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Veröffentlicht am 26.03.2025

Aus der Kurve zu fliegen ist keine Kunst

Die Kurve
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Die Leseprobe hat mir so gut gefallen, da wollte ich unbedingt den kompletten Thriller lesen. Dirk Schmidt ist der Autor von Die Kurve und mit ihm verbinde ich den Radio Tatort aus Hamm, der mich mehr ...

Die Leseprobe hat mir so gut gefallen, da wollte ich unbedingt den kompletten Thriller lesen. Dirk Schmidt ist der Autor von Die Kurve und mit ihm verbinde ich den Radio Tatort aus Hamm, der mich mehr oder weniger regelmäßig supergut unterhält.
Aber dieses Buch ist viel kurviger als es der Titel vermuten lässt, ich habe ständig wie im Bus nach einer Haltestange Ausschau gehalten. Und hinter jeder Kurve ist man als Leser froh, wenn man bei Carl auf der Terrasse oder bei Ridley im Kopf landet. Wo genau die Terrasse ist, ist Carls gut gehütetes Geheimnis, auf jeden Fall hat Carl nicht Aussicht aufs blaue Meer, sondern auf eine Hauswand mit „Grünspan“. Carl ist ein wohl mittelalter, meist cholerischer Krimineller, der für alles seine Handlanger, für jeden ein extra Telefon hat, die mehr oder weniger intelligent und willig tun, was er fordert. Nur Ridley fällt etwas aus dem Rahmen, er zieht Wurzeln, schneller als andere eins und eins addieren, Quadratwurzeln kann er auch. Nur mit dem weiblichen Geschlecht hat er ab und an Probleme (zu lösen).
Mir hat am besten das tolle Cover gefallen, inklusive der bedruckten Innenseiten. Wo ich als erstes las: „Unbedingt lesen.“, von Uwe Ochsenknecht. Das ist der, der bei der Taskforce Hamm der Scholz ist. Ich habe den Rat befolgt, aber mir war die ganze Geschichte einfach zu kurvig, mit dem Personal wurde ich auch nicht richtig warm. Am ehesten noch mit Betty, aber das ist reine Geschmackssache.
Wirklich zum Lachen hat mich wenig gebracht, ist vielleicht auch bei einem Thriller nicht das Ziel. Aber ein Zitat will ich hier einfügen: „… und Schleswig-Holstein ist so ausgedehnt inhaltslos — das hat schon wieder was. …“ Volltreffer auf mein grünes Bundesland. Besonders die Northvolt-Baubrache hatte Ridley da wohl vor Augen.
Fazit: keineswegs unblutig, nichts für schwache Nerven. Nach 275 Seiten hatte ich mich dann doch an Schmidts Schreibstil gewöhnt. Gute drei Sterne.

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Veröffentlicht am 22.03.2025

In der Sackgasse

The Surf House
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Ein neuer Krimi von Lucy Clarke, für mich aber das erste Buch von ihr. Sie nimmt den Hörer mit auf eine Reise in ein Land, dessen Gepflogenheiten uns Mitteleuropäern bisweilen fremd und eigenartig erscheinen. ...

Ein neuer Krimi von Lucy Clarke, für mich aber das erste Buch von ihr. Sie nimmt den Hörer mit auf eine Reise in ein Land, dessen Gepflogenheiten uns Mitteleuropäern bisweilen fremd und eigenartig erscheinen. Aber die äußeren Bedingungen bergen auch Sonne, Meer, fantastische Wellen zum Surfen, leckeres Essen und pittoreske Städte und Dörfer. Marokko. Hier arbeitet die junge Bea als Model und müht sich nach Kräften, zur Zufriedenheit des Fotografen herumzustolzieren. Plötzlich ist ihr alles zu viel und sie beschließt, sich dem ganzen Theater zu entziehen. Und schon ist sie auf dem Weg durch Marrakeschs Altstadtgassen, verläuft sich und begegnet zwei finsteren Gestalten. Als es richtig brenzlig wird, springt ihr unerwartet aus dem Nichts eine Frau zu Hilfe, die aber von einem der beiden Angreifer brutal gewürgt wird. Bea nimmt ihr Messer und sticht auf den Mann ein, der andere ergreift mit ihrem Rucksack die Flucht. Nachdem die Frau wieder zu Atem gekommen ist, stellt sie sich als Marnie vor. Beide verlassen fluchtartig die Sackgasse und sie lädt Bea ein, erst einmal mit ihr zu fahren, sie betreibe eine Pension, wo sie vorerst unterkommen könne. Ohne ihren Pass ist Bea gezwungen, darauf einzugehen.
Bea bleibt im Surf House, wie die Pension sich nennt und lernt verschiedene Leute kennen: Pat, den Freund von Marnie, Adrian, den Nachbarn, Seth, ein Amerikaner, der nach seiner Schwester sucht. In Rückblicken erfährt man die Geschichte dieser Schwester, Savanna, alles ist mysteriös und Bea will Seth helfen, Savanna zu finden. Nicht ganz uneigennützig, denn sie braucht Geld. Nach dem recht hektischen Beginn der Story pendelt sich Beas Geschichte erst einmal ein, sie beginnt, Freude am Surfen zu finden, arbeitet für Kost und Logis im Surf House, befreundet sich mit Marnie, später auch mit Adrian an.
Hier höre ich auf, über den Fortgang des Thrillers zu schreiben, aber die Spannung steigt von Kapitel zu Kapitel. Der Show Down ist heftig, war für mich aber doch nicht so überraschend. Die Unterhaltung und die Spannung hielten über mehr als 400 Seiten an. Der Schreibstil gefiel mir nicht immer, wahrscheinlich liegt das aber nicht am Übersetzer. Vom Original habe ich nur die Leseprobe gelesen, musste aber feststellen, dass mir auch das englische Original nicht gut gefiel. Die Autorin hat einen recht herben Schreibstil.
Das Cover der deutschen Ausgabe bleibt hinter der Wirkung der englischen weit zurück. Das fand ich eindeutig besser und aussagekräftiger.
Fazit: ein gut gemachter Thriller, mit einigen - nicht ganz unvorhersehbaren - Wendungen. Gute drei Sterne

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Veröffentlicht am 10.03.2025

Mord und Cognac

Geheimnisvolles La Rochelle
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La Rochelle bildet den Hintergrund zu einem undurchsichtigen Kriminalfall, der Commissaire Chevalier von der dortigen Polizei und seine Kollegen ganz schön ins Schwitzen bringt, nicht nur wegen der warmen ...

La Rochelle bildet den Hintergrund zu einem undurchsichtigen Kriminalfall, der Commissaire Chevalier von der dortigen Polizei und seine Kollegen ganz schön ins Schwitzen bringt, nicht nur wegen der warmen Außentemperaturen. Zuerst muss er jedoch einen gesellschaftlichen Termin absolvieren, bei dem er auch mit einer Dame zusammentrifft, die sich als äußerst arrogant und unbeliebt herausstellt. Die Austernverkostung verläuft mit etwas Verstimmung, denn jene Solène Flamant benimmt sich recht unkonventionell. Dann verschwindet sie, von ihrem Bruder George chauffiert, zu einem wichtigen Termin in La Rochelle.
Auf einer Jacht im Hafen von La Rochelle wird am nächsten Morgen eine Leiche entdeckt: Solène Flamant. Sie ist als Zwillingsschwester von George Drapin Miterbin einer renommierten Cognac-Dynastie, nicht mehr ganz jung, aber für gewisse Stunden auch noch nicht zu alt. Nach einem Rendezvous an Bord wurde sie erschossen. Kaum habe die Ermittlungen begonnen, gibt es eine zweite Leiche in einem anderen Ort, rund anderthalb Stunden von La Rochelle entfernt. Mit Sylvestre Gougeon ist wieder ein Mitglied einer Cognac-Dynastie zu Tode gekommen, dieses Mal von der direkten Konkurrenz der Drapins. Die Tatwaffe erweist sich als dieselbe. Noch tappt die Polizei im Dunklen. Wollten sich hier die Gegenspieler gegenseitig aus dem Wege räumen oder wer ist der unbekannte Täter, der es auf beide abgesehen hat? Als Leser hat man eine große Auswahl an Tatverdächtigen, die mehrfach in den Fokus der Ermittlungen geraten, es gibt ein spannendes Hin- und Her, das erst ganz am Ende des Buches aufgeklärt werden kann. Mehr verrate ich dazu nicht.
Chevaliers Privatleben rückt zeitweise verstärkt in den Vordergrund, einerseits, weil seine Frau Sandrine jeden Moment ein zweites Kind erwartet, andererseits, weil er bei den Ermittlungen seine ehemalige Geliebte Danielle wiedertrifft. Beides wirft ihn fast aus der Bahn, aber es gelingt ihm, die Ermittlungen in die richtige Richtung zu manövrieren und auch seine Frau und die Ex-Freundin nicht allzu sehr in Mitleidenschaft zu ziehen. Mir scheinen solche privaten Exkurse manchmal etwas überflüssig, das ist nicht nur bei diesem Krimi so, das trifft auf viele andere auch zu.
Die Geschichte und die Protagonisten tragen das eine oder andere Klischee, aber Land und Leute werden gut beschrieben, alles in allem eine abwechslungsreiche Unterhaltung. Dass man ganz nebenbei noch einige Details zur Cognac-Herstellung erfährt, ist auch nicht schlecht, führt aber zu einigen Längen. Die vielen, für deutsche Augen und Ohren ungewöhnlichen Namen der Personen und Orte brachten mich ab und an ins Grübeln, aber auch das ist ja Gewöhnungssache.
Der Showdown ist das eigentliche Highlight des Krimis und wirklich gut und spannend beschrieben. Man sollte auf keinen Fall die letzten Seiten zuerst lesen!
Fazit: Ein Krimi für zwischendurch, der auch ein bisschen zum Fernweh beiträgt. Frankreichliebhabern und solchen, die es werden wollen, kann ich ihn empfehlen.

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Veröffentlicht am 28.02.2025

Schwere Bürden

Heimweh im Paradies
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Ein Schriftstellerfürst und Nobelpreisträger zu sein, ist eine schwere Bürde, über ihn ein Buch zu schreiben sicher auch. Martin Mittelmeier hat es gewagt und die Emigration Thomas Manns, seine Befindlichkeiten ...

Ein Schriftstellerfürst und Nobelpreisträger zu sein, ist eine schwere Bürde, über ihn ein Buch zu schreiben sicher auch. Martin Mittelmeier hat es gewagt und die Emigration Thomas Manns, seine Befindlichkeiten und die um ihn herum tanzenden Engel und Faune zu beschreiben.
Thomas Mann ist einer von vielen deutschen Künstlern, die die USA auserkoren haben für die Emigration und einer von wenigen, denen sie auch vortrefflich gelungen ist. Nicht jeder deutsche Künstler ist ein Fürst seiner Profession, viele können den Abstieg oder den Absturz nicht verhindern. Thomas Mann, der in den Sog der kalifornischen grellen Sonne und zu den Stränden des unendlichen Pazifiks gezogen wurde, nachdem er zuerst an der Ostküste sein Emigrantenglück versuchte, ist so etwas wie das Aushängeschild des unanfechtbaren, höheren Wesens deutscher Kultur. Er gibt es ungern zu, aber er sonnt sich in seiner Berühmtheit und seiner Bekanntheit ebenso, wie in seiner Arbeitswut. Auch schwere Krankheit wird ihn nicht am Schreiben hindern, oder nur kurz. Seine Frau Katia, das unermüdliche Wesen im Hintergrund, erträgt alles, als wäre sie in höheren Sphären. Bewundernswert.
In Pacific Palisades ist Mann zwar in der Mitte, aber nicht immer im Mittelpunkt seiner Emigrantenfreunde wie auch -feinde. Partys werden besucht, Klatsch und Tratsch verteilt, böse Worte und Verrisse zumeist hinter dem Rücken der Betroffenen. Man trifft sich, man liest, man redet, man reist. Kein leichtes Leben für einen Star. Noch dazu mit Kindern, die bisweilen nicht nach seinem Gusto handeln, anders ticken als er und er sich doch wie in einem Spiegel bisweilen wiedererkennt.
Mittelmeier versucht, alles in einer Art ironischer Konversation an den Leser zu bringen, dass er dabei seinem offensichtlichen Idol Mann nacheifert und manchmal recht umständlich auf den Punkt kommt, hat mich beim Lesen hin und wieder ermüden lassen. Sprache und Schreibstil ließen mich mit diesem Buch leider nicht richtig warm werden. Und das, obwohl eines meiner liebsten Bücher Der Zauberberg war und ist. Ich habe mich schon recht ausführlich mit dem Leben von Thomas Mann und seiner Familie, mit Biografien von anderen Emigranten, mit Emigration ganz allgemein beschäftigt und hatte mir von diesem Buch gerade in Bezug auf Thomas Mann mehr erhofft.
Zu den Quellen: Recht ungewöhnlich, diese umfangreiche Sammlung auf die Internetseite des Verlages auszulagern. Die Mühen der Recherche werden sicher nicht jeden Leser erreichen. Mir wären Fußnotenzahlen und ein Anhang im Buch viel lieber gewesen. Wer macht es denn wie ich und druckt sich das aus? Wer legt die vielen Seiten beim Lesen im Bett auf den Nachttisch? Aus meiner Sicht keine gute Idee. Zudem wären zumindest vorangestellte Seitenzahlen im Quellenverzeichnis hilfreich gewesen, so hat man zwar die Kapitelüberschrift als Anhalt, muss aber trotzdem suchen. Dass der Verlag diese Quellen nicht einmal druckfreundlich im pdf-Format anbietet, ist nachlässig. Die Zusendung wird zwar per Post angeboten, aber auch das wäre nur schön, wenn es im Format des Buches gedruckt wäre und man es einlegen könnte. Übrigens hätte auf Seite 187 das einzige Gendersternchen im Buch auch noch vermieden werden können. Dieser Fauxpas passt nicht zum Schöngeist Thomas Mann.
Zum Titel: Heimweh im Paradies, das ist ein sehr getrübtes Gefühl angesichts des Krieges und der späteren Enthüllungen über den Holocaust. Mann wird lange brauchen, um nach Europa zurückzukehren, in Deutschland jedoch wird er nicht wohnen.
Zum Schutzumschlag: es ist pastellfarben, unaufgeregt, endlos, paradiesisch. Der Titel ist prominent, grün, wie die Farbe der Hoffnung. Die anderen Texte vorn und hinten und auf den Klappen überwiegend in einem Rot-Orange, das auf dem blassblauen Untergrund sehr schwer lesbar ist. Einziger Hingucker ist ein nachträglich aufgeklebter Button, von Saša Stanišić bekommt das Buch viele Vorschusslorbeeren: „Geistreich, komisch und mit lässigem Ernst.“
Zur Typografie: sie passt ausgezeichnet zum klassischen Thema und zu Thomas Mann. Die Schrift ist nicht besonders groß, liest sich aber durch den verwendeten Durchschuss sehr gut. Das Papier hat eine angenehme Farbe, aber auch die Angewohnheit, Druckfarbe aufzusaugen, etwas mehr Schwarz hätte die Lesbarkeit des Fließtextes noch erhöht. Das Grau der Überschriften empfinde ich hingegen als angenehm, 100 % Schwarz wären hier wieder zu viel.
Fazit: Ein interessantes Thema, für mich etwas zu „verkopft“ und langatmig geschrieben. Trotzdem ein schönes, kleines Buch, das ich immer mal wieder in die Hand nehmen werde, um Details nachzulesen. Davon beinhaltet es jede Menge. Insgesamt gute drei Sterne.

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Veröffentlicht am 18.02.2025

Sehr speziell

Russische Spezialitäten
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Es ist das erste Buch, das ich von Dmitrij Kapitelman gelesen habe. Das interessante Wirrwarr der Beziehungen, politischen Meinungen und russischen Einflüsse, die nicht nur seine Mutter sondern auch er ...

Es ist das erste Buch, das ich von Dmitrij Kapitelman gelesen habe. Das interessante Wirrwarr der Beziehungen, politischen Meinungen und russischen Einflüsse, die nicht nur seine Mutter sondern auch er und alle anderen ertragen müssen, ist schwer zu durchdringen. Kapitelmans Schreibstil ließ mich nicht eins werden mit diesem Roman, der ja auch ein Zeitzeugnis ist und sein will. Ich kenne das Leipzig von Anfang der 1970er Jahre, da lebten dort noch viele russische Soldaten in Kasernen, es gab das магазин, wir nannten es Russenladen. Ich ging dort nur wegen der schönen Bonbons hin, mehr konnte ich mir als Lehrling auch nicht leisten. So ähnlich wird es im Kapitelmanschen Spezialitätenladen auch sein.
Das tägliche Thema Ukrainekrieg macht es einem schwer, darüber mit Lächeln und Ironie zu reden bzw. zu lesen, schlimmer noch, russische und ukrainische Propaganda ertragen zu müssen, wenn man tausendsechshundert Kilometer entfernt ist von Bomben, Drohnen, Panzern und Mordmaschinerie. Für mich ist dieses Buch leider das falsche Buch zur falschen Zeit.

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