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Veröffentlicht am 23.01.2025

Satire über den Zustand unserer Gesellschaft

Das Leben ist eins der Härtesten
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Renate Gabor ist traurig. Ihr Malteser Mischling Mandarine-Schatzi ist mit dem Kopf in einer Punikaflasche steckengeblieben und erstickt. Sie hatte das Tier noch wiederbeleben wollen, aber ihre Hilfe kam ...

Renate Gabor ist traurig. Ihr Malteser Mischling Mandarine-Schatzi ist mit dem Kopf in einer Punikaflasche steckengeblieben und erstickt. Sie hatte das Tier noch wiederbeleben wollen, aber ihre Hilfe kam zu spät. Sie war nur kurz mit der Zumbatruppe unterwegs gewesen, mit so was hätte sie nie gerechnet. Jetzt hat sie eine Traueranzeige im Detmolder Kurier geschaltet. Einerseits wünschte sie, ihr Sohn Thorsten sei hier, andererseits ist der schwul, eigensinnig und passt in keine Handtasche. Sie hatte Mandarine-Schatzi in Ungarn gefunden. Dort hatte sie sich zu einem Spottpreis das Kinn absaugen lassen. Der Hund lebte auf einer Tötungsstation und lugte durch den Zaun. Renate war auf der Stelle schockverliebt.

Silke, eigentlich Renates Freundin, zurzeit gehen sie sich etwas aus dem Weg, arbeitet in der Bahnhofsmission. Ihr Vorgesetzter ist der Herr Marquard, ehemals Coach für große Unternehmen, der sich langweilte und eine neue Herausforderung suchte. Jetzt will er diesen Ort der Nächstenliebe in eine seelenlose Relaxzone für den gehobenen Mittelstand verwandeln. Die Obdachlosen dürfen sich nicht mehr allzu wohl fühlen, ist seine Ansage. Silke isst neuerdings weniger, weil ihr Mann Roland meinte, ihr Hintern hätte seit ihrer Hochzeit einen gewaltigen Hagelschaden erlitten.

Willy-Martin arbeitet in einem Taubenschlag für Zuchttiere. Wenn er nach Hause kommt, spielt er gerne online Kniffel, um sich zu zerstreuen. Seine neuste Mitspielerin ist Kerstin alias „Knochenbrecherin“. Sie haben sich mittlerweile auch schon geschrieben und planen ein Kennenlernen. Willy-Martin hofft, dass er kein allzu abschreckendes Bild von sich gibt. Bisher hatte er kein Glück mit Frauen.

Fazit: Giulia Becker hat in ihrem Debüt eine bissigböse Satire über den Zustand unserer Gesellschaft erzählt. Sie rupft einige Federn und so parodiert sie den Kaufrausch via Homeshopping als Kompensation für Traurigkeit. Das Onlinedating gegen die Einsamkeit und zeigt, wie man sich in seinem virtuellen Gegenüber täuschen kann. Alte weiße Männer mit großen Egos und wenig Mitgefühl, die auf Erfolg getrimmt sind und ihren mangelnden Selbstwert unterdrücken müssen. Postmenopausale selbstoptimierungsfanatische Frauen, die Scammern auf den Leim gehen. Die Autorin bringt die liebenswerten Charaktere mit den egoistischen in eine Geschichte und lässt sie aufeinander los. Das ist herrlich skurril und lustig erzählt. Und es wird klar, warum sie im Autorenteam von Jan Böhmermann sitzt, dessen ätzenden Humor ich selten schätze (ich habe es aber auch schnell aufgegeben) Am Ende waren mir manche Eigenheiten (Niesattacken) ein bisschen zu viel, aber grundsätzlich habe ich mich humorvoll und ideenreich unterhalten gefühlt.

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Veröffentlicht am 22.01.2025

Ziemlich schräg

Stadt
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Tues Mutter leidet unter der verpfuschten Operation eines Arms. Für ihren Verdienstausfall hat sie von der Versicherung 900.000 Kronen bekommen. Die Schulden sind bezahlt und ein paar Gartenmöbel waren ...

Tues Mutter leidet unter der verpfuschten Operation eines Arms. Für ihren Verdienstausfall hat sie von der Versicherung 900.000 Kronen bekommen. Die Schulden sind bezahlt und ein paar Gartenmöbel waren auch noch drin. Einen der Plastikstühle hat sie an dem Fahnenmast gehisst, so was macht sie manchmal. Sie nimmt Tabletten, damit sie aus dem Bett kommt und wieder fast wie früher ist. Nach dem Aufstehen allerdings liegt sie auf dem Sofa, raucht und sieht fern. An manchen Tagen setzt sie sich ins Auto und verschwindet einfach für Stunden oder halbe Tage. Tues Vater arbeitet im Sommer als Landschaftsgärtner und im Winter als Schlachter. Im Ort redet niemand mit ihnen. Tue weiß nicht, wann das angefangen hat.

Auf einer Fahrt im Wagen seiner Mutter erzählt sie Tue, dass sie sich verliebt hat, dass sie sich trennen will, Tue könne doch mitkommen. Er will davon nichts hören, droht es seinem Vater zu erzählen. Sie droht ihm, seinem Vater zu sagen, dass Tue schwul ist. Er würde ihn umbringen, wenn er das erführe. Zuhause bietet sich das immer gleiche Bild. Frühstück, Schule, schmutzige, enge Wohnung. Der schlecht gelaunte Vater, der stille Bruder, die unglückliche Mutter auf dem Sofa oder abwesend.

Fazit: Der Anfang zwanzigjährige Autor wird für seine Tue-Trilogie in Dänemark gefeiert. In Stadt, dem zweiten Teil führt er seinen Protagonisten durch eine ziemlich schräge Coming of Age Story. Das Setting wirkt nofuturemässig. Die Mutter leidet an einer bipolaren Depression. Als sie Tues Vater heiratete, hatte sie sich mehr von ihm versprochen. Ihre Zockersucht treibt die Familie in Schulden. Der Vater ist als Ernährer, der sich durch schlecht bezahlte Jobs hangelt, überfordert. Seine schlechte Laune macht ihn unberechenbar. Der Geldsegen bringt keine Entspannung in die Familie. Tue ist melancholisch und wütend zugleich. Er möchte seine Sexualität ausleben, hat aber auch Angst davor. Die Stimmung der Geschichte ist zuerst amüsant, dann immer aussichtsloser und düsterer. Dabei zuzusehen, in welche Situationen Tue sich bringt, ist unangenehm, fast schmerzlich. Die Story wirkt authentisch, alles ist stimmig, so eine Familie mit dieser destruktiven Dynamik wird es sicher geben, nicht nur eine. Ein Buch für alle, die einen Blick hinter die Vorhänge werfen möchten. Ich habe den ersten Teil nicht gelesen und auch nicht vermisst. Man kann problemlos mit diesem zweiten Teil starten, um Tue kennenzulernen.

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Veröffentlicht am 06.01.2025

Für alle Leser*innen abwechslungsreicher Großstadtromanzen

Cleopatra und Frankenstein
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Cleo Mitte zwanzig hat ein Kunststipendium an einer New Yorker Uni ergattert. In der Silvesternacht trifft sie den Mittvierziger Frank im Treppenhaus einer Partylocation, die sie gerade verlassen will. ...

Cleo Mitte zwanzig hat ein Kunststipendium an einer New Yorker Uni ergattert. In der Silvesternacht trifft sie den Mittvierziger Frank im Treppenhaus einer Partylocation, die sie gerade verlassen will. Sie kommen in ein Gespräch, das sie beide fasziniert. Frank kauft ihr Zigaretten und etwas zu essen und begleitet sie in das heruntergekommene Haus, in dem sie ein WG-Zimmer bewohnt. Obwohl sie seine Idee noch mit reinzukommen ablehnt, kommt Frank ihr im Treppenhaus sehr nah.

Cleos Visum läuft ab, sie wird wahrscheinlich nach England zurückgehen müssen. Frank löst das Problem, indem er ihr einen Heiratsantrag macht. Sie trauen sich ganz allein. Cleo in hellblauem Seidenkleid, Frank im Smoking. Der Hotdog Verkäufer um die Ecke ist schnell überredet, die Trauung zu bezeugen und weint die ganze Zeit.

Nach der Zeremonie treffen sie ihre Freunde in Santiagos Restaurant. Der Starkoch, auf dessen Können Frank schwört, bewirtet sie. Noch denkt Cleo sich nichts bei den Mengen Alkohol, die Frank in sich hineinschüttet.

Der Werbespot, den Frank für seine Firma an Land gezogen hat, ist versaut. Während der Feierlichkeiten ließ der Kameramann einen Halbnackten durchs Setting latschen. Frank ist verkatert und schlecht drauf. Jetzt muss er länger und härter arbeiten, dabei dachte er, es in der Werbebranche weit genug gebracht zu haben. Er trinkt mehr und kommt jeden Abend später nach Hause. Cleos unglückliche Miene setzt ihm ebenfalls zu.

Fazit: Coco Mellors Debüt liest sich wie ein Film, der am ehesten „Sex and the City“ gleicht. Sie erzählt in Monaten und beginnt mit dem Kennenlernen ihrer Protagonisten. Zu Anfang fand ich die Geschichte eher flach und konnte den Hype, den das Buch erfahren hat, nicht nachvollziehen. Die Story wird aber mit zunehmendem Voranschreiten dichter. Älterer erfolgreicher Mann, der sich aus eigener Kraft hochgearbeitet hat, trifft junge, schöne Frau. Beide wurden in ihren Herkunftsfamilien emotional vernachlässigt. Sie stürzen sich spontan in eine Liebesbeziehung, in der Hoffnung, das zu bekommen, was sie entbehren mussten. Jeder kompensiert seine Bedürftigkeit auf andere Weise. Die Erwartungen an die Beziehung, an den anderen finden keine Erfüllung. Cinderella tanzt nicht mehr. Am Ende wird alles gut, nein besser. Meine Empfehlung für alle Leser*innen, die unterhaltsame, abwechslungsreiche Großstadtromanzen mögen.

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Veröffentlicht am 02.01.2025

Blick in andere Lebenswelten

Belohnungssystem
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Julia bekommt den Job im Cascine, dem angesagten Szenelokal mit der gehobenen Küche. Sie soll die stellvertretende Küchenchefin Lena ersetzen. Eigentlich ist Julia eher als Heulsuse und Jasagerin bekannt, ...

Julia bekommt den Job im Cascine, dem angesagten Szenelokal mit der gehobenen Küche. Sie soll die stellvertretende Küchenchefin Lena ersetzen. Eigentlich ist Julia eher als Heulsuse und Jasagerin bekannt, das darf jetzt allerdings niemand merken, sonst geht sie in dem rauen Ton unter. Nach drei Probeschichten hat sie das Team überzeugt. Es dauert gar nicht lange, da hat der andere stellvertretende Küchenchef Nathan Julia romantisch im Auge. Julia allerdings konzentriert sich darauf, dem Küchenchef und Pächter Ellery näher zu kommen. Ellery geht auf ihre Avancen ein und sie werden ein Paar. Sie tingeln durch die angesagte Gastronomie Londons und es dauert nicht lang, bis Julia pleite ist. Ellery hat ein Drogenproblem und eine Tochter, beides erfährt Julia eher am Rande. Als Julias Vorreiterin Lena ihr eine Mail schickt: Ellery der Psycho solle sie endlich in Ruhe lassen!“, möchte Julia darüber nicht weiter nachdenken, doch Lenas hingeworfene Worte beginnen ein Eigenleben in ihrem Kopf.

Auf Tedds Party taucht Nick eher unerwartet auf. Er hofft, dass seine Ex Julia auch anwesend ist und wird enttäuscht. Im Laufe des Abends hat er sich so zugedröhnt, dass er kaum den Weg nach Hause findet. Auch Nicks Ausgaben haben sein Einkommen bei weitem überstiegen, deshalb zieht er wieder zu seinen Eltern. Er fasst den Entschluss, sich gründlich zu fangen und sein Leben zu ordnen, dazu gehört auch die Abstinenz.

In dem Büro, in dem Nick als Texter arbeitet, ist der Überschuss an alten Männern hoch. Jeder surft während der Arbeitszeit im Internet und geht seinen eigenen Bedürfnissen an Unterhaltung nach. Klamotten, Pornos, Dating-Apps und Social Media. Niemand weiß, dass eigens für die Überwachung der Internettätigkeiten ein Mitarbeiter einberufen wurde, aber bald werden es einige erfahren.

Fazit: Jem Calder hat in seinem ersten Buch einige Lebenswirklichkeiten geschaffen, die in kürzeren Geschichten, die lose miteinander verbunden sind, erzählt werden. Es geht um Bedürfnisse, wie der Wunsch nach Liebe und Partnerschaft, Dazugehören wollen und Freundschaft. Allen Darsteller*innen scheint etwas zu fehlen, das vor allem die männlichen durch Drogen, Alkohol und Sex zu kompensieren versuchen. Mehr oder weniger gescheiterte Existenzen, die durch die übernatürliche Zufuhr von Dopaminanregenden Substanzen ihr Leben zu bestreiten suchen. Der Autor hat die Unzulänglichkeiten mit feinem Gespür und Humor in Szene gesetzt und mich überlegen den Kopf schütteln und laut auflachen lassen. Ein interessanter Blick in andere Lebenswelten.

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Veröffentlicht am 23.12.2024

Eine Heldin mit starken Nerven

Only Margo
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Margo studiert am Junior College. Sie ist neunzehn, als ihr Literaturprofessor Mark sie schwängert. Margo entscheidet sich gegen die von ihrer Mutter und dem Professor propagandierte Abtreibung, weil es ...

Margo studiert am Junior College. Sie ist neunzehn, als ihr Literaturprofessor Mark sie schwängert. Margo entscheidet sich gegen die von ihrer Mutter und dem Professor propagandierte Abtreibung, weil es sich falsch anfühlt. Ab da ist Mark nicht mehr erreichbar, seine Ehe steht auf dem Spiel. Margo unterschreibt einen Vertrag mit dem sie, gegen eine einmalige Zahlung und ein Depot für ihren Sohn, auf Unterhaltszahlungen verzichtet. Nachdem der kleine Bodhi geboren ist, ziehen zwei ihrer drei Mitbewohnerinnen aus Margos Wohnung aus. Jetzt fehlen ihr die Mieteinnahmen. Ihre Chefin, Betreiberin einer Fast food Kette, setzt sie vor die Tür, als Margos Mutter sich weigert, weiterhin auf Bodhi aufzupassen.

Mit einem Kind eröffnen sich für Margo Probleme, mit denen sie nie gerechnet hätte. Sie braucht dringend einen Job, was aber mit einem Kind, das rund um die Uhr Betreuung braucht, unmöglich scheint. Schon seit einer Weile folgt sie dem Portal OnlyFans, auf dem junge Frauen ihre Reize in den Vordergrund stellen, damit müsste sich doch Geld verdienen lassen. Ein Account ist schnell geschaffen. Margo nennt sich HungryGhost und lädt ihre ersten Fotos hoch. Sehr schnell hat sie einige Follower. Als extra Service bietet sie an, Dickpics zu bewerten, das bringt ein wenig zusätzliches Geld.

Ihr leiblicher Vater Jinx, ein Ex-Wrestler, sucht eine Bleibe und zieht bei Margo ein. Margo schließt sich mit größeren CreatorInnen zusammen, die gegen Entgelt auf ihren Accounts für sie werben. Dann gehen ihr die Ideen aus und sie weiht ihre Mitbewohnerin Suzie ein. Mit deren Cosplay Kostümen bringt sie frischen Wind in ihren Account. Und dann kommt ihr Vater hinter ihre Berufswahl.

Fazit: Rufi Thorpe hat eine Gegenwart geschaffen und verständlich gemacht, die realer nicht sein könnte. Ihre junge Protagonistin muss Verantwortung übernehmen. Schnell wird klar, wie schwierig die Verhältnisse für alleinerziehende Mütter sind. Die Protagonistin beißt sich durch. Zuerst meiden ehemalige Bekannte sie wegen ihres Kindes, dann wegen moralischer Bedenken über ihre Berufswahl. Von allen Seiten rollen ihr Steine in den Weg, aber am Ende wird alles gut. Die Geschichte hat mich gut unterhalten. Die Autorin hat eine Heldin mit starken Nerven geschaffen. Ein Buch, das schwierige Themen leicht transportiert und zugänglich macht.

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