Schweigen verletzt, wo man reden sollte
Portrait meiner Mutter mit GeisternDer Roman erzählt eine Familiengeschichte, die sich ausschließlich der weiblichen Linie folgt. Es ist eine Geschichte, die berührt, traurig, wütend, neugierig macht und dabei in hohem Maße fesselt. Die ...
Der Roman erzählt eine Familiengeschichte, die sich ausschließlich der weiblichen Linie folgt. Es ist eine Geschichte, die berührt, traurig, wütend, neugierig macht und dabei in hohem Maße fesselt. Die Autorin machte es einem aber nicht leicht, die Ereignisse zu erfassen und in einen Zusammenhang zu bringen. Es gibt Zeitsprünge. Die Erzählebene wechselt und vieles bleibt ungesagt. Die Personen schweigen, verdrängen und geben den Vorkommnissen , die sie vergessen wollten, noch mehr Raum und Gewicht.
Am Anfang der Kette stehen Meta und ihr Sohn Jakob. Mit ihnen beginnt das Schweigen. Meta ist Jüdin. Ihr Mann verlässt sie und aufgrund der Bedrohung durch das Naziregime muss sie ihren Sohn Jakob wegschicken. Jakob hatte davor ein gutes Leben und gute Freunde, Oskar und Selma, die die Linie weiterführen wird. Jakob rettet zwar sein Leben, aber er verliert seine Identität . Seine Figur fand ich besonders berührend und ihm verdanke ich die Szenen, die mich am meisten verwirrt und berührt haben.
Selma bekommt eine Tochter, Martha, die sie nicht lieben kann und flüchtet sich in die Ehe mit dem Tyrannen Heinrich. Selma will einfach nur vergessen, was vor ihrer Ehe war und schweigt es tot.
Martha, die von Heinrich misshandelt wird, ist unglücklich und will so schnell wie möglich weg von Zuhause. Ihre Geschichte fand ich tragisch. Jedes Mal , wenn sie jemanden liebt, verliert sie ihn. Ihr ganzes Glück ist ihre Tochter Raisa, die sie alleine groß zieht.. Auch Martha schweigt über ihre Vergangenheit und entfremdet sich dadurch von Raisa. Raisa versteht nicht, warum ihre Mutter nicht über ihre Eltern spricht oder Raisas Vater. Sie will wissen, um verstehen zu können. Zu meiner Erleichterung gibt es gegen Ende des Romans einen Funken Hoffnung, der dieses bleierne Schweigen durchbricht.
Der Roman lässt Raum für eigene Mutmaßungen, da auch hier vieles ungesagt bleibt. Das macht das Lesen in meinen Augen gelegentlich anstrengend, gleichzeitig beflügelt es die eigene Phantasie. Die Sprache selbst ist an vielen Stellen sehr poetisch und lässt so wunderschöne Bilder im Kopf entstehen. Meiner Meinung nach sollte man das Buch nicht einfach zwischendurch lesen. Dadurch , dass in Fragmenten erzählt wir, war es zu Beginn nicht einfach , den roten Faden zu behalten. Aber wie bei einem Puzzle wurde das Bild gegen Ende immer deutlicher. Die Handlung entwickelt dadurch einen Sog und man will einfach nur weiter lesen.