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Veröffentlicht am 26.12.2024

Alte Freunde, alte Lügen

Das Wochenende
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Mit ihrem Thriller "Das Wochenende" liefert Hannah Richell eine überzeugende Mischung: Eine Gruppe von Freunden, in der alles alles übereinander zu wissen scheinen, die düstere Landschaft Cornwalls, ein ...

Mit ihrem Thriller "Das Wochenende" liefert Hannah Richell eine überzeugende Mischung: Eine Gruppe von Freunden, in der alles alles übereinander zu wissen scheinen, die düstere Landschaft Cornwalls, ein einsamer Campingplatz auf einer sturmumtosten Landzunge, ein verschwundenes Kind und sehr viel Suspense. Denn schnell stellt sich heraus, dass eine 20 Jahre alte Freundschaft auch die Grundlage vieler Lügen und Geheimnisse sein kann. Mal ganz abgesehen von der bekannten Tatsache, dass sich in dieser Zeit Lebensumstände und Persönlichkeiten gewaltig auseinanderentwickeln können. Ist die alte Freundschaft da tatsächlich noch so viel wert wie zu Uni-Zeiten?

Denn die Unterschiede zwischen den vier Paaren sind mittlerweile beträchtlich: Die Architekten Max und Annie, Adoptiveltern eines zwölfjährigen Sohnes mit allerlei emotionalem Gepäck aus einer Kindheit voller körperlicher und emotionaler Vernachlässigung, haben London den Rücken gekehrt und in Cornwall ein Glamping-Ökoresort errichtet. Hierhin haben sie ihre alten Studienfreunde eingeladen - die Späthippies Jim und Suze, die Ärztin Kira, seit neuestem verpartnert und Mutter eines Babies und TV-Persönlichkeit Dominic mit dessen zweiter Ehefrau plus den jeweiligen Kindern.

Das harmonisch geplante Wochenende steht unter schlechten Vorzeichen, schon am ersten Abend kommt ein handfester Streit auf. Die Lage eskaliert, als die Männer die Kinder unbeaufsichtigt zu einem Strandausflug schicken, von denen eines nicht zurückkommt. Gleichzeitig zieht ein schweres Unwetter auf, die kleine Gruppe ist abgeschnitten von der Außenwelt, ohne Mobilfunk-Signal. Und schon der Prolog hat die Erwartungshaltung verstärkt, dass etwas Schlimmes passiert ist.

Richell schafft es gut, sich von ihren Lesern nicht in die Karten blicken zu lassen und gleichzeitig Verdachtsmomente gegen fast jedes Mitglied der Freundesguppe zu schüren. Lügen und Geheimnisse, testosterongesteuerte männliche Konkurrenz , ein bißchen Zickengefahr sind ebenso vertreten wie Solidarität, Stärke und Vetrauen. Was davon ist berechtigt, was nicht? Das muss bis zum Ende mit manchem Cliffhanger-Moment herausgefunden werden.

Ich kannte die Autorin bisher nicht. Sowohl die Charaktere wie auch das Setting und die Beschreibung der rauen cornischen Landschaft haben mir sehr gut gefallen. In der Hörbuchfassung haben Anne Düe und Günther Harder als Sprecherin und Sprecher überzeugt und die bedrohliche, zunehmend von Spannungen und Verdächtigungen geprägte Atmosphäre der Buches gut herübergebracht.

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Veröffentlicht am 15.12.2024

Vermisstensuche in Alaska

In der Kälte Alaskas
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Mein Land, das ist der Winter, hat der frankokanadische Dichter Gilles Vigneault geschrieben. Alaska gehört zwar bekanntlich zu den USA - aber mit kalten Wintern kennen sich die Menschen auch dort aus ...

Mein Land, das ist der Winter, hat der frankokanadische Dichter Gilles Vigneault geschrieben. Alaska gehört zwar bekanntlich zu den USA - aber mit kalten Wintern kennen sich die Menschen auch dort aus und "In der Kälte Alaskas" von Dana Stabenow lässt die Leer*innen schon beim Lesen frösteln, wenn die einstige staatsanwaltliche Ermittlerin Kate Shugak sich auf Bitten ihre einstigen Chefs sich auf die Suche nach einem seit Wochen vermissten Parkranger und einem ebenfalls seit zwei Wochen verschwundenen FBI-Ermittler in einem entlegenen Parkgebiet macht.

Kate hat sich buchstäblich in ein Blockhaus in der Wildnis verkrochen, nachdem ihr letzter Fall für sie beinahe tödlich geendet wäre. Es ist auch eine Rückkehr zu ihren Wurzeln - Kate gehört dem indigenen Volk der Aleuten an. Ihre Großmutter, zu der sie ein zwiespältiges Verhältnis hat, hat zwar keine Funktion im Stammesrat, doch ohne ihre Stimme wird eigentlich nichts entschieden.

Zugleich ist Kate, die das Stammesgebiet verlassen hatte, um in der Stadt zu leben, in der Community für manche eine Reizfigur, für andere wieder Vorbild. Sie selbst steht ein wenig zwischen beiden Welten. Die Welt der Indigenen wird nicht romantisch gezeichnet - für viele junge Menschen gibt es vor Ort wenig Perspektiven, doch in der Stadt sind schon zu viele unter die Räder geraten.

So ist "In der Kälte Alaskas" mehr als "nur" ein Krimi - es geht um indigene Kultur zwischen Tradition und Moderne, um verschiedene Auffassungen von Naturschutz und Erschließung, zugleich die Begehrlichkeiten, die die Rohstoffe in der abgelegenen Region wecken. Natur und Winter, Kälte, Schnee und Eis spielen hier ihre eigene Rolle, Auch die doch sehr speziellen Charaktere, die so weit weg von der "Zivilisation" teils freiwillig, teils gezwungenermaßen leben, sind eine Bereicherung dieses Buchs. Daneben ist "In der Kälte Alaskas" spannend geschrieben und bietet allerhand Überraschungen, bis Kate der Wahrheit auf die Spur kommt.

Eine ungewöhnliche Protagonistin in einer faszinierenden Landschaft.

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Veröffentlicht am 12.12.2024

Stimmen eines historischen Jahres

1945
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Es war das Jahr des Endes und des Neuanfang: 1945 endete mit den Niederlagen Nazi-Deutschlands und Japans der Zweite Weltkrieg. In dem Buch "1945" lässt Volker Heise Menschen zu Wort kommen, die das Jahr ...

Es war das Jahr des Endes und des Neuanfang: 1945 endete mit den Niederlagen Nazi-Deutschlands und Japans der Zweite Weltkrieg. In dem Buch "1945" lässt Volker Heise Menschen zu Wort kommen, die das Jahr an den verschiedenen Fronten, in Berlin, im Hinterland, in den einstigen deutschen Ostgebieten erlebt haben, als allierte oder deutsche Soldaten, Teenager, Menschen, die in Opposition zum Dritten Reich standen und überzeugte Nazis. Dementsprechend unterschiedlich die Stimmen und Erfahrungen: Was für die einen eine unvorstellbare Katastrophe war, war für andere die ersehnte Befreiung, verbunden mit Hoffnungen auf eine andere Gesellschaft, auf das Wiedersehen mit Angehörigen. Doch gerade im Fall der im Untergrund lebenden Berliner Juden war dies eine Hoffnung, die für viele mit schrecklichen Gewissheiten enden sollte.

Die Todesmärsche der KZ-Häftlinge sind ebenso Thema der zitierten Aufzeichnungen wie die jugendlichen Flakhelfer, die als letztes Aufgebot verheizt wurden, die Erfahrungen der von Soldaten der Roten Armee vergewaltigten Frauen kommen in Tagebuchaufzeichnungen und Erlebnisberichten, aber auch Protokollen der Ärztlichen Dienste ebenso zu Wort wie das Elend der Flüchtlinge, die sich als menschliches Strandgut durch halb Europa schleppten.

Als Chronik zum Kriegsende sind es vor allem die Stimmen ganz alltäglicher Menschen, auch wenn etwa mit Erich Kästners Tagebuchaufzeichnungen und zitierten Durchhaltereden von Goebbels bekannte Namen auftauchen. Fast 80 Jahre nach Kriegsende ist zwischen Parolen und Resignation, naivem Hoffnung an den "Endsieg" und verzweifeltem Wunsch, dass der Schrecken endlich ein Ende haben solle, ein Darstellung entstanden, die angesichts der vielen historischen Ereignisse dieses historischen Jahres nur selektiv sein kann. Schwerpunkt sind die Geschehnisse in und um Deutschland. Das ist für mich ein wenig die Schwäche des Buches, weil so viele Perspektiven und Erfahrungen fehlen. Dennoch lesenswert, um den bekannten historischen Fakten menschliche Bezüge zu geben.

Veröffentlicht am 01.12.2024

In zwölf Schritten zum Leben ohne Morde

Assassins Anonymous
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Man nennt ihn das fahle Pferd, dessen Reiter in der biblischen Apokalypse der Tod ist. Mark, der Ich-Erzähler von "Assasssins Anonymous" von Rob Hart, hat in seinem Leben allerdings selbst reichlich für ...

Man nennt ihn das fahle Pferd, dessen Reiter in der biblischen Apokalypse der Tod ist. Mark, der Ich-Erzähler von "Assasssins Anonymous" von Rob Hart, hat in seinem Leben allerdings selbst reichlich für Tote gesorgt - sei es als Navy Seal, sei es als Auftragsmörder im Dienste einer Agentur, die vor allem unliebsame Zeitgenossen ausschaltet, aber eben Whistleblower oder unliebsame Journalisten. Doch damit ist Schluss. Rob hat sich in New York einer kleinen Selbsthilfegruppe ehemaliger Auftragsmörder angeschlossen. Nach dem Vorbild des Zwölf-Schritte-Programms für Anonyme Alkoholiker und andere Suchtkranke wollen sie sich gemeinsam auf dem Weg in ein mordfreies Leben unterstützen. Das Problem: Es gibt genügend Menschen, die die geläuterten Killer tot sehen wollen.

Vom Klappentext her hatte ich einen Kriminalroman mit schwarzem Humor erwartet. Tatsächlich reiht sich "Assassins Anonymous" mit seinen Gewalt- und Tötungsszenen eher in die Tradition der hard boiled Krimis mit Noir-Elementen ein. Also ganz anders als ich ursprünglich dachte, aber keineswegs schlecht. Die Handlung springt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, um zu erklären, wie sich Rob zu dem Ausstieg aus dem Killerleben entschloss.

In der Gegenwart muss er herausfinden, wer der unbekannte Russe ist, der ihm ans Leben wollte - und vor allem, in wessen Auftrag er handelte. Mit der Hinterzimmer-Ärztin Astrid, die ihn nach dem Messersangriff wieder zusammengeflickt hat, und seinem Kater P. Kitty, tritt Rob eine Reise ins Ungewisse an, die ihn unter anderem nach Singapur und London führt. Dabei hat er ein Problem, das in seinem Job lebensentscheidend sein kann: Wem kann er überhaupt trauen? Hat er sich die Freundschaft zu seinem Sponsor Kenji nur eingebildet, der plötzlich nicht mehr auf Kontaktversuche reagiert? Oder versucht jemand, Ex-Killer auszuschalten?

Auf der von Zwischenfällen und engen Auswegen in letzter Minute geprägten Reise wird Rob auf so manche unerwartete Wendung stoßen. Dass ein ziemlich spektakulärer Showdown unausweichlich ist, ist bei diesem Job nicht anders zu erwarten. Doch wie schafft es Rob, zu überleben, ohne andere zu töten? Das ist, neben der Ermittlung in eigener Sache, die große Herausforderung.

Ein ungewöhnlicher Spannungsroman mit einem Protagonisten zwischen Schuld und Sühne.

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Veröffentlicht am 16.11.2024

Tödliche Therapie

Miss Merkel: Mord in der Therapie
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Es geht wieder tödlich zu in Klein Freudenstadt in der Uckermark, dem fiktiven Ruhesitz von Angela Merkel, oder, wie sie in David Safiers Cozy-Krimis besser bekannt ist: Miss Merkel. Im nunmehr vierten ...

Es geht wieder tödlich zu in Klein Freudenstadt in der Uckermark, dem fiktiven Ruhesitz von Angela Merkel, oder, wie sie in David Safiers Cozy-Krimis besser bekannt ist: Miss Merkel. Im nunmehr vierten Band der Reihe hadert die Ex-Kanzlerin allerdings gewaltig mit dem Ruhestand - dabei kann sie vom Ampel-Aus zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts ahnen. Das Schreiben an ihrer Autobiographie hatte allerdings eine ernüchternde Wirkung: Fehler wurden gemacht, manches ist liegengeblieben, so manche Einschätzung erwies sich im Nachhinein als falsch, ja schädlich. Da hilft auch die bevorstehende Hochzeit der besten Freundin Marie mit Bodyguard Mike nichts gegen den Altkanzlerin-Blues.

Die Lieblingsmenschen kriegen das Stimmungstief natürlich auch mit - und wissen eine Lösung: Psychologische Hilfe ist gefragt in "Mord in der Therapie". Über die erste Sitzung Gruppentherapie kommt die Ex-Kanzlerin allerdings nicht hinaus. Das liegt nicht nur an negativen Schwingungen innerhalb der Gruppe, der unter anderem ein Wutbürger und eine Klimakleberin angehören, also nicht gerade Merkel-Fans. Die Explosion eines Bootes mit dem Psychologen an Bord bedeutet vielmehr: Ermittlungen statt Therapie. Aber das Detektiv-Spielen hat Merkel ja bereits in den vorangegangenen drei Bänden gegen Renten-Frust geholfen.

Dass die Ex-Kanzlerin bei ihrer Therapiegruppe selbst als Verdächtige gilt, ist allerdings eine neue Erfahrung. Wobei auch sie schnell vermutet: Der Täter oder die Täterin muss sich in der Gruppe befinden. Kein Wunder, dass Bodyguard Mike seine Chefin einmal mehr nicht bremsen kann bei Sologängen, die er doch eigentlich verhindern will. Doch zwischen Hochzeitsvorbereitungen und Stress mit den angereisten Spät-Hippie-Eltern kann der Security-Experte schnell mal den Überblick verlieren. Außerdem wissen wir ja - Männer tun sich mit Multitasking eher schwer.

Safier folgt einmal mehr dem bewährten wie erfolgreichen Muster, die Ex-Kanzlerin mit exzentrischen Mitbürgern und turbulenten Situationen zu umgeben. Mitunter für meinen Geschmack zu klamaukig, Allerdings wird das durch Sprecherin Nana Spier aufgehoben, die so wunderbar "merkelt" Für ihre Interpretation des Buches ist glatt noch ein Extra-Stern angebracht. aber unterhaltsam. Am besten ist die Roman-Merkel immer dann, wenn sie sich süffisant mit Politiker-Kollegen und Krisen auseinandersetzt, die offensichtlich eine Schule fürs Leben waren. Das nützt dann auch in der Uckermark.

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