Mitreißende und warmherzige Geschichte
Fernwehland"Fernwehland", der neue Roman von Kati Naumann, ist für mich das zweite Buch der Autorin. Während sie in "Sehnsucht nach Licht" die Geschichte von Familien erzählt, die im Erzgebirge im Bergbau arbeiten, ...
"Fernwehland", der neue Roman von Kati Naumann, ist für mich das zweite Buch der Autorin. Während sie in "Sehnsucht nach Licht" die Geschichte von Familien erzählt, die im Erzgebirge im Bergbau arbeiten, geht es in ihrem neuen Buch um die Schifffahrt, wobei das Kreuzfahrtschiff "Astoria" im Fokus steht, das 1946 unter dem Namen "Stockholm" in See stach und von 1960 bis 1985 als "Völkerfreundschaft" für die DDR fuhr.
Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen. Wir schreiben das Jahr 1919, als Henri und Simone in England eine Kreuzfahrt mit der "Astoria" antreten. Es wird für sie eine Reise in die Vergangenheit, denn die beiden haben sich vor 46 Jahren auf der "Völkerfreundschaft" kennengelernt. Henri war damals Matrose, während Simone als Stewardess arbeitete. An Bord lernen sie die Schwedin Frida kennen, die als Kind die Taufe des Schiffs erlebte, und bald gesellt sich die junge Elli, die ein Geheimnis zu haben scheint, zu ihnen.
Der zweite Erzählstrang führt uns im Jahr 1938 nach Kötzschenbroda, einem kleinen Ort nahe Dresden. Die junge Dora hat ihren Ehemann durch ein Unglück verloren und lebt nun mit ihrem kleinen Sohn Erwin bei den Schwiegereltern. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, arbeitet sie auf einem Ausflugsschiff und sieht ihr Kind nur noch selten. Der Junge begeistert sich schon früh für die Schifffahrt und lernt heimlich zu schwimmen. Nach den harten Jahren des Zweiten Weltkriegs wird er Schiffsjunge auf einem Dampfschiff. Sein großer Traum ist es jedoch, zur See zu fahren ...
Die Handlung erstreckt sich über einen Zeitraum von etwa acht Jahrzehnten. Während wir Henri, Simone und Frida im Jahr 2019 auf ihrer Kreuzfahrt begleiten, sehen wir in Rückblicken den kleinen Erwin aufwachsen und lernen mit Henri und Karin die nächste Generation kennen. Wir begleiten Henri, Simone und Frida durch die Jahre, erleben ihre Höhen und Tiefen, ihre Schicksalsschläge und Enttäuschungen. Die Autorin lässt uns nicht nur in das Leben der Protagonisten eintauchen, sie ermöglicht uns auch intensive Einblicke in den Alltag und die damaligen Verhältnisse in der DDR, als Menschen durch die Behörden schikaniert wurden, wenn Familienmitglieder der Stasi nicht linientreu erschienen.
Die Geschichte ist in klarer Sprache erzählt und liest sich sehr flüssig. Mit viel Liebe und Empathie, dabei vollkommen authentisch, beschreibt Kati Naumann ihre Charaktere. Meine Lieblingsfigur war Dora, die ihrem Sohn eine liebevolle Mutter ist und später Erwin und Marion unterstützt und entlastet, wo sie nur kann. Dabei verzichtet sie auf die ersehnte eigene berufliche Erfüllung.
Ich habe das Buch, in dem es um Liebe und Freundschaft, Heimat, Sehnsucht und Lebensträume geht, mit sehr viel Freude gelesen. Der Zeitgeist ist ganz wunderbar eingefangen, und ich habe vieles über die Schifffahrt und die Arbeit an Bord erfahren. Sehr gut gefallen hat mir, dass die Handlung mit den damaligen historischen Ereignissen verknüpft ist. Das Buch ist gespickt mit viel Detailwissen, auf den letzten Seiten finden wir neben einem Interview mit der Autorin eine Zeittafel und technische Daten. Alle 12 Namen des Schiffes sind ebenso aufgelistet wie die Zutaten für den Spezialcocktail Völkerfreundschaft.
Absolute Leseempfehlung für den packenden und hervorragend recherchierten Roman!