sehr große Aktualität, egal wo man seine Wurzeln hat.

Spannend ist, wie die anderen Charaktere mit den Fragen umgegangen sind, mit denen Sine gerade ringt. Auch wenn Großmutter Agneta gestorben ist, kommt es einem vor, als wäre sie präsent im Haus. Sie war eine mutige, tapfere und tatkräftige Frau, der ihr Leben die Bereitschaft gelehrt hatte, immer wieder aufs Neue loszulassen. Alles, auch Menschen, sind nur Geschenke auf Zeit „Menschen und Dinge kann man nicht besitzen.“ S. 206
Mit Sine erleben wir, wie unterschiedlich ihre Eltern und ihr Onkel mit der Identität und dem Verlust der Verwurzelung in der Heimat umgehen. Der Blick zurück gehört für den einen wesentlich zu seiner Identität, während andere damit abschließen oder sich gänzlich ablehnend abwenden.
Besonders fein ist, dass das künstlerische, atmosphärische Haus fast schon zu einem eigenen Charakter in der Handlung wird. Damit hinterlässt es mehr Eindruck bei mir als andere Protagonist*innen.

Die Autorin beschreibt ausdrucksstark und poetisch Natur und Landschaft Siebenbürgens, seine historischen Besonderheiten und geschichtliche Elemente der (fast) verloren gegangenen Gemeinschaft. Auch wenn sie feinfühlig auf den Dialekt der Siebenbürger eingeht, bin ich mir nicht sicher, in welcher Sprache sich denn eigentlich Sine und Julian unterhalten. Denn weder im Siebenbürger Dialekt noch im Rumänischen scheint Sine noch ganz firm zu sein. Gänzlich unerwähnt bleibt, dass in Rumänien die nationalen Minderheiten sowohl unter Ceaușescu als auch nach der Wende Schulen in ihrer Muttersprache besuchen konnten. (Übrigens komplett im Gegensatz zu den Deutschstämmigen aus Russland.)

Das Schicksal von Sines Familie macht natürlich auch neugierig, noch mehr über Siebenbürgen zu erfahren. Ein bisschen von der Historie Siebenbürgens klingt an und auch die Auswanderung vieler Siebenbürger Sachsen und die Gründe dafür: Willkür und Misswirtschaft des kommunistischen Systems. Nur in wenigen Sätzen erfährt man über die Deportationen nach dem Krieg durch die Russen, über Enteignungen und warum Agneta dem entkommen konnte. Leider wird hier lieber ein anderes Familiengeheimnis aufgedeckt, anstatt an dieser Stelle tiefer zu schürfen. Schade.
Gefallen hat mir, dass durch diesen Roman bildlich ein „Siebenbürger Brunnen“ wiederbelebt wird denn:

„Einer der vielen toten Brunnen in Siebenbürgen“, sagte Vater. … „Wenn man einen Brunnen nicht benutzt, versiegt er.“ S. 76 Ansonsten scheint mir hier Siebenbürgen so komplett abgehoben von seinem Dasein im rumänischen Umfeld und im Zeitstrom der Geschichte dargestellt zu werden. Hier fehlt es mir an Tiefe, an Handlung, an Bewegung, an etwas, was mich berührt.

Da kommt mir der so sympathische Balduin in den Sinn, der auf Sines Frage nach seinem Alter (76), erst rechnen musste „Ach, weißt du, liebe Sina, das ist etwas, womit ich mich nicht beschäftige. Es gibt so viele andere Dinge, mit denen man seine Zeit verbringen kann.“ S. 225
Sehr liebenswert, aber etwas aus der Zeit gefallen. Geht nicht auch beides gleichzeitig? Mir schenkt der Roman immerhin den Aufhänger, mich etwas mehr mit der Geschichte Rumäniens und der Siebenbürger Sachsen zu beschäftigen.

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Veröffentlicht am 13.11.2025

Wer hat die Macht über die Erinnerungen?

Das Buch der verlorenen Stunden
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Kaum schlägt man diesen Roman auf, wird man in einen fast gespenstischen, faszinierenden Ort versetzt: Der „Zeitraum“, der Raum zwischen Vergangenheit und Gegenwart, wo alles als Erinnerung verweilt, was ...

Kaum schlägt man diesen Roman auf, wird man in einen fast gespenstischen, faszinierenden Ort versetzt: Der „Zeitraum“, der Raum zwischen Vergangenheit und Gegenwart, wo alles als Erinnerung verweilt, was auf der Erde passiert ist. Man kann ihn sich vorstellen als eine Art Bibliothek gefüllt mit Büchern, die die Erinnerungen der Verstorbenen in sich tragen. Anfangs, als Zeit kaum mehr als eine Idee war, kamen ganz besondere Menschen nur mit konzentrierter Willenskraft in diesen mystischen Ort. Später hatten nur Zeithüter mit speziellen Uhren Zugang. Diese Uhren und die damit verbundenen Aufgaben wurden von Vater zu Sohn weitergegeben.

Die 11jährige Lisavet Levy ist Tochter eines solchen Uhrmachers in Nürnberg. Es ist die Reichsprogromnacht, als das Mädchen mit Hilfe ihres Vaters Zuflucht im Zeitraum findet. Ihr Vater Ezekiel hat Uhren für Zeithüter hergestellt wie schon Generationen seiner Vorfahren. Sein Laden wird in dieser Nacht von Nazihorden gestürmt. Da er sich weigert, Uhren für dieses Regime herzustellen, ist es für ihn für die Flucht zu spät. Lisavet ist somit im Zeitraum gerettet, aber auch für viele Jahre gefangen.
Außerhalb der Zeit wächst sie dort ohne physische Bedürfnisse zwischen den Büchern und Geistern auf. Die Welt außerhalb kann sie nur durch die Erinnerungen der Vergangenen sehen. Sie lernt, zwischen den erinnerten Zeiten zu wandeln.

Im Laufe der Zeit sind die speziellen Uhren der Zeithüter meist in die Hände von Regierungen übergegangen. Lisavet realisiert, dass Spione der Regierungen (zunächst Nazis, dann russische und amerikanische) den Zeitraum betreten und ausgewählte Erinnerungsbücher zerstören, um ihre jeweilige Version der Geschichte durchzusetzen. Schockiert versucht sie, die Reste zu retten und in ihrem eigenen Erinnerungsbuch zu bewahren. Damit mischt sie sich in gefährliche Angelegenheiten ein und ist Leuten und Geheimdiensten im Weg.
Ihr bedeutungsschweres und wichtiges Buch der Erinnerungen trägt sie stets bei sich. Es wird ein Objekt der Begehrlichkeit für andere.
Schließlich trifft Lisavet 1949, mittlerweile eine blutjunge Erwachsene, auf den amerikanischen CIA-Agenten Ernest Duquesne. Er bietet ihr Einblicke in die Welt, die sie verlassen hat, an. Lisavets Weg nimmt eine dramatische Wendung, der auch den Zeitraum verändern wird.

Die Rahmengeschichte des Romans ist sehr spannend und hochaktuell. Was die Autorin den Amerikaner Ernest über die Spione im Zeitraum sagen lässt, ist leider nur zu wahr:
„Staatliche Stellen möchten gern steuern, woran sich im Zeitraum erinnert wird. Mitunter zerstören sie dabei Dinge, die sie für gefährlich halten. Sie verbrennen Erinnerungen.“ (S. 138) und „Geschichte wird von den Siegern geschrieben.“ (S. 126)
Lisavet hält das zerstörerische Verhalten der Spione für „imperialistisch“ und weiß, dass Erinnerungen, das Wertvollste sind, was wir besitzen. Keiner hat das Recht sie zu zerstören.
Die Erklärungen der Regierungen dafür sind fadenscheinig. Offiziell soll dies der Verhinderung von Kriegen oder Ausbreitung des Kommunismus/Kapitalismus (je nachdem ob Amerikaner oder Russen) dienen. Damit das Narrativ im Einklang mit ihrer Ideologie steht, werden Menschen und Erinnerungen ausgelöscht und somit die Wahrheit. Da bekommt selbst Spion Ernest Zweifel.

Nicht nur Autokratien möchten unliebsame Historie und Tatsachen zu gern umschreiben. Staatschefs setzen heute ganz bewusst Fake-News und „alternative Fakten“ in die Welt oder drehen jahrhundertealte Geschichte um, damit sie ihren imperialistischen Bestrebungen in den Kram passen. Sie brauchen gar nicht so eine Uhr eines Zeithüters, sie löschen schon längst Erinnerungen aus. Die Autorin Gefuso möchte durch ihre Metaphern des „Zeitraumes“ und der Zeithüter darauf aufmerksam machen.
Die Hauptcharaktere Lisavet und Ernest waren am Anfang sehr einnehmend, machen später unerwartete Wandlungen durch. Aber im weiteren Verlauf mochte ich Lisavet zunehmend weniger. Ihre Entscheidungen werden immer fragwürdiger und widersprechen dem, weswegen ich sie anfangs schätzte. Die Art, wie sie allmählich die Oberhand gewinnt und moralische Bedenken beiseiteschiebt, hat mich teilweise sehr verstört. Für mich war diese Entwicklung nicht nachvollziehbar.

Gefusions Erzählweise ist ein wenig herausfordernd. Verschiedene Zeitebenen und Handlungsstränge werden kapitelweise verflochten: Zum einen das Dasein Lisavets im sogenannten „Zeitraum“ und die Gegenwartsebene in Boston des Jahres 1965. Der Plot pendelt somit immer vor- und rückwärts mit wechselnden Charakteren, Vor- und Rückverweisungen im Handlungsstrom.
Zum einen bietet der Plot eine lebhafte Fantasy-Ebene mit vielen politischen und philosophischen Anspielungen, die man erst mal verarbeiten möchte. Dazu kommt dann die Anlehnung an einen teils gewalttätigen und verworrenen Spionagethriller, in der die CIA und der Kalte Krieg eine Rolle spielen.

FAZIT
Die Rahmenhandlung fand ich faszinierend, sehr aktuell und wichtig. Die Fragen, wie Geschichte und Zeitgeschehen erinnert wird, wie Zensur und Geschichtsfälschung durchgeführt wird, wie man Erinnerung und geschichtliche Wahrheit retten kann, sind sehr spannend. Dieser Teil des Romans mahnt uns, dass wir auch Zeit(be)hüter sein sollten, um die Vergangenheit und die daraus folgenden Lehren zu schützen und zu bewahren.
Schließlich hat die Autorin versucht, eine dramatische Romanze, einen Spionagethriller, ein Coming-of-Age und eine Widerstandsgeschichte miteinander zu verweben. Um am Ende alle Handlungsstränge zu einem guten Abschluss zu führen, ist die eigentliche Botschaft des Buches für mich persönlich leider fast verloren gegangen.

Wer eine Mischung aus Magie, Agententhriller und Liebesgeschichte schätzt, bekommt hier das volle Paket. Allein für die vielen Denkanstöße und die Idee der Rettung der Zeitgeschichte ist der Roman durchaus lesenswert. Denn am Ende bewegt einen vor allem die Frage: Wer bestimmt, woran wir uns erinnern? Wie können wir die Wahrheit schützen?

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Veröffentlicht am 27.09.2025

Kriminalfall rund um Kaspar Hauser

Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten
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Am 26. Mai 1828 wurde in Nürnberg ein völlig verwahrloster, ungefähr 16 Jahre alter Jugendlicher aufgegriffen, der kaum sprechen konnte. In seiner Hand hielt einen Zettel, auf dem sein Name stand: Kaspar ...

Am 26. Mai 1828 wurde in Nürnberg ein völlig verwahrloster, ungefähr 16 Jahre alter Jugendlicher aufgegriffen, der kaum sprechen konnte. In seiner Hand hielt einen Zettel, auf dem sein Name stand: Kaspar Hauser. Seitdem rätseln Wissenschaft und Gesellschaft über Herkunft und Schicksal dieses mysteriösen Findelkindes. Literatur und Kunst machten ihn vielfach zum Thema. Faszination übt seine Geschichte bis heute aus.

Der italienische Autor Davide Morosinotto greift die vielen losen Fäden der historischen Fakten auf und verwebt sie zu einem fiktionalen Kriminalroman für Jugendliche. In „Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten“ lässt er nur ein Jahr nach Kaspar Hausers Auftauchen – 1829 -, den fiktiven sizilianischen Detektiv und Arzt Dr. Grimaldi mit seiner 15jährigen Tochter Greta nach Nürnberg reisen. Grimaldi ist engagiert worden, um ein angekündigtes Attentat auf Kaspar Hauser zu verhindern.

Während die jugendliche Greta sich recht eigenständig in Nürnberg umschaut, setzt sie sich damit über die engen Konventionen, die im 19. Jahrhundert für junge Mädchen galten, selbstbewusst hinweg. Ihr Vater lässt sie dabei gewähren. Ihm ist es eh recht, wenn Greta draußen in der Stadt unauffällig die Augen offen hält und Informationen sammelt. Dr. Grimaldi selber verlässt für seine Nachforschungen nur ungern seine Hotelsuite. Stattdessen tyrannisiert er lieber das Hotelpersonal mit seinem stets unzufriedenen und nörgelnden Wesen.

Der sizilianische Detektiv ist weniger an Kaspars Geschichte interessiert, sondern lenkt sein Augenmerk auf die Verhinderung des angedrohten Attentats auf ihn. So ist er meist mit seinen intensiven Lektürestudien und Gesprächen mit Honoratioren der Stadt beschäftigt.
Greta Grimaldi ist der zentrale Charakter der Geschichte. Sie verfügt über eine sehr gute Ausbildung, spricht fünf Sprachen und gilt als scharfsinnig. Ihre Selbstständigkeit, ihr Selbstbewusstsein und auch ihr manchmal launenhaftes Benehmen treffen gelegentlich hart auf die Konventionen jener Zeiten. Zu ihrem Vater hat sie ein leicht distanziertes Verhältnis, die beiden wirken eher wie ein Team in diesem Fall. Eine Mitschülerin in Palermo hat einst über Greta gesagt: „Du bist wie aus Glas“. Sie meinte damit, dass Greta „keine klare Persönlichkeit“ besäße, sondern sich auf das Beobachten beschränken würde.

Bei ihren Nachforschungen trifft Greta immer wieder auf einen jungen Mann Oskar von Tucher, einem Mitglied einer Adelsfamilie mit Zugang zu Kaspar Hauser. Er macht Greta mit diesem bekannt. Greta wird Kaspar Hauser ein paar Mal eher flüchtig treffen. Durch die Untersuchungen und Gespräche der beiden Grimaldis erhält man beim Lesen einige Informationen über seine recht nebulöse Geschichte, hört so manche Spekulationen, Theorien und Mutmaßungen. Doch das Rätsel über seine Herkunft bleibt – wie auch in der Realität – ungeklärt.

Leider wirkt Kaspar Hauser als Charakter sehr blass, blutleer und nur grob skizziert. Man erfährt eher von außen über ihn, als durch ihn selber.
Die beiden tatsächlichen Attentate auf Kaspar Hauser (17.10.1829) und später nach Grimaldis Einsatz (14.12.1833 mit tödlichem Ausgang) werden aufgegriffen und mit einem fiktiven Tathergang dargestellt.

Fazit
Der Jugendroman hält mit dem ansprechenden Cover und den vielen interessanten Illustrationen, die unter Nutzung von Darstellungen aus dem Nürnberger Stadtarchiv entstanden sind, einiges für das Auge bereit.
Die rätselhafte Geschichte um Kaspar Hauser lädt immer noch ein, sie wieder neu aufzugreifen. Der Autor nimmt auch die vielen Fäden historisch korrekt auf, um sie neu zu verknüpfen. So erfahren die jungen Leser*innen auf unterhaltsame Art sehr viel über „das Kind Europas“. Der Schreibstil ist gut verständlich und trotz ein paar Längen gut lesbar.

Leider kann mich der Autor aber mit seiner Kriminalgeschichte nicht vollkommen überzeugen. Ich hätte mir erhofft, dass er sich traut, der jungen Leserschaft den Menschen Kaspar in irgendeiner Form näher zu bringen. Doch Kaspar bleibt ein rätselhaftes Objekt, das man mit Abstand betrachtet. Eine traurige blasse Skizze und vergebene Chance.

Die einzige mögliche Identifikationsfigur ist Greta, der ich in ihrer etwas unnahbaren Art am Anfang gern eine Chance gegeben habe. Doch ihr Verhalten und ihre wenig nachvollziehbaren Schlüsse zum Fall haben mich zusehends Abstand nehmen lassen.
Der konstruierte Kriminalfall und die angebotene Lösung haben mich nicht wirklich überzeugt. Mord, tragischer Justizirrtum und Suizid fand ich eher reißerisch, so dass die Handlung zunehmend in die Abwärtsspirale geriet. Schade, denn der Anfang war eigentlich gar nicht so schlecht.

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Veröffentlicht am 10.09.2025

Familiäre Eingeweideschau

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
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Dass einen in Anna Maschiks schmalen Debütroman keine klassische Familiengeschichte erwartet, wird einem gleich drastisch mit dem derben Titel klar gemacht.
Und doch ist es die Geschichte einer Familie ...

Dass einen in Anna Maschiks schmalen Debütroman keine klassische Familiengeschichte erwartet, wird einem gleich drastisch mit dem derben Titel klar gemacht.
Und doch ist es die Geschichte einer Familie über vier Generationen hinweg, vor allem mit dem Blick auf die Linie der Mütter gelenkt. Der Schwerpunkt auf die weibliche Orientierung setzt sich fort bei der Bedeutung der Hebamme, Leichenfrau und auch einer Schwiegermutter.

Die Ich-Erzählerin Alma erklärt gleich am Anfang des Romans, dass ihre Erzählung wie „eine Eingeweideschau“ ablaufen würde. Und damit liegt sie auch richtig.
Der Roman setzt mit der Geburt des neuen Jahrhunderts ein, auch Almas Urgroßmutter Henrike wird 1900 als Bauerntochter in ein kleines Dorf an der Nordsee geboren. Ihre Mutter stirbt, als Henrike 13 Jahre alt ist. Von dem Moment an lastet die Verantwortung der vier kleineren Geschwister, des Haushaltes und schließlich auch des Hofes auf ihren Schultern, als der Vater im 1. Weltkrieg fällt.

Damit ist die Härte und Kargheit der Erzählung gesetzt. Henrike, wie auch die Töchter und Enkelinnen nach ihr, kommen notfalls alle auch ohne Mann zurecht. Schon als Kind hat Henrike Schlachten und Wursten von der Mutter gelernt und wird es so auch weitergeben. Dieses Wissen des Schafschlachtens sichert ihr im nächsten Krieg das Überleben. Es ist eine Linie von Frauen, die viel tragen und ertragen müssen.

Das Leben der Familien ist über Generationen geprägt von Schweigen, Bitternis und dem Wunsch, anders zu agieren als die vorherige Generation. So findet sich eine Vielzahl, sich mehrfach in verschiedenen Generationen wiederholender Motive. Man wünscht, es anders zu machen, fällt aber unbewusst in dieselben Muster zurück.

Es gibt Wunschkinder, Lieblingskinder, solche die Hiebe kassieren und jene, die man am liebsten abgetrieben hätte. So erfahren Lieblingskinder Zuwendung durch das Lied „Dat du min Leevsten büst“, während die anderen ohne auskommen müssen, kommunikative kleine Töchter werden mit mütterlicher Ablehnung konfrontiert, während die Väter sie wohlwollend als „kleines Tagblatt“ bezeichnen.

Die Frauen des Romans sind kommunikativer und auch zupackender als die Männer – die Väter, die Söhne. Da gibt es Söhne, die bildhaft erst mit 15 Jahren zum Leben erwachen oder im Laufe des Lebens in Holz erstarren.
Die auffallend vielen Motive und die vielsagenden Metaphern unterstützen das anfängliche Bild der Eingeweideschau. Man blickt in das nunmehr tote Objekt und erkennt Zusammenhänge, Strukturen, Bildhaftes.

Alma, die Erzählerin, versucht sensibel, mit eher kindlichem Blick das Geflecht der familiären Eingeweide zu entwirren, die Muster und Zusammenhänge zu erkennen.
Es überkommt einen das Gefühl der Freud- und Trostlosigkeit: Not und Krieg entfremdet die Menschen, ein Mantel des Schweigens legt sich auch über wichtige Ereignisse, oft lässt einen die Empathielosigkeit frösteln.

Maschiks Erzählweise ist ungewohnt und eigenwillig und dennoch poetisch. Sie trägt die Ereignisse und Gefühlsimpressionen locker wie kleine Mosaiksteine zusammen.
Sprachlich verknappt stellt sie Aussagen und Dinge in Listenform auf gegenüberliegenden Seiten gegeneinander. Es bleibt viel freier Raum auch auf den Seiten zum eigenen Füllen durch innere Bilder.

Auffallend sind die vielen wiederkehrende Motive. Eines davon ist die Zitrone, die im Cover einen krassen Kontrast zum Titel darstellt. Sie sind Entdeckungen, die der Leser macht und seine eigene kleine Eingeweideschau anstellen kann.

An der Familie ziehen die Umbrüche in Laufe des 20 Jahrhunderts durch Krieg, Veränderungen in der Landwirtschaft und in der Gesellschaft vorbei und lenken ihr Geschick. Aber mehr als das, ist es wohl die Prägung der Mutterlinie, die sich ausdrückt und deren Spuren Alma versucht zu verstehen und somit auch versucht, sich selber zu verstehen.
Ich fand es interessant, die reine Form des Romans zu ergründen. Aber wie beim Sezieren und Zerlegen des Schafes, konnte ich den emotionalen Abstand zu den Charakteren nicht überwinden. Doch vielleicht ist das auch gar nicht intendiert.

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