Interessante Idee, bleibt aber fragmentarisch
Tokyo Sympathy TowerDie Architektin Sara Makina befindet sich im wichtigsten Wettbewerb ihrer Karriere. Sie will es sein, die den s.g. „Tokyo Sympathy Tower“ errichtet, einen 70-stöckigen Gefängnisturm, der mitten in einem ...
Die Architektin Sara Makina befindet sich im wichtigsten Wettbewerb ihrer Karriere. Sie will es sein, die den s.g. „Tokyo Sympathy Tower“ errichtet, einen 70-stöckigen Gefängnisturm, der mitten in einem Park in Shinjuku entstehen und in dem die Insassen ein luxuriöses Leben führen sollen. Eine Meinung will sie sich zum Projekt nicht erlauben – und dass, obwohl es in ihrer Vergangenheit durchaus ein Erlebnis gibt, weswegen sie den Turmbau ablehnen müsste.
„Tokyo Sympathy Tower“ ist das erste Werk der Autorin Rie Qudan, das ins Deutsche übersetzt wurde – und zwar von Ursula Gräfe, die auch schon die Texte von Haruki Murakami oder Sayaka Murata übertrug. Der Roman schildert die Ereignisse vor und nach dem Bau des Turms, wobei der Erzähler sowohl die Perspektive von Sara, als auch die ihres 15 Jahre jüngeren Liebhabers Takuto Tojo einnimmt. Das ist durchaus spannend, weil beide – vielleicht aufgrund ihres Alters, vielleicht aber auch aufgrund ihres Charakters oder ihrer Erfahrungen – eine sehr unterschiedliche Haltung zum Turm aufweisen.
Das Konzept, das zum Bau des Turms führte, erdachte der Soziologe und Glücksforscher Masaki Seto. Ihm zufolge steht dem „Homo felix“, dem glücklichen Menschen, der „Homo miserabilis“ gegenüber, also derjenige, der unser Mitleid verdient. So möchte er Kriminelle von nun an bezeichnet wissen und fordert unsere Empathie für Menschen ein, deren Schicksal oder Umstände ihnen weniger günstige Karten in die Hände gespielt haben. Dass diese Haltung nicht jeder teilt und es zu Demonstrationen, Bomben- und Morddrohungen und schließlich auch zu einem Attentat aufgrund des Turmbaus kommt, scheint nicht weiter verwunderlich.
Die Autorin stellt hier zwei sehr gegensätzliche Haltungen einander gegenüber, deren Wahrheit wohl irgendwo dazwischenliegt. Takuto unterstützt den Bau des Turms und lebt nach der Fertigstellung selbst dort. Der Journalist Max Klein, der einen Artikel über ihn schreiben soll, vertritt die Gegenposition. Ihm ist der Gedanke verhasst, dass Verbrecher im Luxus leben sollen, während er selbst zu kämpfen hat. Ein grundsätzlich sehr interessanter Roman, der aber fragmentarisch wirkt.