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Veröffentlicht am 21.03.2025

Mord in den Alpen oder wie man lernt, Alpakas zu lieben

Mord mit Talblick
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Larissa und Martin Imhoff planen, eine Familie zu gründen. Dazu wünschen sie sich eine Wohnung im Grünen. Und tatsächlich gelingt es ihnen eine Immobilie zu kaufen, die sie sich nur mit einer liebreizenden, ...

Larissa und Martin Imhoff planen, eine Familie zu gründen. Dazu wünschen sie sich eine Wohnung im Grünen. Und tatsächlich gelingt es ihnen eine Immobilie zu kaufen, die sie sich nur mit einer liebreizenden, alten Dame, so der Makler, teilen müssen. Leider begehen die beiden den folgenschweren Fehler, ihre Nachbarin nicht vor dem Kauf kennenzulernen. Karolina Strobl ist keine nette ältere Frau, nein sie ist Satan persönlich - in Leopardenleggins. Fortan macht sie den jungen Leuten das Leben zur Hölle und sabotiert jeden Versuch, die dringend sanierungsbedürftige Immobilie zu renovieren. Nach zwei Jahren Kampf startet das Paar eine Räumungsklage gegen die renitente Nervensäge. Um Energie für den Kampf vor Gericht zu tanken, reisen die Imhoffs in die Schweizer Berge. Doch auch diese Unternehmung gerät zum Horrortrip, denn Frau Strobl verfolgt die Beiden bis an ihr Urlaubsziel.

„Mord mit Talblick“ von Simon Wasner entpuppt sich als schwarzhumoriger Alpenkrimi. Für mich war es das erste Buch des Autors.

Wozu wäre man fähig in der Situation von Larissa und Martin? Durch einen Immobilienkauf hoch verschuldet, mit einer renitenten Hausmitbesitzerin gestraft, die morgens um vier den Rasenmäher anwirft und die vierteljährliche Eigentümerversammlung regelmäßig eskalieren lässt? Aus dieser Konstellation entwickelt sich ein Drama, das in Mord und Totschlag endet. Aber nicht im Karlsruher Magnolienweg, sondern in Graubünden in den Schweizer Alpen.

Dazu hat der Autor das passende Personal gestaltet, das die abstruse Geschichte überzeugend in Szene setzt. Die Protagonisten, das sind der harmoniesüchtige Versicherungskaufmann Martin, ein vorsichtiger Typ, der stets korrekt gekleidet, durchs Leben schleicht. Seine taffe Frau, die Bio- und Sportlehrerin Larissa, ist temperamentvoll, fit, abenteuerlustig und hat dem Hausdrachen mehr entgegenzusetzen. Womit wir bei Frau Strobl wären, die vermutlich Satan aus der Hölle vertreiben könnte, mit ihren wüsten Drohungen und nervtötenden Aktionen. Weitere skurrile Gestalten, z. B. Kuno, Rentner aus Sachsen, der stets mit der Urne seiner Frau Gertrud unterwegs ist, die Gastgeberin Yvonne, „die irgendwo zwischen fünfunddreißig und mehrfach operiert changierte“ oder der Schriftsteller Daniel Burgstaller, der angeblich mit dem Roman »Bittere irische Herzen auf der kleinen Caféhausterrasse am Ende des Regenbogens« Erfolg hatte. Sie alle treffen in einem Schweizer Chalet, eigentlich einer heruntergekommenen Jagdhütte, aufeinander.

Simon Wasner schreibt flüssig und bildhaft, sodass sich der Leser zwei mit einem menschlichen Kopf Fußball spielende Alpakas durchaus vorstellen kann. Er versteht es glänzend, Spannung aufzubauen und zu halten. Seine Charaktere überzeugen in der aberwitzigen Geschichte und der Fall wird letztendlich aufgeklärt.

Mein Fazit

Hier muss der Leser zum Krimi passen. Wer keinen Sinn für schwarzen Humor, skurrile Situationen oder unkonventionelle Protagonisten hat und stringente Logik schätzt, wird mit „Mord mit Talblick“ nur bedingt glücklich. Wer dagegen Geschmack an abstrusen Konstellationen findet und schräge Typen ohne Vorbehalte akzeptieren kann, wird bei diesem Krimi mit einem Lesegenuss der besonderen Art belohnt.

Ich habe mich bei der Lektüre köstlich amüsiert und freue mich auf ein Wiedersehen mit der Hackebeil schwingenden Vreni und dem Menschen therapierenden Alpaka Richie. Der Cliffhanger am Ende lässt mich auf eine Fortsetzung hoffen.

Von mir gibt es die volle Punktzahl und eine Leseempfehlung an alle Freunde schwarzhumoriger Krimis.

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Veröffentlicht am 13.03.2025

Ein doppelter Bluff

Der zweite Verdächtige
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In der Männerkneipe "Königssohn" findet ein Kellner beim morgendlichen Saubermachen einen Toten. Die alarmierte Kripo kann die Todesursache des jungen Mannes Lukas Wegener, Spitzname Erzengel, nicht feststellen. ...

In der Männerkneipe "Königssohn" findet ein Kellner beim morgendlichen Saubermachen einen Toten. Die alarmierte Kripo kann die Todesursache des jungen Mannes Lukas Wegener, Spitzname Erzengel, nicht feststellen. Nach der Obduktion ist sich Rechtsmediziner Dr. Jarmer sicher, dass das Opfer an einer Überdosis Liquid Ecstasy gestorben ist. Handelt es sich um Suizid, Unfall oder Mord?

Hauptkommissar Berger nimmt mit Jan Staiger den jungen Mann fest, der mit dem „Erzengel“ zusammen im „Königssohn“ war und einen kurzen Streit mit ihm hatte. Rechtsanwalt Rocco Eberhardt erreicht aufgrund der schwachen Beweislage, dass sein Mandant bis zum Prozessbeginn auf freien Fuß gesetzt wird. Vier Monate später stirbt der nächste junge Mann in einer Schwulenkneipe an Liquid Ecstasy. Angeblich war auch er ein Bekannter von Jan Staiger, was dieser entschieden bestreitet. Sein Anwalt wird Opfer eines Shitstorms, den scheinbar ein Schmierblatt ausgelöst hat. In Wirklichkeit steckt ein geheimnisvoller Unbekannter namens Fuzz hinter der Kampagne. Er scheint besessen von seinem Plan, Jan Staiger hinter Gitter zu bringen. Und er schreckt vor nichts zurück, um dieses Ziel zu erreichen.

„Der zweite Verdächtige“ ist der fünfte Band der Justiz-Krimi-Reihe »Eberhardt & Jarmer ermitteln« vom Autorenduo Florian Schwiecker und Michael Tsokos. Das Buch kann ohne Vorkenntnis der Serie gelesen werden.

Nach den Todesfällen beobachten wir Staranwalt Eberhardt bei der Arbeit und lernen dabei die Abläufe in unserem Justizsystem kennen. Wie mir bestätigt wurde, ist die Darstellung zutreffend. Eine Säule unseres Rechtssystems, die Unschuldsvermutung, kommt in diesem Fall bedenklich ins Wanken. Einmal mehr wird gezeigt, wie leicht sich die Öffentlichkeit durch Presse und Soziale Medien manipulieren lässt. Staiger wird als Serienkiller gebrandmarkt, obwohl
er, das nur nebenbei, dieses Kriterium auch im Fall seiner Täterschaft nicht erfüllt. Von Serienmord spricht die Fachliteratur, u.a. das FBI, wenn ein Täter mit zeitlichen Abständen mindestens drei Menschen ermordet. Auf jeden Fall wird der Beschuldigte vorverurteilt und sein Anwalt gleich mit. Unter diesen erschwerten Bedingungen kommen den Ermittlungen von Privatdetektiv Tobi wesentliche Bedeutung zu. So gibt er Hinweise, die Rechtsmediziner Dr. Jarmer und seinen Kollegen von der Toxikologie zu neuen Erkenntnissen führen. Dabei erhalten wir spannende Einblicke in deren Arbeit.

Die Protagonisten haben mich überzeugt, auch der für mich schwierige Hauptkommissar Berger. Ob er, Rocco, Tobi oder Dr. Jarmer, sie alle sind glaubwürdige Charaktere, die sogar über etwas Privatleben verfügen.

Das Autorenduo präsentiert seinen undurchsichtigen Fall gekonnt in einer von Beginn an stimmigen Atmosphäre und schreibt in einem klaren, lockeren Stil, der den Lesefluss unterstützt. Die Fachkenntnis und Recherchearbeit der Autoren heben diesen Krimi aus der Masse hervor.

Mein Fazit

„Was, wenn Staiger ihn die ganze Zeit verarscht hatte und gar nicht das Opfer war, dem man zu Unrecht etwas vorwarf?“(S. 114) Dieser Gedanke beschäftigt Anwalt Rocco Eberhardt lange Zeit und daraus gewinnt die Geschichte einen Teil ihrer Spannung. Die Antwort auf diese Frage erfolgt erst fast am Ende.

Fast von Beginn an hatte ich das Problem, dass mir der Ermittler unsympathisch war und ich ihm nicht traute. Schon wie die erste Verhaftung zelebriert wurde, stieß mir sauer auf. Gleichzeitig war da das Gefühl, etwas zu übersehen. Damit lag ich richtig! Mehr möchte ich nicht verraten, nur dass ich bestens unterhalten wurde und diesen spannenden Justizkrimi genossen habe.
Nachdenklich macht mich die Vorstellung, wie ein Unschuldiger in die Mühlen unseres Rechtssystems gerät. Leider spielen dabei immer noch gesellschaftliche Vorurteile, hier Homophobie, eine große Rolle.

Von mir gibt es die volle Punktzahlung nebst Leseempfehlung. Ich werde mir umgehend die vier ersten Bände besorgen.

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Veröffentlicht am 07.03.2025

Das Böse kommt auf leisen Sohlen

Ginsterburg
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1935. Wir befinden uns in Ginsterburg, einer kleinen verschlafenen Stadt mitten in Deutschland. Nach und nach lernen wir die Einwohner kennen und staunen mit den Kindern über den gerade gastierenden Jahrmarkt. ...

1935. Wir befinden uns in Ginsterburg, einer kleinen verschlafenen Stadt mitten in Deutschland. Nach und nach lernen wir die Einwohner kennen und staunen mit den Kindern über den gerade gastierenden Jahrmarkt. Alles wirkt friedlich, beschaulich, freundlich. Aber die Idylle trügt bereits. Warum sonst denkt die Buchhändlerin Merle, eine überzeugte Sozialdemokratin, beim Anblick ihres Nachbarn, dem alten Smolka, „und hoffentlich redete er dabei nichts Falsches“?
Der alte Verleger Dr. Landauer begeht Selbstmord nach Erscheinen der Nürnberger Rassengesetze und seine Frau verlässt Hals über Kopf die Stadt. Auch Löfingers Lampenladen bleibt verwaist zurück. Luise von Wieland ärgert sich, dass sie deshalb einen Umweg in Kauf nehmen muss. Warum jemand seinen florierenden Laden überstürzt verlässt, kümmert sie nicht.

Auch die Jugendlichen verändern sich. Bruno und Knut, die dreizehnjährigen Zwillinge des Kreisleiters, tragen stolz die Uniform der Hitlerjugend. Ungestraft terrorisieren sie Lolo, Merles Sohn und andere. Gesine, Lothars Freundin, saugt das neue Gedankengut auf wie ein Schwamm.
Derweil quält sich Merle durch Werke von Oswald Spengler und Kuni Tremmel-Eggert, weil sie kennen möchte, was sie ihren Kunden anbieten soll. Die Zahl der erlaubten Bücher schrumpft beständig.

Das Leben in Ginsterburg geht derweil weiter. Vom Haus der Kreisleitung flattern fröhlich die Hakenkreuzfahnen im Wind.

1940 datiert die zweite Momentaufnahme. Deutschland und damit Ginsterburg ist Sieges trunken und wähnt sich nur noch Tage, maximal aber Wochen vom Endsieg entfernt.
Gesine hat es nach Berlin geschafft und dient im BDM als Schaffnerin. Sie ist stolz auf sich, als sie eine jüdische Familie aus der Straßenbahn weist, bedauert nur, nicht strenger gewesen zu sein. Über ihrem Bett hängt jetzt eine Rassentafel.
In Ginsterburg profitieren Kreisleiter Gürckel und Fabrikant Jungheinrich vom System, während Merle gelernt hat, Briefe vom Bund Reichsdeutscher Buchhändler und der Bundesschriftkammer zu fürchten. Außerdem hat sie Angst um Lothar, der jetzt ein hochdekorierter Kampfpilot ist, während Eugen und Bruno bei der Infanterie, Knut bei den U-Booten und der katholische Pfarrer als Militärgeistlicher dienen.

1945. Ginsterburg steht der erste Bombenangriff bevor. Alle Euphorie ist verschwunden. „Opfer müssen gebracht werden“. Diese Phrase wird jetzt auch für die Täter Realität.

Cela va faire mal, das wusste schon der alte Gaukler Jean.

Arno Frank schreibt bildhaft und mitreißend. Ihm gelingt es mühelos, die Atmosphäre und das Ambiente der damaligen Zeit einzufangen. Sein Roman beschreibt das Leben der „normalen“ Leute im Tausendjährigen Reich und fängt die ganze Bandbreite der Gesellschaft ein. Vom schwulen Kinobetreiber, der in Angst lebt bis hin zum Papierfabrikanten, der früher gern Papier für Eichendorffs Gedichte produzierte. Jetzt führt er sich als erfolgreicher Leiter eines kriegswichtigen Betriebs auf. Oder der SS-Arzt Hansemann, der fatal an einen Mengele erinnert. Eingestreute zeitgenössische Dokumente, Gesetze und Erlasse ergänzen die Erzählung.

Noch ein Roman über die SS Zeit und den Zweiten Weltkrieg? Interessiert mich das? Diese Frage kann ich rundum mit Ja!beantworten. Mir gefällt der ruhige, unaufgeregte Stil Arno Franks. Beiläufig erzählt er die Ereignisse, mitunter verbirgt sich das Grauen in einem halben Satz. Da wir alle die Materie kennen, reichen diese Andeutungen völlig aus. Seine Charaktere haben mich weitgehend überzeugt. Ein komplexes Beispiel ist Eugen von Wieland, Redakteur beim Ginsterburger Anzeiger, Sohn eines Helden der Kriege von 1866 und 1871. Teilnehmer des Ersten Weltkriegs. Einst träumte er davon in der „Weltbühne“ Carl von Ossietzkys zu veröffentlichen, später tritt er für eine Villa und einen guten Posten in die Partei ein. Er biedert sich bei den Machthabern an („vernegerte“ französische Armee) und hofft, dass seine frühen Spitzen gegen Goebbels („Humpelstilzchen“) folgenlos bleiben. An seinen jüdischen Schwager Theo verschwendet er kaum einen Gedanken.

Überhaupt zieht sich die negative Haltung gegenüber Juden und Zigeunern durch den Roman. Von glühendem Hass bis zur Gleichgültigkeit sind alle Abstufungen vorhanden. Ein gemeinsamer Sündenbock war schon immer ein gutes Mittel, die Menschen hinter einem starken Anführer zu einen.
Leider fehlt ein Nachwort, das Fakten und Fiktion trennt. Der Pilot Lothar Sieber bspw. hat wirklich gelebt. Sein Grab befindet sich nur ca. 20 km von meinem Wohnort entfernt.

Mir hat der Roman sehr gut gefallen, da er aufzeigt, wie das Böse schleichend Raum gewinnt. Wann ist der Point of no Return erreicht? Was hätten die Ginsterburger 1935 noch unternehmen können, ohne Leib und Leben zu riskieren? Angesichts der aktuellen Nachrichten verspürt man da nicht selbst manchmal den Wunsch nach Rückzug in die eigene kleine Welt? Wie schnell die Lage kippen kann, wie fragil Freiheit und Demokratie sind, daran erinnert uns dieses Buch.

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Veröffentlicht am 23.02.2025

Unschuldiges Justizopfer oder skrupelloser Killer?

Der Gourmet
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Für DS Washington Poe wird ein Alptraum wahr. Ein von ihm überführter und in einem spektakulären Indizienprozess als Mörder verurteilter Starkoch entpuppt sich als Justizopfer. Die angeblich von ihm ermordete ...

Für DS Washington Poe wird ein Alptraum wahr. Ein von ihm überführter und in einem spektakulären Indizienprozess als Mörder verurteilter Starkoch entpuppt sich als Justizopfer. Die angeblich von ihm ermordete Tochter taucht sechs Jahre nach seiner Verhaftung quicklebendig wieder auf. Eine DNA-Analyse beweist ihre Identität. Und DNA kann nicht lügen oder doch?

„Der Gourmet“ ist der zweite Band der Washington Poe – Reihe des britischen Schriftstellers M.W. Craven, der mehrfach, u. a. mit dem Gold Dagger Award, ausgezeichnet wurde. Für mich war es das erste Buch des Autors.

Im Krimi „Der Gourmet“ stellt sich uns folgende Frage: ist der charismatische Starkoch Jared Keaton ein Opfer der Justiz und des hartnäckigen Ermittlers DS Poe? Ist er tatsächlich unschuldig?
Die Beweislage der Verteidiger wirkt überzeugend. Das Wiederaufnahmeverfahren scheint nur noch eine Formalität und Keatons Freilassung eine Sache von Tagen zu sein. DS Poe befindet sich dagegen in einer schwierigen Situation. Er hat einen Unschuldigen hinter Gitter gebracht und soll nun für seinen Fehler büßen.

Und trotzdem. Als erfahrene Krimileserin war ich mir von Beginn an sicher, dass Poe richtig lag und der charismatische Psychopath Keaton schuldig ist. Aber alle Beweise sprechen dagegen. Wie kann eine Tote leben?

M. W. Craven hat einen packenden Krimi geschrieben, der mich schnell gefesselt hat. Die Spannung beginnt im ersten Kapitel und steigert sich bis zum Ende. Unerwartete Wendungen und neue Indizien lassen zu keiner Zeit Langeweile aufkommen. Der Autor schreibt sehr bildhaft, ich sah Poes Hütte im Norden Cumbrias direkt vor mir. Die Protagonisten überzeugen, egal ob Hauptfiguren oder in Nebenrollen.

Washington Poe ist kein einfacher Mensch. Ein Familiengeheimnis hat ihn jahrelang gequält. Mit seiner spröden Art hat er sich wenig Freunde gemacht. Aber Unterstützung benötigt er gerade jetzt dringend. Da trifft es sich gut, dass er sich der Loyalität zweier Koryphäen sicher sein kann. Da ist zunächst die brillante, aber exzentrische forensische Pathologin Estelle Doyle. Sie entdeckt die Substanz im Blut der wieder aufgetauchten Elizabeth, die Poes Team auf die richtige Spur bringen wird. Später kann sie eine Leiche identifizieren, die sich in einem ungewöhnlichen Zustand befindet. Die zweite Koryphäe ist die geniale Datenanalystin Tilly Bradshaw, die Asperger-Züge aufweist, was die Zusammenarbeit mit ihr nicht einfach macht. Poe denkt an einer Stelle über sie „Streiten hatte keinen Sinn. Bradshaw war so logisch, dass sie jedes Mal gewann, sogar wenn sie falschlag.“ Aber die beiden arbeiten erstaunlich gut zusammen und sind ein sympathisches Team. Auch ein paar Kollegen, wie seine direkte Vorgesetzte DI Stephanie Flynn, vertrauen Poe, während ein karrieregeiler DCI ihn unbedingt abschießen will.

Fasziniert hat mich, was ich beim Lesen dieses Krimis alles gelernt habe. Über Reiterdenkmäler, englische Bunker, Laborzentrifugen oder die Reform des britischen Gesetzes im Zusammenhang mit Doppelbestrafung. Ich behaupte schon immer, dass Krimilesen bildet. Craven bestätigt mich.

Fazit

Eine tierquälerische gruselige Szene im ersten Kapitel hat mich kurz zögern lassen, doch wollte ich dem Krimi eine Chance geben. Zum Glück! Für mich ist der Autor eine Neuentdeckung. Er hat das Potenzial, zu einem meiner Favoriten aufzusteigen. Zwar hätte ich auf einige grausame Szenen verzichten können, da sie tatsächlich für den Tathergang wichtig sind, kann ich aber darüber hinwegsehen. Cravens Schreibstil, der britische Humor, seine Charakterzeichnung, der originelle Plot und die vollständige Auflösung haben mich überzeugt. Ich werde mir die beiden anderen in Deutsch erschienen Bände besorgen und mich auf weitere freuen.

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Veröffentlicht am 15.02.2025

Wer frei von Schuld ist ...

Nacht der Ruinen
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März 1945. Köln ist eine geteilte Stadt. Der Rhein bildet die Front, nachdem alle Brücken gesprengt wurden. Während die US Army ihren Teil der Stadt besetzt, geht jenseits des Flusses der Krieg unverändert ...

März 1945. Köln ist eine geteilte Stadt. Der Rhein bildet die Front, nachdem alle Brücken gesprengt wurden. Während die US Army ihren Teil der Stadt besetzt, geht jenseits des Flusses der Krieg unverändert weiter. Lieutenant Joe Salmon wird nach Köln abkommandiert, wo er vor 24 Jahren als Joseph Salomon geboren wurde. Colonel Patterson erteilt ihm einen Geheimauftrag. Joe soll herausfinden, wer den vor einer Woche mit einem Fallschirm abgesprungenen Bomberpiloten Rohrer ermordet hat. Ein nahezu aussichtsloses und gefährliches Unterfangen. Doch der Lieutenant folgt insgeheim seiner eigenen Agenda.

Cay Rademacher hat neben seiner erfolgreichen Provence-Reihe mit Capitaine Roger Blanc als Ermittler, bereits mehrere historische Kriminalromane geschrieben. Nach Méjean, Hamburg und dem Ozeanliner Champollion ist dieses Mal Köln der Schauplatz der Ermittlungen.

Wie viele andere junge Emigranten aus Deutschland und Österreich (insgesamt ca. 9000), hat Lieutenant Salmon eine Spezialausbildung in Camp Ritchie, Maryland, absolviert, die ihn auf den Einsatz in Europa vorbereitet hat. Wir begleiten Joe, der meist mit dem englischen Kriegsreporter Eric Arthur Blair, später berühmt als George Orwell, unterwegs ist und sehen die zerstörte Stadt durch seine Augen.Obwohl er wütend auf die „Jerrys“ ist, die das Vermögen seines Vaters gestohlen und so viel Leid über ihn und die Seinen gebracht haben, kann er sich dem herrschenden Elend nicht ganz entziehen. Von Köln und seiner Bevölkerung ist nur wenig übrig. Zweieinhalb Wochen wird seine Suche dauern, die ihn nachhaltig verändern wird.

Cay Rademacher schreibt flüssig und bildhaft. Er lässt vor den Augen seiner Leser das zerstörte Köln wieder erstehen. Die düstere bedrückende Atmosphäre, die der damaligen Zeit angepasste Sprache und die Beobachtungen des Lieutenants schaffen ein Ambiente, das fesselt. Die umfangreiche Recherchearbeit des Autors ist in jedem Kapitel spürbar. Auftritte bekannter Zeitgenossen wie Hans Habe, ebenso ein „Ritchie Boy“ wie Joe Salmon, Konrad Adenauer, der vor und nach dem Tausendjährigen Reich, Kölns Oberbürgermeister war oder die Schriftstellerin Irmgard Keun, lassen den Roman noch authentischer wirken. Eine besondere Rolle kommt George Orwell zu, der, obwohl seit dem Spanischen Bürgerkrieg gesundheitlich schwer angeschlagen, seine Tätigkeit als Kriegsreporter nicht aufgeben will. „Kriege sind eine Aneinanderreihung schäbiger Kompromisse“ resümiert er seine Beobachtungen.

Rademachers Charaktere sind glaubwürdig und spannend. Ob Joe, der zwischen Vergangenheit und Gegenwart gefangen, erfahren muss, dass nicht alles entweder Schwarz oder Weiß ist, Hilda, die kühle Schönheit, schwer durchschaubar nicht nur für Joe, Jakub, der vielseitig begabt, einmal zu oft auf seine „Chuzpe“ vertraut hat oder Irmgard Keun, eine unangepasste Überlebenskünstlerin, die scheinbar allen Widrigkeiten trotzt.

Das Erzähltempo ist eher gemächlich, die Spannung baut sich allmählich auf, aber gegen Ende des Romans, mochte ich nicht mehr mit dem Lesen aufhören.

Ich habe diesen Roman gern gelesen.Er hat mir diese Zeit näher gebracht, vor allem das Leben der Zivilbevölkerung, das mich besonders interessiert hat. Ihre Hoffnungen, Erfahrungen, Ängste, ihre pragmatischen Lösungen (Treibstoffbeschaffung), der alles bezwingende Überlebenswille.

Einiges war mir neu, wie die Ritchie Boys oder der Tunnel unter dem Rhein. Ich durfte den Fotografen Hermann Claasen kennenlernen und habe, neben anderen, auch sein historisches Foto der Madonna von St. Kolumba gefunden, die eine Rolle im Roman spielt.

Historische Ereignisse, raffiniert in eine fiktive spannende Ermittlung verpackt, dieses Konzept ist Cay Rademacher mit diesem Roman vortrefflich gelungen. Einmal mehr fand ich meine Meinung bestätigt, dass gut recherchierte Romane über die Kriegszeiten, zur besten Friedenspropaganda gehören.

Meine Leseempfehlung geht an alle, im Besonderen an die, die sich für Geschichte interessieren.

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