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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.02.2025

Porträt einer Millennial

Dancing Queen
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Paulina wacht in ihrem Wagen auf, offensichtlich hatte sie einen Unfall. Neben ihr ein unbekanntes Mädchen. Bewegen kann sie sich nicht, aber wahrnehmen. Langsam erinnert sie sich, an ihr Leben in Buenos ...

Paulina wacht in ihrem Wagen auf, offensichtlich hatte sie einen Unfall. Neben ihr ein unbekanntes Mädchen. Bewegen kann sie sich nicht, aber wahrnehmen. Langsam erinnert sie sich, an ihr Leben in Buenos Aires, an ihren Ex-Freund Felipe, an ihre Kollegin und Freundin Maite und daran wie sie das Mädchen kennengelernt hat und wieso sie bei ihr im Auto sitzt.
„Dancing Queen“ von Camila Fabbri kommt wie ein Film daher, was nicht verwunderlich ist, denn die Autorin ist auch Regisseurin und das merkt man. In kurzen Rückblenden schildert sie das wichtigste aus Paulinas Leben, das geprägt ist von Einsamkeit, mit der sie sich abzufinden glaubt. Die zielsicheren Beobachtungen und der lakonische Stil stechen dabei heraus. Zwischendurch kommen immer wieder Szenen aus dem Auto, wie sie geborgen und ins Krankenhaus gefahren wird, doch ohne die Möglichkeit mit der Außenwelt zu kommunizieren.
Paulina ist eine typische Millennial und natürlich konnte ich mich mit ihr identifizieren, auch wenn sie in Buenos Aires lebt, was ich durchaus interessant fand. Die anderen Figuren bleiben hingegen wage, obwohl auch Maite eine große Rolle spielt und eher ein Gegenentwurf zur abgeklärten Paulina darstellt.
Camila Fabbris Sprache ist keineswegs reduziert, wie es vielleicht bei einem Drehbuch gängig wäre, sondern sie nutzt Metaphern und Wortkombinationen, die mich aufhorchen ließen und mir gut gefallen haben. Das war die Stärke des Romans. Und auch wenn es einen roten Faden gab und sie auf ein Ziel hinschrieb, wurde es manchmal etwas langweilig. Da hat es mich sprachlich dranbleiben lassen, genauso wie die kurzen Kapitel. Fabbri zeichnet mit „Dancing Queen“ gekonnt ein Bild unserer Generation (der Millennials): witzig, manchmal auch nachdenklich und vor allem abgeklärt, und das in nur 170 Seiten. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses Debüt verfilmt wird und es nicht ihr einziger Roman bleibt.

Veröffentlicht am 14.11.2024

Eindrückliche Umkehr

White Lives Matter
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Anna lebt als Weiße in einer Schwarzen Welt. Den allgegenwärtigen Rassismus und die Marginalisierung will sie nicht wahrhaben. Sie will kein Opfer sein. Bis ein schreckliches Ereignis sie erkennen lässt, ...

Anna lebt als Weiße in einer Schwarzen Welt. Den allgegenwärtigen Rassismus und die Marginalisierung will sie nicht wahrhaben. Sie will kein Opfer sein. Bis ein schreckliches Ereignis sie erkennen lässt, dass sie es nicht in der Hand hat. Sie kann nicht verhindern, dass sie diskriminiert und abgewertet wird, denn das Narrativ der dummen, faulen, ausländischen Weißen ist zu tief in den Köpfen der Schwarzen Bevölkerung verankert, doch sie kann nicht mehr hinnehmen, dass es so bleibt.
Ich habe mich sehr auf „White Lives Matter“ von Jasmina Kuhnke gefreut. Zum einen, weil ich ihr Debüt „Schwarzes Herz“ unfassbar gut fand und zum anderen, weil ich den Ansatz des Buches spannend, aber vor allem wichtig finde. Ich hatte eine hohe Erwartungshaltung und leider wurde diese enttäuscht. Nicht vom Plot, nicht von der Idee, sondern von der Umsetzung. Die Perspektive ist nicht immer eindeutig, rückt manchmal weg von Protagonistin Anna, was mich verwirrte. Und es wird unheimlich viel berichtet, im Sinne von „Tell“. Dem Ratschlag „Show, don’t tell“ wurde hier leider zu selten gefolgt und auch die messerscharfen Metaphern haben mir gefehlt. Das alles hatte Jasmina Kuhnkes Debüt, mit dem sie bereits bewiesen hat, dass sie eine tolle Autorin ist. Hier hat sie das Werkzeug anscheinend hinten angestellt.
Nichtsdestotrotz ist „White Lives Matter“ wichtig. Dieses Thema ist eines der wichtigsten in unserer Gesellschaft und den Spieß umzudrehen, sollte uns (Weißen, privilegierten) vor Augen führen, dass nur eine Stellstraube in der Geschichte anders hätte sein müssen und wir die Marginalisierten, die Ausgebeuteten hätten sein können, denen alles, aber auch wirklich alles, abgesprochen wird.
Mich hätte das Buch mit Sicherheit auch ohne die Umkehr von Schwarz und Weiß berührt, denn mich fassen Grausamkeiten gegenüber Menschen, egal welcher Hautfarbe und Herkunft an, aber so geht leider noch nicht genug Menschen und daher ist dieser Roman wichtig, auch wenn er mich stilistisch nicht überzeugen konnte.

Veröffentlicht am 10.10.2024

Zeitreise trifft Krimi und noch mehr

Antichristie
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Durgas Mutter, eine Möchtegernfreiheitskämpferin, ist gestorben, abwesend war sie dagegen schon lange. Doch anstatt, um sie zu trauern, reist Durga nach London, um in einem Writer’s Room an einer Neuverfilmung ...

Durgas Mutter, eine Möchtegernfreiheitskämpferin, ist gestorben, abwesend war sie dagegen schon lange. Doch anstatt, um sie zu trauern, reist Durga nach London, um in einem Writer’s Room an einer Neuverfilmung von Agatha Christies Krimis mitzuarbeiten. Darüber sind nicht alle glücklich. Als dann auch noch die Queen stirbt, sehen die Demonstrant*innen ihr kulturelles Erbe in Gefahr. Ohne Vorwarnung landet Durga im Jahr 1906 im Indian House und ist plötzlich Sanjeev. Dort trifft er auf Revolutionäre, die gegen die Kolonialisierung kämpfen.
„Antichristie“ von Mithu Sanyal ist keine leichte Lektüre. Was nicht allein an den Zeitreisen liegt. Durga springt nicht nur zwischen 2022 und 1906 hin und her, wird einmal Sanjeev und dann wieder Durga, sondern kann die andere Person und dessen Erinnerung anzapfen. Die Perspektiven scheinen zu verschwimmen.
Beeindruckend ist, dass dabei so viel Wissen über den indischen Kolonialismus und den Widerstandskampf vermittelt wird. Es werden Namen genannt, die ich noch nie gehört habe, denn sie stehen nicht auf dem Lehrplan (ich hatte sogar Geschichts-LK), anscheinend ebenso wenig in England. Mithu Sanyal lässt Durga immer wieder ihren Pazifismus und ihre internalisierten Glaubenssätze hinterfragen und meine gleich mit. Die Diversität des Writer’s Rooms öffnet den Horizont noch ein wenig mehr.
Verpackt ist das alles nicht nur in einen Zeitreiseroman, sondern auch in eine Detektivgeschichte. Agatha Christie spielt in Durgas 2022 eine große Rolle und bei Sanjeev taucht plötzlich Sherlock Holmes auf und klärt mit ihm ein Verbrechen auf.
Ich bin tatsächlich zwiegespalten. Einerseits möchte ich „Antichristie“ feiern, wegen der Themen, wegen der Wissensvermittlung und wegen Mithu Sanyals Können als Autorin, denn wie wunderbar kann sie schreiben! Andererseits war der Roman auch verwirrend, manchmal war es schwierig, zu folgen - es war schlichtweg anstrengend.
Es ist also kein Roman für zwischendurch, aber wer eine Herausforderung sucht, ist hier richtig.

Veröffentlicht am 18.09.2024

Nicht so abgeholt wie gewohnt

Der längste Schlaf
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Mara Lux ist Schlafforscherin, was paradox scheint, denn sie selbst meidet Schlaf, vor allem das Träumen, weil sich schon mancher ihrer Träume bewahrheitet hat. Als sie die Nachricht bekommt, dass sie ...

Mara Lux ist Schlafforscherin, was paradox scheint, denn sie selbst meidet Schlaf, vor allem das Träumen, weil sich schon mancher ihrer Träume bewahrheitet hat. Als sie die Nachricht bekommt, dass sie in Deutschland ein Herrenhaus geschenkt bekommen soll, stutzt sie. Ihrer alten Heimat hatte sie schon lange den Rücken gekehrt und lebt in London. Doch dieses Geschenk von einem Unbekannten macht sie neugierig und dann ist da noch ihr letzter Traum, der zu Teilen schon in die Realität geschwappt ist und sie beschließt dem Ganzen auf den Grund zu gehen.
Vorweg: Ich bin Melanie Raabe Fan. Ich liebe ihre Thriller und ebenso den vorherigen Roman habe ich verschlungen. Ich bin also voreingenommen gewesen und mit einer gewissen Erwartungshaltung an „Der längste Schlaf“ gegangen. Leider hat er mich nicht so abgeholt wie ihre anderen Bücher.
Mara ist ein spannender Charakter und auch Setting, Plot und die Kurve zum magischen Realismus fand ich toll. Es ist spannend - da merkt man, wo Melanie Raabe ihre Anfänge hat, und das kann sie, ohne auf billige Tricks und falsche Fährten zugreifen zu müssen. Doch zu Beginn hab ich schwer hineingefunden, bin über Formulierungen gestolpert, was ich so gar nicht von ihr kenne, weil sie auch sprachlich immer gekonnt abliefert. Es wirkte etwas unkonzentriert und nicht bis zur absoluten Perfektion geschliffen, wie bei den vorherigen Büchern. Später wurde es besser, was vielleicht auch an der Spannung lag, die sich immer weiter aufgebaut hat. Das letzte Kapitel hätte ich allerdings nicht gebraucht. Darin werden alle offenen Fragen nochmal sehr ausführlich aufgelöst.
Ich möchte „Der längste Schlaf“ nicht schlecht machen. Es ist ein solider Roman von einer brillanten Schriftstellerin und nur, weil sie mich mit diesem Roman nicht so abgeholt hat, wie mit den Vorgängern, heißt es nicht, dass ich mich nicht schon auf das nächste Buch freue. Melanie Raabe bleibt trotzdem eine Großmeisterin des Schreibens und auch dieses Buch wird viele begeisterte Leser*innen finden.

Veröffentlicht am 19.07.2024

So tief und launisch wie das Meer

Mitternachtsschwimmer
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Evan flieht ins kleine Dorf Ballybrady, wo er das Cottage der exzentrischen Grace mietet. Eine Woche will er seiner Frau den gewünschten Abstand geben und wieder klar kommen mit den Tragödien seines Lebens. ...

Evan flieht ins kleine Dorf Ballybrady, wo er das Cottage der exzentrischen Grace mietet. Eine Woche will er seiner Frau den gewünschten Abstand geben und wieder klar kommen mit den Tragödien seines Lebens. Doch dann kommt der Lockdown und er sitzt fest. Als Evan sein Sohn Luca zu sich nimmt, lenkt dieser nicht nur Evans Leben in neue Bahnen, sondern auch das von Grace.
„Mitternachtsschwimmer“ von Roisin Maguire lässt mich zwiegespalten zurück. Ich liebe Grace, sie ist wunderbar. Ich mag auch Evan und alle anderen Figuren, mal von Evans Frau abgesehen. Was mir allerdings nicht gefallen hat, ist, welche Richtung der Roman in Sachen romantische Liebe genommen hat. Irgendwie war es absehbar, unterschwellig präsent, aber ich hab bereits am Anfang gehofft, dass es nicht so kommen wird. Ich finde es für die Geschichte nicht wirklich wichtig und hätte darauf verzichten können. Vor allem weil der Roman schon so viel beinhaltet. Es geht um Verlust und Tragödien, es geht um Ableismus und ein bisschen um Feminismus, um Gemeinschaft und den Platz im eigenen Leben.
Getragen wird der Roman von den Figuren, wobei eine neben Grace und Evan besonders hervorsticht, nämlich das Meer. Roisin Maguire zeigt dessen Fassetten sehr eindrücklich. An ihren Stil musste ich mich erst gewöhnen, er ist überladen und adjektivlastig, wovon ich eigentlich kein Fan bin, aber das gleicht sie mit ihrer Derbheit aus. Sehr gelungen finde ich die Perspektiven von Grace und Evan. Beide haben eine eigene, erkennbare Stimme. Bis auf die Liebessache finde ich auch deren Entwicklung super, sie ist stimmig und passend.
„Mitternachtsschwimmer“ ist ein Roman mit der Tiefe des Meeres. Anfangs steckt man den Zeh hinein, um sich an die Kälte zu gewöhnen, und jeder weitere Schritt fällt immer leichter, aber Vorsicht vor den Wellen und Strömungen. Die können einen erwischen, umwerfen und mitreißen.