Ich habe mich bereits früh mit dissoziativer Identitätsstörung beschäftigt. Spätestens, als mir „Aufschrei“ von Truddi Chase in die Hände fiel - ein Werk, welches mich bis heute nicht loslässt -, wurde mein Interesse geweckt …
Vor dem vorliegenden Buch kannte ich den Instagramaccount der Bonnie Leben nicht. Ich bin also völlig unbefangen an diese Lektüre herangegangen, ohne Stimmen im Hinterkopf oder jegliche Informationen über ihre Personen.
Anfangs war ich sehr interessiert. Verschiedene Personen kommen zu Wort und sie werden gekennzeichnet, indem man ihren Namen nennt.
Oft habe ich dann in den Anhang geblättert, um zu schauen, welches Alter sie hat, um das Geschriebene irgendwie ein bisschen einordnen zu können.
Nur mit „Emely, ca. 4 Jahre, einsam, im Innen eingesperrt“ hatte ich die ganze Zeit meine Probleme.
Im Vorwort heißt es: »Das kann sich auch in ihrer Rechtschreibung bemerkbar machen. Gerade bei jüngeren Personen haben wir uns dazu entschieden, ihre Texte nur zu korrigieren, wenn es für das Verständnis nötig ist.«
Emely schreibt wie sie spricht. Aber: Wie kommt Emely, die im Innen eingesperrt ist, überhaupt dazu, am Text mitzuwirken? Und wie kann eine ca. 4 Jährige schreiben?
Für mich passt da irgendetwas nicht zusammen bzw. fehlt mir hier einfach ein erklärendes Wort.
Dadurch, dass jede Person, die wollte, ihre Worte zu Papier bringen durfte und das auch einige getan haben, kommt es manchmal zu Wiederholungen. Somit hat sich das Lesen für mich streckenweise in die Länge gezogen.
Dass die Namen nicht erklärbar sind, leuchtet mir ein. Trotzdem habe ich mich manchmal dabei erwischt, mich zu fragen, wie man auf den Namen „46“ (vier sechs) kommt.
Im Anhang gibt es ein Q&A, bei dem oft gestellte Fragen nochmals beantwortet werden. (von wem, wird dabei nicht erwähnt)
Auch Begrifflichkeiten werden aufgegriffen und erläutert.
Im Untertitel heißt es: »Meine Leben mit dissoziativer Identitätsstörung.« In meinen Augen ist es eher ein Aufklärungsbuch für Betroffene und Interessierte. Die Bonnies erzählen zwar viel, doch vor allem bestärken sie. Sie bestärken Betroffene, sich bemerkbar zu machen. Doch sie bestärken ebenso Außenstehende, genau hinzuschauen.
»Schrei nicht erst, wenn du denkst, endlich gehört zu werden.
Schrei, bis du gehört wirst.
Irgendwann wirst du auf Menschen treffen, die auch dein Schweigen verstehen.« (Alice)
©2025 Mademoiselle Cake
weitere Zitate:
»Wir nutzen lieber den Begriff Dissoziative Identitätsstruktur.
Wir sind nicht krank. Wir sind die Folge von kranken Umständen und deshalb anders strukturiert.
Heute unterstütze ich es aber auch, die DIS eine Störung zu nennen.
Es stört uns.
Wir sind nicht gerettet, weil wir viele sind, und nun glücklich und frei.
Wir sind eingeschränkt, weil wir viele sind.« (Fiona)
»Doch die eigene Bedeutungslosigkeit zu spüren, wenn man sich zuvor für den Protagonisten seines Lebens gehalten hatte, war ein Schlag ins Gesicht.« (Isa)
»Wir sind keine Überlebenden. Wir sind schon oft gestorben. Es war danach nur nicht vorbei.« (Ilke)
»Man kann um alte Zeiten trauen, ohne sie sich zurückzuwünschen.
Man darf vermissen, auch wenn es sich falsch anfühlt.
Denn eigentlich vermissen wir nicht unser altes Leben, sondern die Person, die wir hätten sein können, wenn es anders gewesen wäre.« (46)
»Es gibt kein Danach. Nur ein Damit.« (Alice)
»Es ist nie ein Fehler, wenn man sich für sich entscheidet.« (Delia)
»Wer dieses Buch liest und nicht selbst viele ist, lässt sich auf einen Perspektivwechsel ein.
Offenheit und die Fähigkeit, sich selbst zu hinterfragen, sind der Grundstein für eine Verbesserung der Lebensqualität Betroffener.
Wissen kann man schaffen. Die Bereitschaft, es aufzunehmen, muss jeder selbst einbringen.« (Fiona)
»Hilfen sind da, um in Anspruch genommen zu werden.Wenn es sie gibt und es niemanden weh tut, sie zu gewähren, warum gestaltet sich der Weg dorthin oft steinig?« (46)
»Wir zerbrechen innerlich, doch brechen nicht zusammen. […]
Manchmal möchten wir nicht stark sein. Manchmal möchten wir uns weinend in vertraute Arme verkriechen und gesehen werden, während wir uns verstecken.
Lieber möchten wir laut leben und leise weinen, als laut schreien und leise sterben.
Wir leben und das ist alles, was zählt.« (Alice)
»Im Wir zählt jedes Ich. Doch ohne das Wir ist auch das größte Ich machtlos.« (Fiona)