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Christina19

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.05.2025

Intensiv und emotional

Das Schwarz an den Händen meines Vaters
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Motte könnte meinen, sie hätte zwei Väter: Der eine umsorgt und bespaßt sie. Motte mag ihn, allerdings sieht sie ihn nur noch selten. Häufiger trifft sie auf den anderen Vater, der immer dann zum Vorschein ...

Motte könnte meinen, sie hätte zwei Väter: Der eine umsorgt und bespaßt sie. Motte mag ihn, allerdings sieht sie ihn nur noch selten. Häufiger trifft sie auf den anderen Vater, der immer dann zum Vorschein kommt, wenn zu viel Alkohol im Spiel ist. Dieser Vater bleibt oft nächtelang weg, betrinkt sich und verspielt all sein Geld.
Die Sucht des Vaters liegt wie ein dunkler Schatten auf der Familie: Sie beeinflusst das Leben aller Angehörigen, bestimmt Mottes Kindheit und prägt sie bis ins Erwachsenenalter.

„Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ nimmt uns mit in das Leben einer Frau, die mit einem alkoholkranken Vater aufwuchs. Motte, wie sie von ihm genannt wird, ist die Erzählerin, die uns an ihren Erinnerungen teilhaben lässt. In kurzen Kapiteln berichtet sie Episoden aus ihrer Kindheit, ihrer Jugend und aus ihrem Leben als Erwachsene. Die Abschnitte sind dabei nicht chronologisch geordnet, sondern springen in der Zeit vor und zurück. Beim Lesen brauchte ich einige Seiten, ehe ich mich daran gewöhnt hatte und sich für mich allmählich ein Gesamtbild zusammensetzte.
Motte wächst mit zwei älteren Geschwistern auf. Von den drei Kindern scheint sie die innigste Beziehung zum Vater zu pflegen. Dieser, das wird schon bald klar, hat jedoch ein ernsthaftes Alkoholproblem. Was das mit ihm macht, fängt Lena Schätte gekonnt ein: Sie zeichnet den Charakter in all seinen Facetten, sowohl den guten, als auch den schlechten. Da ist der liebevolle (weil nüchterne) Vater, der mit seiner Tochter herumalbert. Und da ist der betrunkene Mann, der nicht mal mehr für sich selbst Verantwortung übernehmen kann. Dass das nicht von ungefähr kommt, zeigt die Familiengeschichte: Auch der Großvater der Erzählerin war Trinker, sodass sich das Muster von Generation zu Generation wiederholt.
Dass eine Suchterkrankung nicht ohne Folgen bleibt, liegt auf der Hand: Jobverlust, Geldmangel und der Ausschluss aus der Gesellschaft sind nur einige der Auswirkungen. Betroffen davon sind jedoch nicht nur die Erkrankten selbst, sondern auch deren engste Angehörige. In diesem Zusammenhang bringt die Autorin Mottes innere Zerrissenheit auf den Punkt. Als Tochter liebt sie ihren Vater, wünscht sich aber auch, er wäre ein anderer gewesen.
„Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ ist ein intensiver Roman, der betroffen macht. Unbedingte Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 27.03.2025

Kindgerechte Reiseabenteuer in den Alpen

OTTO fährt los – Ein Sommer in den Bergen
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Es ist wieder so weit! Otto, der Camper, fährt mit einer neuen Familie auf zu neuen Abenteuern. An Bord sind diesmal Yurika, Christian und ihre Zwillingsmädchen Luzie und Klara. Gemeinsam bereisen sie ...

Es ist wieder so weit! Otto, der Camper, fährt mit einer neuen Familie auf zu neuen Abenteuern. An Bord sind diesmal Yurika, Christian und ihre Zwillingsmädchen Luzie und Klara. Gemeinsam bereisen sie die Berge im Süden Deutschlands, in Österreich und der Schweiz.

Ganz im Stil der beiden schon erschienenen Bücher haben Madlen Ottenschläger und Stefanie Reich mit „Ein Sommer in den Bergen“ den dritten Band ihrer Reihe rund um den Camper Otto herausgebracht. Nachdem zuerst Schweden und anschließend Italien bereist wurden, behandelt der neue Band mit den Alpen nun ein Gebiet, das über Ländergrenzen hinausgeht: Das Gebirge erstreckt sich über Deutschland, Österreich und die Schweiz, die allesamt Eingang in das Buch finden. Gut gefallen mir die Sehenswürdigkeiten, die entlang der Route herausgegriffen wurden, darunter Schloss Neuschwanstein und der Rheinfall. Außerdem finden auch landestypische Köstlichkeiten wie Kaiserschmarrn und Käse sowie besondere Pflanzen, Tiere und traditionelle Feste Erwähnung – eine bunte Auswahl an Highlights also.
Die Geschichte selbst wartet mit einer kindgerechten Sprache auf. Mehrfach werden junge Leser und Leserinnen direkt angesprochen und zum Suchen von Motiven in den Bildern aufgefordert oder zum Erzählen zu bestimmten Themen angeregt.
Die Illustrationen ergänzen den Text perfekt. Sie zeigen idyllische Landschaften, die zum Träumen einladen, und die Familie, wie sie ihre gemeinsame Zeit genießt. So bekommt man beim Betrachten der Bilder richtig Lust auf den nächsten Sommerurlaub!
„Otto fährt los – Ein Sommer in den Bergen“ ist ein empfehlenswertes Kinderbuch für kleine Campingfreunde, Naturliebhaber und alle Abenteurer.

Veröffentlicht am 24.03.2025

Familie Henselmann: Deutsche Architekturgeschichte, Familienleben und Emanzipation, Politikgeschichte

Die Allee
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Als 1959 ein internationaler Ideenwettbewerb für die Umgestaltung des Alexanderplatzes ausgerufen wurde, wurde Hermann Henselmann ausgeschlossen. Dennoch reichte er einen Entwurf für einen Turm ein, der ...

Als 1959 ein internationaler Ideenwettbewerb für die Umgestaltung des Alexanderplatzes ausgerufen wurde, wurde Hermann Henselmann ausgeschlossen. Dennoch reichte er einen Entwurf für einen Turm ein, der nach Weiterentwicklungen verschiedener Architekten und Ingenieure als Fernsehturm seither das Bild Berlins maßgeblich prägt. Doch Henselmanns Karriere startete bereits in den späten 1920er Jahren. Nach seinem Vorbild Le Corbusier verwirklichte er Bauten ganz im Sinne des Bauhauses. Als zuerst die Nationalsozialisten und später die Führungsriege der DDR diese Stilrichtung ablehnte, musste sich Henselmann den neuen Idealen oft unterordnen – ohne jedoch immer wieder modernistische Ideen anzubringen und damit den Fortschritt anzutreiben.
Derweil versuchten seine Frau Isi und seine Tochter Isa ihre eigenen Lebensträume zu verwirklichen, was unter dem herrischen Architekten nicht immer einfach war… .

Hermann Henselmann zählt zu den einflussreichsten deutschen Architekten des vergangenen Jahrhunderts. In diesem Buch, das seine Enkelin Florentine Anders verfasst hat, lernt man ihn in vielen Facetten kennen. Daneben begleitet man mit Isi und Isa zwei Frauen aus seinem engsten familiären Umfeld bei ihrer Emanzipation.
Geprägt durch das Bauhaus zeichnen sich Henselmanns Ideen durch eine radikal modernistische Formgebung aus. In der DDR soll er sich jedoch den sozialistischen Vorstellungen der Politführung beugen. Man erfährt, dass er, der zum Chefarchitekten Ostberlins aufgestiegen war und sich in elitären Kreisen bewegte, dennoch immer wieder zukunftsweisende Entwürfe vorlegte. Als Architekt war Henselmann mutig, teils provokativ, angesichts der drohenden Gefahren für Kritiker der DDR-Führung aber auch leichtsinnig. Mehr als nur einmal ist er mit der Staatsführung aneinandergeraten und mehr als nur einmal musste er anschließend um Entschuldigung bitten. Dennoch hat er sich nie vollends unterworfen, sondern weiter in kleinen Schritten daran gearbeitet, seine Vorstellungen anzubringen. So ist es Henselmann selbst wichtig, als Architekt nicht als Produkt der DDR wahrgenommen zu werden, sondern als Gestalter des Landes nach seinen Idealen (S. 292). Von den Gebäuden, die nach seinen Plänen errichtet wurden, sind mir viele gut bekannt, was den Roman sehr anschaulich macht.
Neben seiner beruflichen Laufbahn kann man in „Die Allee“ auch einiges über den Menschen Hermann Henselmann lesen. Dieser war oft voller Jähzorn, konnte von einem Moment auf den anderen völlig ungehalten werden. Als Ehemann und Vater war er damit kein einfacher Charakter. Seine häufigen Affären und die Gewalt, die er gegenüber seinen Kindern anwendete, haben mich beim Lesen sehr betroffen gemacht. Bei all den Vorkommnissen habe ich großen Respekt vor seiner Frau, die immer zu ihm gehalten hat. Gleichzeitig kann ich gut nachvollziehen, dass sie daran arbeitete, ihre eigenen Träume in die Tat umzusetzen und damit aus dem Schatten ihres berühmten Mannes zu treten – nicht immer einfach mit acht Kindern. Unter diesen wiederum ist es vor allem das Schicksal der Tochter Isa, das ergreifend geschildert wird. Gleichzeitig ist es gerade ihr Lebensweg, der nach vielen Tiefpunkten zum Ende des Romans hin Hoffnung schenkt.
Obwohl der Roman der Familie Henselmann gewidmet ist, bietet er auch einen Einblick in die Erlebnisse einer jungen Familie im zweiten Weltkrieg, den Wiederaufbau in der Nachkriegszeit sowie die Gründung und den Zusammenbruch der DDR. Die kurzen Abschnitte, in die das Buch unterteilt ist, folgen dem chronologischen Ablauf der Ereignisse, sodass hier ein Kapitel der deutscher Politikgeschichte greifbar wird.
„Die Allee“ ist ein unglaublich vielschichtiger Roman und hat mich durchweg gefesselt. Große Empfehlung!

Veröffentlicht am 16.03.2025

Eine authentische Reise zu einer mittelständischen Familie in den 1980er Jahren

Bis die Sonne scheint
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Daniel steht kurz vor seiner Konfirmation, als seine Eltern in finanzielle Schieflage geraten. Die Familie mit vier Kindern, von denen er das jüngste ist, bekommt schon bald Besuch von einem Gerichtsvollzieher. ...

Daniel steht kurz vor seiner Konfirmation, als seine Eltern in finanzielle Schieflage geraten. Die Familie mit vier Kindern, von denen er das jüngste ist, bekommt schon bald Besuch von einem Gerichtsvollzieher. Obwohl mit dem Klavier und dem Fernseher die ersten Besitztümer gepfändet werden, hofft Daniel für seine Konfirmation weiterhin auf das Sakko aus blauem Samt und eine große Feier. Doch er hat die Rechnung ohne seine Eltern gemacht, die nicht mit Geld umgehen können…

Das Wichtigste gleich vorab: Dieses Buch hat mich positiv überrascht!
Die Geschichte ist wie eine Zeitreise in die 1980er Jahre in der Bundesrepublik. Aus der Perspektive von Daniel lernen wir dessen Mutter Marlene, seinen Vater Siegfried sowie die drei älteren Geschwister kennen. Die sechsköpfige Familie lebt in einem Eigenheim nahe Bremen, das der Vater geplant und mit viel Eigenleistung verwirklicht hat. Obwohl das Haus noch nicht sehr alt ist, besteht bereits Renovierungsbedarf: Nach starkem Regen tropft es durch das Dach des Bungalows. Damit steht der Bau, wie ich finde, fast schon sinnbildlich für die finanzielle Lage der Familie, die, wie man bald erfährt, problematisch ist – anders ausgedrückt: Familie Hormann ist pleite.
Wie es dazu kommen konnte, zeigen zahlreiche Rückblenden auf. Man lernt hierbei die Großeltern beiderseits kennen, die im zweiten Weltkrieg verschiedene Positionen einnahmen. In der Nachkriegszeit wuchsen Marlene und Siegfried mit ihren jeweiligen Familien unter unterschiedlichen Umständen auf, ehe sie ein Paar wurden und ihre eigene Familie gründeten. Ich mochte es sehr gerne, wie die Rückblenden in die Geschichte eingeflochten wurden, denn Stück für Stück setzt sich dadurch beim Lesen das Gesamtbild der Hormanns zusammen. Somit kann man deren Verhaltensweisen und Entscheidungen, die sie als Erwachsene tätigten, besser einordnen und bewerten.
Wie die beiden mit ihren Finanzen umgehen, kann ich dennoch nicht gutheißen. Marlene und Siegfried lebten stets über ihren Verhältnissen und leisten sich auch nach ihrer Pleite Dinge, auf die sie nach meiner Meinung verzichten sollten. Ob sie den Ernst der Lage nicht wahrhaben wollen oder es ihnen schlichtweg egal ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Was sich aber festhalten lässt: Die Art, wie der Autor seine Figuren agieren lässt, empfinde ich als absolut authentisch. Auch der Handlungsverlauf an sich wirkte auf mich sehr lebensnah. Umso überraschter (und berührter) war ich, als ich im Nachwort erfahren habe, dass dem Roman tatsächlich die Familiengeschichte von Christian Schünemann zugrundliegt, wenn auch aus seiner subjektiven Erinnerung und mit geänderten Namen.
Eine unbedingte Leseempfehlung für „Bis die Sonne scheint“!

Veröffentlicht am 08.02.2025

Inhaltlich und künstlerisch wertvoll

Der Wolfspelz
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Bellwidder Rückwelzer liebt den Wald. Gerne hört er den Vögeln zu, riecht an Blumen und sammelt Brombeeren. Eines Tages vernimmt er das Heulen von Wölfen. Bellwidder, seines Zeichens ein Schaf, bekommt ...

Bellwidder Rückwelzer liebt den Wald. Gerne hört er den Vögeln zu, riecht an Blumen und sammelt Brombeeren. Eines Tages vernimmt er das Heulen von Wölfen. Bellwidder, seines Zeichens ein Schaf, bekommt große Angst, gefressen zu werden und traut sich fortan kaum mehr vor die Tür – bis er beim Nähen einen Einfall hat: Er fertigt sich einen Wolfspelz an und begibt sich damit unter die Wölfe des Waldes. Doch schon bald stellt Bellwidder fest, dass nicht alles ist, wie es scheint….

Die Illustratorin Sid Sharp stammt aus Kanada und hat mit „Der Wolfspelz“ ihr erstes Bilderbuch veröffentlicht. Dieses sticht durch seine Gestaltung unter anderen Kinderbüchern hervor, denn die Geschichte darin ist im Stil einer Graphic Novel verpackt. Kurze Sätze und viel wörtliche Rede in Sprechblasen machen den Text lebendig und regen Kinder zum eigenen Erlesen der Geschichte an. Sid Sharps Bilder zeichnen sich durch kräftige, oft dunkle Farben aus und wirken dadurch mitunter recht düster. Mit vielen Details gelingt es ihr jedoch, die schaurige Atmosphäre aufzulockern, sodass es ein Vergnügen ist, das Buch zu lesen und alle Darstellungen zu entdecken.
Auch inhaltlich hat die Geschichte einen großen Mehrwert zu bieten: Sie führt uns kindgerecht vor Augen, dass es unvernünftig ist, die eigene Persönlichkeit zu verbergen und sich seinen Mitmenschen gegenüber zu verstellen. Oft steckt, wie in Bellwidders Fall, Angst dahinter. Während das Schaf in Sorge davor ist, gefressen zu werden, ist es bei uns Menschen häufig die Angst vor Ablehnung, die zur Anpassung führt. Die Lösung scheint zunächst einfach: Man schneidert sich einen Anzug, der augenscheinlich Sicherheit bietet, am Ende aber doch nicht richtig passt. Das bedeutet in der Folge, sich ein Stück weit selbst aufzugeben und macht somit nicht dauerhaft glücklich. Bellwidder beispielsweise kann in seinem Wolfspelz weder die Vögel, die er so gerne mag, hören noch die duftenden Blumen riechen. Sein Lügenkonstrukt aufrechtzuerhalten, ist für das Tier in der Geschichte wie auch für uns Menschen zudem eine große Last – zumal keine noch so gute Maskerade ewig währt. „Der Wolfspelz“ zeigt uns, dass wahre Freundschaften nur dann entstehen können, wenn man sich seinen Mitmenschen gegenüber öffnet und ihnen vertraut.
Eine wichtige Botschaft, die in einer für mich neuen Art der Gestaltung vermittelt wird: Kein Wunder also, dass „Der Wolfspelz“ im letzten Jahr für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war!