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Veröffentlicht am 28.02.2025

Schwere Bürden

Heimweh im Paradies
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Ein Schriftstellerfürst und Nobelpreisträger zu sein, ist eine schwere Bürde, über ihn ein Buch zu schreiben sicher auch. Martin Mittelmeier hat es gewagt und die Emigration Thomas Manns, seine Befindlichkeiten ...

Ein Schriftstellerfürst und Nobelpreisträger zu sein, ist eine schwere Bürde, über ihn ein Buch zu schreiben sicher auch. Martin Mittelmeier hat es gewagt und die Emigration Thomas Manns, seine Befindlichkeiten und die um ihn herum tanzenden Engel und Faune zu beschreiben.
Thomas Mann ist einer von vielen deutschen Künstlern, die die USA auserkoren haben für die Emigration und einer von wenigen, denen sie auch vortrefflich gelungen ist. Nicht jeder deutsche Künstler ist ein Fürst seiner Profession, viele können den Abstieg oder den Absturz nicht verhindern. Thomas Mann, der in den Sog der kalifornischen grellen Sonne und zu den Stränden des unendlichen Pazifiks gezogen wurde, nachdem er zuerst an der Ostküste sein Emigrantenglück versuchte, ist so etwas wie das Aushängeschild des unanfechtbaren, höheren Wesens deutscher Kultur. Er gibt es ungern zu, aber er sonnt sich in seiner Berühmtheit und seiner Bekanntheit ebenso, wie in seiner Arbeitswut. Auch schwere Krankheit wird ihn nicht am Schreiben hindern, oder nur kurz. Seine Frau Katia, das unermüdliche Wesen im Hintergrund, erträgt alles, als wäre sie in höheren Sphären. Bewundernswert.
In Pacific Palisades ist Mann zwar in der Mitte, aber nicht immer im Mittelpunkt seiner Emigrantenfreunde wie auch -feinde. Partys werden besucht, Klatsch und Tratsch verteilt, böse Worte und Verrisse zumeist hinter dem Rücken der Betroffenen. Man trifft sich, man liest, man redet, man reist. Kein leichtes Leben für einen Star. Noch dazu mit Kindern, die bisweilen nicht nach seinem Gusto handeln, anders ticken als er und er sich doch wie in einem Spiegel bisweilen wiedererkennt.
Mittelmeier versucht, alles in einer Art ironischer Konversation an den Leser zu bringen, dass er dabei seinem offensichtlichen Idol Mann nacheifert und manchmal recht umständlich auf den Punkt kommt, hat mich beim Lesen hin und wieder ermüden lassen. Sprache und Schreibstil ließen mich mit diesem Buch leider nicht richtig warm werden. Und das, obwohl eines meiner liebsten Bücher Der Zauberberg war und ist. Ich habe mich schon recht ausführlich mit dem Leben von Thomas Mann und seiner Familie, mit Biografien von anderen Emigranten, mit Emigration ganz allgemein beschäftigt und hatte mir von diesem Buch gerade in Bezug auf Thomas Mann mehr erhofft.
Zu den Quellen: Recht ungewöhnlich, diese umfangreiche Sammlung auf die Internetseite des Verlages auszulagern. Die Mühen der Recherche werden sicher nicht jeden Leser erreichen. Mir wären Fußnotenzahlen und ein Anhang im Buch viel lieber gewesen. Wer macht es denn wie ich und druckt sich das aus? Wer legt die vielen Seiten beim Lesen im Bett auf den Nachttisch? Aus meiner Sicht keine gute Idee. Zudem wären zumindest vorangestellte Seitenzahlen im Quellenverzeichnis hilfreich gewesen, so hat man zwar die Kapitelüberschrift als Anhalt, muss aber trotzdem suchen. Dass der Verlag diese Quellen nicht einmal druckfreundlich im pdf-Format anbietet, ist nachlässig. Die Zusendung wird zwar per Post angeboten, aber auch das wäre nur schön, wenn es im Format des Buches gedruckt wäre und man es einlegen könnte. Übrigens hätte auf Seite 187 das einzige Gendersternchen im Buch auch noch vermieden werden können. Dieser Fauxpas passt nicht zum Schöngeist Thomas Mann.
Zum Titel: Heimweh im Paradies, das ist ein sehr getrübtes Gefühl angesichts des Krieges und der späteren Enthüllungen über den Holocaust. Mann wird lange brauchen, um nach Europa zurückzukehren, in Deutschland jedoch wird er nicht wohnen.
Zum Schutzumschlag: es ist pastellfarben, unaufgeregt, endlos, paradiesisch. Der Titel ist prominent, grün, wie die Farbe der Hoffnung. Die anderen Texte vorn und hinten und auf den Klappen überwiegend in einem Rot-Orange, das auf dem blassblauen Untergrund sehr schwer lesbar ist. Einziger Hingucker ist ein nachträglich aufgeklebter Button, von Saša Stanišić bekommt das Buch viele Vorschusslorbeeren: „Geistreich, komisch und mit lässigem Ernst.“
Zur Typografie: sie passt ausgezeichnet zum klassischen Thema und zu Thomas Mann. Die Schrift ist nicht besonders groß, liest sich aber durch den verwendeten Durchschuss sehr gut. Das Papier hat eine angenehme Farbe, aber auch die Angewohnheit, Druckfarbe aufzusaugen, etwas mehr Schwarz hätte die Lesbarkeit des Fließtextes noch erhöht. Das Grau der Überschriften empfinde ich hingegen als angenehm, 100 % Schwarz wären hier wieder zu viel.
Fazit: Ein interessantes Thema, für mich etwas zu „verkopft“ und langatmig geschrieben. Trotzdem ein schönes, kleines Buch, das ich immer mal wieder in die Hand nehmen werde, um Details nachzulesen. Davon beinhaltet es jede Menge. Insgesamt gute drei Sterne.

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Veröffentlicht am 18.02.2025

Sehr speziell

Russische Spezialitäten
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Es ist das erste Buch, das ich von Dmitrij Kapitelman gelesen habe. Das interessante Wirrwarr der Beziehungen, politischen Meinungen und russischen Einflüsse, die nicht nur seine Mutter sondern auch er ...

Es ist das erste Buch, das ich von Dmitrij Kapitelman gelesen habe. Das interessante Wirrwarr der Beziehungen, politischen Meinungen und russischen Einflüsse, die nicht nur seine Mutter sondern auch er und alle anderen ertragen müssen, ist schwer zu durchdringen. Kapitelmans Schreibstil ließ mich nicht eins werden mit diesem Roman, der ja auch ein Zeitzeugnis ist und sein will. Ich kenne das Leipzig von Anfang der 1970er Jahre, da lebten dort noch viele russische Soldaten in Kasernen, es gab das магазин, wir nannten es Russenladen. Ich ging dort nur wegen der schönen Bonbons hin, mehr konnte ich mir als Lehrling auch nicht leisten. So ähnlich wird es im Kapitelmanschen Spezialitätenladen auch sein.
Das tägliche Thema Ukrainekrieg macht es einem schwer, darüber mit Lächeln und Ironie zu reden bzw. zu lesen, schlimmer noch, russische und ukrainische Propaganda ertragen zu müssen, wenn man tausendsechshundert Kilometer entfernt ist von Bomben, Drohnen, Panzern und Mordmaschinerie. Für mich ist dieses Buch leider das falsche Buch zur falschen Zeit.

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Veröffentlicht am 11.02.2025

Im Dreieck von Liebe, Verlust und Hoffnung

Rückkehr nach Budapest
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Nikoletta Kiss erzählt die komplizierte Geschichte von Márta, Theresa und Konstantin, aber auch von Mártas Familie in den 1980er Jahren in Ungarn und der DDR. Die Ich-Erzählerin Márta erinnert sich an ...

Nikoletta Kiss erzählt die komplizierte Geschichte von Márta, Theresa und Konstantin, aber auch von Mártas Familie in den 1980er Jahren in Ungarn und der DDR. Die Ich-Erzählerin Márta erinnert sich an Ereignisse und Gefühle, die lange zurückliegen, aber immer noch schwer zu durchschauen sind. Sie besuchte Ostberlin, fühlte sich hin- und hergerissen. Als Theresa Jahre später stirbt, kommen bei Márta die Erinnerungen ungefiltert zurück. Mártas Ehemann András fällt es nicht leicht, das Seelenchaos zu ertragen.
Besonders das, was nicht ausgesprochen wurde und wird, liegt allen - auch später - schwer im Magen. Theresa war die Exzentrische, Konstantin der Rebell, Márta musste sich abnabeln, auch von ihren Eltern, wenn sie nicht untergehen wollte.
Es ist ein Wechselspiel, keine leichte Lektüre, die wechselnden Zeitebnen und vielen Episoden machten es mir nicht leicht. Erst ganz am Ende, das ich hier nicht vorwegnehmen will, wirkt das Buch ruhiger und auch auf mich irgendwie beruhigend.

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Veröffentlicht am 17.01.2025

Der fünfte Fall

Grenzfall – Ihre Spur in den Flammen
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Dieser fünfte Fall ist für mich der erste „Grenzfall“, den ich las, und ich muss leider sagen, er war recht verwirrend. Ein Autounfall, in dessen Folge ein Mensch verbrennt und einer spurlos verschwindet, ...

Dieser fünfte Fall ist für mich der erste „Grenzfall“, den ich las, und ich muss leider sagen, er war recht verwirrend. Ein Autounfall, in dessen Folge ein Mensch verbrennt und einer spurlos verschwindet, es folgen Ermittlungen und viele Interpretationen des Geschehens. Und es folgen weitere Brände. Da hinein gerät Alexa und es muss auch ihr Vater Krammer hinzugezogen sein. Zwischendurch gibt es nebulöses „Zuvor“.
Aber auch viele Rückblicke. Die beziehen sich auf Ereignisse aus den ersten vier Teilen, so dass dem Leser eine gewisse Vorbildung fehlt. Ich würde empfehlen, beim ersten Band anzufangen. Das fünfte Buch ist definitiv als Einzelbuch für mich nicht das Richtige.
Der Schreibstil ist leichtgängig und man kommt gut voran, die Dialoge sind gut gewählt, so dass sie nicht zu lang werden. Die Charakteristik der Protagonisten ist recht unterschiedlich und lebhaft, ich fand aber keinen, der mir sonderlich ans Herz gewachsen ist beim Lesen.
Die Grenzfälle der Anna Schneider kommen etwa im Jahresrhythmus auf den Markt, der letzte und sechste Fall ist für 2026 angekündigt. Ich glaube, dass es dann auch gut ist mit den Fällen von Alexa Jahn und Bernhard Krammer.

GrenzfallIhreSpurindenFlammen

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Veröffentlicht am 16.01.2025

10. Fall für Commissario Grauner – Rente in Sicht?

Ein Schimmern am Berg
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Bisher habe ich alle Fälle von Commissario Grauner gelesen, aber mir scheint, Lenz Koppelstätter sollte seinen mahlerliebenden Protagonisten doch bald in Rente gehen lassen. Die Fälle werden nicht mehr ...

Bisher habe ich alle Fälle von Commissario Grauner gelesen, aber mir scheint, Lenz Koppelstätter sollte seinen mahlerliebenden Protagonisten doch bald in Rente gehen lassen. Die Fälle werden nicht mehr unterhaltsamer, sondern ziehen sich unter teils merkwürdigen Verrenkungen in die Länge, ohne die frühere Spannung zu erreichen.
Dieses Mal findet ein makabrer Mord in einem Laaser Marmorbruch statt, welcher für eine kulturelle Veranstaltung das passende Ambiente bieten sollte. Gefunden wird eine Künstlerin, zersägt von einer riesigen Maschine, die man sonst für Marmorblöcke einsetzt. Grauner beginnt zu ermitteln, währenddessen sein bewährtes Gespann Saltapepe und Tappeiner eine Art kombinierte Urlaub- und Hochzeitsreise in die USA unternimmt. Ermittelt wird fortan parallel dort und in Laas, denn die Marmorspuren führen auch nach New York und in Laas kommen noch vergiftete Marillenspuren hinzu. Saltapepe und Tappeiner werden dieses Mal zu Marionetten in einem recht gefährlichen Gangsterspiel.
Zwischendurch hängt bei Grauner auch noch der Haussegen schief und seine früheren Panikattacken lassen nicht lange auf sich warten. Darauf kann er aber keine Rücksicht nehmen und so ermittelt er, auf die Hilfe von Staatsanwalt Belli angewiesen, in dem undurchsichtigen Fall weiter.
Ich lese die Bücher von Lenz Koppelstätter vor allem deshalb gern, weil er einen unverwechselbaren, leicht amüsierten und amüsanten Schreibstil hat, der über manche Leerstelle hinweghilft. Die Figuren sind trotzdem recht unterschiedlich, nicht jeder Protagonist erhält seine volle Schriftstellerliebe. Grauner war und bleibt der Star der Krimiserie.
Fazit: Am Ende wird natürlich nicht alles gut, das wäre nun doch zu profan.
3 Sterne

EinSchimmernamBerg

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