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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.12.2024

Lyrischer Schreibstil übedeckt den Inhalt

Auf Erden sind wir kurz grandios
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Der ganze Roman ist in Briefform verfasst und richtet sich direkt an seine Adressatin: “Ma”. Doch diese wird ihn nie lesen und so schreibt unser Protagonist schonungslos ehrlich.
Der Stil ist dabei eine ...

Der ganze Roman ist in Briefform verfasst und richtet sich direkt an seine Adressatin: “Ma”. Doch diese wird ihn nie lesen und so schreibt unser Protagonist schonungslos ehrlich.
Der Stil ist dabei eine Verschmelzung von Prosa und Lyrik und die zarten, mit Bedacht gewählten Worte stehen im direkten Kontrast zum expliziten, gewaltvollen Inhalt und lassen diesen somit noch härter wirken.
Stilistisch ist dieser Roman also wirklich eine Wucht und ich möchte neben dem Können des Autors definitiv auch die Arbeit der Übersetzerin, Anne-Kristin Mittag, loben.

Leider konnte der Inhalt mich nicht ganz abholen. Durch die kunstvoll arrangierten Sätze ging oft der Lesefluss verloren, wodurch ich mich weder den Figuren annähern, noch gut der Handlung folgen konnte und kaum Emotionen empfunden habe. Das gipfelte darin, dass ich das Buch stellenweise am liebsten weggelegt hätte und nur noch zum Ende kommen wollte.

“Auf Erden sind wir kurz grandios” ist ein Roman, den ich wirklich lieben wollte, dessen Aufbau zwar originell, mir persönlich aber zu künstlerisch gewollt ist. Empfehlen würde ich ihn Leser*innen von Lyrik, die keine Probleme mit expliziten Gewaltdarstellungen an Mensch und Tier haben. ⭐️3/5⭐️

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Veröffentlicht am 04.12.2024

Verstörend und mutig

Die Vegetarierin
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Der Klappentext verspricht ein verstörend hypnotisierendes Buch und genau das ist es, was man bekommt. Han Kang erzählt die Geschichte einer Frau, die nach und nach aus dem Patriarchat ausbricht und allen ...

Der Klappentext verspricht ein verstörend hypnotisierendes Buch und genau das ist es, was man bekommt. Han Kang erzählt die Geschichte einer Frau, die nach und nach aus dem Patriarchat ausbricht und allen Meinungen zum Trotz zur Pflanze werden will.
Dabei kommt die Protagonistin Yong-Hye selbst gar nicht zu Wort, wir lernen sie einzig durch die Perspektiven ihrer Familienmitglieder kennen. Dieses Stilmittel finde ich interessant und gut gewählt in Bezug auf die behandelten Themen Selbst- und Fremdbestimmung.
Viel verstörender als ihre Metamorphose waren aber die kaum zu ertragenden frauenfeindlichen Gedanken und Handlungen, die Bevormundung, ja fast Entmenschlichung, Yong-Hyes durch andere, ich habe beim Lesen die ganze Zeit gehofft, dass sich in Südkorea seit dem Erscheinen 2007 etwas getan hat. Dahingehend ist “Die Vegetarierin” definitiv ein Augen öffnendes, kontroverses und wichtiges Werk.
Dennoch tue ich mich schwer mit der Bewertung dieses Buches. Mir persönlich gibt es zu viele unbeantwortete Fragen, zu viel Deutungsspielraum, der ganze Metamorphosenteil war mir zu absurd. Aus dem Ende wurde ich nicht richtig schlau.
Der schlichte, aufs Wesentliche reduzierte Schreibstil hat mir aber sehr gut gefallen und seine Wirkung erzielt: mich in seinen Bann gezogen. ⭐️3/5⭐️

*Übersetzt von Ki-Hyang Lee

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Veröffentlicht am 02.12.2024

Spannende Grundidee mit Schwächen

Reality Show
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“Reality Show” besteht aus kurzen, rasanten Szenen. Die vielen Zeit- und Perspektivwechsel sorgen zusätzlich für Dynamik und so lesen sich die gut 400 Seiten schnell weg.
Es gibt allerdings unübersichtlich ...

“Reality Show” besteht aus kurzen, rasanten Szenen. Die vielen Zeit- und Perspektivwechsel sorgen zusätzlich für Dynamik und so lesen sich die gut 400 Seiten schnell weg.
Es gibt allerdings unübersichtlich viele Sichtweisen: neben den zehn Geiseln und ihren Angehörigen lernen wir Zuschauerinnen der Show besser kennen, ebenso wie Ermittlerinnen und natürlich die Mitglieder der Gruppe, die den ganzen Coup planen und durchführen (und außerdem neben ihren Klarnamen noch Decknamen haben, die zusätzlich für Verwirrung sorgen). So kann man zu keinem der Charaktere wirklich eine Beziehung aufbauen, denn sie wirken alle eher einseitig beleuchtet und ihre Geschichten werden nur oberflächlich angedeutet.
Selbst die Taten der Geiseln, für die sie in der Show verurteilt werden, werden nicht alle genannt.

Ganz unverblümt übt Anne Freytag in ihrem Roman Gesellschaftskritik aus; die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer, die Politik immer rechter, die Justiz immer willkürlicher. Außerdem beleuchtet sie die Unterschiede und jeweiligen Vorteile von Selbstjustiz und Rechtsstaat.
Oft wurde dabei für meinen Geschmack zu voreingenommen und unkritisch gedacht. Auch die Geiselnehmer*innen und ihre (definitiv kriminellen) Taten wurden sehr glorifiziert, ihre Selbstjustiz zu positiv und sie selbst als Helden dargestellt.

Zusammenfassend beleuchtet “Reality Show” ein interessantes Gedankenexperiment, welches in der Realität wohl nicht ganz so gut funktionieren würde, aber als fiktives Werk gut für Spannung sorgt. Die Glorifizierung von Straftaten sowie die vielen Figuren, die lieblos abgehandelt werden, haben mir jedoch nicht gefallen. ⭐️3/5⭐️

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Veröffentlicht am 07.11.2024

Interessanter Ansatz, aber wenig überzeugend

Unser Ole
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In “Unser Ole” verbindet Katja Lange-Müller die Schicksale dreier Frauen: Elvira, Oles Großmutter und diejenige, die ihn aufgezogen hat und heute noch pflegt. Ida, Elviras Mitbewohnerin. Und Manuela, Elviras ...

In “Unser Ole” verbindet Katja Lange-Müller die Schicksale dreier Frauen: Elvira, Oles Großmutter und diejenige, die ihn aufgezogen hat und heute noch pflegt. Ida, Elviras Mitbewohnerin. Und Manuela, Elviras Tochter, die seit Oles erstem Geburtstag keinen Kontakt mehr hat.
Sie waren als Kinder nicht gewollt, haben keine Liebe von den Eltern erhalten, können diese genauso wenig geben und sind allesamt sehr Ich-bezogen. Als ein plötzlicher Todesfall sie zusammenführt, werden alte Wunden aufgerissen und Traumata zutage gefördert.
Der Großteil der Geschichte kommt mit einem Schauplatz aus: Elviras Haus. Außer den vier genannten Protagonistinnen gibt es auch kaum Personen.
Hört sich nach Theaterstück an und es hat sich auch wie eine Mischung aus diesem und einem Roman gelesen. Als hätte man ein Drama ausformuliert. Dabei verliert sich Lange-Müller in endlosen Schachtelsätzen, sodass mir die Frage kam, was die Autorin damit bezweckt. Für mich hat es sich gelesen, als hätte sie den Text künstlich anspruchsvoller machen wollen.
Gut gelungen fand ich die ganzheitliche Darstellung der drei Frauen, die jeweils unterschiedliche Selbst- und Fremdwahrnehmung, ihre Unterschiede und die auf den zweiten Blick vielen Gemeinsamkeiten.
Ihr respektloser, geradezu verachtender Umgang mit Ole, den jede von ihnen weniger als Mensch denn als Last wahrzunehmen scheint, wird wohl bei den meisten Leser
innen auf Abscheu stoßen. Viel mehr Emotionen wurden jedoch nicht geweckt.
Insgesamt ein Buch, was zwar ganz interessant aufgebaut ist (Theaterstück-ähnlich), aber mich nicht wirklich überzeugen konnte. Die Story war einigermaßen unterhaltsam, mehr aber auch nicht. Es endet genau wie es angefangen hat: irgendwo mittendrin. ⭐️3/5⭐️

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Veröffentlicht am 19.09.2024

Interessante Idee, flache Umsetzung

Die Mitternachtsbibliothek
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Was wäre, wenn es zwischen Leben und Tod eine Bibliothek gäbe?
In der jedes Buch ein Leben beinhaltet, das du führen würdest, hättest du dich an einem bestimmten Punkt anders entschieden.
Und nun hast ...

Was wäre, wenn es zwischen Leben und Tod eine Bibliothek gäbe?
In der jedes Buch ein Leben beinhaltet, das du führen würdest, hättest du dich an einem bestimmten Punkt anders entschieden.
Und nun hast du Zugriff auf all diese Bücher.

Matt Haig schickt seine Protagonistin Nora in genau dieses Gedankenexperiment: Nach ihrem Suizid findet sie sich in der sogenannten Mitternachtsbibliothek wieder.
Ich fand die Idee dahinter sehr spannend, die Frage “Was wäre, wenn …?” hat sich wohl schon jeder einmal vor großen Entscheidungen gestellt.
Auch Nora wird gezwungenermaßen mit dem Schmetterlingseffekt konfrontiert, sie entdeckt, dass schon die kleinsten Abweichungen die größten Veränderungen bewirken können.
Leider fand ich den Teil, in dem Nora verschiedene Versionen ihres Lebens ausprobiert, irgendwann ziemlich zäh. Der Autor hat es nicht geschafft, uns richtig mit abtauchen zu lassen, die Beschreibungen sind zu oberflächlich.
Auch die Charaktere sind eher flach und zweckmäßig als lebendig dargestellt. Gerade Nora nimmt man nicht ab, dass sie Mitte 30 sein soll. Sie liest sich wie eine Jugendliche, höchstens junge Erwachsene. Die Dialoge (vor allem mit der Bibliothekarin) wirken sehr gestellt und zielführend.
Das ganze Buch erinnert eher an einen Jugendroman und als solchen würde ich es auch empfehlen. Für Menschen, die sich gerade in der Selbstfindungsphase befinden, ist er sicherlich inspirierend, für andere sind die philosophischen Ausflüchte maximal Küchenweisheiten.
Das Ende war vorhersehbar, passte aber gut zur ganzen Geschichte.

Insgesamt also ein Buch, welches zwar ein interessantes Grundthema hat, sich aber eher für Leserinnen von Jugendromanen eignet. Vor 10-15 Jahren hätte es mir sicherlich sehr gut gefallen, gerade auch die Botschaft, aus heutiger Sicht kann ich dem seichten Schreibstil und der oberflächlichen Behandlung von Charakteren und Thematik leider nicht mehr allzu viel abgewinnen. ⭐️3/5⭐️

Übersetzt von Sabine Hübner

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