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Veröffentlicht am 19.05.2025

Interessante Idee, bleibt aber fragmentarisch

Tokyo Sympathy Tower
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Die Architektin Sara Makina befindet sich im wichtigsten Wettbewerb ihrer Karriere. Sie will es sein, die den s.g. „Tokyo Sympathy Tower“ errichtet, einen 70-stöckigen Gefängnisturm, der mitten in einem ...

Die Architektin Sara Makina befindet sich im wichtigsten Wettbewerb ihrer Karriere. Sie will es sein, die den s.g. „Tokyo Sympathy Tower“ errichtet, einen 70-stöckigen Gefängnisturm, der mitten in einem Park in Shinjuku entstehen und in dem die Insassen ein luxuriöses Leben führen sollen. Eine Meinung will sie sich zum Projekt nicht erlauben – und dass, obwohl es in ihrer Vergangenheit durchaus ein Erlebnis gibt, weswegen sie den Turmbau ablehnen müsste.

„Tokyo Sympathy Tower“ ist das erste Werk der Autorin Rie Qudan, das ins Deutsche übersetzt wurde – und zwar von Ursula Gräfe, die auch schon die Texte von Haruki Murakami oder Sayaka Murata übertrug. Der Roman schildert die Ereignisse vor und nach dem Bau des Turms, wobei der Erzähler sowohl die Perspektive von Sara, als auch die ihres 15 Jahre jüngeren Liebhabers Takuto Tojo einnimmt. Das ist durchaus spannend, weil beide – vielleicht aufgrund ihres Alters, vielleicht aber auch aufgrund ihres Charakters oder ihrer Erfahrungen – eine sehr unterschiedliche Haltung zum Turm aufweisen.

Das Konzept, das zum Bau des Turms führte, erdachte der Soziologe und Glücksforscher Masaki Seto. Ihm zufolge steht dem „Homo felix“, dem glücklichen Menschen, der „Homo miserabilis“ gegenüber, also derjenige, der unser Mitleid verdient. So möchte er Kriminelle von nun an bezeichnet wissen und fordert unsere Empathie für Menschen ein, deren Schicksal oder Umstände ihnen weniger günstige Karten in die Hände gespielt haben. Dass diese Haltung nicht jeder teilt und es zu Demonstrationen, Bomben- und Morddrohungen und schließlich auch zu einem Attentat aufgrund des Turmbaus kommt, scheint nicht weiter verwunderlich.

Die Autorin stellt hier zwei sehr gegensätzliche Haltungen einander gegenüber, deren Wahrheit wohl irgendwo dazwischenliegt. Takuto unterstützt den Bau des Turms und lebt nach der Fertigstellung selbst dort. Der Journalist Max Klein, der einen Artikel über ihn schreiben soll, vertritt die Gegenposition. Ihm ist der Gedanke verhasst, dass Verbrecher im Luxus leben sollen, während er selbst zu kämpfen hat. Ein grundsätzlich sehr interessanter Roman, der aber fragmentarisch wirkt.

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Veröffentlicht am 24.04.2025

Geht in der Vielzahl ähnlicher Romane unter

Das kleine Antiquariat von Tante Sango-san
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Nach dem Tod ihres Bruders Jiro hat Sango-san sein Antiquariat im Tokioter Stadtteil Jimbocho übernommen, doch die 70-Jährige kann sich nicht so recht für diese Arbeit begeistern. Außerdem musste sie dafür ...

Nach dem Tod ihres Bruders Jiro hat Sango-san sein Antiquariat im Tokioter Stadtteil Jimbocho übernommen, doch die 70-Jährige kann sich nicht so recht für diese Arbeit begeistern. Außerdem musste sie dafür ihr Leben in Obihiro zurücklassen, in welchem sie an einem wichtigen Wendepunkt stand. Unterstützt wird Sango-san von ihrer Großnichte Mikiki, deren Mutter das Geschäft lieber in den Händen ihrer Tochter sehen würde, als denen einer alten Frau. Auch Mikiki träumt davon, das Antiquariat selbst zu führen, doch Sango-san scheint das nicht in Erwägung zu ziehen. Was soll Mikiki also tun?

„Das kleine Antiquariat von Tante Sango-san“ ist der zweite, im Deutschen vorliegende Roman von Hika Harada, die Übersetzung stammt von Janett Blesch. Erzählt wird abwechselnd aus Sangos und Mikikis Perspektive in der Ich- und Gegenwartsform, so als würden wir selbst an den Ereignissen teilnehmen. Ich muss allerdings sagen, dass in meinem Ebook keine klare Trennung zwischen den Perspektiven zu sehen war und diese manchmal von einer Zeile auf die nächste wechselte. Somit musste ich ständig aus dem Kontext schließen, wer eigentlich gerade erzählt – da hätte ich mir doch eine klare Abgrenzung gewünscht.

Jedes Kapitel ist zudem so aufgebaut, dass einem Kunden oder einer Kundin ein bestimmtes Buch empfohlen und im Anschluss gemeinsam ein japanisches Gericht gegessen wird. Diese Kombination wirkte etwas gewollt auf mich, denn Sango-sans Antiquariat hat nicht etwa ein angeschlossenes Restaurant, sondern sie lädt einfach regelmäßig jemanden, der bei ihr einkauft, zum Essen ein. Hier hätte sich die Autorin besser auf die Literaturempfehlungen beschränkt, so wirkt es überfrachtet.

Die eigentliche Handlung ist nicht unbedingt spektakulär. Sango und Mikiki verkaufen Bücher, grübeln über die Zukunft des Ladens und versuchen nebenbei herauszufinden, was für ein Leben ihr Bruder bzw. Großonkel in den letzten Jahren geführt hat. Dabei machen sie am Ende eine – für sie – große Entdeckung, die uns als Leser*innen aber nicht wirklich vom Hocker haut. In der Vielzahl der Romane um kleine Läden geht dieser leider unter.

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Veröffentlicht am 07.04.2025

Kurzweilige Schatzsuche

Rätsel haben kurze Beine
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Als Jade von ihrer Großtante eine etwas in die Jahre gekommene Villa in der Bretagne erbt, ahnt sie noch nicht, welche Geheimnisse sich um das alte Gebäude ranken. Kaum ist sie mit ihrem Dackel Rimbaud ...

Als Jade von ihrer Großtante eine etwas in die Jahre gekommene Villa in der Bretagne erbt, ahnt sie noch nicht, welche Geheimnisse sich um das alte Gebäude ranken. Kaum ist sie mit ihrem Dackel Rimbaud im Örtchen Foisic – das seltsamerweise auf keiner Landkarte auftaucht – angekommen, gibt es schon einen ersten Interessenten für ihr Haus. Das scheint mit einem mysteriösen Piratenschatz zusammenzuhängen, der schon viele Menschen das Leben gekostet hat und noch immer nicht gefunden werden konnte. Ist irgendwo zwischen den Antiquitäten von Großtante Aglaé vielleicht ein Hinweis versteckt?

„Rätsel haben kurze Beine“ ist der erste einer im Original bereits sieben Bände umfassenden Reihe der französischen Schriftstellerin Ena Fitzbel. Die deutsche Übersetzung verfasste Ingrid Ickler. Die Geschichte erzählt Protagonistin Jade selbst in der Ich-Form und im Präsens, so dass wir sie quasi live bei ihren Erlebnissen begleiten. Die Handlung umfasst dabei ziemlich genau drei Wochen, wobei jeder Tag mit einem kleinen Zitat aus Jades Tagebuch begonnen wird.

Im Fokus der Geschichte stehen Jades Ermittlungen rund um den verschollenen Schatz, denn schließlich sollen sich Hinweise auf dessen Versteck in der alten Villa befinden. Unterstützt wird sie dabei von Alban und seinem Neffen Corentin, dessen Eltern auf der Suche nach eben jenem Schatz verstorben sind. Alban ist daher zunächst wenig begeistert und will sich lieber auf die Instandsetzung des Hauses konzentrieren – wobei er und Jade sich auch ein wenig näher kommen. Wäre da nicht Albans seltsame Verschlossenheit und die reiche Angadrem, die ihn unbedingt erobern möchte.

Leider kommt die Handlung lange Zeit nicht recht in Fahrt und die Rätsel rund um den Schatz wirken etwas konstruiert. Auch Jades Dackel Rimbaud spielt leider nur eine Nebenrolle und ist oft Mittel zum Zweck und Motor für die Ereignisse. Spaß hingegen machen das Dorfleben in der Bretagne und einige sehr spezielle Figuren. Am Ende wird noch ein Geheimnis über Alban gelüftet, das ich an dieser Stelle mehr als seltsam fand. Hier soll wohl vieles für Band 2 offengelassen werden, schade!

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Veröffentlicht am 15.03.2025

Zu viel Haustierbericht, zu wenig Persönlichkeit

Die Magnolienkatzen
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Eines Tages findet Noriko im Garten des Hauses, in dem sie mit ihrer Mutter lebt, eine Katzenmutter mit insgesamt fünf Jungen. Zunächst sind beide nicht begeistert, da sie eigentlich keine Katzenfreundinnen ...

Eines Tages findet Noriko im Garten des Hauses, in dem sie mit ihrer Mutter lebt, eine Katzenmutter mit insgesamt fünf Jungen. Zunächst sind beide nicht begeistert, da sie eigentlich keine Katzenfreundinnen sind und bisher nur Hunde gehalten haben. Doch dann lassen sie sich erweichen und ziehen mit Hilfe von Familienmitgliedern und Freundinnen den Wurf liebevoll groß. Bald folgt jedoch schon die nächste Herausforderung: die Kleinen müssen in ein neues Zuhause vermittelt werden und Mutter und Tochter, denen sie wirklich an Herz gewachsen sind, fällt der Abschied sehr schwer.

„Die Magnolienkatzen“ ist ein – vermutlich – autobiografisch gefärbter Roman der Schriftstellerin Noriko Morishita; aus dem Japanischen übersetzte Charlotte Scheuer. Die Handlung wird aus der Sicht der Protagonistin in der Ich- und Vergangenheitsform erzählt. Wer jedoch Spannung oder große Ereignisse erwartet, sollte hier besser nicht zugreifen, denn das Buch liefert genau das, was der Klappentext verspricht: einen Text über den Alltag mit (jungen) Katzen. Noriko schildert alle Sorgen rund um Katzenklo, die richtige Fütterung und den Charakter der Tiere, was ich – ehrlich gesagt – etwas dröge fand.

Die eigentliche Motivation, die Katzen bei sich aufzunehmen, zog Noriko aus einer Erinnerung ihres verstorbenen Vaters. Dieser fand als Kind selbst einen Karton mit Straßenkätzchen, durfte diese aber nicht bei sich aufnehmen. Tage später fand er nur noch ihre Knochen – eine Tatsache, die in bis ins Erwachsenenalter begleitet hat. Auch die Protagonistin plagt nach Tod mehrerer Familienhunde die Angst vor dem Verlust. Wie soll sie es verkraften, wenn die Kätzchen bald wieder ihr Zuhause verlassen müssen?

Ich hätte mir gewünscht, dass Noriko mehr über sich selbst erzählt hätte und welchen Einfluss die Katzen auf ihr Leben hatten. Es wird zwar dargestellt, dass das gemeinsame Aufziehen des Wurfs das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter verbessert hat, es wird aber nicht wirklich gezeigt. Weniger Haustierbericht, dafür mehr Persönlichkeit und echte Emotion, das hätte „Die Magnolienkatzen“ für mich gebraucht. Schade!

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Veröffentlicht am 19.01.2025

Für Betroffene sicher hilfreich, aber auch sehr privilegiert

Der Club der hysterischen Frauen
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Ein Ausflug an den Badesee verändert Sarah Rameys Leben für immer. Eine Harnwegsinfektion und die darauffolgende Behandlung lösen eine ganze Lawine an schmerzhaften Eingriffen und mysteriösen Symptomen ...

Ein Ausflug an den Badesee verändert Sarah Rameys Leben für immer. Eine Harnwegsinfektion und die darauffolgende Behandlung lösen eine ganze Lawine an schmerzhaften Eingriffen und mysteriösen Symptomen aus. Sie hat katastrophale Erlebnisse mit traditionelle Medizinern und probiert alle möglichen alternativen Heilmethoden aus. Doch auch 20 Jahre später ist ihre Diagnose noch immer nicht in Stein gemeißelt. Doch warum leiden oft Frauen an solch mysteriösen Krankheiten und was können wir gegen dieses Ungleichgewicht unternehmen?

„Der Club der hysterischen Frauen“ ist der erste Roman der Schriftstellerin Sarah Ramey, die auch schon Reden für Barack Obamas Wahlkampf verfasste und unter dem Künstlernamen Wolf Larsen Musik macht. Die deutsche Übersetzung stammt von Sophia Lindsey und Katharina Martl. Das Buch ist in insgesamt drei Teile gegliedert: im ersten schildert die Autorin die ersten Jahre ihrer Leidensgeschichte bis zu einem gewissen Wendepunkt, im zweiten entdeckt sie neue Heilmethoden für sich und im dritten versucht sie, einen möglichen Weg aus dem Schmerz aufzuzeigen.

Es ist erschreckend, was Sarah Ramey über ihr Leben mit verschiedenen mysteriösen Krankheiten erzählt. Sie nennt sich selbst und ihre Leidensgenossinnen „WOMI“, also eine „woman with a mysterious illness“. Ärzte gehen über sie hinweg, ignorieren ihren Schmerz und finden es furchtbar unbequem, wenn sie – die an einem chronischen Schmerzsyndrom leidet – in ihrer Gegenwart weint. Ich denke, dass viele Menschen mit einer Autoimmun- oder einer anderen Erkrankung, sich durch dieses Buch gesehen fühlen und erkennen, dass sie nicht allein sind.

Ich habe jedoch auch Kritikpunkte. Die Ursache, dass das Leiden von Frauen anders beurteilt wird, sucht Ramey in einer seltsam spirituellen Theorie darüber, was „das Männliche“ und „das Weibliche“ ist; hier hätte ich mir Studien und Fakten gewünscht. Zudem erkennt die Autorin leider nicht, wie privilegiert sie ist. Ihre Eltern sind Ärzte, für Behandlungen zieht sie quer durchs Land und verbringt Jahre nur mit Recherche. Wer kann sich solch einen teuren Weg zur Heilung leisten?

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