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Veröffentlicht am 08.05.2025

Sterndeutung mal anders

Stars
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Als ein Stein durch Carlas Schlafzimmerfenster donnert und ein Karton mit zehntausend Dollar vor ihrer Wohnungstür steht, verändert sich alles. Bisher fristete sie ein eher überschaubares Leben mit langweiligem ...

Als ein Stein durch Carlas Schlafzimmerfenster donnert und ein Karton mit zehntausend Dollar vor ihrer Wohnungstür steht, verändert sich alles. Bisher fristete sie ein eher überschaubares Leben mit langweiligem Bürojob nach Exmatrikulation, Gelegenheitssex mit Jugendfreund und immer gleichen Tagesabläufen. Das einzig Besondere ist Cosmic Charly, ihr Alter Ego, mit dem sie für Menschen in die Sterne schaut. Nun zieht sie die Sache als Astrophilosophin neu auf und bekommt ungeahnte Aufmerksamkeit.
Ich muss gestehen, ich habe nicht wegen des Horoskop-Astrologie-Themas zu „Stars“ von Katja Kullmann gegriffen und hätte ich tatsächlich gewusst, welch großen Umfang es einnimmt, wohl gar nicht, aber ihr lakonischer und witziger Schreibstil hat mich beim Reinlesen direkt gepackt. Anfangs war die Sterndeutung auch eher so nebenbei, erst im Verlauf nahm es, wie in Carlas Leben, immer mehr Raum ein und da war ich schon zu sehr drin in der Geschichte, dieser Ende Vierzigjährigen, die augenscheinlich ihr Leben an die Wand gefahren hat.
Wie gesagt, ist es weniger die Geschichte, der Plot, als ihr Schreibstil, ihre Beobachtungen, die sie dann in passgenaue Worte kleidet, bei denen ich dachte: ‚Ja, genau das‘ oder ‚hm, das ist mir noch nie aufgefallen, aber ja’. Zum Ende hin wurde es immer esoterischer, plötzlich glaubte die Wissenschaftlerin Clara schon selbst an ihr Horoskop, was wenig verwundert, wenn man bedenkt, wie viel Erfolg sie damit hat. Der Schluss hat mich dann aber wieder versöhnt.
Außerdem unternimmt sie den ein oder anderen philosophischen Ausflug, verpackt in Alltägliches mit dem Blick aufs große Ganze, was ich spannend fand. Da stört es mich auch nicht, dass nicht alle Fragen beantwortet werden, denn das passiert in unserem Dasein selten, egal wie ausgiebig und lange wir suchen: den eigentlichen Sinn unserer Existenz können wir dann doch nur mutmaßen.
Ein anspruchsvoller Roman, sprachlich herausragend, der viele wichtige Fragen stellt, zu denen wir selbst die Antworten finden müssen.

Veröffentlicht am 06.04.2025

Liebe zu zwei Männern

Wie Risse in der Erde
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Mit 17 verliebt sich Beth in Gabriel. Doch diese erste große Liebe zerbricht nach nur einem Sommer. Dreizehn Jahre später lebt Beth mit ihrem Mann Frank auf einer Farm. Sie ist glücklich, so glücklich, ...

Mit 17 verliebt sich Beth in Gabriel. Doch diese erste große Liebe zerbricht nach nur einem Sommer. Dreizehn Jahre später lebt Beth mit ihrem Mann Frank auf einer Farm. Sie ist glücklich, so glücklich, wie man sein kann, nachdem man den einzigen Sohn verloren hat. Und dann kehrt auch noch Gabriel zurück, mit seinem Sohn Leo. Beth muss erkennen, dass ihr Leben mehr ins Straucheln geraten ist, als sie gedacht hat und dass ihre Liebe zu Frank so anders ist als die zu Gabriel.
„Wie Risse in der Erde“ von Clare Leslie Hall ist anders, als ich erwartet hatte und doch genauso. Es geht um eine Dreiecksbeziehung, um Liebe, aber auch um Verlust und Tragödien im Leben. Die fünf Teile des Romans haben jeweils ein Oberthema, in welches man mit den dazugehörigen Emotionen eintaucht.
Beth als Erzählerin war mir dabei nicht immer sympathisch. Sie wusste, was sie da anrichtet, und tat es trotzdem, sehenden Auges, wie es so schön heißt.
Ich fand die Zeitform nicht gut gewählt. In der Rückschau hätte ich das stimmiger gefunden, doch der Roman ist in der Ich-Perspektive Präsenz geschrieben, zumindest in der Übersetzung, die sowieso etwas holpert. Auch bemitleidet sich Beth sehr und ihren armen Frank, aber nicht (nur) wegen des Todes ihres Sohns Bobby. Im Verlauf mochte ich sie immer weniger und auch nach dem Ende, welches keine Fragen offenlässt (zum Glück), kann ich sie nicht wirklich nachvollziehen. Aber ich muss Protagonist*innen nicht mögen.
Der letzte Teil des Buches ist auf jeden Fall der Stärkste. Er hält viele Überraschungen und Wendungen bereit, vielleicht auch gerade deswegen, weil es am Anfang wie eine missglückte Dreiecksbeziehung daherkommt. Sprachlich ist es solide, obwohl ich die Übersetzung etwas zäh fand.
Alles in allem ist das Buch eine gute Lektüre, die im Nachgang vielleicht ein bisschen mehr Tiefe hätte haben können, aber trotzdem angenehme Lesestunden beschert hat. Trotz der anspruchsvoll scheinenden Themen ist es doch kurzweilig.

Veröffentlicht am 02.02.2025

Porträt einer Millennial

Dancing Queen
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Paulina wacht in ihrem Wagen auf, offensichtlich hatte sie einen Unfall. Neben ihr ein unbekanntes Mädchen. Bewegen kann sie sich nicht, aber wahrnehmen. Langsam erinnert sie sich, an ihr Leben in Buenos ...

Paulina wacht in ihrem Wagen auf, offensichtlich hatte sie einen Unfall. Neben ihr ein unbekanntes Mädchen. Bewegen kann sie sich nicht, aber wahrnehmen. Langsam erinnert sie sich, an ihr Leben in Buenos Aires, an ihren Ex-Freund Felipe, an ihre Kollegin und Freundin Maite und daran wie sie das Mädchen kennengelernt hat und wieso sie bei ihr im Auto sitzt.
„Dancing Queen“ von Camila Fabbri kommt wie ein Film daher, was nicht verwunderlich ist, denn die Autorin ist auch Regisseurin und das merkt man. In kurzen Rückblenden schildert sie das wichtigste aus Paulinas Leben, das geprägt ist von Einsamkeit, mit der sie sich abzufinden glaubt. Die zielsicheren Beobachtungen und der lakonische Stil stechen dabei heraus. Zwischendurch kommen immer wieder Szenen aus dem Auto, wie sie geborgen und ins Krankenhaus gefahren wird, doch ohne die Möglichkeit mit der Außenwelt zu kommunizieren.
Paulina ist eine typische Millennial und natürlich konnte ich mich mit ihr identifizieren, auch wenn sie in Buenos Aires lebt, was ich durchaus interessant fand. Die anderen Figuren bleiben hingegen wage, obwohl auch Maite eine große Rolle spielt und eher ein Gegenentwurf zur abgeklärten Paulina darstellt.
Camila Fabbris Sprache ist keineswegs reduziert, wie es vielleicht bei einem Drehbuch gängig wäre, sondern sie nutzt Metaphern und Wortkombinationen, die mich aufhorchen ließen und mir gut gefallen haben. Das war die Stärke des Romans. Und auch wenn es einen roten Faden gab und sie auf ein Ziel hinschrieb, wurde es manchmal etwas langweilig. Da hat es mich sprachlich dranbleiben lassen, genauso wie die kurzen Kapitel. Fabbri zeichnet mit „Dancing Queen“ gekonnt ein Bild unserer Generation (der Millennials): witzig, manchmal auch nachdenklich und vor allem abgeklärt, und das in nur 170 Seiten. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses Debüt verfilmt wird und es nicht ihr einziger Roman bleibt.

Veröffentlicht am 14.11.2024

Eindrückliche Umkehr

White Lives Matter
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Anna lebt als Weiße in einer Schwarzen Welt. Den allgegenwärtigen Rassismus und die Marginalisierung will sie nicht wahrhaben. Sie will kein Opfer sein. Bis ein schreckliches Ereignis sie erkennen lässt, ...

Anna lebt als Weiße in einer Schwarzen Welt. Den allgegenwärtigen Rassismus und die Marginalisierung will sie nicht wahrhaben. Sie will kein Opfer sein. Bis ein schreckliches Ereignis sie erkennen lässt, dass sie es nicht in der Hand hat. Sie kann nicht verhindern, dass sie diskriminiert und abgewertet wird, denn das Narrativ der dummen, faulen, ausländischen Weißen ist zu tief in den Köpfen der Schwarzen Bevölkerung verankert, doch sie kann nicht mehr hinnehmen, dass es so bleibt.
Ich habe mich sehr auf „White Lives Matter“ von Jasmina Kuhnke gefreut. Zum einen, weil ich ihr Debüt „Schwarzes Herz“ unfassbar gut fand und zum anderen, weil ich den Ansatz des Buches spannend, aber vor allem wichtig finde. Ich hatte eine hohe Erwartungshaltung und leider wurde diese enttäuscht. Nicht vom Plot, nicht von der Idee, sondern von der Umsetzung. Die Perspektive ist nicht immer eindeutig, rückt manchmal weg von Protagonistin Anna, was mich verwirrte. Und es wird unheimlich viel berichtet, im Sinne von „Tell“. Dem Ratschlag „Show, don’t tell“ wurde hier leider zu selten gefolgt und auch die messerscharfen Metaphern haben mir gefehlt. Das alles hatte Jasmina Kuhnkes Debüt, mit dem sie bereits bewiesen hat, dass sie eine tolle Autorin ist. Hier hat sie das Werkzeug anscheinend hinten angestellt.
Nichtsdestotrotz ist „White Lives Matter“ wichtig. Dieses Thema ist eines der wichtigsten in unserer Gesellschaft und den Spieß umzudrehen, sollte uns (Weißen, privilegierten) vor Augen führen, dass nur eine Stellstraube in der Geschichte anders hätte sein müssen und wir die Marginalisierten, die Ausgebeuteten hätten sein können, denen alles, aber auch wirklich alles, abgesprochen wird.
Mich hätte das Buch mit Sicherheit auch ohne die Umkehr von Schwarz und Weiß berührt, denn mich fassen Grausamkeiten gegenüber Menschen, egal welcher Hautfarbe und Herkunft an, aber so geht leider noch nicht genug Menschen und daher ist dieser Roman wichtig, auch wenn er mich stilistisch nicht überzeugen konnte.

Veröffentlicht am 10.10.2024

Zeitreise trifft Krimi und noch mehr

Antichristie
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Durgas Mutter, eine Möchtegernfreiheitskämpferin, ist gestorben, abwesend war sie dagegen schon lange. Doch anstatt, um sie zu trauern, reist Durga nach London, um in einem Writer’s Room an einer Neuverfilmung ...

Durgas Mutter, eine Möchtegernfreiheitskämpferin, ist gestorben, abwesend war sie dagegen schon lange. Doch anstatt, um sie zu trauern, reist Durga nach London, um in einem Writer’s Room an einer Neuverfilmung von Agatha Christies Krimis mitzuarbeiten. Darüber sind nicht alle glücklich. Als dann auch noch die Queen stirbt, sehen die Demonstrant*innen ihr kulturelles Erbe in Gefahr. Ohne Vorwarnung landet Durga im Jahr 1906 im Indian House und ist plötzlich Sanjeev. Dort trifft er auf Revolutionäre, die gegen die Kolonialisierung kämpfen.
„Antichristie“ von Mithu Sanyal ist keine leichte Lektüre. Was nicht allein an den Zeitreisen liegt. Durga springt nicht nur zwischen 2022 und 1906 hin und her, wird einmal Sanjeev und dann wieder Durga, sondern kann die andere Person und dessen Erinnerung anzapfen. Die Perspektiven scheinen zu verschwimmen.
Beeindruckend ist, dass dabei so viel Wissen über den indischen Kolonialismus und den Widerstandskampf vermittelt wird. Es werden Namen genannt, die ich noch nie gehört habe, denn sie stehen nicht auf dem Lehrplan (ich hatte sogar Geschichts-LK), anscheinend ebenso wenig in England. Mithu Sanyal lässt Durga immer wieder ihren Pazifismus und ihre internalisierten Glaubenssätze hinterfragen und meine gleich mit. Die Diversität des Writer’s Rooms öffnet den Horizont noch ein wenig mehr.
Verpackt ist das alles nicht nur in einen Zeitreiseroman, sondern auch in eine Detektivgeschichte. Agatha Christie spielt in Durgas 2022 eine große Rolle und bei Sanjeev taucht plötzlich Sherlock Holmes auf und klärt mit ihm ein Verbrechen auf.
Ich bin tatsächlich zwiegespalten. Einerseits möchte ich „Antichristie“ feiern, wegen der Themen, wegen der Wissensvermittlung und wegen Mithu Sanyals Können als Autorin, denn wie wunderbar kann sie schreiben! Andererseits war der Roman auch verwirrend, manchmal war es schwierig, zu folgen - es war schlichtweg anstrengend.
Es ist also kein Roman für zwischendurch, aber wer eine Herausforderung sucht, ist hier richtig.