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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.02.2025

Beeindruckend

Death in Brachstedt
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Eine Woche vor Ostern verschwindet Leos Vater. Das ist selbst für ihn etwas schräg, denn diesmal hat er nicht mit Leo darüber gesprochen. Als sich seine Tante Lisa meldet und sagt, dass er, zwar etwas ...

Eine Woche vor Ostern verschwindet Leos Vater. Das ist selbst für ihn etwas schräg, denn diesmal hat er nicht mit Leo darüber gesprochen. Als sich seine Tante Lisa meldet und sagt, dass er, zwar etwas derangiert, aber putzmunter, bei ihr aufgetaucht ist, beschließt Leo, mit seinem besten Freund Henri einen Film zu drehen. Dafür nutzen sie das heruntergekommene Hotel von Henris Onkel. Eine Kette von absurden Geschehnissen beginnt und steuert auf ein unausweichliches Ende zu.

Es macht trotz aller immer wieder auftauchenden tragischer Momente Spaß, Leo und Henri diese Woche zu begleiten. Auch wenn ich längst kein Teenager mehr bin, erinnere ich mich sehr gut an die Zeit, als ich selbst 15 war. Man ist kein Kind mehr, aber auch nicht erwachsen und alles ist überdeutlich, immens intensiv und genauso überwältigend schön, wie auch erschreckend. Mit der beginnenden Demenz des Vaters konfrontiert zu sein, ist eindeutig zu viel für dieses Alter, zumal Leos Mutter bereits gestorben ist. Daher hat mich vieles sehr bewegt und ich wollte so gern für Leo da sein.

Ich bin mir nicht sicher, wie die Zielgruppe mit diesem Thema umgehen kann, zumal diese Krankheit hier nicht wirklich erklärt wird. Meiner Meinung nach besteht deshalb Redebedarf. Trotzdem ist das Buch wunderbar gelungen. Andererseits habe ich in diesem Alter ähnlich schwere Themen am liebsten gelesen und kam damit klar. Insofern möchte ich nicht überbehütend sein.

Schön ist, wie Leo auch zu Gefühlen wie Angst und Liebe steht. Sehr schön ist, wie der Autor zeigt, was Freundschaft bedeutet. Dass die Jungs sich mit dem Filmprojekt und der Party ablenken, kommt sehr gut rüber, ohne dass es besonders betont werden muss. Wichtig finde ich auch, dass Leo die Hoffnung und den Lebensmut nicht verliert. Daher kann ich das Buch vollumfänglich sehr empfehlen.

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Veröffentlicht am 22.02.2025

Recht, Gerechtigkeit, Moral, Ethik

Dunkle Momente
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Eva Herbergen, Strafverteidigerin aus Überzeugung, erzählt von neun ihrer Fälle, die so eindeutig scheinen, aber doch gar nicht sind. Sie erzählt von den Schaltern, die umgelegt werden müssen, damit ein ...

Eva Herbergen, Strafverteidigerin aus Überzeugung, erzählt von neun ihrer Fälle, die so eindeutig scheinen, aber doch gar nicht sind. Sie erzählt von den Schaltern, die umgelegt werden müssen, damit ein Mensch so handelt, wie man es ihm gar nicht zutraut. Und sie erzählt davon, dass Recht und Gerechtigkeit manchmal unterschiedliche Dinge sind.

Ist es ein Zufall, dass die Autorin dieselben Initialen hat, Professorin für Strafrecht und Richterin am Sächsischen Verfassungsgericht ist? Zumindest merkt man, dass sie weiß, wovon sie erzählt und sich mit dem Recht und den Vorgängen extrem gut auskennt.

Es geht mir sehr unter die Haut, wie still und ruhig sie ganz sachlich alles schildert und damit doch dafür sorgt, dass man Dinge, über die man zuvor eine feste Meinung hatte, plötzlich ganz anders sieht. Man möchte nicht hinsehen, kann aber nicht wegsehen und man weiß, dass man nie wieder ein Verbrechen vorschnell einordnen und den Täter innerlich verurteilen wird. Man wird von nun an immer die Hintergründe, die äußeren Umstände und die Faktoren, die zur Tat führten, genau kennen. Und weil Elisa Hoven gründlich ist, setzt sie beim einen oder anderen Fall einen weiteren Twist ein, der das gerade Gelernte wieder ins Wanken bringt.

Das Buch hat eine unbeschreibliche Wirkung auf mich. Das hatte ich noch nie zuvor auch nur ansatzweise in dieser Intensität. Das liegt nicht zuletzt an den Überlegungen, die Elisa Hovens Protagonistin, aber auch ihre Nebenfiguren anstellen. So viele Sätze, auf die ich mit heftigem Nicken und auch immer wieder auch in Worte gefasste Zustimmung reagiert habe! Das mag sich seltsam anhören, aber das reißt alte Wunden erst auf und hilft dann, sie sauber verheilen zu lassen.

Obwohl die Autorin vom Fach ist, wirft sie nicht mit Fachchinesisch um sich, sondern spricht eine klare, deutliche Sprache, die auch versteht, wer nichts mit der Justiz zu tun hat. Das rechne ich ihr besonders hoch an. Sie muss nicht mit ihrem Wissen und Können prahlen, sonders begibt sich auf Augenhöhe mit dem Leser und im Grunde auch mit allen Tätern, über die sie erzählt. Sosehr sie für das genaue Hinsehen plädiert, so wenig verlangt sie, Verbrechen zu verharmlosen. Und sie gibt zu, selbst nicht perfekt zu sein und immer wieder Fehler zu machen. Ich bewundere ihre Stärke sehr. Das Ende stimmt ein klein wenig versöhnlich, krönt die vorherigen Fälle aber auch. Sehr gut gelungen! Fünf Sterne!

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Veröffentlicht am 18.02.2025

Zwischen Platte und Glamour

Achtzehnter Stock
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Wanda lebt mit ihrer fünfjährigen Tochter Karlie zur Miete in eine Platte im achtzehnten Stock. Die Wohnung gehört ihrem Onkel Pawel, der in Krakau jedem von seinem Zweitwohnsitz mit Blick auf den Fernsehturm ...

Wanda lebt mit ihrer fünfjährigen Tochter Karlie zur Miete in eine Platte im achtzehnten Stock. Die Wohnung gehört ihrem Onkel Pawel, der in Krakau jedem von seinem Zweitwohnsitz mit Blick auf den Fernsehturm erzählt. Sie ist Schauspielerin, aber seit einem Werbespot ohne Engagement. Ausgerechnet, als sie bei einem Casting Glück hat, wird Karlie krank.

Erzählt wird hier die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, die zu stolz ist, Hilfe anzunehmen. Sie will um jeden Preis alleine für sich und die Tochter sorgen können. Dabei übersieht sie die Grenze des Möglichen und bringt sich und das Kind mehr als einmal in große Gefahr. Es ist nicht leicht, immer alles richtig zu machen, doch Wanda macht einige Fehler, die nicht sein müssten. Dazu kommen Fehler, die andere machen, deren Folgen sie aber ausbaden muss. Obwohl sie mitten in einem sozialen Brennpunkt lebt, verhält sie sich, als sei sie besser als der Rest der Bewohner. Das geht soweit, dass sie die Nachbarin, die ihr immer und immer wieder hilft, nur als Aylins Mutter bezeichnet und ihren Namen nicht kennt.

Trotz allem mag man Wanda und möchte, dass sie glücklich wird, es schafft, alle Probleme meistert. Doch die Platte ist mächtig und es liegt nur an ihr, diese Macht schlau zu nutzen. Die kleine Karlie ist für mich die stärkste und schlauste Figur im Buch. Sie ist einfach nur bewundernswert und in vielen Dingen ihrer Mama weit voraus. Ich hab sie emotional an der Hand genommen. Um mich oder sie zu stützen, ist nicht ganz klar. Ja, dieser Roman ist wirklich hart und rau und schön, er geht tief und hallt lange nach. So sehr, dass ich die kleine Hand von Karlie noch immer nicht loslassen möchte! Fünf Sterne.

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Veröffentlicht am 17.02.2025

Ein ganz besonderer Geburtstag

Das Fest
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Jakob war mal ein gefeierter Filmregisseur, doch es ist sehr still um ihn geworden. Sein 50. Geburtstag steht vor der Tür und er meint, nichts zu feiern zu haben. Schließlich ist er grau geworden, beziehungsunfähig, ...

Jakob war mal ein gefeierter Filmregisseur, doch es ist sehr still um ihn geworden. Sein 50. Geburtstag steht vor der Tür und er meint, nichts zu feiern zu haben. Schließlich ist er grau geworden, beziehungsunfähig, ideenlos, erfolglos. Doch seine beste Freundin Ellen zerrt ihn mit ins Schwimmbad, in dem er früher so gern war. Hier beginnt eine Kette erstaunlicher Zufälle, die ihn durch sein Leben und zu Menschen führt, die er liebte, aber durch den Lauf des Lebens verloren glaubte.

Der Roman ist tief melancholisch, aber auch urkomisch. Es ist umwerfend, wie viele wunderbare Sätze fallen, die nahezu schon philosophisch sind, aber den Nagel immer voll auf den Kopf treffen. In zig Momenten kommt man nicht umhin, mindestens innerlich heftig mit dem Kopf zu nicken und sogar über sich selbst zu schmunzeln. Ja, man erkennt, wenn man rund um Jakobs Alter ist, sehr vieles aus dem eigenen Leben. Das ist herrlich schräg, aber auch wunderbar tröstlich. Es ist einfach erstaunlich, wie viel Lucy Fricke mit diesem kurzen Roman erzählt und aufzeigt. Sie beweist, dass vieles, das ungesagt ist, enorm vielsagend sein kann.

Auch wenn ich sehr früh eine Ahnung hatte, wie die Reise enden wird, hatte ich enorm viel Spaß auf dem Weg dahin. Die Autorin bedient sich einer eleganten, aber unverschnörkelten Sprache. Sie bringt die Dinge auf den Punkt, ohne dabei plump zu werden. Und genau damit öffnet sie auch Augen und Herzen. Man lernt auf der Reise durch Jakobs Leben ihn und seine Vergangenheit kennen und findet ihn von Mal zu Mal sympathischer. Aber auch die Menschen, denen er begegnet, schließt man ins Herz. Sie selbst haben ebenfalls ihre Geschichten, die sie Jakob erzählen. Vielleicht hat er exakt das gebraucht, um endlich mal weniger mit sich selbst beschäftigt zu sein und im Selbstmitleid zu versinken. Es passt sehr schön dazu, dass ihm bei jeder Begegnung ein Missgeschick widerfährt, das recht schmerzhaft ist. Nein, lustig ist es nicht, wenn sich jemand verletzt, das Gesamtbild und der Symbolwert hier aber sind so stimmig und schön, dass man da auch mal etwas schmunzeln darf.

Vielleicht muss man im ähnlichen Alter wie die Figuren sein, um das Buch so zu lieben, wie ich es mache. Auf alle Fälle bin ich super happy, dass der kleine Roman in mein Leben gefunden hat. Er ist großartig. Ganz klare fünf Sterne!

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Veröffentlicht am 16.02.2025

Manchmal beginnt das Leben mit 30

Klapper
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In der Gegenwart: Thomas, genannt Klapper, ist gerade 30 Jahre alt und lebt noch immer mit den Möbeln aus seinem Jugendzimmer in einer Einzimmerwohnung. Obwohl er mal so ambitioniert war, ist er in seinem ...

In der Gegenwart: Thomas, genannt Klapper, ist gerade 30 Jahre alt und lebt noch immer mit den Möbeln aus seinem Jugendzimmer in einer Einzimmerwohnung. Obwohl er mal so ambitioniert war, ist er in seinem Job nicht weit gekommen. Er hangelt sich durchs Leben. Zufällig öffnet er mal wieder sein ehemaliges Lieblingsspiel Counter Strike und stolpert dabei über das User-Profil seiner Freundin Vivi Meier, genannt Bär, aus Jugendtagen. Seine Gedanken gehen zurück in die Zeit, als er 16 war.

Klapper ist das, was man einen Nerd oder einen Loser nennen könnte. Seine Helden sind Oliver Kahn und Til Schweiger, also echte Kerle, die sich nichts gefallen lassen und immer einen Ausweg finden. Alles, was er nicht kann. Er trägt Shirts von Metal-Bands, einen langen dunklen Mantel, hat keine sozialen Kontakte, bemüht sich aber auch nicht darum. Daher ist es ein echter Schock für ihn, als eine neue Schülerin in die Klasse kommt und die sich ausgerechnet den Platz neben ihm aussucht. Schnell stellt sich heraus, dass auch sie, die sich Bär nennt, nicht ins Schema der restlichen Klassenkameraden passt, obwohl sie sich nicht ganz so abschottet, wie Klapper. Ganz langsam freunden sich beide an. Counter Strike ist ihre gemeinsame Basis. Aber nicht nur das. Im Laufe der Zeit stellt sich heraus, dass beide in ihrem Zuhause nicht so behütet sind, wie es scheinen mag. Beide Elternpaare haben ihre Probleme. Klappers Eltern im sozial schwächeren Teil der Stadt, Bärs Eltern im Wohlstandsviertel.

Hin und wieder machen wir einen Abstecher in die Gegenwart. Es zeichnet sich schnell ab, dass Klapper tatsächlich irgendwie in seiner Jugend hängengeblieben zu sein scheint. Die Zeit um 15 ist besonders prägend. Auf gewisse Weise wirkt das, als würde er etwas Bestimmtes festhalten wollen. Beruflich hängt er fest, da läuft es eher schlecht. Privatleben hat er auch nicht wirklich. Man merkt schnell, da liegt etwas im Argen. Ganz langsam klärt sich auf, wie es zu dieser Situation kommen konnte und man fragt sich, warum Klapper nicht endlich aufwacht und aus dem Hamsterrad ausbricht.

Das Buch wirkt so harmlos und teils meint man, das Leben von Klapper sei einfach nur langweilig. Man braucht viel Feingefühl, um zu erkennen, was wirklich los ist. Man hofft, dass eine Initialzündung Klapper dazu bewegt, etwas zu ändern. Diese kommt auf völlig unerwartete Art und wie die Folgen sein werden, bleibt der Phantasie und Interpretation des Lesers überlassen. Sehr eindrucksvoll erlebt man dabei, wie prägend das Elternhaus ist, wie schwerwiegend die Folgen, wenn die Eltern psychische Probleme haben, Alkoholiker sind oder sonst irgendwie nicht funktional sind. Man fragt sich, hinter welcher Tür in der Nachbarschaft genauso viele Geheimnisse stecken, wie bei Bär und Klapper. Da denke ich an den Spruch meiner Mutter: Unter jedem Dach ein Ach.

Der Roman geht tief und hat so viele kleine versteckte Hinweise, dass man am Ende am liebsten von vorne beginnen möchte, um zu finden, was man zuvor übersehen hatte. Auf so wenigen Seite hat Prödel so viel untergebracht, ohne es zu zerreden oder im Detail zu schildern. Großartig gelungen! Fünf Sterne!

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