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Veröffentlicht am 07.02.2025

Ein Generationenroman rund um die literarische Aufarbeitung des Thema „Schweigen“ - großartig!

Portrait meiner Mutter mit Geistern
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Rabea Edel springt durch Zeit und Raum in ihrem neuen Roman „Porträt meiner Mutter mit Geistern“. Die Protagonistinnen sind fünf Generationen von Frauen, die auch gleichzeitig das Zentrum des Romans bilden. ...

Rabea Edel springt durch Zeit und Raum in ihrem neuen Roman „Porträt meiner Mutter mit Geistern“. Die Protagonistinnen sind fünf Generationen von Frauen, die auch gleichzeitig das Zentrum des Romans bilden. Die Ich-Erzählerin Raisa berichtet von ihren Vorfahrinnen, die alle eine Gemeinsamkeit haben: sie sind vaterlos. Raisa aber möchte mehr wissen, wer ist eigentlich ihr Vater? Was ist passiert?

Ganz vorne (und auch nochmal am Ende) gibt es einen Stammbaum der Familie, für den ich mehr als dankbar war, denn immer wieder habe ich nachgeschaut, um mich zu orientieren, wer denn nun eigentlich gerade wie, wann und wo erzählt. Das Buch ist strukturell anspruchsvoll, aber es lohnt sich, sich an der einen oder anderen Stelle durchzukämpfen, was Personen, Verknüpfungen usw. angeht (schaut bitte während der Lektüre immer wieder in den Stammbaum, das hat mir enorm geholfen!).
Das Buch beginnt in den 1990er Jahren, dann geht es zurück in die 1950er, springt anschließend ins Jahr 2014, später auch in die 1920er Jahre, in die Zeit des 2. Weltkriegs. Haupterzählerin Raisa befindet sich in den 1980er und 1990er Jahren, ihre Mutter Martha erzählt aus den 1950er und 1960er Jahren in der amerikanischen Enklave Bremerhaven, aber auch die Jugendstränge zu Jakob wechseln sich ab und sind miteinander verflochten. Vor allem die Töchter haben in diesem Buch eine schwierige Position, denn sie sind dem eisernen Schweigen ihrer Mütter ausgesetzt, bezüglich der Väter behalten sie alle Informationen lieber für sich, sei es die Herkunft, die Umstände des Verschwindens und co. Übrig bleibt natürlich die Frage nach dem Warum - warum schweigen die Mütter?! Das möchte ich an dieser Stelle nicht vorwegnehmen, denn das würde Euch den Spaß an der Lektüre vermiesen. Aber eins möchte ich Euch verraten: Die Enthüllungen haben es in sich!

Der Haupthandlungsort ist Bremerhaven (auch gleichzeitig die Heimat der Autorin Rabea Edel), was für mich ein typisches Meeresnähe-Flair versprüht hat. Der Ozean und der Hafen sind präsent, welcher ja quasi sinnbildlich das Tor zur Welt darstellt (ich bin ein Fan dieses Bildes und der damit verbundenen Atmosphäre). Ein Teil des Romans spielt auch in New York und einer der Väter fährt zur See. Das Buch spielt zu großen Teilen in den 1950er und 1960er Jahren, als Bremerhaven eine amerikanische Enklave war und die GIs dort stationiert waren, die der ganzen Stadt eine Atmosphäre von Aufbruch und neuen Optionen verliehen haben, was auch für Martha die Möglichkeit schuf, aus der Familie herauszukommen und eine komplett neue Welt kennenzulernen. Das Gegenbild waren die 1920er und 1930er, in denen sich Bremerhaven als erste Stadt als judenfrei deklariert hat - für mich eine neue Information und eine Tatsache, über die ich zum ersten Mal in Rabea Edels Buch gelesen habe.

Das Schweigen ist das zentrale Thema in „Porträt meiner Mutter mit Geistern“. In ganz vielen Generationen und Familien gibt es Themen oder Umstände, über die geschwiegen wird - vielleicht kennt Ihr es sogar aus der eigenen Familie?! Es kann oder wird über Dinge nicht gesprochen aus unterschiedlichsten biografischen oder historischen Gründen und Rabea Edel macht klar, wie wichtig es ist, dieses Schweigen aufzubrechen. Indem sie ihre Figur Martha weniger schweigen lässt, lässt sie die Geschichte zu einer Geschichte der Heilung und Selbstermächtigung werden, denn wer nicht mehr schweigt, ist in der Lage Ruhe und persönlichen Seelenfrieden zu finden.

Erlittene Traumata, Verdrängung, Verbrechen - kann Schweigen auch Schutz sein?! Verschonen die Mütter ihre Töchter vor der Wahrheit?! Nur wir Leser*innen erfahren die Wahrheit und ich konnte nach Beenden des Buches ehrlicherweise das Schweigen der Mütter nachvollziehen, denn es (=die Enthüllungen) ist schon harter Tobak - wie sollen die Töchter das bloß verkraften?! Mir hat Rabea Edel bewusst gemacht, dass Schweigen nicht immer nur etwas Negatives sein muss, es kann auch genau das Richtige für eine Situation, für einen Menschen sein. Eine Erkenntnis, für die ich sehr dankbar bin, denn in der Form der Aufarbeitung habe ich das Thema Schweigen noch nicht gelesen. Man kann (und sollte) nicht an allen Gegebenheiten rühren, manchmal steht das Schutzbedürfnis im Vordergrund oder der Schmerz, den das Durchbrechen des Schweigens auslösen würde, ist einfach zu groß. Danke Rabea Edel für die Sensibilisierung für das Thema Schweigen, ich habe aus dem Buch viel für mich selbst mitnehmen können - großartig, wenn Literatur dazu in der Lage ist, das ist einer der Gründe, warum ich das Lesen so sehr liebe!

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Veröffentlicht am 03.02.2025

Wow - Édouard Louis‘ zweites Buch über seine Mutter, großartig!

Monique bricht aus
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„Ich könnte sagen: Kein Leid in meiner Kindheit = keine Bücher = kein Geld = keine Freiheit.“

Nur aufgrund seiner Literatur über seine prägenden familiären Erfahrungen ist Édouard Louis in der Lage seiner ...

„Ich könnte sagen: Kein Leid in meiner Kindheit = keine Bücher = kein Geld = keine Freiheit.“

Nur aufgrund seiner Literatur über seine prägenden familiären Erfahrungen ist Édouard Louis in der Lage seiner Mutter helfen zu können, als diese vor einem gewalttätigen Mann flüchtet, um sich ihre eigene Existenz aufzubauen.

Aber erstmal von vorne. Louis‘ Mutter verbrachte den größten Teil ihres Lebens in Nordfrankreich, in einem abgelegenen Dorf mit knapp tausend Einwohnern. Sie lernte dort den Mann kennen, vor dem sie später würde fliehen müssen. Aber auch schon Louis‘ Vater misshandelte sie.

„Kurz zuvor hatte sie meinen Vater nach zwanzig Jahren Ehe rausgeworfen, zwanzig Jahre, in denen er von ihr erwartet hatte, dass sie
kochte
putzte
einkaufte
spülte
die Wäsche wusch
dass sie den Mund hielt, wenn er fernsah, sechs oder sieben Stunden am Tag, und wenn sie es nicht tat, rastete er aus,..“

Da sie in ihrem Zuhause keine Bestätigung bekam, verfügte seine Mutter über ein geringes Selbstwertgefühl.
„Meine Mutter hat sich in ihrem Leben oft an Komplimente geklammert, die andere ihr gemacht haben; sie gaben und geben ihr das Gefühl, gesehen zu werden, in den Augen und in den Worten der anderen zu existieren und die Unsichtbarkeit zu durchbrechen, die eine Folge der Armut war und eines Lebens an der Seite von Männern, die alles daran gesetzt hatten, sie zu erniedrigen.“
Heute als erwachsener Mann versteht Louis die Not seiner Mutter, die Freude über - und den Heisch nach Aufmerksamkeit.

Als sie sich endlich von ihrem aktuellen, gewalttätigen Lebensgefährten lossagt, gewährt ihr Sohn Édouard ihr Unterschlupf in seiner Pariser Wohnung. Er spürt ihre Dankbarkeit, aber nimmt auch die Müdigkeit seiner Mutter wahr.
„Müdigkeit, das war im Leben meiner Mutter immer das deutlichste Anzeichen dafür gewesen, dass ihr Unrecht geschah. Müdigkeit, weil sie zu einem Hausfrauendasein gezwungen war, Müdigkeit, weil sie gedemütigt wurde, Müdigkeit, weil sie weglaufen musste, Müdigkeit, weil sie sich abrackern musste, Müdigkeit, weil sie immer wieder von vorne anfangen musste.
Manche werden vom Leben getragen, für andere ist das Leben ein ständiger Kampf.
Wer zur zweiten Kategorie gehört, ist müde.“

Auch finanzielle Abhängigkeit ist ein großes Thema des Buches - seine Mutter verlor durch den Einzug bei dem Mann, mit dem sie zusammen war, ihre Sozialhilfe, auf die sie nach der Trennung von seinem Vater Anspruch gehabt hatte, sowie auch ihren Halbtagsjob. Vorbei war ihre „Unabhängigkeit“. Und so kreuzt sie eines Tages unangekündigt bei Édouard auf, ohne einen Cent in der Tasche.

„Wenn wir uns streiten, sagt er jedes Mal, er gibt mir zur Strafe keinen Cent mehr. Deshalb habe ich nicht mal zwei Euro, um einen Kaffee zu trinken und aufs Klo gehen zu können. Heute bin ich ein bisschen spazieren gegangen und habe mich zu weit von zu Hause entfernt. Deshalb musste ich zu dir kommen, sonst hätte ich dich in Ruhe gelassen.“

Louis sagt über die Szene selbst, „Die Scham hat ein Gedächtnis“, was ich für eine unglaublich wichtige Erkenntnis halte und auch aus eigener Erfahrung heraus bestätigen würde, denn wer kann sich mich selbst an besonders schambehaftete Situationen oder Erlebnisse erinnern?! Ich kann es.

Mit zunehmender Bildung entfernte sich Louis nicht nur geistig immer mehr von seiner Familie, sondern auch körperlich.
„Von dem Tag an, als ich aufs Gymnasium kam, obwohl niemand in meiner Familie Abitur hatte, von dem Tag an, als ich Bücher zu lesen, ins Theater zu gehen, mich für Filmgeschichte zu interessieren begann, wurde all dies schlagartig unmöglich. Plötzlich langweilte ich mich im Supermarkt, hasste die Nachmittage dort, empfand sie als Zeitverschwendung, verachtete Videospiele, hielt sie für dumm, begann zu sagen - den Satz hatte ich in der Uni aufgeschnappt -, dass es in Fastfoodrestaurants nach Frittierfett stinkt und das mir von dem Geruch schlecht wird.“
Es schmerzt solche Passagen zu lesen, denn man bekommt wahrhaftig mit, wie sich Louis von seiner Familie lossagt, ja lossagen will, weil sie einfach nicht in sein neues Bildungsbürger-Leben passt - Klassismus at it’s best!

Schafft Louis‘ Mutter dem Abwärtsstrudel aus Gewalt, finanzieller Abhängigkeit und co zu entkommen?!
Das müsst Ihr schon selber nachlesen in „Monique bricht aus“ - was ich aber verraten möchte: Es lohnt sich, denn er hat das Buch aus einem besonderen Grund geschrieben: Es war der Wunsch seiner Mutter - sie wollte, dass wir Leser*innen erfahren, welche Wendung ihr Leben genommen hat. Denn es hat sich einiges getan seit „Die Freiheit einer Frau“ - dem ersten Buch, dass Édouard Louis über seine Mutter schrieb.

„Ich habe nicht entschieden es zu schreiben. Es war nicht meine Idee. Noch nie hat mir das Schreiben so große Freude bereitet.“

Unbedingte Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 29.01.2025

Wow - das allerschönste Buch über den Sinn des Lebens, das ich bisher gelesen habe!

Sonnenhang
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Katharina ist Ende dreißig und fühlt sich unvermittelbar, denn sie hat seit nunmehr sechs Jahren keine richtige Beziehung mehr geführt - aber dafür einige unausgegorenen Bekanntschaften, die nie lange ...

Katharina ist Ende dreißig und fühlt sich unvermittelbar, denn sie hat seit nunmehr sechs Jahren keine richtige Beziehung mehr geführt - aber dafür einige unausgegorenen Bekanntschaften, die nie lange hielten. Auch die Sache mit ihrem Ex Schnittlauch nagt noch an ihr, denn lange hielt er sie mehr oder minder geheim, stand nicht zu ihr. Daher lebt sie seitdem Schluss ist mit dem Gefühl, dass es gar keine richtige Beziehung gewesen war und die Trennung von daher unnötig. Torschlusspanik ergreift sie - wird sie alleine enden?! Sie hadert mit der Hoffnung, doch noch dem Richtigen zu begegnen, denn so langsam muss er ihr doch mal begegnen, oder etwa nicht?! Halt findet sie bei ihren Freundinnen: „Sie lachen und für einen Moment ist Katharina glücklich, weil es guttut, wenn ein anderer Mensch erlebt, was einen selbst oft so nervt, geteiltes Leid ist immer noch das gleiche Leid, aber wenigstens kann man ein paar gemeinsame Witze machen, das ist ja auch schon was.“

Eine unverhoffte Diagnose beim Frauenarzt wirft sie schließlich vollends aus der Bahn: Ihre Gebärmutter muss entfernt werden, sie kann keine eigenen Kinder mehr bekommen. Sie fühlt sich nun leer, unvollständig, wie ein Donut, mit einem Loch in der Mitte. Zusehends verliert sich Katharina in ihrer Situation: „ Sie will sich einfach mal wieder gebraucht fühlen und sie will, dass irgendwas in ihrem Leben sich wie eine gute Idee anfühlt und nicht wie Treibsand.“
Total gelegen kommt ihr also die Chance, sich ehrenamtlich im Seniorenheim Sonnenhang zu engagieren - sie könnte die neue Spässekenulla werden, die vorher für die samstägliche Bespaßung der Bewohner zuständig war, mit ihnen Spiele spielte und viel lachte.
Katharina möchte raus aus ihrem Hamsterrad aus Job und ödem Alltag: „Man sitzt da und wartet, dass etwas passiert, das einen aufweckt, ein Jobangebot bei LinkedIn, eine neue Liebe, ein Todesfall, einmal Ayahuasca mit Julian Zietlow oder so, irgendein Erweckungserlebnis, das einen rausholt.“
Ist es für Katharina möglich, im Sonnenhang ihre Erfüllung zu finden?!

Katharina fehlt es an Rücksicht durch ihre Mitmenschen, sie fühlt sich nicht gesehen und immer wieder kommt ihr ihr fehlender Uterus in den Sinn, ihr Loch, ist sie ein Mensch gewordener Donut?! „Als das Loch noch ganz offen und wund war, hatte sie sich manchmal gewünscht, es wäre sichtbarer, ein riesiges, klaffendes, rundes Loch in ihrem Bauch, durch das man hindurchsehen könnte, als sei sie ein Donut.“

Katharina struggelt mit dem Sinn ihres Lebens, überlegt, ob eine schöne Wohnung auf Teneriffa ihr zu mehr Lebensqualität verhelfen könnte. Doch sie kann ihrem alten Leben und dem was Geschehen ist, nicht entfliehen. „Was man aber kann: vieles überschreiben mit neuen Eindrücken, mit dem Geruch des Meeres, mit Gesprächen mit Menschen, die man noch nie zuvor gesehen hat und vielleicht auch niemals wieder sieht, mit neuen Lieben und neuem Kummer, mit Sorgen, mit Hoffnungen und mit dem unbedingten Willen, weiterzumachen.“

Kathrin Weßling hat ein Buch geschrieben, das zeigt, dass unser Lebensweg nicht immer straight verlaufen muss, um ein glückliches und erfülltes Leben zu führen. Das Glück liegt nicht für alle Menschen im Mutter-Werden und Kinderkriegen, für manche Menschen liegt es auch in zwischenmenschlichen Begegnungen, der Familie (egal ob eigene oder selbst erwählte), in erfüllenden Hobbies und manchmal findet man sein persönliches Glück eben auch an wundervollen Orten wie dem Sonnenhang.
Danke Kathrin Weßling für die humorvollen, ebenso glücklichen wie traurigen, aber immer wunderschönen Lesestunden mit „Sonnenhang“ - es hat mein Herz erfüllt! Es ist für mich das allerschönste Buch über den Sinn des Lebens, das ich je gelesen habe!

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Veröffentlicht am 17.08.2024

Was sind die wahren „Kleinen Monster“ unseren Lebens?! 👹

Kleine Monster
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Jessica Lind wirft mit „Kleine Monster“ die Frage auf, ob Kinder wirklich so unschuldige Wesen sind?!

Ein Vorfall in der Schule führt zu einer Unterredung der Grundschullehrerin mit den Eltern von Lucas. ...

Jessica Lind wirft mit „Kleine Monster“ die Frage auf, ob Kinder wirklich so unschuldige Wesen sind?!

Ein Vorfall in der Schule führt zu einer Unterredung der Grundschullehrerin mit den Eltern von Lucas. Aber wie hat sich der Zwischenfall mit dem Mädchen und ihm - allein im Klassenzimmer - nun wirklich zugetragen?
Pia, Jakob und ihr kleiner Sohn scheinen eine glückliche Familie zu sein - doch der Vorfall (über den wir nur wage Details erfahren) bringt sie in einen Strudel von unglückseligen Verkettungen. Sie werden aus der Klassen-WhatsApp-Gruppe entfernt - ihnen wird die Möglichkeit der Verteidigung ihres Sohnes entzogen.

Es kommen Zweifel in Pia auf - ist ihr Sohn wirklich so unschuldig, wie sie glaubt, oder steckt in ihm vielleicht doch ein „Kleines Monster“?! Hat er alles erzählt von dem Vorfall oder doch etwas verschwiegen? Wie manipulativ kann ein kleiner Junge sein?
Durch die Perspektive der Ich-Erzählerin Pia erfahren wir ihre innere Transformation. Ihr Blickwinkel ändert sich und sie beginnt den Vorfall akribisch unter die Lupe zu nehmen. Sie durchdenkt die kleinsten Kleinigkeiten und wird von einer unerschütterlich liebenden Mutter zu einer mit Skrupeln behafteten Erziehungsberechtigten. Eine Reflektion und Analyse ihrer eigenen Kindheit folgt, in der sie über ihr Verhalten als Schwester nachdenkt und sie zieht Bilanz: Sie erkennt ihre Adoptivschwester Romi in ihrem Sohn wieder, um die sich immer ein Geheimnis wob und spürt eine Verantwortung, es zu lüften.

In einem zweiten Handlungsstrang erfahren wir von Pias Kindheit - wie sie aufgewachsen ist und wie ihr Verhältnis zu ihren Eltern war. Sie ist Älteste von drei Schwestern: Romi war die Mittlere und Adoptivkind, das schon immer eigene Wege ging und die Jüngste, Linda, hat verblüffende Ähnlichkeit mit ihrem eigenen Sohn und ist auf tragische Weise mit nur vier Jahren in einem See in der Nähe des Elternhauses ertrunken.

Diesen Unfalltod würde ich als Herzstück des Romans bezeichnen. Auf traumatische Weise prägt er Pias Beziehungen, ihre Persepektive auf Erziehung und ihren Sinn für Familie.
Sie selbst erfuhr eine stringente Härte in der eigenen Erziehung, geprägt durch Peinigung und Maßregelung (auch für unwichtig anmutende Vergehen) - sie könnte ein Buch über all die Züchtigungen und Strafen schreiben, die ihre Eltern ihr auferlegten. Durch Härte versuchten die Eltern die Kontrolle zu behalten - aber ist das der richtige Weg, oder verliert man sie durch solches Verhalten eher?!
Pia verließ schließlich ihr Elternhaus.

Im Laufe der Lektüre ist mir immer klarer geworden, wie sehr wir von unserer Kindheit geprägt sind - erst recht Pia, deren Trauma ihr ständiger Begleiter ist und die von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Die Quintessenz ist eine ständige Neubewertung von Beziehungen, von Kommunikation (sei es aktuell oder vergangen) und ein Auseinanderklamüsern von Situationen, die mehr im Zentrum unseres Lebens stehen, als wir zunächst dachten.
Was sind die wahren „Kleinen Monster“ unseres Lebens?! Jessica Lind macht klar, dass wir uns in einem ständigen Prozess in Auseinandersetzung mit uns Selbst, prägenden Situationen und Beziehungen in unserem Leben befinden und dass wir auf dem richtigen Weg sind, wenn wir all die Zweifel, Ängste, Ärgernisse zulassen - denn nur so ist eine Weiterentwicklung unseres Selbst möglich und bildet die Basis für Zufriedenheit im Leben.



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Veröffentlicht am 16.08.2024

Wie gewinnt man den Kampf zurück ins Leben?! Daniela Krien lehrt es uns ❤️‍🩹

Mein drittes Leben
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Das war kein einfacher Read für mich - ich habe so ziemlich alle Gefühlszustände durchlebt mit „Mein drittes Leben“ von Daniela Krien.

Eine Mutter verliert ihre einzige Tochter - ein tragischer Verlust, ...

Das war kein einfacher Read für mich - ich habe so ziemlich alle Gefühlszustände durchlebt mit „Mein drittes Leben“ von Daniela Krien.

Eine Mutter verliert ihre einzige Tochter - ein tragischer Verlust, der ihr jegliche Lebensenergie raubt. Der unvorhersehbare Unfalltot stellt sie vor vollendete Tatsachen - sie ist mit einem gänzlich neuen Leben konfrontiert , dem sie sich zunächst nicht stellen möchte - ihrem dritten Leben. Lebensfreude existiert nicht mehr und Linda fragt sich, wie soll es nur weitergehen?

Sie sucht sich einen Rückzugsort, um mit sich und der Welt ins Reine zu kommen - einen Hof. Ein paar Hühner und ein Hund werden zu ihrer Gesellschaft und sie findet zu einem neuen Wohlbefinden.

„Aber hier, in meinem dritten Leben, sind es nicht die Menschen [die mein Leben lebenswert machen]. Es sind die Tiere und die Pflanzen und der Wind und die Bilder der Toten an den Wänden.“

In kleinen Schritten kämpft sie sich zurück ins Leben - ihre Ehe scheitert zwar, aber sie knüpft neue Freundschaften und traut sich aus ihrem Schneckenhaus, sie beginnt zu heilen.

Eins der traurigsten Bücher, die ich bisher gelesen habe. Es gibt lange Strecken in der Lektüre, in der man keine Hoffnung hat für Linda - ich glaube, dieser Umstand macht es zu einem Buch, das nicht alle Leser*innen mögen werden. Aber ich habe es genau dafür ins Herz geschlossen.
Ein Buch, das vermittelt, wie schnell das Leben aus den Angeln reißen kann und Daniela Krien zeigt uns, wie man - Schritt für Schritt - wieder den Weg zurückfinden kann. Letztendlich sind die kleinen Dinge im Leben doch die Wichtigsten - gute Gespräche; die kleinen Oasen, die man sich schafft und die das Leben lebenswert machen oder Menschen und Tiere, die unseren Lebensweg unverhofft kreuzen und zu Freunden werden.
„Mein drittes Leben“ lässt mich tröstlich zurück - mit der Lektüre und dem Leben, danke dafür Daniela Krien!


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