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Veröffentlicht am 18.02.2025

Das Recht zu wissen oder das Recht zu schweigen

Portrait meiner Mutter mit Geistern
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"Portrait meiner Mutter mit Geistern" von Rabea Edel ist ein tiefgründiges Buch, das beim Lesen Aufmerksamkeit braucht. In der vorderen und hinteren Umschlagklappe befindet sich ein Stammbaum der porträtierten ...

"Portrait meiner Mutter mit Geistern" von Rabea Edel ist ein tiefgründiges Buch, das beim Lesen Aufmerksamkeit braucht. In der vorderen und hinteren Umschlagklappe befindet sich ein Stammbaum der porträtierten Familie, und das ist gut so, denn diesen habe ich auch beim Lesen immer wieder gebraucht und war froh, nachschlagen zu können.

Ausgehend von Raisa, wie die Autorin selbst Jahrgang 1982, lernen wir bruchstückhaft immer mehr über ihre Familie und Herkunft, dabei erstreckt sich die Erzählung über mehr als ein Jahrhundert: die ältesten Familienmitglieder sind noch vor 1900 geboren, Raisas Kind im Jahr 2018.

Raisa ist mit vielen biografischen Lehrstellen aufgewachsen. Schon immer kennt sie als einziges Familienmitglied nur ihre Mutter, hat keine Geschwister, kennt ihren Vater nicht und hat auch zu niemand anderem aus der Familie Kontakt. Es seien alle schon gestorben, meint die Mutter zu ihr als Kind - viel später stellt sich heraus, dass so einige während Raisas Kindheit noch lebten, sogar Kontakt suchten und nur für die Mutter gestorben waren, die aufgrund dem, was sie mit ihnen erlebt hatte, keinerlei Kontakt mehr zu ihnen wollte. Sie und ihre Tochter, das sei genug. In den ersten Lebensjahren des Kindes reisen sie durch die Welt, sind mal hier mal dort, an verschiedenen Orten, bis sie sesshaft werden. Und doch begleitet das Aufwachsen der Tochter weiterhin ein tiefes Schweigen in Bezug auf ihre Herkunft.

Wir, die wir dieses Buch lesen, bekommen schon bald erste Hinweise auf die Natur der möglichen Familiengeheimnisse, denn die Kapitel werden wechselweise aus den Perspektiven verschiedener Familienmitglieder aus unterschiedlichen Generationen und Zeiten erzählt. Das Buch ist voll von Andeutungen und Hinweisen, die oft sehr subtil sind: so sind z.B. offensichtlich einige Familienmitglieder jüdischen Glaubens und praktizieren auch noch damit verbundene Rituale, aber ohne darüber zu sprechen, ohne sie in den Kontext zu stellen und im Verborgenen. Auch sonst wird vieles nicht gesagt, sondern nur angedeutet oder durch Symbole sichtbar gemacht. Und es gibt noch viele weitere Traumata in der Familie, über die nicht gesprochen wird.

Damit gelingt es der Autorin ganz ausgezeichnet, das Schweigen, das in der Kriegs- und Nachkriegsgeneration so verbreitet war, fühlbar und erlebbar zu machen und damit eine Erfahrung, die viele Menschen aus den jüngeren Generationen teilen, auf Papier zu bringen: das starke Gefühl, dass da etwas Wichtiges in der Familiengeschichte verborgen ist, immer wieder subtile Hinweise darauf, aber nicht wirklich zu fassen zu kriegen, was es ist.

Das Buch regt auch zum Nachdenken darüber an, wem Familiengeheimnisse überhaupt gehören: haben die älteren Generationen das Recht, zu schweigen, und wie weit geht dieses? Oder haben deren Kinder und Enkelkinder ein Recht, zu erfahren, was in der Familie geschehen ist, auch um die Muster nicht unbewusst weiterzutragen und davon beeinträchtigt zu sein? Wie stehen diese beiden legitimen Bedürfnisse im Verhältnis zueinander? Was macht das Schweigen mit den Familien, wie und wodurch kann es gebrochen werden und was verändert sich dadurch?

Wie können wir die Angst vor den Geistern der Vergangenheit verlieren? Eine Antwort darauf findet sich vielleicht auf S. 218, auf einem von mehreren Zetteln, die Raisas Mutter Martha an sie schreibt, weil Schreiben manchmal leichter ist als Sprechen:

"Zauberspruch
Keine Angst vor Geistern.
Sie sind nur Möglichkeiten, die wiederkommen.
AMEN."

Jenen am Buch Interessierten, die nicht gerne Geistergeschichten lesen, sei gesagt, dass in diesem Buch keine solchen explizit vorkommen. Es handelt sich um eine Familiengeschichte über mehrere Generationen, keine Geistergeschichte... der Titel ist insofern als Metapher zu verstehen bzw. nur insofern explizit, als natürlich einige der erwähnten Familienmitglieder in der heutigen Zeit nicht mehr leben. Erzählt wird von ihnen aber aus der Zeit, als sie gelebt haben, sie erscheinen nicht später als Geister.

Insgesamt handelt es sich um ein großartig erzähltes, vielschichtiges Buch, das zum Nachdenken anregt, viele Fragen stellt, einige davon beantwortet und viele offen lässt, und genau damit ein authentischer Spiegel wahrer Familiengeschichten ist. Es wird mich sicher gedanklich und emotional noch einige Zeit begleiten. Absolute Leseempfehlung für alle, die sich für europäische Geschichte und intergenerationale Familiendynamiken interessieren und tiefgründige Literatur schätzen!

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Veröffentlicht am 07.02.2025

Ein Meisterwerk über Identität zwischen Bewahrung und Wandel

Die Kolonie
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„Die Kolonie“ von Audrey Magee hat mich verzaubert, seit ich das Buch zum ersten Mal gesehen habe. So ein schönes, hochwertig gestaltetes Cover! Wir sehen die beiden Männer, die im Jahr 1979 auf eine entlegene ...

„Die Kolonie“ von Audrey Magee hat mich verzaubert, seit ich das Buch zum ersten Mal gesehen habe. So ein schönes, hochwertig gestaltetes Cover! Wir sehen die beiden Männer, die im Jahr 1979 auf eine entlegene irische Insel kommen: den englischen Künstler, die Füße im Wasser. Ja, nass werden musste er hier förmlich, um sich einzulassen auf die Insel, um „heimisch zu werden“, wie er in einer seiner Skizzen beschrieben hat (ob ihm das voll und ganz gelungen ist und was es in Bezug auf seine Kunst bedeutet, erschließt sich nach der Lektüre). Wenn wir das Cover drehen sehen wir den zweiten Mann, den französischen Linguisten, bei einem seiner Strandspaziergänge. Zwischen den beiden wird das ganz besondere Licht sichtbar, das diese Insel auszeichnet.

Dieses Licht erhellt, wie ein Scheinwerfer, die besonderen Lebensumstände einer Familie auf dieser Insel, die aus vier Generationen besteht. Da gibt es die fast 90-jährige Bean Uí Floihnn, Mutter, Großmutter und Urgroßmutter, und schon lange verwitwet, die alte Witwe. Ihre Tochter Bean Uí Neill, um die 60, ebenfalls schon verwitwet, seit um die 15 Jahren, als in einem tragischen Bootsunglück ihr Mann, ihr Sohn und ihr Schwiegersohn ums Leben gekommen sind, ist die Witwe mittleren Alters. Und ihre Enkelin, die junge Mairéad, die junge Witwe, die in ganz jungem Alter ihren Mann in diesem Unglück verloren hat, und daraufhin ihren Sohn, den jetzt jugendlichen James/Séamus (sein englischer/irischer Name) ohne ihn großziehen musste. Erwachsene Männer und generell jüngere Menschen gibt es nicht mehr viele auf der Insel, die meisten haben sie für bessere Lebensperspektiven für das Festland verlassen.

Als erstes kommt nun der englische Künstler Lloyd auf die Insel, er besteht extra darauf, mit dem traditionellen Boot Curragh anzureisen, auch wenn sonst üblicherweise Menschen und Güter mit einem größeren, schnelleren und sicheren Boot auf die Insel kommen. Er möchte die Insel voll und ganz spüren, sie in sich aufnehmen, um sie möglichst gut zeichnen zu können, und doch stehen ihm oft seine Bequemlichkeiten, Prägungen und Ängste dabei im Weg, zum Beispiel schon beim Einstieg ins Boot:

„Er streckte das rechte Bein nach unten aus, dann das linke, sich immer noch an die Leiter klammernd.
Selbstporträt I: fallend
Selbstporträt II: ertrinkend
Selbstporträt III: entschwindend
Selbstporträt IV: unter Wasser
Selbstporträt V: der Verschwundene.
Und loslassen, Mr Lloyd.
Ich kann nicht.“ (S. 11)

So muss Mr. Lloyd immer wieder diverse Ängste und Einschränkungen überwinden, um die Insel malerisch zu erkunden, und lässt doch gewisse Charakterfehler nie ganz hinter sich, wie sich zeigen wird.

Sein Ego ist überwältigend groß, er will nicht nur irgendein Künstler werden, sondern ein ganz bedeutender, berühmter, von den Galeristen bewundert und in der Kunstwelt verehrt. Diese Persönlichkeitseigenschaft teilt er mit dem Franzosen Masson, der etwas später auf die Insel kommt und dem es darum geht, ein berühmter Linguist zu werden, mit einem weit verbreiteten Buch und einem eigenen Lehrstuhl. Die Eitelkeiten und Wünsche der beiden Männer prallen aneinander, jeder stört sich am anderen, und gemeinsam auf der Insel zu sein klappt nur, indem einer der beiden ein deutliches Stück wegzieht.

Währenddessen kommen die Inselbewohner den beiden Männern auf verschiedene Arten näher, es entstehen scheinbar erste Freundschaften und Affären, und sie werden zu Hoffnungsträgern für die, die der Einsamkeit und Perspektivlosigkeit der Insel gerne entfliehen würden. Das gilt insbesondere für den jugendlichen James, der nicht wie sein Vater, Opa und Onkel als toter Fischer enden möchte, sondern inspiriert durch den Engländer von einer Karriere als Künstler träumt. Diese scheint nun auch in Reichweite zu kommen, James erweist sich als sehr talentiert, verbringt den Sommer zeichnend und malend neben Mr. Lloyd und hofft, mit diesem gemeinsam die Insel verlassen, auf die Kunsthochschule zu gehen und Ausstellungen machen zu können.

In diesem Buch geht es also auch ganz stark um das Thema Tradition vs. Moderne, um das, was Menschen bewahren möchten und das, was sie gerne hinter sich lassen möchten. Um ihre Identität und Sprache und darum, wer das Recht hat, diese zu bestimmen. An dieser Linie zeigt sich einer der großen Konfliktpunkte der beiden Besucher: durch den Kontakt mit dem Engländer sprechen die Inselbewohner mehr und mehr Englisch statt nur Irisch, was dem Franzosen mit seiner linguistischen Studie und seinem Wunsch nach Bewahrung der Reinheit des Inseldialekts in die Quere kommt.

Wir befinden uns im Roman im Jahr 1979, einem der Jahre, in denen der Nordirland-Konflikt blutig eskaliert ist. Davon bekommt man an der Insel lange nur sehr wenig mit, das Inselleben geht beschaulich für sich dahin und wird nur hin und wieder durch Radiomeldungen eines Attentats unterbrochen, die mit der Zeit aber mehr werden und gefühlt näherkommen. Es wird sich zeigen, ob und wie auch dieser anfangs so weit entfernt scheinende Konflikt die Inselbewohner und ihre Themen prägt.

Ein großes Thema, das sich durch das Buch zieht, ist auch der im Titel angesprochene Kolonialismus. Natürlich ist es kein richtiger Kolonialismus mehr, wie früher, doch stehen die beiden Besucher für ehemals starke Kolonialmächte, Großbritannien und Frankreich, und sie tragen in sich so einiges an problematischen Eigenschaften dieser. Wie viel Gutes, wenn überhaupt etwas, bringen sie mit ihrer Arbeit der Insel und ihren Bewohnern, und wo wird die Grenze zur kulturellen Aneignung und Ausbeutung tangiert bis überschritten? Auch dazu gibt das Buch sehr viel Stoff zum Nachdenken.

Sprachlich und stilistisch ist das Buch ein Meisterwerk. Es verfügt über eine ganz eigene Sprache, die es schafft, die Lesenden auf die entlegene Insel zu transportieren und ihnen ein lebendiges Gefühl davon zu vermitteln, wie es dort im Jahr 1979 gewesen sein könnte. Die Charaktere sind liebevoll, authentisch und detailliert gezeichnet. Und die großen Themen des Buches: Identität vs. das Fremde, Moderne vs. Tradition, Kolonialismus und im Hintergrund der schwelende Nordirlandkonflikt werden vielschichtig und authentisch eingebaut. Ein großartiges Lesevergnügen, das in vielerlei Hinsicht bildet und zum weiteren, eigenständigen Nachdenken anregt! Absolute Leseempfehlung und eines meiner Jahreshighlights! Ein absolut tolles Buch von Audrey Magee, überragend und kunstvoll übersetzt von Nicole Seifert.

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Veröffentlicht am 05.02.2025

Gut ausgearbeitete Charakterstudie mit viel Entwicklung

Stadt der Hunde
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Jaap Hollander ist kein Sympathieträger. Zwar genial in seiner Arbeit als Neurochirurg, hat er ansonsten für die meisten Menschen in seinem Umfeld nur Abwertung und Verachtung übrig. Verheiratet ist er ...

Jaap Hollander ist kein Sympathieträger. Zwar genial in seiner Arbeit als Neurochirurg, hat er ansonsten für die meisten Menschen in seinem Umfeld nur Abwertung und Verachtung übrig. Verheiratet ist er mit Nicole, die sich als Krankenschwester unbedingt einen Arzt angeln wollte (zumindest in seiner Sicht der Dinge) und deren Schwangerschaft zur gemeinsamen Tochter Lea geführt hat, doch auch Nicole kann er kaum ertragen und hat sie noch nie wirklich gemocht.

Auch der Tochter Lea, die auf der Suche nach ihren jüdischen Wurzeln und nach Anerkennung als "Vaterjüdin" ist, hat er seine durchaus bestehende Zuneigung kaum gezeigt.... bis sie im Alter von 18 Jahren in Israel auf einer Birthright-Reise in der Wüste gemeinsam mit einem gleichaltrigen jungen Mann spurlos verschwunden ist. Das hat Jaap ins Mark erschüttert und seitdem fährt er jedes Jahr nach Israel, um nach ihr zu suchen, seit über zehn Jahren, während er von mittlerweile von Nicole geschieden und von seinem geliebten Beruf als Neurochirurg zwangspensioniert wurde.

Wir lernen also einen Charakter kennen, der innerlich sehr verbohrt ist, mit Spiritualität, Glaube und zwischenmenschlicher Nähe oder Mitgefühl nichts anfangen kann, eine sehr zynische Weltsicht hat und nur in der Welt von Wissenschaft und Rationalität lebt. Und dann kommt es zu verschiedenen Erlebnissen und Erfahrungen in Israel, die diesen harten Menschen Schritt für Schritt aufbrechen und zu einer späten Charakterentwicklung hin zu mehr Sanftheit und Empathie veranlassen.

Die ersten Risse bekommt seine harte Schale, als er gebeten wird für eine bezaubernde saudische Prinzessin, die im gleichen Alter ist, in dem damals seine Tochter verschwunden ist, eine als absolut unmöglich geltende Gehirnoperation durchzuführen - und sich darauf einlässt.

Das Buch ist extrem spannend geschrieben, mit vielen unerwarteten Wendungen und Entwicklungen. Dabei zieht es die Lesenden von den ersten Worten an hinein, wir sind sofort in der Geschichte und in Jaaps Leben, fiebern mit ihm mit auf der Suche nach seiner Tochter und lassen uns mit ihm auf all die verschiedenen Abenteuer und Verwicklungen in Israel ein. Zwischendrin hat das Buch kurzfristig auch sehr fantastische, märchenhaft anmutende Elemente, die scheinbar nicht so gut zum Rest der Geschichte zu passen scheinen, sich rückblickend aber sehr gut in der Gesamtkonzept einfügen.

Es ist ein sehr gutes, unterhaltsames Buch, das gleichzeitig zum Nachdenken über den menschlichen Charakter, über das Mögliche und das unmögliche Erscheinende und über die Grenzen und Verbindungen zwischen Rationalität und dem Übernatürlichen Anregt.

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Veröffentlicht am 05.02.2025

Unsichtbare Ausbeutung in der 24-Stunden-Pflege

Halbe Leben
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In "Halbe Leben" von Susanne Gregor lernen wir zwei gleichaltrige Frauen und ihre Lebenssituationen, die miteinander verflochten sind.

Klara liebt ihre Karriere in ihrem Architekturbüro, am wichtigsten ...

In "Halbe Leben" von Susanne Gregor lernen wir zwei gleichaltrige Frauen und ihre Lebenssituationen, die miteinander verflochten sind.

Klara liebt ihre Karriere in ihrem Architekturbüro, am wichtigsten ist ihr ihre berufliche Verwirklichung. In der Mutterrolle ist sie nie so wirklich angekommen, Haushalt und Kinderbetreuung erfüllt sie nicht und sie arbeitet auch in einem Bereich, in dem von ihr Überstunden erwartet werden, wenn sie beruflich weiterkommen möchte. Sie ist verheiratet mit einem beruflich mäßig erfolgreichen Mann - dadurch bringt hauptsächlich sie das Familieneinkommen nach Hause - und die beiden haben eine etwa 11-jährige Tochter, Ada. Diese wurde hauptsächlich von Klaras Mutter Irene großgezogen, doch jetzt kann Irene nicht mehr so wie früher, sie hat einen Schlaganfall hinter sich, erlebt immer wieder kurze Perioden der Verwirrtheit und Desorientierung und wird selbst pflegebedürftig. Die Lösung dafür, wie in so vielen österreichischen Familien heutzutage: 24-Stunden-Pflege. Über eine Agentur werden Pflegekräfte beauftragt, verschiedene ausprobiert und gewechselt, bis die Familie schließlich jeweils im zweiwöchentlichen Turnus von Paulína und Radek unterstützt wird.

Paulína ist wie Klara 38 Jahre alt, sie wohnt in der Slowakei und zieht dort ihre beiden Söhne, 16 und 11 Jahre alt, alleine groß, nachdem sie von ihrem Mann für eine andere verlassen wurde. Das Leben ist schwer, Paulína rackert sich im Krankenhaus ab und kommt doch kaum über die Runden. Eine Vermittlung nach Österreich als Pflegekraft in einem Privathaushalt verspricht deutlich besseres Einkommen, und so lässt sich Paulína darauf ein, und die beiden Kinder in dieser Zeit schweren Herzens bei ihrer Schwiegermutter.

Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf, das schließlich mit Klaras tödlichem Absturz bei der gemeinsamen Wanderung enden wird. Paulína ist eine extrem engagierte Pflegekraft und macht anfangs weit mehr, als von ihr gefordert wird, sie kocht für die ganze Familie, putzt, erledigt Fahrdienste mit dem Auto, hilft bei Abendevents aus und vieles mehr. Während Paulína diese Dienste anfangs von selbst anbietet, wird durch die Familie immer mehr von ihr gefordert, sogar neu ein Hund angeschafft, um den ebenfalls Paulína sich kümmern muss - und Paulína kann nicht gut "nein" sagen, einerseits aufgrund ihrer abhängigen Position, die sie nicht verlieren, will, andererseits sicher auch aufgrund ihrer Persönlichkeit. So wird Paulína immer mehr dazu gebracht, über ihre eigenen Grenzen zu gehen, länger zu bleiben und ihre eigenen Kinder zu vernachlässigen, sogar in Krisensituationen, und wird immer unzufriedener damit, was aber in der Dienstgeberfamilie lange niemand sehen will.

Das Buch ist spannend und dicht geschrieben, wir haben kommen Paulína und den verschiedenen Personen aus der Familie, bei der sie arbeitet, psychologisch sehr nahe. Dabei ist die Problematik der 24-Stunden-Pflege und der Ausbeutung, die oft damit einhergeht und von den ausbeutenden Personen gar nicht als solche gesehen werden will ("immerhin wird sie ja für die Extradienste großzügig entlohnt", so sieht das die Familie) authentisch und lebensnah geschildert - solche und ähnliche Situationen in der 24-Stunden-Pflege kenne ich auch aus meinem Bekanntenkreis hier in Österreich.

Es macht nachdenklich über ungleiche Machtverhältnisse zwischen Ländern und in Privathaushalten, über Ausbeutung und über den Preis, den man selbst und andere zahlen muss, der oft mit der so gerne gepriesenen Vereinbarkeit von Beruf und Familie einhergeht, noch einmal mehr, wenn dann noch eine Pflegesituation dazukommt. Ein kluges und wichtiges Buch, das ich sehr empfehlen kann!

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Veröffentlicht am 03.02.2025

Mütter & das Patriarchat vom alten Rom bis heute

Sehr geehrte Frau Ministerin
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Mit "Sehr geehrte Frau Ministerin" hat Ursula Krechel ein extrem anspruchsvolles Buch hingelegt. Ich lese sehr gerne anspruchsvolle Literatur, aber dieses Buch war noch einmal eine Kategorie für sich und ...

Mit "Sehr geehrte Frau Ministerin" hat Ursula Krechel ein extrem anspruchsvolles Buch hingelegt. Ich lese sehr gerne anspruchsvolle Literatur, aber dieses Buch war noch einmal eine Kategorie für sich und ich bin sehr froh, das Buch gemeinsam mit anderen in einer Leserunde gelesen und diskutiert zu haben, weil ich nicht sicher bin, ob ich es alleine für mich zu Ende gelesen hätte. Und das wäre wiederum sehr schade gewesen, denn es ist ein wertvolles und anregendes Buch, das auf vielen Ebenen bildet und Stoff zum Nachdenken über Mutter-Sein, Frau-Sein und das Patriarchat bietet, anregt, und seit Jahrtausenden bestehende Muster aufzeigt.

Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt und in jedem dieser Teile steht eine bestimmte Frau mit ihrer Geschichte im Vordergrund. Allerdings ist es kein Buch, das diese Geschichte einfach linear auserzählt. Es wird auch innerhalb der Teile zwischen verschiedenen Geschichten und Zeitebenen hin und her gesprungen, auch das macht das Buch beim Lesen sehr anspruchsvoll.

Im ersten Teil geht es in der Jetzt-Zeit um Eva Patarak, eine alleinerziehende Mutter eines erwachsenen Sohnes, der sein Studium geschmissen hat, auf ihre Kosten lebt, keine Verantwortung für sein Leben übernommen will, nach wie vor in seinem Jugendzimmer bei der Mutter haust und sich von ihr durchfüttern lässt, aber kaum ein Wort mit ihr mit ihr redet. Eva hat es schwer, sie wirkt einsam, hat neben ihrem Beruf als Verkäuferin in einem Kräuterladen offenbar kaum Kontakte, und ihren Sohn erreicht sie nicht. Mehrmals bekommt sie Besuch von einer Frau mit einer roten Mütze, die sich als Kundin ausgibt oder auch tatsächlich eine ist, aber Evas Misstrauen erregt, sodass sie schließlich sogar an die Ministerin schreibt, weil sie argwöhnt, die andere würde über sie und die Beziehung zu ihrem Sohn schreiben, was Eva nicht will.

Weiters geht es im ersten Teil aber außerdem, abwechselnd mit der Geschichte in der Gegenwart erzählt, um den römischen Kaiser Nero und seine Mutter Agrippina, die ihn bei seiner Machterlangung unterstützte, der er aber schließlich nicht mehr traute und die er ermorden ließ. Dieser Teil ist auch sehr umfangreich, gefühlt mindestens so umfangreich wie Evas Geschichte, wenn nicht sogar mehr. Wir lesen also sehr viel über alte römische Geschichte. Für mich, die ich keinen Latein-Hintergrund habe, war vieles davon neu und ich habe parallel dazu so einiges nachgeschlagen, um die Geschichte einigermaßen verstehen und einordnen zu können. Ein weiterer Punkt, der das Buch sehr anspruchsvoll macht, insbesondere für alle ohne umfangreichere Vorbildung in diesem Bereich.

Hier kurz ein Auszug aus dem Text, um zu zeigen, in welcher Stream-of-Consciousness-artigen Weise die Autorin die verschiedenen Ebenen und Teile oft miteinander verwebt:

"Und wenn Agrippina nicht nur die Mutter des Kaisers gewesen wäre, sondern außerdem eine Expertin für einen bestimmten Bereich, zum Beispiel den der Justiz, von ihrem Sohn als Beauftragte für Verbannungen, Enthauptungen eingesetzt -, hätten Gegner des Kaisertums aufgeschrien: Nepotismus, Nepotismus. Die Mutter als eine Ministerin leitet in eigener Verantwortung (so musste es heißen) ihren Fachbereich. In einem netten dunklen Kostüm hat sie vor dem Sohn einen Amtseid geleistet, ihre Bestallungsurkunde in Empfang genommen, Lächeln, Händeschütteln, auf gute Zusammenarbeit, eine solche Mutter hat es nie gegeben, aber sie wäre doch auszudenken, die mütterliche Ministerin. Ministrare: ausüben, versehen, bedienen. Eine Mutter, das glaubte Agrippina, und damit ist sie nicht allein, hat doch einen Überblick, sie kann die Ausflüchte und die Redestrategien und die daraus folgenden Handlungen ihres Sohnes gut einschätzen." (S. 63)

Ja, wer stellt denn diese Überlegungen und Verknüpfungen überhaupt an? Das wird uns im zweiten Teil des Buches klarer: es ist die Lateinlehrerin Silke, die Frau mit der roten Mütze. Hier lernen wir nun sie näher kennen, und zwar nicht nur ihren Blick auf das alte Rom und auf die Eva Patarak der heutigen Zeit und auf die Ministerin, sondern auch sie selbst, mit ihrem Leben und ihrer Leiblichkeit. Die hochgebildete und kluge Frau und engagierte Lateinlehrerin hat ein körperliches Problem, für das sie keine Lösung findet: sie leidet unter überstarken Regelschmerzen (Hypermenorrhoe), konsultiert verschiedenste Ärztinnen und Ärzte und wird doch lange nicht ernst genommen und niemand kann ihr wirklich helfen. Dieser Teil zeigt sehr eindrucksvoll, wie wir als Menschen und noch einmal anders als Frauen auch, wenn wir unseren Verstand noch so sehr entwickelt haben, bei Problemen auf eine zutiefst körperliche Ebene zurückgeworfen werden können, die uns als Frauen ganz speziell betrifft, aber gesellschaftlich kaum thematisiert wird. Viele Frauen leiden unter solchen und ähnlichen Themen und versuchen, im Berufsalltag damit zu funktionieren, ohne dass ihnen jemand etwas anmerkt - wie gut, dass dieses wichtige Thema mal so viel Raum bekommt (wer aber über menstruationsbezogene Themen nichts lesen möchte, wird mit diesem mittleren Teil keine Freude haben, denn es geht sehr ausführlich darum).

Im dritten und letzten Teil wiederum geht es um die titelgebende Ministerin selbst und darum, wie sie ihren beruflichen Aufstieg geschafft hat und auf wie vielen Ebenen sie mit Widerstand zu kämpfen hat, sowohl innerlich durch die verkrusteten Strukturen des Ministeriums und des politischen Prinzips, durch die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie (die Ministerin hat zwei Kinder) auch für sie und die Erwartungen und Wünsche, aber auch Beschimpfungen und Bedrohungen, die von außen an sie herangetragen werden. Und am Ende verweben sich die Geschichten noch einmal auf einer neuen Ebene miteinander.

Mit dem, was ich hier geschrieben habe, kann ich der Komplexität des Buches nicht Genüge tun. Ich habe versucht, die mosaikhaft verteilten Botschaften, die das Buch vermittelt, einigermaßen kohärent hier darzustellen - so kohärent sind sie im Buch nicht. Es ist ein vielschichtiges, kaleidoskopartiges Buch, in dem sich für jede Leserin und jeden Leser ganz viel von dem spiegeln wird, was jede und jeder individuell an eigenen Erfahrungen, Vorbildung, Vorwissen und Weltsicht mitbringt, aber das gleichzeitig auch nicht eindeutig fassbar ist, weil es so viel in sich birgt, und genau damit ist es ein äußerst kluges Buch, das zum Denken und Diskutieren anregt. Ein äußerst kluges Buch, aber kein einfaches oder leicht zugängliches - ich empfehle die Lektüre nur für jene, die sich darauf einlassen können und möchten und idealerweise Menschen haben, mit denen sie darüber diskutieren können, denn diese Lektüre profitiert extrem vom gemeinsamen Austausch.

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