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Veröffentlicht am 27.12.2024

Zum Zähneausbeißen

Die Projektoren
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„Die Projektoren“ von Clemens Meyer ist ein Roman, an dem man sich die Zähne ausbeißen kann. Das beginnt schon bei der Bestimmung des Themas. Wovon handelt „Die Projektoren“ mit seinen über 1000 Seiten? ...

„Die Projektoren“ von Clemens Meyer ist ein Roman, an dem man sich die Zähne ausbeißen kann. Das beginnt schon bei der Bestimmung des Themas. Wovon handelt „Die Projektoren“ mit seinen über 1000 Seiten? Meine erste Antwort wäre: Von der Bedeutung und der Macht des Films am Beispiel der Karl-May-Filme.

Zugleich ist „Die Projektoren“ ein Roman, der die Folgen des Krieges am Beispiel des Jugoslawienkriegs aufzeigt. In Jugoslawien nämlich wurden die meisten May-Filme gedreht. Und durch die Beschreibung des erstarkenden Rechtsextremismus in Ostdeutschland zeigt Meyer ebenso, dass Faschismus immer einen gewissen Reiz ausstrahlt.

Dann ist das Buch aber auch ein Sprachspiel mit unterschiedlichen Motiven, die sich durch das ganze Buch ziehen: von den Projektoren (in unterschiedlichster Ausführung) und den ersten Kinosälen über Karl May bis hin zur Nervenheilanstalt in Leipzig. Nicht zu vergessen der geheimnisvolle Ort Damagdarut, . Hinzu kommt noch eine Vielzahl literarischer Bezugnahmen.

Nein, „Die Projektoren“ ist keine leichte Kost. Denn Clemens Meer ist einerseits ein Autor, der beim Erzählen sehr weit ausholt, andererseits aber auch sehr dicht erzählt, Wiederholungen auf unterschiedlichen Ebenen inklusive. Und nicht immer ist es auf Anhieb klar, ob man in der realen Geschichte ist oder Zuschauer eines Films ist. Überhaupt ist vieles traumhaft dargestellt in diesem Roman, der immer wieder wie eine Geschichte aus tausendundeiner Nacht wirkt. Meisterhaft im Fabulieren, aber immer wieder angebunden an Zeit und Raum.

Es sind einzelne Figuren und Orte, die einem beim Lesen Halt Geben. Da ist der „Cowboy“, der bis zum Schluss des Buches dem Leser erhalten bleibt. Auch Lex Barker (LEX geschrieben) ist eine Figur, die nicht untergeht. Dann ist da die Irren-Hilfs-Heil- und Pflegeanstalt des Dr. Güntz zu Leipzig-Thonberg, in der 1865 auch Karl May als Patient zu finden war. Aber selbst ein Buch wie „Bodenbearbeitung mittels Sprengstoffen“ taucht in Meyers Roman immer wieder auf.

Freilich hilft das nur sehr bedingt, sich in Clemens Meyers Buch zurechtzufinden. Aber eigentlich ist das auch gar nicht möglich, weil es die eine zentrale Handlung nicht gibt. Ein wenig tröstlich ist, dass auch die Romanfiguren verwirrt sind. So heißt es vom Cowboy, dass er noch Jahre später nicht sagen konnte, was von den Ereignissen er geträumt hat und was tatsächlich geschehen ist. Freilich kann man sich auch damit begnügen, sich an der Schönheit der Sprache zu erfreuen. Manchmal slapstickartig komisch, manchmal skurril, aber immer mit dem genauen Blick auf die Dinge.

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Veröffentlicht am 24.12.2024

Der Aufstieg zur Magda Goebbels

Reichskanzlerplatz
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Magda Goebbels steht im Zentrum von Nora Bossongs neuem Roman „Reichskanzlerplatz„. Obwohl: eigentlich ist es eher der fiktive Ich-Erzähler Hans Kesselbach, der zur zentralen Figur in „Reichskanzlerplatz“ ...

Magda Goebbels steht im Zentrum von Nora Bossongs neuem Roman „Reichskanzlerplatz„. Obwohl: eigentlich ist es eher der fiktive Ich-Erzähler Hans Kesselbach, der zur zentralen Figur in „Reichskanzlerplatz“ wird. Nur durch ihn blickt man auf Magda Goebbels.

Man mag sich darüber streiten, ob das ein kluger Schachzug der Autorin ist. Denn besonders nachvollziehbar zeigt sich die Entwicklung der Magda Goebbels dadurch nicht. Im Gegenteil, man verliert sie fast ein wenig aus den Augen und als sie Joseph Goebbels heiratet, kommt das im Buch doch ziemlich überraschend. Wo sie sich kennengelernt haben, wird eilends nachgereicht.

Der Vorteil dieser Herangehensweise ist freilich, dass man Magda Goebbels zunächst nicht gleich in die Nazi-Schublade packt. Nicht nur, dass Magda den jüdischen Namen Friedländer trug und ihr Stiefvater Jude war, Magda wird eher als eine Frau beschrieben, die sich eben ihren Weg nach oben bahnt und in die reiche Familie Quandt einheiratet.

Als Stiefmutter seines neuen Freundes Hellmut lernt eben jener Hans Kesselbach Magda Quandt kennen. Hans interessiert sich freilich zunächst nur für seinen Schulfreund Hellmut. Der interessiert sich aber weniger für Hans und vielmehr für seine Stiefmutter. Als der aber plötzlich stirbt, wird Hans zum Liebhaber Magdas.

Zugleich geht Hans auch seinen eigenen Weg, wird zum Diplomaten. Und er verliert Magda Goebbels immer mehr aus den Augen – und die gerät auch aus dem Fokus des Lesers. So bleibt das Bild einer Frau, die sich in ihrer Ehe langweilt und in einer Ehe auch den sozialen Aufstieg sucht. Was sie im Nationalsozialismus suchte und scheinbar auch fand, bleibt im Verborgenen. Das ist schade, denn das ist es ja, was von Magda Goebbels heute als Bild geblieben ist: die kindermordende überzeugte NS-Vorzeigefrau.

„Reichskanzlerplatz“ hat da viele weiße Stellen, viel zu viele, was Magdas Beweggründe angeht. Hans versteht sie nicht mehr, ist nicht mehr Teil ihres Lebens. Von den Treffen der NS-Elite in Magdas Wohnung am Reichskanzlerplatz bekommt er nur am Rande mit. Ja, natürlich kann man sagen: diese Magda ist einfach nicht zu verstehen. Dafür aber ein ganzes Buch? Dafür ist die Erkenntnis, dass Magda Goebbels in ihren jungen Jahren eine andere war, als man erwarten würde, doch etwas dürftig.

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Veröffentlicht am 23.12.2024

Kindheit in der dänischen Provinz

Hof
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Der dänische Schriftsteller Thomas Korsgaard schreibt in seinem Erstling vom Leben auf dem Land in Dänemark. Genauer gesagt: vom Leben in einem „Vorort der Finsternis“, wie der Erzähler Nørre Ørum nennt. ...

Der dänische Schriftsteller Thomas Korsgaard schreibt in seinem Erstling vom Leben auf dem Land in Dänemark. Genauer gesagt: vom Leben in einem „Vorort der Finsternis“, wie der Erzähler Nørre Ørum nennt. Dort steht der Hof, den die Familie bewirtschaftet.

Von einer Idylle ist das Leben des 12-jährigen Tue auf dem Bauernhof meilenweit entfernt. Der Hof ist schwer verschuldet, die Mutter trägt kaum etwas zur Hofarbeit bei, der Vater ist nur bedingt zum Bauern geeignet und sucht andere Wege, um die Familie finanziell über Wasser zu halten – mal mehr, mal weniger legal. Seinen Sohn lässt er schon mal keim Kupferkabel-Stehlen Schmiere stehen. Und dazu kommen noch jede Menge Tierkadaver

Erzählt wird die Kindheit von Tue stark episodenhaft. Dabei wirkt die Familie sehr überzeichnet, klischeehafte Vertreter der unteren Gesellschaftsschicht. Nicht nur, dass die Tochter die eigene Familie anpumpt, sie bestiehlt sie auch. Wobei es schon komische Züge annimmt, wenn ausgerechnet der Braten bei Tues Konfirmation im Kofferraum der Schwester landet.

Dennoch: So richtig gepackt hat mich „Hof“ nicht. Denn die Geschichte hat eigentlich erst ein wenig Fahrt aufgenommen. Figuren wie Iben, mit der sich Tue anfreundet, haben noch kaum Kontur – auch wenn sie gemeinsam abhauen wollen. Und von Tues Erfolg in der Schule ist nur dann ausführlicher die Rede, wenn Tue selbst den Entschluss fasst, ans Gymnasium zu wollen. Es bleibt Thomas Korsgaard noch viel zu erzählen in seiner Trilogie, die der Kanon-Verlag nun nach und nach in deutscher Übersetzung veröffentlicht.

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Veröffentlicht am 08.11.2024

Zum Ende hin weniger fesselnd

Das Philosophenschiff
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Michael Köhlmeier spielt in seinem neuen Roman „Das Philosophenschiff“ mit Fiktion und Wahrheit. Doppelbödig lässt er eine 100-jährige erfolgreiche Architektin ihr Leben erzählen.

Die eigene turbulente ...

Michael Köhlmeier spielt in seinem neuen Roman „Das Philosophenschiff“ mit Fiktion und Wahrheit. Doppelbödig lässt er eine 100-jährige erfolgreiche Architektin ihr Leben erzählen.

Die eigene turbulente Lebensgeschichte soll für die Ewigkeit festgehalten werden. Darum geht es der 100-jährigen Anouk Perleman-Jacob. Einen Schriftsteller, den Ich-Erzähler im Buch, will sie dazu bringen, ihre Geschichte aufzuschreiben. Die beiden führen regelmäßig Gespräche, die gefeierte Architektin erzählt von ihrem Leben, vor allem von der Flucht aus der Sowjetunion.

Als junges, 14-jähriges Mädchen floh sie auf einem der so genannten Philosophenschiffe. Mit diesen Schiffen, das ist historisch verbürgt, hat die Regierung unliebsame Bürger des Landes verwiesen – zu ihrem eigenen Schutz, wie die russische Propagandamaschinerie formulierte.

Doch bald schon beginnt der Schriftsteller selbst zu recherchieren, was damals wirklich geschah. Denn seine Auftraggeberin erweist sich als sehr unzuverlässig. Missliebiges verschweigt sie, Unliebsames lässt sie lieber weg oder ändert die Tatsachen.

Ganz und gar unglaublich ist die Geschichte, auf die sich alles zubewegt: das Schiff macht sich mit überraschend wenigen Passagieren auf den Weg – und das nicht nur, weil viele der Passagiere wegen angeblicher Devisenvergehen zuvor erschossen wurden. Plötzlich stoppt das Schiff auf offener See, ein Beiboot bringt einen weiteren Passagier auf das fast leere Schiff, der in der 1. Klasse untergebracht wird.

Neugierig schleicht sich die 14-jährige Anouk zu dem alten Mann, der dann sogar noch offiziellen Besuch bekommt. Eine famose Lügengeschichte? Oder nichts als die Wahrheit, die reine Wahrheit?

Ein wenig schade ist, dass im Laufe des Buches die Rahmenerzählung um den Schriftsteller und die 100-Jährige immer mehr an Gewicht bekommt, während die Binnen-Erzählung um das Schiff an Kontur verliert. Allerdings: Worüber will ein 14-jähriges Mädchen auch mit einem betagten Staatsmann sprechen, das für die Nachtwelt von Interesse ist?

So sehr mich das „Philosophenschiff“ am Anfang in seinen Bann gezogen hat, zum Ende hin hat es mich nicht mehr fesseln können.

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Veröffentlicht am 03.10.2024

Queere Liebesgeschichte

Ryan und Avery
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David Levithan erzählt in seinem neuen Jugendbuch „Ryan und Avery“ eine Liebesgeschichte, die vom Suchen und Finden der Liebe handelt. Es ist die erste große Liebe zwischen Avery und Ryan und der Leser ...

David Levithan erzählt in seinem neuen Jugendbuch „Ryan und Avery“ eine Liebesgeschichte, die vom Suchen und Finden der Liebe handelt. Es ist die erste große Liebe zwischen Avery und Ryan und der Leser darf mitverfolgen, wie die beiden sich immer besser kennenlernen. Bei einer Party haben sie sich kennengelernt, ein Date verabredet. Es folgen neun weitere.

Um zu viel zuckersüße Romantik zu vermeiden, sind die Dates (sie bilden jeweils ein Kapitel) nicht chronologisch erzählt. Zudem schlägt der Erzähler immer wieder einen stark distanzierten Ton an und bewertet das Geschehen.

Während die fehlende Chronologie einen gewissen Reiz hat, wirkt die kommentierende Erzählerstimme doch immer wieder etwas zu altklug. So wird etwa nicht einfach erzählt, wie Avery nicht einschlafen kann, weil er sich viele Gedanken über seine Beziehung zu Ryan macht, sondern: „Solche Gedanken lassen einen nicht einschlafen. Sie müssen sich erst beruhigen. Sich abkühlen.“ Da ist doch erzählerisches Potenzial vergeudet.

Schwerer wiegen allerdings die altklugen Kommentare wie etwa der:

Avery ist noch so jung, dass er nicht begreift, was Ryan durchmacht. Er glaubt noch, beim Aufbau einer Beziehung ginge es darum herauszufinden, was man gemeinsam hat, und nicht darum, in einem fort mit dem umzugehen, was man nicht gemeinsam hat.

Natürlich kann dies auch einen jugendlichen Leser dazu anregen, sich darüber Gedanken zu machen, was eine Beziehung ausmacht. Aber der belehrende Ton dürfte doch eher abschreckend wirken.

Dabei ist die Konstellation der Liebesgeschichte gut gewählt. Avery erfährt Unterstützung von seinen Eltern, als ihm klar wird, dass er ein Junge ist. Ryan hingegen ist im Dauer-Clinch mit seinen Eltern. Beide tasten sich langsam vor, man kann spüren, wie unsicher die beiden sind. Und ja, das ist wunderbar erzählt. Da wirkt es eine Spur zu psychologisierend, wenn vom distanzierten Erzähler die Frage eingeworfen wird, wie eine Beziehung dauerhaft wird (mit Unterschieden umgehen lernen) und wie viel Freiraum man in einer Beziehung dem anderen lässt (oder wie sehr man den anderen in Beschlag nimmt).

Seine Stärke hat „Ryan und Avery“ , wenn einfach nur erzählt wird, was die beiden tun, was sie fühlen und was sie denken.

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