Aufwühlender Pageturner
Die Schwestern von KrakauBettina Storks hat wieder einen Pageturner geschrieben, der zum einem aufwühlt und nachdenklich macht und zum anderen einen in die Geschichte hineinzieht und die Charaktere lebendig werden lässt.
Der ...
Bettina Storks hat wieder einen Pageturner geschrieben, der zum einem aufwühlt und nachdenklich macht und zum anderen einen in die Geschichte hineinzieht und die Charaktere lebendig werden lässt.
Der Roman spielt auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen, einmal in den 1940er Jahren in Krakau und dann im Jahr 2012 in der Umgebung von Stuttgart und Paris. Hauptfiguren des Romans sind die Schwestern Lilo und Helene welche in Krakau aufwachsen. Im Zeitstrang von 2012 sind Tatjana (Stuttgart) und Edith (Paris) die Protagnistinnen. Gerade mit Edith und Tatjana konnte ich mich während des Lesens sehr gut identifizieren, sie wollen die Mauer des Schweigens durchrechen und Licht in die Familiengeschichte bringen.
Aber auch Lilo, die junge Apothekerin in Krakau, hat mein Herz während des Lesens erobert. Die Gräueltaten der Nationalsozialisten spielen sich vor ihren Augen ab. Sie arbeitet in einer Apotheke, die ihr einen Blick in das jüdische Ghetto gewährt. Das unfassbare Leid, welches die polnischen Juden durch die Nationalsozialisten erdulden müssen, rüttelt auf, macht betroffen und lässt einen sprachlos zurück.
Man lernt die Stadt Krakau auf eine besondere Weise kennen, denn auch Tatjana begibt sich im Laufe des Romans dorthin und versucht mehr über ihre Vorfahren herauszufinden. Dem jüdischen Widerstand im Krakauer Ghetto kommt eine zentrale Rolle zu und wir lernen die Hauptakteure dieses Widerstandes kennen. Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus wird auch in Polen Rechnung getragen und es gibt ein Museum, was sich diesem Widerstand widmet.
Die Personenzeichnung ist der Autorin wieder einmal außerordentlich gut gelungen. Die inneren Konflikte der Betroffenen werden glaubhaft und überzeugend geschildert. Lilo hätte ich gerne das eine oder andere Mal am liebsten in den Arm genommen, um sie zu trösten und ihr zu versichern, dass sie nicht allein ist.
Der Spannungsaufbau ist sehr gut und wie erfahren immer mehr über die Familiengeschichte der Familie Wagner, Wagner – König und Mercier. Das Puzzle setzt sich langsam zusammen und man entdeckt vielleicht auch die eine oder andere Parallele zu der eigenen Familie. Auch der psychologische Aspekt ist sehr gut herausgearbeitet worden, da Tatjana Psychologin ist und somit das Verhalten der Menschen sehr gut hinterfragt und analysiert.
Ich kann nicht sagen, dass ich eine bestimmt Lieblingsfigur habe, von den Nebenfiguren ist es vielleicht Adi, die Tante von Edith, die sich am Ende der Vergangenheit stellt und sehr viel Mut damit beweist, in dem sie einen verschlossenen Teil ihrer Vergangenheit wieder hervorholt und erstmals darüber redet.
Der Schreibstil der Autorin ist sehr gut lesbar, ich musste immer wieder Pausen machen, um das Gelesene sacken zu lassen. Denn dieser Roman ist keine leichte Kost, was den Roman aber nicht minder Lesenswert macht. Man muss sich halt nur darüber im Klaren sein, dass dies kein Feel-Good-Roman ist, sondern ein Roman über eines der dunkelsten Kapitel des Nationalsozialismus.
Wer gerne Romane auf zwei Zeitebenen liest und sich zusätzlich auch noch für geschichtliche Themen interessiert, kommt um den Roman von Bettina Storks nicht herum.