Gutes Debüt über häusliche Gewalt
Im Prinzip ist alles okayMiryam ist dreißig und gerade Mutter geworden. Bei der Selbstliebe-Hochzeit einer guten Bekannten taucht sie mit Freund Robert, ihrer Tochter und einer Schüssel Buchweizensalat auf. Ihr T-Shirt trägt sie ...
Miryam ist dreißig und gerade Mutter geworden. Bei der Selbstliebe-Hochzeit einer guten Bekannten taucht sie mit Freund Robert, ihrer Tochter und einer Schüssel Buchweizensalat auf. Ihr T-Shirt trägt sie über dem Rock um den offenen Reißverschluss zu verdecken. Sie hat ihre alte Figur noch nicht zurück und kaschieren ist das Mittel der Wahl. Während Freund Robert vorgibt auf die gemeinsame Tochter aufzupassen platziert Miryam sich in Büffetnähe in der Hoffnung, dass jemand ihren Salat lobt. Seit der Geburt giert sie besonders nach Bestätigung. Schuld daran sind die Selbstzweifel, weil sie schlecht drauf ist und nicht in der Lage die Kleine zu stillen. Sie hat auch Angst, dass sie ihrem gewalttätigen Vater ähnlicher ist, als sie möchte, zumindest spürt sie ihre große Ungeduld intensiv. Ihr Robert behandelt sie besser als ihr Ex-Ex-Freund. Damals war sie sechzehn und er dreißig. Und weil sie geweint hat, hat er ihr einen seiner Schuhe mit der Ledersohle durchs Gesicht gezogen.
Eigentlich hat sie bisher alles verbockt, so war es auch mit Diego. Alles war traumhaft, bis sie ihren ersten gemeinsamen Urlaub in Ägypten verbrachten. Er war so lieb zu ihr, doch nach einem Tag in der Sonne (sie) und im Meer auf dem Surfbrett (er) spürte sie plötzlich nichts mehr für ihn. Da wo zuvor noch Liebe war, klaffte nun ein Vakuum. Ihr jetziger Robert gefällt allen Freundinnen gut. Er ist ihr Fels und sie seine Brandung. Gerade scrollt er am Handy und lässt die Kleine zwischen den Zigarettenkippen im Gras herumkrabbeln, das muss sie gleich mal verhindern.
Ihr Bruder Deniz ist ihr der liebste Mensch, ihn hat sie vor dem Vater beschützt und so wurden sie eine Einheit, eine Festung. Miryam hat früh damit angefangen den Vater zu lesen, wie er das Kinn vorschob und Alarmstufe rot signalisierte. Ihre Mutter schien blind für die Vorzeichen und deswegen hat sie die ganze Wucht seiner Wut abgefangen.
Fazit: Yasmin Polat hat ein Debüt geschaffen, das in allen Facetten den Leidensdruck der häuslichen Gewalt einfängt. Die Protagonistin hat früh Verantwortung zu übernehmen und war in ständiger Alarmbereitschaft. Die Unberechenbarkeit ihres Vaters hat ihr Vertrauen in die Welt nachhaltig gebrochen. Die schweigende, depressive, aber auch manipulative Mutter und die Gewaltbereitschaft des Vaters, liefern den gut durchmischten Cocktail für Miryams Wut und Selbstsabotage. Sie möchte den roten Faden, der sie ebenfalls einspannt unbedingt kappen, ihrer Tochter ein besseres Vorbild sein, aber ihre Konditionierung steht ihr im Weg. Die Geschichte zeigt sehr gut die Schwierigkeiten einer solchen Traumatisierung, war mir persönlich jedoch stellenweise zu oberflächlich.