Ein Generationenroman rund um die literarische Aufarbeitung des Thema „Schweigen“ - großartig!
Portrait meiner Mutter mit GeisternRabea Edel springt durch Zeit und Raum in ihrem neuen Roman „Porträt meiner Mutter mit Geistern“. Die Protagonistinnen sind fünf Generationen von Frauen, die auch gleichzeitig das Zentrum des Romans bilden. ...
Rabea Edel springt durch Zeit und Raum in ihrem neuen Roman „Porträt meiner Mutter mit Geistern“. Die Protagonistinnen sind fünf Generationen von Frauen, die auch gleichzeitig das Zentrum des Romans bilden. Die Ich-Erzählerin Raisa berichtet von ihren Vorfahrinnen, die alle eine Gemeinsamkeit haben: sie sind vaterlos. Raisa aber möchte mehr wissen, wer ist eigentlich ihr Vater? Was ist passiert?
Ganz vorne (und auch nochmal am Ende) gibt es einen Stammbaum der Familie, für den ich mehr als dankbar war, denn immer wieder habe ich nachgeschaut, um mich zu orientieren, wer denn nun eigentlich gerade wie, wann und wo erzählt. Das Buch ist strukturell anspruchsvoll, aber es lohnt sich, sich an der einen oder anderen Stelle durchzukämpfen, was Personen, Verknüpfungen usw. angeht (schaut bitte während der Lektüre immer wieder in den Stammbaum, das hat mir enorm geholfen!).
Das Buch beginnt in den 1990er Jahren, dann geht es zurück in die 1950er, springt anschließend ins Jahr 2014, später auch in die 1920er Jahre, in die Zeit des 2. Weltkriegs. Haupterzählerin Raisa befindet sich in den 1980er und 1990er Jahren, ihre Mutter Martha erzählt aus den 1950er und 1960er Jahren in der amerikanischen Enklave Bremerhaven, aber auch die Jugendstränge zu Jakob wechseln sich ab und sind miteinander verflochten. Vor allem die Töchter haben in diesem Buch eine schwierige Position, denn sie sind dem eisernen Schweigen ihrer Mütter ausgesetzt, bezüglich der Väter behalten sie alle Informationen lieber für sich, sei es die Herkunft, die Umstände des Verschwindens und co. Übrig bleibt natürlich die Frage nach dem Warum - warum schweigen die Mütter?! Das möchte ich an dieser Stelle nicht vorwegnehmen, denn das würde Euch den Spaß an der Lektüre vermiesen. Aber eins möchte ich Euch verraten: Die Enthüllungen haben es in sich!
Der Haupthandlungsort ist Bremerhaven (auch gleichzeitig die Heimat der Autorin Rabea Edel), was für mich ein typisches Meeresnähe-Flair versprüht hat. Der Ozean und der Hafen sind präsent, welcher ja quasi sinnbildlich das Tor zur Welt darstellt (ich bin ein Fan dieses Bildes und der damit verbundenen Atmosphäre). Ein Teil des Romans spielt auch in New York und einer der Väter fährt zur See. Das Buch spielt zu großen Teilen in den 1950er und 1960er Jahren, als Bremerhaven eine amerikanische Enklave war und die GIs dort stationiert waren, die der ganzen Stadt eine Atmosphäre von Aufbruch und neuen Optionen verliehen haben, was auch für Martha die Möglichkeit schuf, aus der Familie herauszukommen und eine komplett neue Welt kennenzulernen. Das Gegenbild waren die 1920er und 1930er, in denen sich Bremerhaven als erste Stadt als judenfrei deklariert hat - für mich eine neue Information und eine Tatsache, über die ich zum ersten Mal in Rabea Edels Buch gelesen habe.
Das Schweigen ist das zentrale Thema in „Porträt meiner Mutter mit Geistern“. In ganz vielen Generationen und Familien gibt es Themen oder Umstände, über die geschwiegen wird - vielleicht kennt Ihr es sogar aus der eigenen Familie?! Es kann oder wird über Dinge nicht gesprochen aus unterschiedlichsten biografischen oder historischen Gründen und Rabea Edel macht klar, wie wichtig es ist, dieses Schweigen aufzubrechen. Indem sie ihre Figur Martha weniger schweigen lässt, lässt sie die Geschichte zu einer Geschichte der Heilung und Selbstermächtigung werden, denn wer nicht mehr schweigt, ist in der Lage Ruhe und persönlichen Seelenfrieden zu finden.
Erlittene Traumata, Verdrängung, Verbrechen - kann Schweigen auch Schutz sein?! Verschonen die Mütter ihre Töchter vor der Wahrheit?! Nur wir Leser*innen erfahren die Wahrheit und ich konnte nach Beenden des Buches ehrlicherweise das Schweigen der Mütter nachvollziehen, denn es (=die Enthüllungen) ist schon harter Tobak - wie sollen die Töchter das bloß verkraften?! Mir hat Rabea Edel bewusst gemacht, dass Schweigen nicht immer nur etwas Negatives sein muss, es kann auch genau das Richtige für eine Situation, für einen Menschen sein. Eine Erkenntnis, für die ich sehr dankbar bin, denn in der Form der Aufarbeitung habe ich das Thema Schweigen noch nicht gelesen. Man kann (und sollte) nicht an allen Gegebenheiten rühren, manchmal steht das Schutzbedürfnis im Vordergrund oder der Schmerz, den das Durchbrechen des Schweigens auslösen würde, ist einfach zu groß. Danke Rabea Edel für die Sensibilisierung für das Thema Schweigen, ich habe aus dem Buch viel für mich selbst mitnehmen können - großartig, wenn Literatur dazu in der Lage ist, das ist einer der Gründe, warum ich das Lesen so sehr liebe!