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Veröffentlicht am 12.02.2025

Der Lebensweg einer jungen Frau, eine deutsch-deutsche Geschichte

Lebensträume. Ärztin einer neuen Zeit
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„Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen…“ Mit Hildegard Knef beginne ich die Reise nach Berlin, ich lese von Vickys „Lebensträumen“. Svea Lenz erzählt davon eindrucksvoll, dieser neue Roman steht ihren ...

„Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen…“ Mit Hildegard Knef beginne ich die Reise nach Berlin, ich lese von Vickys „Lebensträumen“. Svea Lenz erzählt davon eindrucksvoll, dieser neue Roman steht ihren „Stewardessen“ in nichts nach.

Vicky lebt mit ihrer Mutter, die als OP-Schwester an der Charité arbeitet, im Osten von Berlin. Sie studiert an der Freien Universität in Berlin-West Medizin, nebenbei jobbt sie in einer Westberliner Metzgerei, sie pendelt also täglich von Ost nach West und zurück, was ihr bis zum Bau der Mauer im August 1961 keinerlei Probleme macht. Nun aber scheint ihr großer Traum, Ärztin zu werden, zu zerplatzen. Ihr Freund Achim ist in derselben Situation, auch er studiert im Westen. Sie müssen schon allein wegen ihrer Zukunftsaussichten weg, so viel steht fest. Als dann ihre Flucht gelingt, atmet Vicky nur kurz auf, denn Achim geht als Fluchthelfer wieder nach drüben und wird dabei verhaftet. Danach hört sie nichts mehr von ihm. Sie schlägt sich anfangs eher schlecht als recht alleine durch, aber irgendwie schafft sie es doch, eine Anstellung in der Ambulanz im Frankfurter Flughafen zu bekommen. Als einzige Frau unter Männern ist ihr Alltag beileibe kein Zuckerschlecken, aber sie beißt sich durch, diese Chance will sie sich nicht verbauen.

Die Erzählung beginnt im Sommer 1961, als alles noch unbeschwert war und man auch im Osten gut leben konnte und endet 1972. Mit dem Mauerbau endet ihre Freiheit, diese schier unüberwindbare Barriere ist es, die Vickys Lebensweg in eine von ihr nicht vorgesehene Richtung drängt. Sie ist eine kluge, eine ehrgeizige junge Frau, die ihr Berufsziel stets vor Augen hat und fest entschlossen ist, eines Tages als Chirurgin zu arbeiten.

Wir alle kennen die deutsch-deutsche Geschichte, sie betrifft Vickys Leben in ganz besonderer Weise. Als Republikflüchtling ist es ihr verwehrt, in die DDR einzureisen, der Kontakt mit ihrer Mutter gestaltet sich dementsprechend schwierig. Ihre fiktive Geschichte bindet die Autorin perfekt und sehr lebendig in die damalige Zeit ein - die Zeit des Wirtschaftsaufschwungs, Adenauer geht, Erhard, Kiesinger und Brandt folgen, der junge US-Präsident Kennedy ist auf Deutschlandbesuch, wir lesen von Martin Luther King, den Demos gegen Rassendiskriminierung in den USA und auch hier von den Ausschreitungen gegen Mohammad Reza Schah Pahlavi etwa, die Studentenproteste wollen nicht abebben. Es ist eine unruhige Zeit, die gut einfangen ist. Contergan, die Schluckimpfung, die Pille und noch so vieles mehr sind mit Vickys Geschichte verwoben und natürlich auch die Songs dieser Zeit, die für mich einen ganz besonderen Reiz darstellen.

Svea Lenz vermittelt den Zeitgeist jener Jahre, sie versteht es bestens, das Weltgeschehen so wunderbar, so nachvollziehbar in Vickys Leben zu integrieren. Gebannt lese ich von ihrem Klinikalltag, von den Einsätzen im Flughafenbereich und auch von Unglücken und Katastrophen, die ihr alles abverlangen. Sie ist Ärztin aus Leidenschaft, ihr Privatleben muss so manches Mal hintanstehen. Und nicht zuletzt sind es auch die privaten Momente, die das Bild der jungen Ärztin so rund, so authentisch machen.

„Lebensträume ist ein Roman mit mindestens 47 % Wahrheitsgehalt.“ Der Beipackzettel zum Schluss vermittelt kurz und bündig nochmal sehr viel Hintergrundwissen – ein stimmiger Abschluss. Und doch fällt mir das Abschiednehmen schwer, gerne hätte ich Vicky noch weiter begleitet. Es waren unterhaltsame Lesestunden mit einer liebenswerten Protagonistin. Es ist ein hervorragend recherchiertes Buch, das viel Wissenswertes von damals vermittelt, dazu ein packender Schreibstil mit glaubhaften Charakteren. Kurzum – ein sehr lesenswerter Roman, den ich gerne weiterempfehle.

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Veröffentlicht am 05.02.2025

Das nicht immer einfache Leben auf dem Land in den 1920er Jahren

Kronsnest
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„Kronsnest“, ein holsteinisches Dorf, gibt es wirklich. Florian Knöppler erzählt davon, von den Dörflern und deren Gemeinschaft in den 1920er Jahren, von deren Sorgen, von deren Ängsten und Nöten.

Hannes ...

„Kronsnest“, ein holsteinisches Dorf, gibt es wirklich. Florian Knöppler erzählt davon, von den Dörflern und deren Gemeinschaft in den 1920er Jahren, von deren Sorgen, von deren Ängsten und Nöten.

Hannes lebt hier auf dem elterlichen Hof, seine kleine Welt besteht neben der Schule und den viel stärkeren Jungs aus der Mitarbeit auf dem Bauernhof, er kennt es nicht anders. Von jeher hat er sich viel zu viel gefallen lassen, er steckt lieber ein als dass er sich verteidigt, was seinem Vater so gar nicht gefällt. Der schwächliche Sohn kassiert nicht nur von den Gleichaltrigen Prügel, auch der Vater langt ordentlich hin. Hannes einziger Freund ist Thies, mit ihm will er zum Boxunterricht, was dem Vater zunächst nicht gefällt. Erst nachdem Hannes sich gegen die Brüder Albert und Eggert das gefühlt erste Mal zur Wehr gesetzt hat, darf er dann doch zum Boxen, Hannes verliert aber bald die Lust daran.

Es ist die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Florian Knöppler erzählt in seinem Erstlingswerk einfühlsam, aber doch sehr kraftvoll vom Leben auf dem Land. Er beobachtet genau, er wertet nicht, er zeichnet das Miteinander ohne erhobenen Zeigefinger nach, auch fließt der beginnende Nationalsozialismus mit hinein.

Er braucht dazu keine Gewaltszenen, er lässt Bilder entstehen, erzählt seine Geschichte wie nebenbei und doch sehr präzise und man spürt dabei eine Intensität, die aus jedem Wort, aus jeder Zeile spricht. Er beschreibt die Natur, nimmt seine Leser mit zur Feldarbeit, berichtet von so mancher Missernte, nicht immer trägt die Witterung die Hauptschuld. Und wenn wieder einmal ein Tier verletzt ist, spürt man auch da, was los war. „Böltje geht’s besser. Die Beine heilen schon, Vater hat sie wohl gut geschient.“ Der Hund hat einiges abgekriegt. Im Nachhinein wird eher angedeutet denn dies angesprochen, jeder weiß auch so, wer Böltje so zugerichtet hat.

Es ist der tägliche Kampf ums Dasein und damit das Leben mit den Tieren auf dem Bauernhof, das lebendig und scharfsinnig nachgezeichnet wird. Hannes, Vater, Mutter – es geht um die Familie. Hannes wird erwachsen und natürlich spielen Freundschaften, die ersten zarten Bande und die aufkeimende Liebe mit all ihren Höhen und Tiefen mit hinein. Es ist die NSDAP, die immer mehr Anhänger gewinnt, die die Dorfgemeinschaft mit ihren Reden und ihren Taten vergiftet. Es ist Knöpplers erzählerisches Können, das diesen scharfsinnigen Roman so lebendig, so lesenswert macht.

Es ist ein starkes Debüt, es ist kein Buch, das man nach dem Lesen schnell wieder vergisst. Nein, es bleibt und es erweckt den Wunsch, mehr von Florian Knöppel zu lesen. „Habichtland“ wird mein nächstes Buch von ihm sein, es erzählt Hannes Geschichte weiter.

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Veröffentlicht am 01.02.2025

Ist das „Mörder-Gen“ vererbbar?

Die Tochter des Serienkillers
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Hat die Tochter des Schmetterlingskillers, wie er genannt wird, das „Mörder-Gen“ geerbt? Die Antwort auf diese Frage erhalte ich ziemlich spät, zunächst jedoch erfahre ich so einiges von Jane, die ihren ...

Hat die Tochter des Schmetterlingskillers, wie er genannt wird, das „Mörder-Gen“ geerbt? Die Antwort auf diese Frage erhalte ich ziemlich spät, zunächst jedoch erfahre ich so einiges von Jane, die ihren Namen geändert hat, sobald sie sich aus den Fängen ihrer Eltern befreien konnte. Jenny nennt sie sich nun, sie ist mit Mark verheiratet, Ella und Alfie sind ihre beiden entzückenden Kinder und wäre da nicht der Vertrauensbruch von Mark gewesen, hätten sie als Bilderbuchfamilie durchgehen können. Jenny betreibt eine erfolgreiche Tierarztpraxis, auch Mark ist beruflich gefestigt – so weit, so in Ordnung. Wäre da nicht der Tierkadaver, der Jenny in einer schwarzen Mülltüte verpackt vor die Haustür gelegt wird. Sie findet noch mehr dieser anrüchigen Pakete, behält dieses Wissen aber für sich. Ziemlich zeitgleich verschwindet Olivia, mit der Mark eine kurze Affäre hatte, die Polizei sucht fieberhaft nach ihr, auch Jenny und Mark werden befragt.

Da ich vor Kurzem „Die Frau des Serienkillers“, das erste Buch der Reihe um die Serienkiller-Familie, gelesen habe, habe ich geradezu auf diesen Nachfolgeband hingefiebert. Hier treffe ich eine andere Familie, was ich so nicht vermutet hätte. Dies nur am Rande, denn auch diese Familie eines mittlerweile überführten Serienkillers, der Zeit seines Lebens einsitzt, hat Geheimnisse en masse, denn bald ist klar, dass nicht nur Jenny ihre Herkunftsfamilie verleugnet, auch Mark scheint so einiges aus seinem früheren Leben verbergen zu wollen.

Seit nunmehr elf Jahren verbirgt Jenny ihre wahre Identität, keiner weiß um ihren Mörder-Vater und keiner weiß wirklich, wie manipulativ und einengend ihre Mutter war. Es tauchen vor ihrem inneren Auge Szenen eines weißen Distelfalters auf, sie verhält sich oftmals ziemlich seltsam, hat Blackouts, wacht desorientiert auf, sie steht so dann und wann komplett neben sich. Sie hat Erinnerungslücken, auch die Überwachungskameras fördern eher Versatzstücke denn die Wirklichkeit zutage. Jenny ist zunehmend verzweifelt, sie wird immer tiefer in die Ermittlungen um die verschwundene Olivia hineingezogen.

Auch mich zieht Alice Hunter in diesen so undurchsichtigen Fall, ich bin ihren ausgelegten Fährten gefolgt, bin direkt in ihre gut getarnte Falle getappt, bin letztendlich dem Irrtum aufgesessen, der von ihr durchaus gewollt war. Gut gemacht, Frau Hunter! Und sie hat noch so einiges mehr gut hinbekommen, vor allem dem Ende zu ist alles nochmal gerade gerückt worden, auch wenn mir mach Passage zwischendurch zu ausschweifend war. Jenny bin ich gefolgt, habe sie ob ihres Mutes bewundert, dann wieder hätte ich sie am liebsten geschüttelt und ihr gute Ratschläge erteilt. Nicht nur sie, auch die anderen Figuren sind glaubhaft angelegt, die ganze Story hat mich gefesselt und mich gebannt weiterlesen lassen. Bis zum doch sehr überraschenden Ende – aber lesen Sie selbst.

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Veröffentlicht am 28.01.2025

Lesenswerter historischer Roman um die Hübschlerin Elsbeth

Die Wächterin von Köln
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Petra Schier entführt mich mit ihrem neuen historischen Roman „Die Wächterin von Köln“ wie schon einige Male zuvor ins Mittelalter, sie ist bekannt für ihre gut recherchierten Romane in dieser Zeit. Viel ...

Petra Schier entführt mich mit ihrem neuen historischen Roman „Die Wächterin von Köln“ wie schon einige Male zuvor ins Mittelalter, sie ist bekannt für ihre gut recherchierten Romane in dieser Zeit. Viel Hintergrundwissen rankt sich um ihre Protagonisten, die sie mir lebensnah und sehr unterhaltsam näher bringt, was ich sehr zu schätzen weiß.

Hier steht die Hübschlerin Elsbeth im Mittelpunkt. Eine Dirne, deren Beruf als unehrlich, als nicht ehrbar, gilt. Im Nachwort, das ich vorab erwähnen möchte, veranschaulicht sie diesen und viele andere Berufe und Begriffe. Schon allein diese Ausführungen sind interessant, die Autorin hält sich dabei an die neuesten Forschungsergebnisse und bringt diese gut lesbar und kurzweilig uns Lesern näher.

Elsbeth ist 43 Jahre alt, als ich ihr das erste Mal begegne, wir schreiben das Jahr 1423. Sie beobachtet eine Szene mit der 14jährigen Britti, die ihr so gar nicht gefällt und wie es ihr Naturell verlangt, schreitet sie ein. Das Mädchen ist zu jung, um den grobschlächtigen Kerlen zu Diensten zu sein, also bietet sie ihr an, bei ihr zu arbeiten. Elsbeth betreibt das Bordell „Zur schönen Frau“, es gibt aber auch hier genug andere Arbeiten jenseits des Bordellbetriebes. Sie betreibt ein Badehaus, bietet Speisen und Getränke an, auch ihre Schwitzkammer wird gut angenommen, daneben gibt es noch so einige Dienstleister wie etwa die Bartscherer. Elsbeth achtet stets auf Hygiene und Reinlichkeit und Knechte achten darauf, dass ein Akt nicht in Gewalt ausartet, was nicht in jedem Hurenhaus selbstverständlich ist. Sie kümmert sich um die Ihren und auch sie lebt ihr Leben, auch davon erfahren wir so einiges. Sie ist sechzehn, als ihre Mutter stirbt und sie ihren Körper anbietet. Schon da ist sie eine in vielerlei Hinsicht faszinierende Frau, auch wenn sie noch naiv und unerfahren ist, so hat sie ihr Schicksal als Hübschlerin doch angenommen.

Elsbeth folgen wir vom jungen Mädchen zur gereiften Frau, dabei blicken wir in Kölns Unterwelt, dringen tiefer vor in ihre familiären Verhältnisse, vom Bordellbetrieb mit den so unterschiedlichen Kunden und deren mehr oder weniger ausgefallenen Wünsche und Forderungen erfahren wir so einiges, auch Pikantes. Und nicht nur ein Mord überschattet Köln, wir sind hautnah dabei.

Der Geschichte vorangestellt ist eine Karte von Köln Anno Domini 1423 und gleich danach ist das gerade am Anfang sehr hilfreiche, in Rubriken unterteilte Personenverzeichnis abgedruckt, das mir auch zwischendurch gute Dienste geleistet hat. Sehr reizvoll sind die zwei Zeitebenen, die wechselseitig erzählt werden. Den Überblick verliert man dabei nicht, denn die einzelnen Kapitel sind mit Datum versehen. Mit der jungen Elsbeth bekommen wir so einiges von der früheren Vorsteherin des Dirnenhauses mit, die eher ihren Verdienst im Auge hatte. Das Haus und seine Bewohner sind dem Scharfrichter zu Köln unterstellt, auch von diesem Beruf erfahre ich mehr, meine Vorstellungen waren nicht nur hier ganz andere.

Petra Schier hat einmal mehr bewiesen, dass sie nicht nur schreiben kann, sie bringt zudem ihr fundiertes Wissen auch in dieses Buch mit hinein. Sie versteht ihr Metier, ihre Figuren leben, sie sind stark, andere schwach, sie sind schlau oder auch einfältig, wieder andere grobschlächtig, gar hinterhältig. Der bildgewaltige Schreibstil hat mir das Gefühl gegeben, direkt mittendrin zu sein. Ich habe viel mitgenommen aus dieser Zeit rund um die Hübschlerin Elsbeth und - ich habe diese Zeit des Lesens sehr genossen. „Die Wächterin von Köln“ ist ein Roman, den ich jedem historisch Interessierten empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 28.01.2025

Zwei Frauen, zwei ganz und gar unterschiedliche Leben

Halbe Leben
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Von Anfang an ist klar, wohin sich das Schicksal wendet, denn der Roman beginnt mit Klaras Tod. Sie war mit Paulína, der Pflegerin ihrer Mutter Irene, unterwegs auf unwegsamem Gelände. Dabei ist sie an ...

Von Anfang an ist klar, wohin sich das Schicksal wendet, denn der Roman beginnt mit Klaras Tod. Sie war mit Paulína, der Pflegerin ihrer Mutter Irene, unterwegs auf unwegsamem Gelände. Dabei ist sie an einer mit Moos überdeckten Stelle abgerutscht und fünfzig Meter in die Tiefe gestürzt. Ein ungewöhnlicher Anfang für ein außergewöhnliches Buch, das rückblickend von der Ungleichheit zweier Frauen und deren so unterschiedlicher Leben erzählt.

Nach Irenes Schlaganfall ist klar, dass sie Rundumbetreuung benötigt und was liegt da näher, als auf Pflegekräfte zurückzugreifen, die direkt im Haus wohnen. In der Slowakin Paulína findet Klara die perfekte Betreuerin, deren Dienst sich vierzehntäglich mit dem Pfleger Radek abwechselt. Vor allem Paulína ist es, die sich nebenbei um die ganze Familie kümmert – sie kocht, sie putzt, sie wäscht. Ihre Dienste werden nur zu gerne angenommen, es kommt immer wieder zu Mehrarbeiten, Tage und Wochenenden soll Paulína dranhängen, obwohl die Familie genau weiß, dass auf Paulína daheim ihre beiden Söhne warten, die während ihrer Abwesenheit von der Schwiegermutter betreut werden. Paulína schafft den Spagat zwischen ihrem Arbeitsverhältnis und ihrer eigenen Familie, aber irgendwann kommt es dazu, dass sie dieses Missverhältnis nicht mehr will.

„Paulína könntest du… würdest du… ich wäre dir so dankbar, wenn du…“ Es sind diese Suggestivfragen, die sie ständig unter Druck setzen.

Susanne Gregor zeigt auf, wie kleine Gefälligkeiten überhand nehmen. Die einen fordern immer mehr, bemerken gar nicht, dass sie zu weit gehen, dass sie Grenzen einreißen, dass sie sich keine Gedanken um den anderen machen, sie gar nicht nachdenken wollen, was sie ihrem Gegenüber abverlangen.

Der Roman stimmt nachdenklich. Vor allem Paulína konnte ich sehr gut verstehen, wenngleich ich ihre Handlungsweise nicht in Gänze nachvollziehen wollte. Sie ist in einer monetär nicht gerade günstigen Lage, ist dadurch – als Alleinverdienerin - gezwungen, eine lukrative Beschäftigung anzunehmen. Klara indes ist karriereorientiert, sie ist eher egoistisch und meint, mit einem gelegentlichen Geldschein ihrer Sorgfaltspflicht als Arbeitgeberin nachzukommen. Dass das Menschliche dabei außer Acht gelassen wird, sieht sie nicht. Diese beiden und auch die anderen Charaktere sind gut beobachtet und überzeugend dargestellt, die Zerrissenheit zwischen dem Beruf, dem Geld-verdienen-müssen und die nagenden, immer stärker werdenden Schuldgefühlte der eigenen Familie gegenüber sind absolut nachvollziehbar. Ein starkes Buch, ein lesenswertes Buch.

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