Profilbild von darkola77

darkola77

Lesejury Star
offline

darkola77 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit darkola77 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.02.2025

Gegen das Vergessen – und für einen großen Autor

Daniel Kehlmann über Leo Perutz
0

Eine Schatztruhe! Eine Wunderbox. Eine Entdeckungsreise. All dies ist das kleine Büchlein für mich, dessen Seiten Kehlmann mit so viel Reichtum zu füllen vermag. Denn es ist Leo Perutz , den uns der Bestsellerautor ...

Eine Schatztruhe! Eine Wunderbox. Eine Entdeckungsreise. All dies ist das kleine Büchlein für mich, dessen Seiten Kehlmann mit so viel Reichtum zu füllen vermag. Denn es ist Leo Perutz , den uns der Bestsellerautor hier vorstellt, dessen Werk für ihn prägend und wegbereitend war. Und der zu den größten Romanciers seiner Zeit gehörte. Gehören sollte.
Weltruhm haben Leo Perutz und seine Erzählungen, Novellen und Romane nicht erlangt. Und nicht nur das: Bekanntheit, Anerkennung und Auseinandersetzung mit seinem umfangreichen Werk haben weder zu Lebzeiten des jüdischen Autors noch nach seinem Tode in dem Maße stattgefunden, wie es verdient, ja folgerichtig gewesen wäre. Davon ist Kehlmann überzeugt und in bester Gesellschaft zahlreicher Perutz-Verehrerinnen. Den Wunsch, dies zu ändern, können wir aus jedem Wort, auf jeder Seite und zwischen den Zeilen seiner intelligenten und unterhaltsam aufbereiteten Betrachtung herauslesen. Und uns von seiner Begeisterungen mitreißen lassen.
Mit Kehlmann entdecken wir Erzählungen wie „Herr, erbarme dich meiner“, „Der Tag ohne Abend“ und den Roman „St. Petri – Schnee“. Doch Kernstück seiner Zusammenstellung bildet nach Kehlmanns eigener Aussage Perutz‘ bester Roman „Nachts unter der steinernen Brücke“. Und ja, Kehlmanns Zusammenfassung, Interpretationen und vor allem Verknüpfungen machen sprach- und atemlos, lassen staunen und den Wunsch entstehen, selbst sofort zu diesem Werk ungewöhnlichen Aufbaus und komplexer, raffinierter und hoch durchdachter Struktur zu greifen.
Ich selbst hatte das Glück, im Rahmen meines Studiums Perutz, sein Schreiben und Werk kennenlernen zu dürfen. Und leider auch den Umstand, in wieweit und bis heute die Rezeptionsgeschichte jüdischer Autor
innen eine Geschichte voller Repressalien, Diskriminierungen und Negierungen war und ist. Großer Dank gebührt daher Kehlmann für dieses Buch gegen das Vergessen und für das Sichtbarmachen eines großen Schriftstellers und seines Werks.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
Veröffentlicht am 02.02.2025

Spuk, rachsüchtige Geister und ein Haus, das niemals schläft

Geister in Blackwood House
0

Gänsehaut. Atemlose Spannung und meine Kuscheldecke, die ich bis zum Kinn hochgezogen habe. Das Buch hat alles, was es braucht, um mich glücklich zu machen! Und mich über viele, viele Stunden am Stück ...

Gänsehaut. Atemlose Spannung und meine Kuscheldecke, die ich bis zum Kinn hochgezogen habe. Das Buch hat alles, was es braucht, um mich glücklich zu machen! Und mich über viele, viele Stunden am Stück in sich hineinzusaugen. Zu verschlingen. Gefangen zu nehmen. So wie es Mara mit Blackwood House ergangen ist…
Und dabei war das heruntergekommene, herrschaftliche Haus für Mara Liebe auf den ersten Blick. Trotz all der Stimmen, die sie vor dem Anwesen gewarnt haben. Denn Morde sind in diesem geschehen. Blutige, bestialische, scheinbar unzählige Todesfälle. Und diese haben ihre Spuren in den zahlreichen Zimmern, Fluren, in den Wänden und im Boden hinterlassen – und Blackwood House zu einem Spukhaus gemacht. Das hungrig ist. Und auf sein nächstes Opfer wartet.
Doch Mara ist als Tochter aus einem spiritistischen Elternhaus inzwischen Rationalistin. Abgehärtet und unerschrocken. Und aufgeklärt, wie sie glaubt. Auf das Gerede der Leute gibt sie keinen Deut und vertraut lieber auf ihr Bauchgefühl und ihre Zuneigung, die sie sofort dem alten Gemäuer gegenüber empfunden hat. Ihr Freund Neil ist dabei nicht ganz so abgeklärt und vor allem besorgt um seine Freundin. Aus welchem Grunde Mara die ersten unheimlichen Geschehnisse auch vor ihm geheim zu halten versucht. Doch schon bald sind es nicht mehr nur der Schaukelstuhl, der sich wie von selbst bewegt, und die Schritte auf dem Dachboden, die sich nicht erklären lassen…
Und was dann folgt ist eine sich schnell steigernde Abfolge von Spuk, rachsüchtigen Geistern und sehr realen Bedrohungen. Und vor allem: ganz großartiges Horrorkino! Für den Kopf und für meine Gänsehaut. In einem sehr klassischen Genreaufbau. Ganz so wie ich es liebe und schätze. Und es süchtig macht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.01.2025

Ein Roman, der bleibt

Über dem Tal
0

Mit einem neuen Lieblingsbuch gleich in das neue Jahr gestartet. Das passt! Und ganz unerwartet hat mich die Geschichte tief ins Herz getroffen, mich so sehr berührt, mitgerissen, mir Schauer über den ...

Mit einem neuen Lieblingsbuch gleich in das neue Jahr gestartet. Das passt! Und ganz unerwartet hat mich die Geschichte tief ins Herz getroffen, mich so sehr berührt, mitgerissen, mir Schauer über den Rücken gejagt. Und mich vor allem zu einer großen Schafsliebhaberin gemacht. Und vielleicht auch ein wenig zu einer Kennerin.
Das klingt wild, ist es auch. Und vor allem die Landschaft, in welcher „Über dem Tal“ angesiedelt ist. Wenn „Siedlung“ denn überhaupt der richtige Ausdruck für die Einsamkeit, Wildheit und die ursprüngliche Landschaft der Fells ganz im Norden Englands ist. Und eben hier, mitten in und mit der Natur, sind die Höfe der Schafbauern in die rauhen, kargen Hügel und Felsen geschmiegt. Williams Anwesen Caldhithe ist mit Größe der Ländereien und Schafsherde Montgarth überlegen, dem Hof, welchen Steve gemeinsam mit seinem Vater bewirtschaftet. Als die Maul- und Klauenseuche den eigenen Tierbestand befällt, findet er den Weg auf das benachbarte Anwesen und erliegt dort der Faszination des älteren Mannes, seiner Grausamkeit, Brutalität, Geradlinigkeit. Und auch der Warmherzigkeit Helens, Williams Frau, welche ihm das erste Mal ein Gefühl von zu Hause gibt.
Steve ist William und Caldhithe verfallen. Und damit beginnen sein Glück und Unglück. Seine Kriminalität, ein Leben an den eigenen Grenzen und darüber hinaus. Doch vor allem führt er ein Leben, das er mit jeder Faser seines Körpers und jeder Minute des Tages den Schafen, ihrer Zucht und Aufzucht, dem Fortbestand der Herde widmet. Und das er im Einklang mit der rauhen Natur, der kargen Landschaft und schier endlosen Weite der Fells verbringt. Das ihm alles abverlangt. Und ihn doch erfüllt.
Ebenso ging es mir mit diesem Roman. Ja, die Geschichte ist hart und grausam, zugleich aber wunderschön mit Bildern von einem beeindruckendem Land und mit poetischer, sanfter Sprache. Und mit einer Sehnsucht nach einem einfachen, ursprünglichen Leben und ebenso dem Respekt vor diesem und seinen Entbehrungen. Und vor allem schreibt sie sich tief in das Herz. Und bleibt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.12.2024

Und draußen geht die Welt unter

Es sind nur wir
0

Wenn die eigene Welt in Scherben bricht – der Protagonist in „Es sind nur wir“ hat genau das erlebt. Und daraus seine Konsequenzen gezogen, Schritt für Schritt, dann zunehmend drastisch und ohne einen ...

Wenn die eigene Welt in Scherben bricht – der Protagonist in „Es sind nur wir“ hat genau das erlebt. Und daraus seine Konsequenzen gezogen, Schritt für Schritt, dann zunehmend drastisch und ohne einen Weg zurück in sein altes Leben.
Denn dieses Leben hat ihn schwer verwundet zurückgelassen. Als Lehrer, der seinen Beruf ohne Profession und nur mit halben Herzen ausgeübt hat, wurde er von dem tragischen Schicksal seines Schülers aus seiner instabilen Bahn geworfen – und direkt zu Mascha katapultiert. Mascha ist Prepperin und damit bestens und mit großer Ernsthaftigkeit auf das vorbereitet, was der Ich-Erzähler im Privaten bereits erlebt hat: den Untergang der Welt.
Maschas Bunker ist ihr gemeinsamer Zufluchts- und Rückzugsort, ihr Schutz vor Bedrohungen und Anforderungen einer Außenwelt, er ist aber auch der Ort, an welchem Zivilisation und Natur aufeinandertreffen und sich begegnen – und dies in geradezu mystischer oder auch mythologischer Gestalt einer Füchsin. Nicht nur, dass das Tier die Nähe zu den beiden Eremiten in seinem Revier sucht, es wagt sich zunehmend auch in deren Behausung vor, scheint dort ein- und auszugehen und so zu einem festen Bestandteil des Lebens im Rückzug zu werden. Einem Leben, das auf das Ende ausgerichtet ist.
Martin Peichl vermag in klarer Sprache und mit poetischen Worten eine Geschichte zu erschaffen, die einen Rausch an Emotionen freisetzt und dabei ebenso fasziniert wie verstörend wirkt in Denken und Ausrichtung der Figuren. Dass der Roman mich gerade zwischen den Jahren gefunden hat, sehe ich dabei als großes Glück und wunderbare Fügung – denn kaum treffender hätte diese Zeit des Abschlusses und Neubeginns für mich begleitet werden können.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.12.2024

Fantasy mit Magie und Hexenkunst

Tage einer Hexe
0

Hexen, Monster und eine geteilte Stadt voll Magie und Zauberei – „Tage einer Hexe“ ist all das, was Fantasy spannend, fantasievoll und zu einem großen Lesevergnügen macht. Und für mich ist es der Roman, ...

Hexen, Monster und eine geteilte Stadt voll Magie und Zauberei – „Tage einer Hexe“ ist all das, was Fantasy spannend, fantasievoll und zu einem großen Lesevergnügen macht. Und für mich ist es der Roman, der mich durch Stunden voll Kerzenschein und Keksen in der Adventszeit begleitet hat.
Doch besinnlich ist die Geschichte dabei wirklich nicht – ganz im Gegenteil! Denn Kosaras Kampf um ihren eigenen Hexenschatten und damit auch um die Zukunft Chernograds, der verfluchten Stadt hinter der Mauer, hat ihren Ausgangspunkt in den „Schmutzigen Tagen“. Und das ist genau die Zeit im Jahr, in welcher Upire, Rusalken und Samodiven die Straßen unsicher machen und sich ihrem Blutdurst und ihrer Freude an Spiel und Schabernack mit den Lebenden hingeben.
Und leider sind diese ungeweihten Tage auch die Jagdsaison des Zmey, des Königs der Monster, in welcher er eine junge Frau zur Braut wählt und sie nach und nach ihrer Kräfte beraubt – wie Kosara schmerzlich am eigenen Leib erfahren musste. Doch auf der Suche nach ihrem Hexenschatten muss sie sich nicht nur ihren alten Wunden und Ängsten stellen, sondern sich auch in einem magischen Duell beweisen, in welchem nichts weniger als der Fortbestand ihrer Welt auf dem Spiel steht. Und nicht zuletzt wartet eine noch größere Herausforderung auf die junge Hexe: wieder Vertrauen zu fassen und Nähe zuzulassen – auch, wenn er buchstäblich aus einer anderen Welt zu stammen scheint.
Als die Tage kürzer und die Nächte kälter und länger wurden, hat „Tage einer Hexe“ mein Leseherz erwärmt und mir Leuchten in die Augen und Gänsehaut überhaupt und überall gezaubert. Und mich vor allem in eine Geschichte voll Fantasie und Magie eintauchen lassen, die mich ganz wunderbar begeistert und meinen Kopf mit Bildern und Figuren gefüllt hat. Und mich mit Mondwein und verzauberten Früchten auf den ersten Schnee und die „Schmutzigen Tage“ hoffen lässt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere