Ein Meisterwerk über Identität zwischen Bewahrung und Wandel
Die Kolonie„Die Kolonie“ von Audrey Magee hat mich verzaubert, seit ich das Buch zum ersten Mal gesehen habe. So ein schönes, hochwertig gestaltetes Cover! Wir sehen die beiden Männer, die im Jahr 1979 auf eine entlegene ...
„Die Kolonie“ von Audrey Magee hat mich verzaubert, seit ich das Buch zum ersten Mal gesehen habe. So ein schönes, hochwertig gestaltetes Cover! Wir sehen die beiden Männer, die im Jahr 1979 auf eine entlegene irische Insel kommen: den englischen Künstler, die Füße im Wasser. Ja, nass werden musste er hier förmlich, um sich einzulassen auf die Insel, um „heimisch zu werden“, wie er in einer seiner Skizzen beschrieben hat (ob ihm das voll und ganz gelungen ist und was es in Bezug auf seine Kunst bedeutet, erschließt sich nach der Lektüre). Wenn wir das Cover drehen sehen wir den zweiten Mann, den französischen Linguisten, bei einem seiner Strandspaziergänge. Zwischen den beiden wird das ganz besondere Licht sichtbar, das diese Insel auszeichnet.
Dieses Licht erhellt, wie ein Scheinwerfer, die besonderen Lebensumstände einer Familie auf dieser Insel, die aus vier Generationen besteht. Da gibt es die fast 90-jährige Bean Uí Floihnn, Mutter, Großmutter und Urgroßmutter, und schon lange verwitwet, die alte Witwe. Ihre Tochter Bean Uí Neill, um die 60, ebenfalls schon verwitwet, seit um die 15 Jahren, als in einem tragischen Bootsunglück ihr Mann, ihr Sohn und ihr Schwiegersohn ums Leben gekommen sind, ist die Witwe mittleren Alters. Und ihre Enkelin, die junge Mairéad, die junge Witwe, die in ganz jungem Alter ihren Mann in diesem Unglück verloren hat, und daraufhin ihren Sohn, den jetzt jugendlichen James/Séamus (sein englischer/irischer Name) ohne ihn großziehen musste. Erwachsene Männer und generell jüngere Menschen gibt es nicht mehr viele auf der Insel, die meisten haben sie für bessere Lebensperspektiven für das Festland verlassen.
Als erstes kommt nun der englische Künstler Lloyd auf die Insel, er besteht extra darauf, mit dem traditionellen Boot Curragh anzureisen, auch wenn sonst üblicherweise Menschen und Güter mit einem größeren, schnelleren und sicheren Boot auf die Insel kommen. Er möchte die Insel voll und ganz spüren, sie in sich aufnehmen, um sie möglichst gut zeichnen zu können, und doch stehen ihm oft seine Bequemlichkeiten, Prägungen und Ängste dabei im Weg, zum Beispiel schon beim Einstieg ins Boot:
„Er streckte das rechte Bein nach unten aus, dann das linke, sich immer noch an die Leiter klammernd.
Selbstporträt I: fallend
Selbstporträt II: ertrinkend
Selbstporträt III: entschwindend
Selbstporträt IV: unter Wasser
Selbstporträt V: der Verschwundene.
Und loslassen, Mr Lloyd.
Ich kann nicht.“ (S. 11)
So muss Mr. Lloyd immer wieder diverse Ängste und Einschränkungen überwinden, um die Insel malerisch zu erkunden, und lässt doch gewisse Charakterfehler nie ganz hinter sich, wie sich zeigen wird.
Sein Ego ist überwältigend groß, er will nicht nur irgendein Künstler werden, sondern ein ganz bedeutender, berühmter, von den Galeristen bewundert und in der Kunstwelt verehrt. Diese Persönlichkeitseigenschaft teilt er mit dem Franzosen Masson, der etwas später auf die Insel kommt und dem es darum geht, ein berühmter Linguist zu werden, mit einem weit verbreiteten Buch und einem eigenen Lehrstuhl. Die Eitelkeiten und Wünsche der beiden Männer prallen aneinander, jeder stört sich am anderen, und gemeinsam auf der Insel zu sein klappt nur, indem einer der beiden ein deutliches Stück wegzieht.
Währenddessen kommen die Inselbewohner den beiden Männern auf verschiedene Arten näher, es entstehen scheinbar erste Freundschaften und Affären, und sie werden zu Hoffnungsträgern für die, die der Einsamkeit und Perspektivlosigkeit der Insel gerne entfliehen würden. Das gilt insbesondere für den jugendlichen James, der nicht wie sein Vater, Opa und Onkel als toter Fischer enden möchte, sondern inspiriert durch den Engländer von einer Karriere als Künstler träumt. Diese scheint nun auch in Reichweite zu kommen, James erweist sich als sehr talentiert, verbringt den Sommer zeichnend und malend neben Mr. Lloyd und hofft, mit diesem gemeinsam die Insel verlassen, auf die Kunsthochschule zu gehen und Ausstellungen machen zu können.
In diesem Buch geht es also auch ganz stark um das Thema Tradition vs. Moderne, um das, was Menschen bewahren möchten und das, was sie gerne hinter sich lassen möchten. Um ihre Identität und Sprache und darum, wer das Recht hat, diese zu bestimmen. An dieser Linie zeigt sich einer der großen Konfliktpunkte der beiden Besucher: durch den Kontakt mit dem Engländer sprechen die Inselbewohner mehr und mehr Englisch statt nur Irisch, was dem Franzosen mit seiner linguistischen Studie und seinem Wunsch nach Bewahrung der Reinheit des Inseldialekts in die Quere kommt.
Wir befinden uns im Roman im Jahr 1979, einem der Jahre, in denen der Nordirland-Konflikt blutig eskaliert ist. Davon bekommt man an der Insel lange nur sehr wenig mit, das Inselleben geht beschaulich für sich dahin und wird nur hin und wieder durch Radiomeldungen eines Attentats unterbrochen, die mit der Zeit aber mehr werden und gefühlt näherkommen. Es wird sich zeigen, ob und wie auch dieser anfangs so weit entfernt scheinende Konflikt die Inselbewohner und ihre Themen prägt.
Ein großes Thema, das sich durch das Buch zieht, ist auch der im Titel angesprochene Kolonialismus. Natürlich ist es kein richtiger Kolonialismus mehr, wie früher, doch stehen die beiden Besucher für ehemals starke Kolonialmächte, Großbritannien und Frankreich, und sie tragen in sich so einiges an problematischen Eigenschaften dieser. Wie viel Gutes, wenn überhaupt etwas, bringen sie mit ihrer Arbeit der Insel und ihren Bewohnern, und wo wird die Grenze zur kulturellen Aneignung und Ausbeutung tangiert bis überschritten? Auch dazu gibt das Buch sehr viel Stoff zum Nachdenken.
Sprachlich und stilistisch ist das Buch ein Meisterwerk. Es verfügt über eine ganz eigene Sprache, die es schafft, die Lesenden auf die entlegene Insel zu transportieren und ihnen ein lebendiges Gefühl davon zu vermitteln, wie es dort im Jahr 1979 gewesen sein könnte. Die Charaktere sind liebevoll, authentisch und detailliert gezeichnet. Und die großen Themen des Buches: Identität vs. das Fremde, Moderne vs. Tradition, Kolonialismus und im Hintergrund der schwelende Nordirlandkonflikt werden vielschichtig und authentisch eingebaut. Ein großartiges Lesevergnügen, das in vielerlei Hinsicht bildet und zum weiteren, eigenständigen Nachdenken anregt! Absolute Leseempfehlung und eines meiner Jahreshighlights! Ein absolut tolles Buch von Audrey Magee, überragend und kunstvoll übersetzt von Nicole Seifert.