Ein Roman über die Verletzlichkeit
Vielleicht hat das Leben Besseres vor“Wir müssen uns alle ständig selbst verzeihen.” (S. 267) In Anne Gesthuysens neuem Roman geht es um die eine Sekunde, die das gesamte Leben verändert. Eine Unachtsamkeit oder ein Schicksalsschlag, der ...
“Wir müssen uns alle ständig selbst verzeihen.” (S. 267) In Anne Gesthuysens neuem Roman geht es um die eine Sekunde, die das gesamte Leben verändert. Eine Unachtsamkeit oder ein Schicksalsschlag, der alles auf den Kopf stellt und nichts ist mehr so wie es vorher war. So etwas hat Heike erlebt, ihre Tochter ist seitdem nicht mehr dieselbe, die kleine Raphaela muss mit so einigen Einschränkungen zurechtkommen. Es geht im Roman um Schuld und Schuldgefühle, aber auch um Vorwürfe, die man sich selbst macht. Was ist mit dem eigenen Leben, mit den eigenen Träumen, hat man noch ein Recht darauf diese zu leben?
Wir kehren in das kleinen Dorf Alpen an den Niederrhein zurück, es ist ein Wiedersehen mit alten Bekannten, die wir noch einmal auf einer ganz neuen Ebene kennenlernen. Anna von Betheray hat als evangelische Pastorin ihre Schäfchen in der Gemeinde im Blick, sie kümmert sich um ihren Neffen Sascha, weil ihre Schwester Maria krank ist, aber auch ihre Mutter Mechthild und Tante Ottilie stehen ihr zu Seite und mischen im Ort ordentlich mit. Mit von der Partie ist auch wieder der kleine Goldendoodle Freddy, der alle Herzen im Sturm erobert und wieder für den einen oder anderen Schmunzler sorgt.
Mit viel Fingerspitzengefühl und Feingefühl zeichnet die Autorin eine Dorfgemeinschaft, die aufeinander aufpasst, aber auch (fast) alles voneinander weiß, was Fluch und Segen zugleich sein kann. Ein Roman, der berührt und zum Nachdenken anregt, gleichzeitig schenkt er aber auch sehr viel Hoffnung, dass Gemeinschaft viele Probleme überwinden kann. Der Zusammenhalt in Alpen ist einmalig und manchmal würde ich mir wünschen einen solchen Zusammenhalt auch spüren zu dürfen und nicht in der Anonymität der Großstadt zu leben. Weitere Themen des Romans sind Drogen- und Alkoholkonsum, aber auch verschiedene Krankheiten wie Demenz oder MS.
Der Roman wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, meist steht aber die Hauptfigur Anna von Betheray im Mittelpunkt, aber es gibt auch Rückblenden in die vergangenen Jahre, sodass wir gerade die Geschichte von Heike und Raphaela besser verstehen können. Der Spannungsbogen ist gut ausgearbeitet und steuert auf die Auflösung zu, wie es zu Raphaelas Situation kommen konnte. War es ein Unfall oder ein Verbrechen?
Ein wunderbarer Roman, der uns unsere Verletzlichkeit vor Augen führt und uns gleichzeitig Hoffnung schenkt. Und genau solche Mutmachenden Bücher brauchen wir!