Profilbild von Monika85

Monika85

Lesejury Profi
offline

Monika85 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Monika85 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.02.2025

Fesselnder Roman mit wichtigem Thema

Halbe Leben
0

In ihrem neuen Roman "Halbe Leben" erzählt Susanne Gregor die Geschichte der österreichischen Familie Steiner und der slowakischen Pflegekraft Paulína. Klara und Paulína befinden sich auf einer Bergwanderung, ...

In ihrem neuen Roman "Halbe Leben" erzählt Susanne Gregor die Geschichte der österreichischen Familie Steiner und der slowakischen Pflegekraft Paulína. Klara und Paulína befinden sich auf einer Bergwanderung, als das schreckliche Unglück geschieht. Die 38-jährige Klara, die im vierten Monat schwanger ist, stürzt 50 Meter in die Tiefe und stirbt auf dem Transport ins Krankenhaus. Was ist passiert, wie konnte es zu der Tragödie kommen?

In Rückblicken wird nun nach und nach das Leben von Klara, ihrer Mutter Irene und Paulína aufgeblättert.
Klara ist eine erfolgreiche Architektin, die mit ihrem Mann Konrad und der gemeinsamen Tochter Ada in einem großen Haus lebt. Ihr Alltag ist gut organisiert, Irene unterstützt die kleine Familie regelmäßig. Als sie einen Schlaganfall erleidet, kümmert sich Karla drei Monate lang um ihre vergessliche und zum Pflegefall gewordene Mutter. Von Konrad, der freiberuflich als Fotograf arbeitet, erhält sie dabei wenig Unterstützung. Schon bald stößt sie an ihre Grenzen, und die Familie beschließt, Irene zu sich in ihr Haus zu holen und von einer Pflegekraft betreuen zu lassen. Von nun an kümmert sich die Slowakin Paulína, die bereits ihre eigene Mutter gepflegt hat, um Irene. Sie arbeitet in wechselndem Rhythmus, zwei Wochen ist sie bei der Familie Steiner, danach für zwei Wochen in ihrer Heimat. Während ihrer Abwesenheit wird Irene von Radek betreut, einem Pfleger. Alle sind zufrieden, die Probleme scheinen gelöst.

Das Buch beschreibt sehr eindrucksvoll den Alltag der Familie Steiner und ihrer Pflegekraft, die sehr schnell die Herzen der Familienmitglieder gewinnt und für alle bald unentbehrlich wird. Paulínas Arbeitskraft wird geschätzt und honoriert, doch niemand interessiert sich wirklich für sie als Person, niemand bemerkt, wie sehr sie sich nach ihren beiden Kindern sehnt und welche Sorgen sie sich um ihre bei ihrer Schwiegermutter lebenden Söhne macht.

"Halbe Leben" hat mir sehr gut gefallen, ich mochte die schöne Sprache der Autorin und ihren ruhigen Erzählstil. Die Figuren hat sie bildhaft und authentisch gezeichnet. Das Buch hat mich vom Anfang bis zum Ende gefesselt und begeistert. Ich konnte mich gut in jede der Hauptpersonen hineinversetzen und ihre Handlungsweisen nachvollziehen. Die Geschichte verdeutlicht die Situation der osteuropäischen Pflegekräfte, die ihre Heimat verlassen, um ihre daheim gebliebenen Familien finanziell zu unterstützen, und beschreibt sehr eindrucksvoll die damit verbundenen Probleme und Belastungen.

Meine Lieblingsfigur war Paulína, die ein Leben zwischen zwei Welten führt. Die Autorin lässt uns tief in ihre Gefühls-und Gedankenwelt blicken, und ich konnte ihre innere Zerrissenheit und die Sorge um ihre Söhne, zu denen sie trotz häufiger Telefonate zunehmend den Zugang verliert, sehr gut nachempfinden. Ich mochte aber auch Klara, die sich ständig bemüht, allen Anforderungen gerecht zu werden, die sowohl von ihrer Familie als auch von ihrem Chef an sie gestellt werden. 

Absolute Leseempfehlung für die bewegende und berührende Geschichte, die mich betroffen gemacht hat und noch lange nachwirken wird. 

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.01.2025

Humorvoller und intelligenter Roman mit Tiefgang

In einem Zug
0

Im Mittelpunkt des neuen Romans von Daniel Glattauer steht der Schriftsteller Eduard Brünhofer, der mit Liebesromanen bekannt geworden und dessen letztes Buch vor 13 Jahren erschienen ist. Er befindet ...

Im Mittelpunkt des neuen Romans von Daniel Glattauer steht der Schriftsteller Eduard Brünhofer, der mit Liebesromanen bekannt geworden und dessen letztes Buch vor 13 Jahren erschienen ist. Er befindet sich auf einer Zugfahrt von Wien nach München, wo er einen Gesprächstermin mit seinem Verlag hat. Ihm schräg gegenüber sitzt eine Frau frühen mittleren Alters. Sie heißt Catrin Meyr, ist Physio- und Psychotherapeutin und verwickelt Eduard schon bald in ein Gespräch. Zunächst fragt sie ihn intensiv über seinen Beruf aus, worüber er wenig begeistert ist und sich wünscht, dass sie bald aussteigen möge. Doch sie hat das gleiche Ziel wie er und wird nicht müde, ihm weiter indiskrete Fragen zu stellen, inzwischen geht es um sein Privatleben.

Mit dem für ihn typischen und unnachahmlichen Humor beschreibt der Autor die Gespräche der beiden Protagonisten während der vierstündigen Zugfahrt und lässt uns dabei tief in Eduards Gefühls- und Gedankenwelt blicken. Dieser lässt sich nur ungern ausfragen, doch nach dem Genuss der kleinen Rotweinflaschen im Zugbistro ist er geradezu euphorisch und erliegt Catrins Charme. Seine Zunge lockert sich, und er gibt immer mehr Details seines Privatlebens preis.

Das Buch ist ganz wunderbar geschrieben, die Dialoge zwischen den gänzlich verschiedenen Protagonisten sind so klug und tiefgründig, dass mir das Lesen eine große Freude war. Es geht in den Unterhaltungen nicht nur um Eduards Beruf, das Leben, die Liebe und Familie, auch das Thema Alkohol bleibt ihm nicht erspart, während Catrin, die von Langzeitbeziehungen nichts hält, eher zögerlich von sich erzählt. Ich mochte den ein wenig schrulligen Ich-Erzähler Eduard, während mir Catrin mit ihrer indiskreten und dreisten Art immer unsympathischer wurde. 

Daniel Glattauer beweist wieder einmal, wie wunderbar er Humor und Tiefgang miteinander verknüpfen kann. Es ist ihm meisterhaft gelungen, über Gespräche und persönliche Gedanken während einer langen Zugfahrt einen großartigen und unterhaltsamen Roman mit einem überraschenden Ende zu schreiben - absolute Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.01.2025

Einfach grandios!

Wackelkontakt
0

Selten habe ich ein Cover gesehen, das so gut zum Titel gepasst hat wie das von "Wackelkontakt", dem neuen Roman des österreichischen Autors Wolf Haas.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Trauerredner ...

Selten habe ich ein Cover gesehen, das so gut zum Titel gepasst hat wie das von "Wackelkontakt", dem neuen Roman des österreichischen Autors Wolf Haas.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Trauerredner Franz Escher, der auf seinen Elektriker wartet. Die Steckdose in seiner Küche hat einen Wackelkontakt, und Escher vertreibt sich die Wartezeit mit dem Zusammenbau eines Puzzles. Schon bald hat er es fertiggestellt und greift nach einem Buch seines bevorzugten Genres: Mafia-Romane. In seiner aktuellen Lektüre geht es um den jungen italienischen Mafia-Kronzeugen Elio Russo, der viele Menschen verraten hat und nun um sein Leben fürchten muss. Er befindet sich in einem Zeugenschutzprogramm und wartet auf seine Entlassung aus dem Gefängnis. Der Untersuchungsrichter sorgt dafür, dass Sven, ein Drogendealer aus Deutschland, mit ihm die Zelle teilt und ihm die deutsche Sprache beibringt. Elio misstraut seinem Zellengenossen und hält sich nachts mit Hilfe eines Buches so lange wach, bis er sicher ist, dass Sven eingeschlafen ist. Das Buch hat Sven ihm geschenkt, es ist in deutscher Sprache verfasst und handelt von Franz Escher, dessen Steckdose einen Wackelkontakt hat und der schon den halben Tag auf seinen Elektriker wartet ...

In zwei Erzählsträngen, die der Autor gegen Ende des Buches zu einer einzigen Handlung verwebt, lernen wir Escher und Elio kennen. Während wir Escher nur während einer sehr kurzen Zeitspanne von wenigen Tagen folgen, begleiten wir Elio über etwa zwei Jahrzehnte. Im Rahmen des Zeugenschutzprogramms wird aus Elio Russo nach 3-jährigem Gefängnisaufenthalt Marko Steiner, der sich zunächst in Deutschland und später in Österreich ein neues Leben aufbaut.

Ich finde die Idee des Autors, zwei unterschiedliche Handlungen in einer fortlaufenden Geschichte ohne einzelne Kapitel zu einer einzigen zu verschmelzen, die auf ein spannendes Finale zusteuert, grandios. Er bedient sich dabei eines Buches im Buch mit ständig hin und her wechselnden Perspektiven. Das ist ihm hervorragend gelungen, die Geschichte  ist von Beginn an spannend und hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Die beiden Figuren sind großartig gezeichnet: hier der etwas schrullige und eigenbrötlerische Escher, dessen Lieblingsbeschäftigung es ist, umfangreiche Puzzles zusammenzusetzen, und dort der patente Marko, dem es schnell gelingt, in seiner neuen Heimat Fuß zu fassen.

Die ungewöhnliche und teilweise mit sehr viel Humor und Sprachwitz erzählte Geschichte hat mir viel Lesefreude bereitet, Sprache und Erzählstil haben mich sehr beeindruckt.
Absolute Leseempfehlung für diesen kurzweiligen Roman!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.01.2025

Großartiger Roman über eine kurze Lebensphase Erich Kästners

Der Goldhügel
0

Das Jahr 2024 war ein "Erich-Kästner-Jahr". Der große Schriftsteller wurde 125 Jahre zuvor in Dresden geboren und starb 1974 in München. Aus diesem Anlass hat der Volk Verlag "Der Goldhügel" veröffentlicht, ...

Das Jahr 2024 war ein "Erich-Kästner-Jahr". Der große Schriftsteller wurde 125 Jahre zuvor in Dresden geboren und starb 1974 in München. Aus diesem Anlass hat der Volk Verlag "Der Goldhügel" veröffentlicht, den Debütroman des Gymnasiallehrers Tobias Roller, den die Werke Erich Kästners seit seiner Kindheit begleiten.

Der 62-jährige Erich Kästner absolviert im Oktober 1961 eine erfolgreiche Lesung in Wien, ehe er in seiner Garderobe zusammenbricht. Nach wochenlangen Untersuchungen im Krankenhaus wird ihm eröffnet, dass er an Tuberkulose leidet und sich dringend zu einem Kuraufenthalt ins Tessin begeben soll. Im Sanatorium in Agra wird er sich verschiedenen Therapien unterziehen, um wieder gesund zu werden.

Erich Kästner fühlt sich nicht sehr wohl im Sanatorium auf dem Goldhügel hoch über dem Luganer See. Sein Zimmer empfindet er als Zelle, der Professor verbietet ihm das Rauchen und Whiskytrinken. Auch sein Privatleben ist ihm keine rechte Freude, er kann sich zwischen Lotte, seiner langjährigen Lebensgefährtin, und Friedel, mit der er einen 4-jährigen Sohn hat, nicht entscheiden, möchte keine von beiden verlieren. Als wenn das nicht schon genug Probleme wären, lernt er im Sanatorium auch noch eine junge Fabrikantentochter kennen, die von seinen Werken fasziniert ist und ihm glühende Verehrung entgegenbringt ...

Die wunderbare Sprache und der schöne Erzählstil in ruhigem Tempo sind dem Stil Kästners nachempfunden und ließen mich in eine kurze Lebensphase des Schriftstellers eintauchen. Mit viel verschmitztem Humor beschreibt der Autor seinen Protagonisten, der sich den im Sanatorium herrschenden strengen Regeln nicht unterwerfen will und kann. Tobias Roller ermöglicht es dem Leser, tief in die Gedanken- und Gefühlswelt Kästners zu blicken und dabei seine Depressionen, Ängste, Halluzinationen und Träume zu erleben. Seine innere Zerrissenheit, Selbstzweifel und Schuldgefühle werden ebenso thematisiert wie seine Alkohol- und Nikotinsucht. Der Dichter hatte ein sehr enges und inniges Verhältnis zu seiner Mutter und vermag sich auch nach ihrem über 10 Jahre zurückliegenden Tod nicht von ihr zu lösen, sieht in ihr immer noch die Liebe seines Lebens.

Die Hommage an Erich Kästner ist dem Autor ganz hervorragend gelungen, ich habe das heitere und tiefsinnige Buch sehr gern gelesen und mich bestens unterhalten gefühlt. Besonders gut gefallen hat mir die junge Fabrikantentochter, die nach anfänglicher Verehrung für Erich Kästner eine selbstbestimmte Entscheidung trifft. Ein vierseitiges Nachwort mit wesentlichen Fakten aus dem Leben des Dichters rundet die Lektüre ab.

Absolute Leseempfehlung für dieses großartige und unterhaltsame Buch, das mir die bis dahin nur oberflächlich bekannte Persönlichkeit Erich Kästners nahegebracht hat.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.12.2024

Erschütternde Coming-of-Age-Geschichte

Wavewalker
0

Die englische Autorin Suzanne Heywood erzählt in ihrem Buch "Wavewalker" die dramatische Geschichte ihrer Kindheit, die sie ab ihrem siebten Lebensjahr auf See verbrachte.

Für die 6-jährige Sue verläuft ...

Die englische Autorin Suzanne Heywood erzählt in ihrem Buch "Wavewalker" die dramatische Geschichte ihrer Kindheit, die sie ab ihrem siebten Lebensjahr auf See verbrachte.

Für die 6-jährige Sue verläuft Mitte der siebziger Jahre das Leben in England in geregelten Bahnen, als ihr Vater Gordon Cook ihr, ihrer Mutter Mary und dem ein Jahr jüngeren Bruder Jon erklärt, dass sie bald auf den Spuren Captain Cooks wandeln und die Welt umsegeln werden. Gemeinsam mit ihnen werden weitere Personen an Bord sein, die sich an den Kosten beteiligen. Das Abenteuer soll drei Jahre dauern, und genau 200 Jahre nach Captain Cook wird es losgehen. Der Vater muss für die Reise all seine Besitztümer verkaufen, dazu gehört auch das Hotel, das die Eltern neben der Verwaltertätigkeit des Vaters führen. Im nächsten Sommer wird es mit dem Segelschiff Wavewalker losgehen, die Eltern, beide Lehrer, werden ihre Kinder an Bord unterrichten.

Sues anfängliche Begeisterung verliert sich schnell, als die Wavewalker in gefährliche Gewässer gerät und sie Todesängste erleidet. Sie leistet von klein auf harte Arbeit an Bord, muss bei Orkanen oft tagelang in Dunkelheit unter Deck bleiben. Die so wichtige schulische Ausbildung bleibt ihr versagt, nur halbherzig und sporadisch wird sie von den Eltern unterrichtet. Gravierende Sturmschäden am Schiff zwingen die Familie immer wieder zu wochen- und monatelangen Aufenthalten an Land. Das Geld geht ihnen aus, nur wenn der Vater einer längeren Berufstätigkeit nachgeht, dürfen die Kinder eine öffentliche Schule besuchen. Aus den geplanten 3 Jahren werden 10 lange Jahre ...

Ich habe die fesselnde und erschütternde Coming-of-Age-Geschichte, die in sachlicher und einfacher Sprache geschrieben ist, sehr gern gelesen. Das Mädchen, das den Traum der Eltern leben musste und sein altes Leben schmerzlich vermisste, hat mir sehr leid getan. Ich konnte nicht verstehen, dass die Eltern nur ihre eigenen Bedürfnisse sahen und dabei die ihrer Kinder weitgehend ignorierten. Sues Entschlossenheit und ihr Wunsch, trotz mangelnder Schulbildung ein Studium zu absolvieren, haben mich sehr beeindruckt.

Sehr gut gefallen haben mir die zweiseitige Zeichnung im vorderen Innencover, die das Innere der Wavewalker zeigt, sowie die Farb- und schwarz weiß Fotos, die sich in der Buchmitte auf sieben Seiten befinden. Die Karten zu Beginn jeden Kapitels mit Angabe der Orte und Zeitabschnitte fand ich sehr hilfreich, um der Route gedanklich folgen zu können.

Leseempfehlung für diese wahre und berührende Geschichte!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere