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Veröffentlicht am 04.03.2025

Zerrissen zwischen der Liebe zur Mutter und den eigenen Prinzipien

Russische Spezialitäten
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Dmitrij Kapitelmans neues Buch "Russische Spezialitäten" macht nachdenklich, sehr, sehr nachdenklich. Über die Zeiten, in denen wir gerade leben. Über Desinformation, der doch so viel Glauben geschenkt ...

Dmitrij Kapitelmans neues Buch "Russische Spezialitäten" macht nachdenklich, sehr, sehr nachdenklich. Über die Zeiten, in denen wir gerade leben. Über Desinformation, der doch so viel Glauben geschenkt wird und gegen die selbst Fakten und eigene Erfahrungen nicht ankommen.

In diesem sehr persönlichen, vermutlich autofiktionalen Roman, lernen wir den Ich-Erzähler kennen, der mit seiner Familie seit Jahrzehnten in Leipzig lebt. Geboren ist der Autor in Kyjiw, hat dort aber nur wenige Jahre gelebt, bevor er gemeinsam mit den Eltern in den 90er Jahren nach Deutschland gekommen ist. Russisch ist die gemeinsame Mutter-Sprache der Familie, die Mutter ist ursprünglich in Sibirien geboren, hat dann ihre Kindheit in Moldawien verbracht und ist schließlich in die Ukraine gezogen, während der Vater jüdisch ist. Geschäftstüchtig haben die Eltern in Leipzig einen Laden für russische und ukrainische Spezialitäten aufgemacht und betreiben diesen 25 Jahre lang, auch der Sohn hilft dort aus. Der Laden ist auch ein Treffpunkt für die ukrainisch-russisch-jüdische Diaspora in Leipzig... bis er 2020 im Zuge der Coronakrise geschlossen wird.

Das Buch ist zweigeteilt, im ersten Teil geht es um den Alltag der Familie rund um diesen Laden. Im zweiten Teil reist der Ich-Erzähler in der heutigen Zeit, also schon während des tobenden Ukrainekrieges, in seine Geburtsstadt Kyjiw. Er möchte alte Bekannte treffen und ein paar Besorgungen machen, aber vor allem will er sich ein eigenes Bild der Lage dort machen und seine Mutter davon überzeugen, dass ihre von den russischen Propagandamedien geprägte Sicht der Dinge nicht stimmt.

Dieses Unterfangen wird leider erfolglos bleiben, zumindest an der Oberfläche. Die Mutter beruhigt den Sohn, ihm werde dort als Zivilist nichts passieren, denn Russland, das die Ukraine von bösen Mächten befreien wolle, beschieße ausschließlich militärische Ziele. Vielleicht beruhigt sie sich damit aber auch selbst, denn nach der Rückkehr des Sohnes aus der Ukraine gibt sie doch zu, wie erleichtert sie ist, dass er wohlbehalten heimgekehrt ist. Und wer weiß, vielleicht bringen die Erzählungen des Sohnes - er spricht mit vielen ukrainischen Freunden und Bekannten, muss selbst bei Bombenalarm in den Schutzbunker des Hotels, in dem er dort wohnt, und besucht auch selbst die Orte der Massaker wie z.B. Butscha, ihr nur von den russischen Medien geprägtes, verzerrtes Weltbild ja doch ein bisschen ins Wanken.

Es ist ein großartiger Roman, dem es gelingt, die Zerrissenheit des Autors zu zeigen: zwischen der tiefen Liebe zu seiner Mutter und seiner Fassungslosigkeit darüber, wie sehr sie ins Netz der russischen Propaganda geraten ist und noch die absurdesten Lügen über den Krieg nicht nur glaubt, sondern auch überzeugt weitererzählt. Damit zeigt der Autor auch etwas Bemerkenswertes auf: wie es möglich ist, mit den uns lieben Menschen in Verbindung zu bleiben, ohne all ihre Meinungen zu teilen... und wie wir Stück für Stück versuchen können, diese zu hinterfragen und unser Gegenüber zum Nachdenken zu bringen.

Auch sonst lernt man durch dieses Buch viel Interessantes, Berührendes und Nachdenklich-Machendes über die Ukraine heutzutage: über junge Männer, die nach nur wenigen Wochen im Krieg völlig verstümmelt zurückkehren, auf der Straße betteln und von fast allen ignoriert werden... über nicht mehr sehr fitte 50-jährige, die fürchten müssen, zwangsrekrutiert zu werden... über Mariupol, das dem Erdboden gleichgemacht wurde... und über Menschen in der Ukraine, für die Russisch bisher die Muttersprache war und die nun bewusst aus Abscheu vor dem russischen Aggressionskrieg und aus Solidarität mit der als Heimat angesehenen Ukraine Ukrainisch lernen und ihre Kinder in dieser Sprache aufziehen möchten.

Nachdenklich machen auch die Privilegien, die ein deutscher oder österreichischer Pass nach wie vor verleiht... nur dieser - und die Tatsache, dass er zusätzlich keinen ukrainischen Pass mehr besitzt - macht es dem Ich-Erzähler möglich, während des Krieges als junger Mann nicht nur in die Ukraine einreisen, sondern auch wieder ausreisen zu können, ohne zwangsrekrutiert zu werden.

Ja, dieses Buch macht sehr nachdenklich. Über das Glück des Zufalls und der Geburtslotterie, das es immer noch bedeutet, in Mitteleuropa zu leben, wo es (bis jetzt) keinen Krieg gibt. Über die Schrecken des Krieges, über Propagandageschichten und die, die auf diese hereinfallen (davon gibt es ja leider auch in Mitteleuropa genug Menschen, und nicht nur russischstämmige). Über die Verbindungen zwischen einzelnen Menschen, die wir uns nicht nehmen lassen müssen. Und über den Mut, für das einzustehen, was wir als wahr erkannt haben.

Ein großartiges Buch, ein wichtiges Buch, gleichzeitig humorvoll und spannend geschrieben: Leseempfehlung für alle, die am aktuellen Zeitgeschehen in Europa interessiert sind!

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Veröffentlicht am 25.02.2025

Die "ganz normalen Menschen" & der Nationalsozialismus

Ginsterburg
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Noch ein Buch über die NS-Zeit? Ist über diese Zeit nicht längst schon alles gesagt und erzählt worden in den letzten 80 Jahren? Kann noch etwas Neues dazu gezeigt werden?

Ich gebe zu, ich habe gezögert, ...

Noch ein Buch über die NS-Zeit? Ist über diese Zeit nicht längst schon alles gesagt und erzählt worden in den letzten 80 Jahren? Kann noch etwas Neues dazu gezeigt werden?

Ich gebe zu, ich habe gezögert, mich für dieses Buch zu entscheiden, denn ich war des Themas schon etwas müde, hatte schon dutzende, wenn nicht hunderte, Bücher dazu gelesen in meinem Leben... doch einige Empfehlungen haben den Ausschlag gegeben, es lesen zu wollen. Ich bin so froh darüber, es getan zu haben!

Ja, dieses Buch schafft es - nach all den bestehenden eindringlichen Werken zum Thema - etwas grundlegend Neues zu schaffen und damit die Menschen noch einmal anders als bisher zum Denken anzuregen. Es geht um eine schreckliche Zeit, doch die allseits bekannten Schrecken werden nur subtil angedeutet: ein Kalendereintrag hier, eine kleine Bemerkung da... und doch wissen wir alle, worum es geht, und das macht es noch beklemmender zu lesen.

Die fiktive deutsche Kleinstadt "Ginsterburg" wird im Roman zu drei Zeitpunkten beschrieben: ausführlich im Jahr 1935 und 1940 sowie knapp am Ende im Jahr 1945. Wir erleben die Stadt und das Zeitgeschehen durch die Augen ihrer Bewohner. Im Jahr 1935 gibt es einen Wanderzirkus mit altem Tiger, Motorradkünstler und Wahrsagerin... diese tauchen später nicht mehr auf, so etwas wird aus dem Zeitbild verschwunden sein. Es gibt die Buchhändlerin Merle, eine überzeugte Sozialistin, die wird es weiterhin geben... mit angepasstem Buchsortiment... und kritische Worte wird man von ihr nur mehr sehr spärlich vernehmen, und schon gar nicht öffentlich... es überwiegt die Sorge um sich und ihren Sohn Lothar.

Ja, Lothar, den habe ich ins Herz geschlossen am Anfang des Buches. Ein sensibler, ruhiger, stiller, intelligenter Junge. Einer, der lieber für sich alleine ist und die Natur erforscht, der keinem Verein und keiner Gruppe beitreten will, von anderen gemobbt wird und vom Fliegen träumt. Das Fliegen, das wird dann auch sein Schicksal und gibt seinen Weg vor, denn Flieger werden kann er nur im vorherrschenden System und das ist nationalsozialistische... also findet auch er zur HJ und wird später Kampfflieger, einer der besten, geehrt und bewundert. Der Redakteur Eugen, so stolz auf seinen Intellekt, seine Bildung und seine kritischen Glossen... auch er wird sich dem System anpassen und hoffen, dass seine scharfen Worte von früher unentdeckt bleiben und ihm nicht zum Nachteil geraten. Weitere Menschen, auch solche in scheinbaren Machtpositionen, die sich aber auch erpressbar machen, etwa durch abweichende sexuelle Neigungen, von denen keiner wissen darf und für die sie verfolgt werden könnten...

Alle diese und viele weitere, sind "ganz normale Menschen", wie es sie auch heute in jeder Kleinstadt zu finden gibt. Menschen mit Wünschen, Hoffnungen und Träumen, die individuell das Beste aus ihrem Leben machen möchten unter den vorherrschenden Bedingungen. Auch einige Menschen mit starken politischen Überzeugungen - aber kaum welche, die bereit sind, dafür in der Diktatur Leib und Leben zu opfern... da passen sie sich doch lieber an... würden wir unter diesen Bedingungen wirklich anders handeln und uns und unsere Familien gefährden? Viele kritische und auch unbequeme Fragen wirft das Buch auf.

Natürlich gibt es auch richtig unsympathische Menschen in dem Buch, solche, die voll von der vorherrschenden Ideologie überzeugt sind, und ihr alles opfern, selbst das eigene Kind. Blockwarte, Denunzianten und Sadisten hat es natürlich auch immer gegeben... doch auf diesen ist nicht das Hauptaugenmerk des Buches, sondern auf den "normalen", Menschen wie wir alle.

Das Jahr 1940... die Euphorie über den erfolgreichen Blitzkrieg und der Glaube, dass der Krieg nun vorbei und alles gewonnen sei... und die Desillusionierung 1945. Und all die Gräuel des Nationalsozialismus (angedeutet, aber nicht explizit auserzählt... ein Buch, das so vielen expliziten Schilderungen zu diesen Themen folgt, darf das machen, finde ich... denn bekannt sind die schrecklichen Details mittlerweile) und die menschenverachtende Ideologie dahinter, mit der insbesondere die Kinder und Jugendlichen zutiefst indoktriniert wurden.

Wer hätte etwas dagegen machen können? Wann hätte man noch etwas machen können? Wann war es zu spät? Und was hätte es gebraucht, damit sich nicht alle (oder fast alle) so dermaßen angepasst und mitgemacht hätten?

Es ist ein wertvolles, ein besonderes Buch, das zum Nachdenken anregt. Der Autor hat extrem sorgfältig recherchiert, sein Wissen über die damalige Zeit zeigt sich in vielen Details. Auch sprachlich zeichnet sich das Buch aus. Ganz besonders mochte ich die vielfältigen Perspektiven, die subtilen Andeutungen, die Einladungen, selbst zu hinterfragen und nachzudenken und wie es dem Autor gelingt, die Atmosphäre zunehmender Bedrohlichkeit und Vereinnahmung durch das System durch stilistische Mittel zu zeigen (z.B. wird der sensible Junge Lothar ganz nahe in vielen Szenen geschildert, während wir über den Kampfpiloten Lothar fünf bis zehn Jahre später eher aus den Erzählungen anderer hören, aber nicht mehr so wirklich mitkriegen, wie es ihm wirklich damit geht).

Auch das Coverbild passt hervorragend zum Buch. die Wolke, die die idyllische Stadt bedroht, kann auf mindestens zwei Arten interpretiert werden: als die herannahenden feindlichen Bomber, die die Stadt dem Erdboden gleichmachen werden (Hinweise darauf gibt es schon sehr früh, denn eingestreut sind kurze Ausschnitte der Perspektive eines jungen englischen Kampfpiloten, der aus dem Flugzeug fällt und mit seinem Fallschirm auf Ginsterburg zusteuert), aber auch als das giftige nationalsozialistische Klima, das die Stadt und ihre Bewohner immer mehr vergiftet.

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Veröffentlicht am 25.02.2025

Unterhaltsam - witzig - bitterböse: schwarzer Humor vom Feinsten

Ganz die Deine
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Ein so witziges und unterhaltsames Buch wie dieses habe ich schon lange nicht mehr gelesen.

Inés lebt gemeinsam mit ihrem Mann Ernesto und der gemeinsamen, jugendlichen Tochter Laura, genannt "Lali", ...

Ein so witziges und unterhaltsames Buch wie dieses habe ich schon lange nicht mehr gelesen.

Inés lebt gemeinsam mit ihrem Mann Ernesto und der gemeinsamen, jugendlichen Tochter Laura, genannt "Lali", in einem Haus in Buenos Aires. Die Ehe ist mit den Jahren leidenschaftslos geworden, Sex gibt es nur noch selten, doch damit hat sich Inés im Großen und Ganzen arrangiert. Sowieso hat sie einen eher zynischen Blick auf das Leben und Beziehungen und geht davon aus, dass jede Frau früher oder später betrogen wird, was für sich betrachtet auch gar nicht so schlimm sei.

So verliert sie auch nicht die Nerven, als sie bei ihrem Mann Zettel findet, die mit "Ganz die Deine" unterschrieben sind, und als sie ihrem Mann des Nachts nachfährt und beobachtet, wie bei einem heftigen Streit mit seiner Geliebten diese durch einen starken Stoß versehentlich zu Tode kommt, ist sie sogar erst einmal bereit, gemeinsam mit ihrem Mann den Tod zu vertuschen und ihm ein Alibi zu liefern, denn, typisch Inés' pragmatische Einstellung zum Leben: "Was Ernesto und mich anging: Unsere Pflicht war es, die Sache so schnell wie möglich zu vergessen und nach vorne zu blicken. Das würde ich zu ihm sagen, sobald er mir alles gestanden hätte."

Inés ist also bereit, an ihrem bisherigen doch recht komfortablen Leben und dem damit verbundenen Familienkonstrukt festzuhalten, auch wenn Ernesto sie betrogen hat. Aber alles hat Grenzen... und so wird es irgendwann möglicherweise eine weitere Leiche geben.

Das Buch ist in kurzen Kapiteln geschrieben. Abwechselnd erzählt Inés aus der Ich-Perspektive, manchmal lesen wir in der dritten Person von ihr, dazwischen sind Dialoge zwischen der jugendlichen Tochter Lali, die mit ihren ganz eigenen Problemen kämpft (wovon die Mutter nichts ahnt und auch nichts sehen will, denn die beiden haben sich stark voneinander entfremdet) und verschiedenen Personen in deren Leben, und auch Ernesto kommt zwischendurch mal aus seiner Perspektive zu Wort, wodurch sich auch wieder Neues und Überraschendes zeigt. Dazwischen gibt es Einschübe aus verschiedenen Büchern zu den unterschiedlichen Todesarten und wie man die damit verbundenen Spuren verwischt.

Das Buch kann man an einem Abend entspannt weglesen und wird dabei bestens unterhalten - witzige Unterhaltungsliteratur vom Feinsten - Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 21.02.2025

Heiter, witzig, lebensklug und positiv

Frau Hempels Tochter. Roman
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"Frau Hempels Tochter" wurde von Alice Berend (1875-1938) im Jahr 1913 geschrieben und ist somit schon mehr als 100 Jahre alt. Während manche Klassiker sich mühsam und schwerfällig lesen, handelt es sich ...

"Frau Hempels Tochter" wurde von Alice Berend (1875-1938) im Jahr 1913 geschrieben und ist somit schon mehr als 100 Jahre alt. Während manche Klassiker sich mühsam und schwerfällig lesen, handelt es sich hier um ein heiteres, witziges, lebenskluges und unglaublich positives Buch, dessen Lektüre so richtig Freude bereitet, und gleichzeitig sehr interessante Einblicke in das Leben der "kleinen Leute" im Berlin dieser Zeit und die Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg vermittelt.

Zwar heißt das Buch "Frau Hempels Tochter", doch im Zentrum der Handlung steht eindeutig Frau Hempel selbst. Diese lebt gemeinsam mit ihrem Mann Hempel und der jugendlichen Tochter Laura in einer kleinen, dunklen Hausbesorgerwohnung in einem größeren Wohnhaus in Berlin. Sie kümmert sich als Hausbesorgerin sehr tüchtig um alle anfallenden Tätigkeiten, verdient da und dort noch etwas dazu, und spart für ihre Tochter Laura, denn diese soll es mal besser haben. Ihr Mann Hempel arbeitet als Schuster und ist gutmütig und friedfertig, die Hosen an hat in dieser Beziehung aber eindeutig die Frau, und ihm scheint das nicht viel auszumachen. Ein erfrischend modernes Frauenbild für so ein altes Buch! Gleichzeitig zeigt es damit aber auch auf, wie historisch die Position der Frau in der Arbeiterklasse oft schon früher als in bürgerlichen Schichten eine modernere war: schon aus finanziellen Gründen mussten beide Partner arbeiten und eine Hausfrau daheim konnte sich in diesem Milieu keiner leisten.

Und so wird auch von Laura, die gerade die Schule beendet hat, erwartet, nicht untätig zu Hause zu sitzen, sondern eine Anstellung zu suchen. Diese findet sie erst als Kindermädchen für ein nicht mehr ganz junges Paar im gleichen Wohnhaus, das überraschend nach langer Ehe doch noch Eltern geworden ist, und dann als Hausangestellte für eine andere Familie etwas weiter weg. Laura hat (noch) nicht die Charakterstärke, das Selbstbewusstsein, den Enthusiasmus und die Tatkraft ihrer Mutter, sie ist von der Statur her zart und auch vom Gemüt still, zurückhaltend und verträumt. Im Wohnhaus, in dem sie mit ihren Eltern lebt, wohnt auch ein junger verarmter Graf, und zwischen den beiden entspinnt sich eine zarte Romanze.

Richtig Bewegung kommt in der Mitte des Romans auf, als sich für Frau Hempel kurzerhand die Gelegenheit ergibt, mit ihren Ersparnissen eine Badeanstalt zu erwerben und somit von der Arbeiterin zur Unternehmerin aufzusteigen. Mutig und tatkräftig, wie es ihrem Naturell entspricht, stürzt sie sich in dieses Abenteuer, und findet dort auch gleich eine Position für Laura, die an der Kasse sitzt und Tickets verkauft. Später bringt es Frau Hempel sogar noch zur Zinshausbesitzerin, damit ist der soziale Aufstieg vollendet.

Neben der Familie Hempel selbst lernen wir noch so einige weitere Zeitgenossen kennen: Bewohner des Hauses, Besucher der Badeanstalt und noch so einige weitere. Alle sind liebevoll und humorvoll gezeichnet, und es gibt insgesamt zwar auch Neid und Menschen, die der Familie Hempel den sozialen Aufstieg nicht gönnen, aber insgesamt gibt es sehr viele schöne Begegnungen zwischen Menschen, gegenseitige Unterstützung, freundschaftliches Beisammensein und auch die Integration einiger durchaus schrulliger oder nicht den sozialen Normen der damaligen Zeit gefallener Personen in das soziale Umfeld.

Dazwischen eingestreut finden sich von der Erzählerin viele kleine Lebensweisheiten, die gut zu Frau Hempel und ihrer Einstellung passen, z.B. "Aber auch Gedanken haben Hände. Sie greifen, fassen, zerren und zupfen uns. Wir wissen oft gar nichts mehr von ihnen, aber sie sind da." oder "Der eine liebt sein Unglück, der andere sein Glück, und es ist schwer zu entscheiden, was von beidem lohnender ist, besonders wenn man bedenkt, wie vergänglich das Glück ist." oder "Kein Unheil ist so groß wie die Angst davor."

Daran, wie auch insgesamt an der Charakterisierung der Personen in diesem Buch, zeigt sich, was für eine ausgezeichnete Menschen- und Milieukennerin Alice Berend gewesen sein muss. Im Nachwort gibt der Verlag einen Einblick in ihr turbulentes Leben, das selbst von gesellschaftlichem Abstieg und Wiederaufstieg und vielen Herausforderungen geprägt war - dieses gibt einen schönen Rahmen, um das Buch und dessen Entstehungskontext noch einmal genauer zu verstehen.

"Frau Hempels Tochter" ist ein warmherziges und positives Buch, das beim Lesen viel Freude bereitet, bildet und neue Denkanstöße liefert, und das ich jedem, der sich für diese Zeit, das Arbeitermilieu und sozialen Aufstieg interessiert, aber auch allen, die einfach nur gerne humorvoll gut unterhalten werden möchten, wärmstens empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 19.02.2025

Gut recherchierter und vielperspektivischer historischer Roman

Der große Riss
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Es ist die Zeit um 1900 und nach einem missglückten Versuch der Franzosen, einen Kanal zu bauen, der Atlantik und Pazifik verbindet, haben sich nun die US-Amerikaner entschlossen, dies zu tun. Gleich am ...

Es ist die Zeit um 1900 und nach einem missglückten Versuch der Franzosen, einen Kanal zu bauen, der Atlantik und Pazifik verbindet, haben sich nun die US-Amerikaner entschlossen, dies zu tun. Gleich am Anfang des Buches finden wir eine Anzeige, in der um 4000 tüchtige Arbeitskräfte für den Bau des Panama-Kanals geworben wird, und auch sonst spricht sich schnell nicht nur in Panama, sondern auch in vielen anderen Regionen in der Nähe herum, dass man hier leicht Arbeit finden und Geld verdienen könne. Das lockt verschiedenste Menschen an, sich am Bau zu beteiligen, doch die Arbeit ist anstrengend, kräftezehrend und gefährlich, gilt es doch, förmlich einen Riss durch das Gebirge zu bauen, um die beiden Ozeane miteinander zu verbinden.

Besonders gut hat mir an diesem Buch gefallen, dass wir es aus so vielen Perspektiven erleben. Es gibt einige Hauptfiguren, die immer wieder vorkommen, doch zwischendurch gibt es immer wieder kleinere Abschnitte, in denen wir das Geschehen auch aus dem Kopf einiger Nebenfiguren betrachten können. Das schafft insgesamt ein vielseitiges Bild der damaligen Zeit und Gesellschaft. Dabei gelingt es der Autorin, die Perspektiven geschickt so aufeinander aufzubauen und miteinander zu verweben, dass das Lesen angenehm und vergnüglich ist und man sich immer gut auskennt, worum es gerade geht.

Wir lernen zum Beispiel die jugendliche Ada kennen, die mit ihrer Mutter und ihrer Schwester auf der Insel Barbados lebt und sich kurzentschlossen als blinde Passagierin auf einem Schiff auf den Weg nach Panama macht, um hier Geld zu verdienen. Denn ihre Schwester ist schwer krank und kann nur durch eine ärztliche Behandlung geheilt werden, die die Familie sich jedoch nicht leisten kann.

Dann gibt es den Malariaforscher John und seine Frau Marian aus den Vereinigten Staaten. John hat ein ehrgeiziges Ziel: er möchte die Malaria nicht nur erforschen, sondern auf Panama auch ausrotten, ähnlich wie es gelungen ist, das Gelbfieber zurückzudrängen. Aus Vorsicht rät er seiner Frau, das Haus während der Regenzeit nicht zu verlassen, doch diese hält die monatelange Einsamkeit nicht aus und schlägt seinen Rat in den Wind. Als sie daraufhin erkrankt, sucht John nach einer Pflegerin für sie und findet Ada, die sich gerade tapfer dafür einsetzt, dass ein auf der Straße liegender Kranker ins Spital kommt und ärztlich versorgt wird. Beeindruckt von ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit stellt er sie ein.

Der gerettete Kranke wiederum ist Omar, der Sohn eines Fischers, der selbst keine Zukunft als Fischer für sich sieht und das Meer scheut, nachdem seine Mutter dort verschwunden ist, als er klein war. Er sucht Arbeit im Panamakanal, was zu einem heftigen Konflikt mit seinem Vater Francisco und monatelangem Schweigen zwischen den beiden führt. Denn Francisco ist gegen den Bau des Kanals und fühlt sich und sein Leben auch von seinem Sohn durch dessen berufliche Entscheidungen abgewertet.

Und dann gibt es noch weitere Menschen, die zum Beispiel davon betroffen sind, dass ihre Stadt umgesiedelt oder geflutet werden soll, um den Bau des Kanals zu ermöglichen und die versuchen, sich dagegen zu wehren.

Nebenbei erfährt man in dem gut recherchierten Buch auch historisch so einiges, was ich vorher noch nicht wusste, z.B. dass Panama bis kurz vor dem Bau des Kanals Teil von Kolumbien war. Interessant zu lesen und gleichzeitig traurig ist auch, wie sehr die damalige Gesellschaft noch nach Klassen und Hautfarben geteilt war, so gibt es z.B. in der Apotheke eine gut bestückte Abteilung für "Gold" (für die Menschen mit heller Hautfarbe) und eine weniger gut bestückte Abteilung für "Silber" (für alle, die dunklere Haut haben). Und auch sonst erleben wir an vieler Stelle die Diskriminierung speziell benachteiligter Menschen und Gruppen, aber auch ihren Mut, zusammenzustehen, sich gegenseitig zu unterstützen und für ihre Rechte zu kämpfen, auch gegen eine gewaltige Übermacht.

Ich kann das Buch allen, die ein tiefgründiges, nachdenklich machendes und gleichzeitig unterhaltsames Buch über das wenig bekannte Thema der Zeit des Baus des Panamakanals lesen möchten, ausdrücklich empfehlen.

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