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Veröffentlicht am 24.12.2024

Bitte alles, was in diesem Roman nicht mit Pink Floyd zu tun hat, streichen!

Die Kinder hören Pink Floyd
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Der Journalist Alexander Gorkow schreibt in diesem Roman über sein eigenes 10jähriges Ich, welches in einer Vorstadt Düsseldorfs mit Vater, Mutter und herzkranker 16jähriger Schwester in den 1970er Jahren ...

Der Journalist Alexander Gorkow schreibt in diesem Roman über sein eigenes 10jähriges Ich, welches in einer Vorstadt Düsseldorfs mit Vater, Mutter und herzkranker 16jähriger Schwester in den 1970er Jahren aufwächst. Der Roman zirkuliert dabei immer wieder um die Verbindung zwischen dem Jungen und der Schwester, welche ihn zum Pink Floyd-Fan macht und mit ihm die Titel und Alben dieser Jahrhundertband analysiert. Aber auch (zu) viele Alltagssituationen der 70er werden aus der Perspektive des kindlichen Hauptprotagonisten geschildert. Zuletzt gehts noch in die Gegenwart zu einem Gespräch mit Roger Waters - wer sich fragt: Der Durchgedrehtere von den beiden noch lebenden Sängern Pink Floyds. Syd Barrett lass' ich (und auch Gorkow) dabei mal gekonnt unter den Tisch fallen - war auch vor Gorkows Pink Floyd-Zeit...

Was finde ich gut an diesem Roman? Alle Passagen, die sich um die Songs und Alben der Band drehen, sowie die Darstellung von Musikrezeption als solcher. Der Journalist Gorkow versteht sich hervorragend darauf, diese Themen auseinanderzunehmen und für die Lesenden leicht verdaulich und verständlich wieder zusammen zu setzen. Es ist ein Genuss in den Liedtexten zu schwelgen und sich die Tonexperimente vorzustellen. Sofort bekommt man dabei Lust, die Floyd-Sammlung wieder aufzulegen - keine Frage. Und trotzdem hat dieses Buch für mich so viele Schwächen, dass ich es ab ungefähr Seite 50 kaum noch ertragen konnte und es am liebsten abgebrochen hätte. Das liegt vornehmlich an der kindlich-hochnaiven Erzählperspektive eines 10jährigen Jungen. Das kann man mal für die ersten Seiten machen, gut, aber doch bitte nicht über das (fast) gesamte Buch hinweg. Was zum Beispiel Hape Kerkeling in seinem "Der Junge muss an die frische Luft" herrlich beherrscht und auch sehr amüsant zu lesen ist, wird im vorliegenden Roman einfach nur zu einer Nervensache. Selten hat mich eine Erzählstimme so abgestoßen. Wenig fand ich dabei witzig oder auch nur leicht amüsant. Wenn Elke Heidenreich von diesem Roman schwärmt und Passagen verkürzt und pointiert zum besten gibt, klingt das viel begeisterungswürdiger als es sich dann tatsächlich liest. Die Pointen verpuffen leider beim Lesen und können nicht zünden. Auch das Flair der 70er versucht Gorkow zwar auf Papier zu bannen, kann dies auch teilweise transportieren, nur nervt es einfach nur noch, wenn mir zum zehnten Mal die Herstellermarke der damaligen Schulbänke präsentiert wird. Vielleicht liegt es am Fachbereich, denn bei der Schilderung der heimischen Musikanlage erschien mir dies interessant, ausgewogen und präzise.

Inhaltlich ist es meines Erachtens außerdem ein Mangel, dass der Erzählstrang um die contergangeschädigte, herzkranke Schwester einfach so fallen gelassen wird. Es gibt am Ende des Buches nur einen kurzen Halbsatz zu ihrem Verbleib. Aufgrund der bedeutsamen Rolle der Schwester für die Prägung des Jungen erscheint dies ihr einfach nicht gerecht zu werden. Neben der erkrankten Schwester scheint es außerdem in diesem Buch vor "Behinderten" und "Gestörten" nur so zu wimmeln. Annähernd jede noch so für den Plot unwichtige Person hat irgendein Defizit - körperlich oder psychisch - was meist mehr als nur erwähnt, sondern ausführlichst besprochen werden muss. Was der Autor damit bezweckt, außer darzulegen, dass wir alle unperfekt sind, bleibt fraglich.

Insgesamt kann ich also leider nicht zum Kauf des Buches raten, wenngleich die Ausgabe mit der Covergestaltung schön anzusehen und in sich stimmig ist. Wer Pink Floyd-Fan ist, braucht das Buch nicht, um sich eine Platte zu schnappen und ihre Genialität zu erkennen. Dafür lohnt es sich nicht, sich durch die gefühlt endlosen 186 Seiten zu kämpfen. Platte auflegen, Augen schließen und genießen. Damit ist die begrenzte Lebenszeit sinnvoller genutzt. Tick-Tack. "Time", ihr wisst schon...

Veröffentlicht am 24.12.2024

Ein Buch für die Feuilletonisten Deutschlands

Der falsche Gruß
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Selten hab ich so eine "Angst" vor dem Schreiben einer Rezension gehabt, wie bei diesem Buch von Maxim Biller. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man sich nach der Lektüre des vorliegenden Romans "Der ...

Selten hab ich so eine "Angst" vor dem Schreiben einer Rezension gehabt, wie bei diesem Buch von Maxim Biller. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man sich nach der Lektüre des vorliegenden Romans "Der falsche Gruß" einfach zu dumm vorkommt, um sich überhaupt anmaßen zu können, eine Meinung dazu zu haben. Ein Minenfeld, welches man am liebsten gar nicht erst betreten möchte. Doch woran liegt das?

Sicherlich ist dies durch die unglaublich selbstreferenzielle und intellektualisierte Art, wie Biller seine (nennen wir sie lieber) Novelle aufzieht, begründet. Wir lernen einen Schriftsteller und Historiker ohne Abschluss kennen, der einem im Berliner Literaturbetrieb etablierten jüdischen Schriftsteller den falschen, nämlich namentlich den Hitlergruß, zeigt, nachdem er sich durch ein noch im Laufe der Geschichte näher zu definierendes Ereignis bzw. eine Ereigniskette provoziert fühlt. Unser Schreiberling mit dem zu locker sitzendem rechten Arm hat zufällig auch in der Familie die ("eigentlich alles nur Opfer") Naziverwandtschaft. Gerade zu Beginn strotzt die Geschichte nur so vor Querverweisen in Klarschrift oder abgeändert auf die Literaturwelt Berlins. Wer da nicht absoluter Insider ist, hat schon und fühlt sich einfach nur verloren in diesem Werk. Wer sich nicht verloren, sondern ertappt fühlen dürfte, sind all die Feuilletonisten Deutschlands, die mitunter mit einer Doppelmoral über die Geschichtsvergessenheit der Deutschen sinnieren. Denn letztendlich lässt sich der Inhalt am wahrscheinlichsten auf das (Billers) Kernthema des Antisemitismus herunterbrechen und der Umgang damit unter Intellektuellen. Die literarisch interessierten Leser*innen aus der Durchschnittsbevölkerung kann jedoch mit diesem Text höchstwahrscheinlich nicht viel anfangen. So ging es jedenfalls mir. Erst mit diversen Rückblicken hatte ich gegen Ende der nur 128 Seiten das vage Gefühl ein wenig vom Text verstanden zu haben.

Aufgrund der großen Uneindeutigkeiten in Billers Roman, kann ich jedoch zum Inhalt nur Vermutungen anstellen und überlasse den Rest dem Feuilleton.

Veröffentlicht am 24.12.2024

So staubtrocken wie die Wüste Mesopotamiens

Babel
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Eigentlich klingt es ganz amüsant und vor allem interessant. "Babel" verspricht, dem Archäologen Robert Koldewey bei seiner Ausgrabung Babylons und damit auch der Wiederauffindung des Turms zu Babel in ...

Eigentlich klingt es ganz amüsant und vor allem interessant. "Babel" verspricht, dem Archäologen Robert Koldewey bei seiner Ausgrabung Babylons und damit auch der Wiederauffindung des Turms zu Babel in 1913 über die Schulter zu schauen, während dieser sich mit einer Bilnddarmentzündung und ebenso seinem anstrengenden Assistenten Buddensieg herumschlagen muss.

Leider verliert sich der, von der Altorientalistin und Ethnologin Cusanit außerordentlich gut recherchierte, Roman zwischen referierten Fakten zu Ausgrabungstechniken und Briefwechseln Koldeweys. Eine "Handlung" besteht im eigentlichen Sinne kaum, da sich über 267 Seiten hinweg Koldewey von seinem Bett hin an den eigentlichen Ausgrabungsort schleppt, um dort eine befreundete Engländerin zu treffen. Auf dem gähnend langsamen Weg doziert er über viele Themen, die für sich genommen eigentlich ein interessantes Licht auf Raubkunst, den Vergleich von Morderne und Antike sowie die wackeligen Grundlagen des Alten Testaments werfen, jedoch so dicht präsentiert werden, dass man einfach nur noch hofft, dass der Herr bald an seinem Ziel ankommen möge. Eine Handlung im allgemein bekannten Sinne sollte man hier also nicht suchen. Sie, ebenso wie die Nebenfiguren, scheinen Cusanit allein dazu zu dienen, ihr ungemein großes Wissen in eine Romanform zu pressen.

Tatsächlich sehnte ich dem Ende des Buches ab mindestens der Hälfte dessen entgegegen. Die zu Beginn noch durch ihre Erhabenheit glänzende Sprache wirkte gegen Ende nur noch überfordernd und trocken. Kenah Cusanit hat definitiv gezeigt, dass sie ein sehr hohes Sprachniveau beherrscht, konnte dies jedoch nicht in einen überzeugenden Roman ummünzen. Oft überwog das Gefühl beim Lesen, sie möchte zu sehr zeigen, was sie alles weiß und wie toll sie es sprachlich verpacken kann. Das konnte jedoch - jedenfalls bei mir - auf die Länge des Romans nicht zünden, sodass das Buch leider so staubtrocken, wie die Wüste durch die sich Kaldewey budelte, geworden ist.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Funktioniert vielleicht als Kabarettstück besser - als Buch leider nicht.

Die Party
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Durch merkwürdige Umstände verirrt sich die namenlose Protagonistin (hauptberuflich Softeisverkäuferin mit einem Lehrauftrag als Nebenjob) dieses Romans auf eine Koch-Party mit noch viel merkwürdigeren ...

Durch merkwürdige Umstände verirrt sich die namenlose Protagonistin (hauptberuflich Softeisverkäuferin mit einem Lehrauftrag als Nebenjob) dieses Romans auf eine Koch-Party mit noch viel merkwürdigeren Gästen. Neben der Zubereitung des Essens dreht sich dort alles um ach so aufgeklärte Gesprächsthemen wie Feminismus, Sexismus und anderes, was mir schon wieder entfallen ist. Nebenher denkt die Protagonistin über die Funkstille zwischen ihr und ihrer älteren Schwester nach, zu deren zweiter Niederkunft sie eigentlich unterwegs war, als sie von einem vergesslichen Regisseur zu seiner eigenen Party mitgeschleppt wurde. So weit, so absurd.

Mit einem leider sehr nervigen Schreibstil und einem noch anstrengenderen Satzbild versucht die Autorin und Kabarettistin die Selbstgerechtigkeit, Bösartigkeit und Borniertheit selbsternannter kulturell aufgeschlossener Künstlerkreise der oberen Mittelschicht darstellen. Da darf natürlich das glückliche Paar nicht fehlen, welches ganz "selbstlos" syrischen Flüchtlingen ein gemeinsames Essen anbietet, dann aber doch nichts vom Mitgebrachten essen will, weil "man weiß ja nie, was da so drin ist" und die Familie dann doch eigentlich zu störend und Laut von ihrem Wesen her empfindet. Genauso wenig, wie die Frauen, die sich selbst unglaublich befreit fühlen und von dem Regisseur mansplainen lassen, welcher Frauen eigentlich nur empowern will, dadurch, dass diese nicht in seinen Stücken auftreten dürfen. usw. usf. Leider funktioniert das Kokettieren mit Zweideutigkeiten hier nicht und nie amüsierte ich mich über diese unkonventionell/konventionelle Partygesellschaft. Satire, eine Kunstform, in welche ich diesen Roman einordnen würde, sollte einen Nerv treffen, um Problembereiche amüsant aufzuzeigen und zu hinterfragen. Bei mir konnte der Text jedoch keinen der relevanten Nerven gezielt treffen. Vielmehr hat es einfach nur genervt das Buch zu lesen und ich hätte meine Lesezeit gern anders verbracht. Allein das finale Hineinsteigern in gegenseitige Vorwürfe war annähernd interessant zu lesen.

Von meiner Seite gibt es damit keine Leseempfehlung für dieses Buch. Da kann auch die ansehnliche Covergestaltung und hochwertige Verarbeitung der Buchdeckel nichts mehr ändern. Vielleicht funktioniert der Text ja einfach besser als Kabarettstück.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Eine Übersetzung für den Müll?

Vertraute Welt
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Meines Erachtens macht Hwang Sok-Yong etwas unglaublich Wichtiges in diesem Roman aus dem Jahre 2011: Er zeigt das nach außen hin durch Sauberkeit und Ordnung bekannte, vorbildliche Südkorea von seiner ...

Meines Erachtens macht Hwang Sok-Yong etwas unglaublich Wichtiges in diesem Roman aus dem Jahre 2011: Er zeigt das nach außen hin durch Sauberkeit und Ordnung bekannte, vorbildliche Südkorea von seiner schmutzigen Seite. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn er blickt auf eine Kindheit in einem Slum auf der sogenannten "Blumeninsel" einer riesigen Mülldeponie vor den Toren Seouls. Zeitlich ist der Roman in den 1980ern verortet, bevor es zu einer Renaturierung des Gebietes kam und sich damals noch die Arbeitsbrigaden durch Berge von Zivilisationshinterlassenschaften wühlten, um diese zu sortieren. Aber diese Arbeiter*innen lebten dort eben auch mit ihren Familien, wie es noch bis heute überall auf der Welt der Fall ist. Dort lebt nun auch der Hauptprotagonist Glupschaug mit seiner Mutter, dem Stiefvater und dem Stiefbrüderchen. Sie müssen arbeiten und sollen nebenher noch ein normales Leben führen. Aber geht hier Normalität? Zum Glück in der Erzählung von Hwong Sok-Yong schon und das macht diese Lektüre auch etwas heiterer als erwartet.

Grundsätzlich wird aus dieser inhaltlichen Beschreibung schon deutlich, wie ethisch-moralisch wichtig das Thema ist, vor dem niemand seine Augen verschließen sollte. Wovor man bei der Lektüre jedoch am liebsten die Augen verschließen möchte ist die Übersetzung. Ganz ehrlich: Ich glaube noch nie eine so altbackene, verstaubte und über weite Strecken hinweg sogar grandios unpassende Übersetzung gelesen zu haben. Leider kann ich in Ermangelung der sprachlichen Kenntnisse das koreanische Original nicht zum Vergleich lesen, bin mir aber sicher, dass hier in der Übersetzung einiges schiefgelaufen ist. Da werden erzwungene Formulierungen gesucht, prägnante Phrasen auf wenigen Seiten immer wieder wiederholt, obwohl Abwechslung angesagt wäre, und vor allem wird in einer veralteten Art und Weise bagatellisiert. Fast schon hätte ich mich während des Lesens daran gewöhnt, als aber eine Katastrophe über die Deponie und deren Bewohner hineinbricht, wurde es mir definitiv zu viel des Schlechten.

So verliert der Roman leider massiv an erzählerischer Sprengkraft und mich verliert er als interessierte Leserin. Außerdem hätte mir auch eine ausführlichere Nutzung der magischen Elemente, welche aus diesem Kulturkreis durchaus bekannt sind, gefallen. Auch wird eine liebgewonnene Figur einfach aussortiert, wie es nun einmal auf dem Müll der Fall ist, hier aber nicht hätte in dieser Form hingenommen werden müssen. Schade.

Insgesamt handelt es sich hierbei aus meiner Sicht durchaus um einen guten Roman, der dreieinhalb Sterne verdient hätte, jedoch durch die Übersetzung dermaßen an Qualität verliert, dass ich mich für die Tendenz nach unten - und damit nur zwei Sterne - entschieden habe.