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Veröffentlicht am 08.03.2025

Anita Berber - Ikone und Enfant Terrible

Der ewige Tanz
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Autor Steffen Schröder lässt Anita Berber (1899-1928) in ihrem Bett der Tuberkulosestation im Berliner Bethanienspital ihr Leben Revue passieren.

Die Berber, wie man sie nennt, ist eine Tänzerin, die ...

Autor Steffen Schröder lässt Anita Berber (1899-1928) in ihrem Bett der Tuberkulosestation im Berliner Bethanienspital ihr Leben Revue passieren.

Die Berber, wie man sie nennt, ist eine Tänzerin, die ähnlich wie Isadora Duncan (1877-1927) und Josephine Baker (1906-1975) den Bühnentanz revolutioniert und mit ihrem schillernden Privatleben für Skandale sorgt.

Auf ihrer letzten Tournee durch den Nahen Osten im Sommer 1928 bricht bei Anita Berber die Tuberkulose aus. Ihr durch jahrelangen Alkohol- und Drogenmissbrauch geschwächter Körper hat der Krankheit nichts entgegenzusetzen.

Meine Meinung:

Diese Romanbiografie ist für manche Leser vielleicht nicht einfach zu lesen. Die Lebensgeschichte der Anita Berber wird nicht chronologisch erzählt, sondern springt durch Zeit und Raum. Wir folgen dem durch Suchtmittel verbrauchten Geist der Tänzerin, der kaleidoskopartig gute und schlechte Episoden durcheinanderbringt. Wir erfahren einiges über die zahlreichen Skandale, ihr unstetes Leben sowie über einige Exzesse und die wechselnden Liebschaften. Eine so schillernde Persönlichkeit zieht natürlich auch Erbschleicher und Heiratsschwindler an. So macht sich Ehemann Nr. 2, Sebastian Droste (eigentlich Willy Knobloch, schwarzes Schaf einer reichen Familie), mit dem gesamten Vermögen inklusive des Schmucks davon und lässt die Berber nahezu mittellos zurück. Ihr dritter Ehemann ist Sänger „Henri“ Heinrich Châtin-Hofmann mit dem sie zahlreiche Auftritte hat. Doch Henri interessiert sich hauptsächlich für ihre Gage und das Kokain bzw. Morphium, das er dafür kaufen kann.

Wir begegnen auch anderen Persönlichkeiten dieser Zeit. Hier ist vor allem der Maler Otto Dix zu nennen, der sie in seine eigenwilligen Art porträtiert. Oder Filmschaffende wie Willi Forst und Fritz Lang. Interessant auch der kurze Einblick ins damalige Filmbusiness mit den besonderen Schminktipps für schwarzweiß Filme.

Eine Assoziation, die mich zum Schmunzeln gebracht hat, hatte ich beim Titel, denn „ewige Tanz“ bedeutet im Wiener Dialekt ständige Querelen. Daran hat Autor Steffen Schröder bestimmt nicht gedacht, oder vielleicht doch? Er war ja einige Zeit Ensemblemitglied im Wiener Burgtheater.

Es scheint, als hätte Anita Berber gewusst, dass ihr kein langes Leben vergönnt war, denn sie lebte ihr kurzes, immer auf der Überholspur. Das Cover ist in der Farbgebung an das bekannte Bild von Otto Dix angelehnt, das eine ganz andere Anita Berber darstellt - eine verbrauchte Frau, die doppelt so alt wirkt, als sie tatsächlich war.

Fazit:

Dieser Romanbiografie des Enfant Terrible der Weimarer Republik gebe ich gerne 5 Sterne.

Veröffentlicht am 05.03.2025

Nichts für Zartbesaitete

Ein Krieg wie kein anderer
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Jochen Hellbeck, deutsch-amerikanischer Historiker, schildert in diesem Buch einen Krieg, der wahrlich wie kein anderen zuvor war. Den Weg in den Krieg gegen die Sowjetunion hat die Propaganda schon längst ...

Jochen Hellbeck, deutsch-amerikanischer Historiker, schildert in diesem Buch einen Krieg, der wahrlich wie kein anderen zuvor war. Den Weg in den Krieg gegen die Sowjetunion hat die Propaganda schon längst vorgezeichnet. Sie nimmt den latent vorhandenen Antisemitismus sowie die Angst vor dem Kommunismus und verquickt beides zu monströsen Feindbild, die es zu vernichten gilt. Dabei ist völlig unwichtig, ob die Feindbilder real oder nur in der Paranoia von Einigen vorhanden ist. Durch stete Präsenz und Wiederholungen wird den Menschen eine falsche Wahrheit suggeriert, um nicht zu sagen eingebläut. Das Ergebnis ist die verzerrte Wahrnehmung, dass Kommunisten immer auch Juden sind, was die Rechtfertigung für Hitler ist, den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion zu beginnen.

Hellbeck beschreibt an Hand von bislang unbekannten Dokumenten die Gräueltaten der Deutschen während des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion. Dabei kommen die Bevölkerung aus Russland, der Ukraine, des Baltikums und Weißrusslands, Juden wie Nichtjuden, sowie deutsche Soldaten zu Wort.

Das Buch ist ein Zeugnis darüber, welche archaischen Relikte in jedem Menschen wohnen, wenn sie von entsprechender Propaganda entfesselt werden. Deshalb blicke ich ein wenig mit Sorge in die Zukunft, wenn Politiker im Westen wie im Osten mit Urängsten der Bevölkerung, um ihrer persönlichen Eitelkeit und ihres Machtstrebens wegen, spielen. Ebenso unerklärlich ist es, wieso Millionen Wähler Parteien nachlaufen, die es weder mit der eigenen noch mit der fremden Wahrheit genau nehmen.

Aber Achtung, das Buch ist nichts für Zartbesaitete. Es ist nicht leicht zu lesen, da es die Gräuel des NS-Unrechtsregimes detailliert beschreibt. Einzelne davon sind auch mit eindringlichen Fotos belegt, die passend zum jeweiligen Text eingestreut sind.

Fazit:

Gerne gebe ich Jochen Hellbecks Sachbuch über einen Krieg, der so vorher noch nie da gewesen war, 5 Sterne.

Veröffentlicht am 01.03.2025

Die wichtigsten Freiheitskämpferinnen aus allen fünf Kontinenten

Revolutionärinnen. Frauen, die Geschichte schrieben
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Historikerin Alexandra Bleyer, die sich neben ihrem Lieblingsthema Propaganda, den Biografien von Kämpferinnen für Frauenrechte verschrieben hat, erzählt in diesem Buch von 20 Frauen, die unter Einsatz ...

Historikerin Alexandra Bleyer, die sich neben ihrem Lieblingsthema Propaganda, den Biografien von Kämpferinnen für Frauenrechte verschrieben hat, erzählt in diesem Buch von 20 Frauen, die unter Einsatz ihres Lebens, dafür eingetreten sind. Sie legt den Fokus auf Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts. Natürlich gibt es noch zahlreiche weitere Frauen, die für ihre Überzeugung, Frauen müssen Männern gleich gestellt sein, mit Repressalien wie Gefängnis, behördliche Abnahme der Kinder oder gar einer Hinrichtung ausgesetzt waren. Nicht alle können in diesem Buch Aufnahme finden. Wie ich die Autorin kenne, ist ihr die Wahl sehr schwer gefallen.

Einige, wie Olympe de Gouges, Bertha von Suttner, Louise Otto-Peters, Rosa Luxemburg, George Sand oder Alexandra Kollontai sind durchaus bekannt. Andere wiederum kennen nur Insiderinnen. Zum einem, weil sie auf einem anderen Kontinent oder wie Sojouner Truth (USA) zusätzlich noch von schwarzen Sklaven abstammten. Namen von Feministinnen wie Pandita Ramabai (Indien), Kishida Toshiko (Japan) oder Emine Semiye (Türkei) sind hier Mitteleuropa kaum bekannt.

Natürlich können in einem rund 300 Seiten umfassenden Buch keine ausführlichen Biografien dargestellt werden. Sie machen allerdings Lust, sich mit den Frauen näher zu beschäftigen. Alexandra Bleyer ist bekannt dafür, das Wesentliche auf nur wenigen Seiten anschaulich ihrer Leserschaft näherzubringen. So ist es ihr gelungen, Aufstieg und Fall von Napoleon Bonaparte in der Reclam-Reihe „100 Seiten“ auf ebenso viele zusammenzufassen.

Wer mehr über Revolutionen, vor allem über jene von 1848/49 lesen möchte, dem sei Alexandra Bleyer Buch „1848. Eine gescheiterte Revolution“ ebenfalls im Reclam-Verlag erschienen, empfohlen. Hier geht die Autorin ebenfalls auf die weibliche Sicht der Revolutionen ein.

Eine an den Verlag gerichtete Anmerkung möchte ich auch noch anbringen: Die Schriftgröße im gedruckten Buch ist unglücklich gewählt, weil sie für ein angenehmes Lesen viel zu klein ist. Ursprünglich war das Buch ja mit 400 Seiten ne gekündigt worden. Geht das Schonen von Ressourcen nun auf Kosten der Lesefreundlichkeit?

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Überblick über revolutionäre Frauen, der zahlreiche Anregungen bietet, sich mit einer der genannten Frauen näher zu beschäftigen, 5 Sterne.

Veröffentlicht am 27.02.2025

Reiner Wein, oder doch nicht?

Weinstraßenbetrug
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Einige Jahre sind nun ins Land, genauer in die Pfalz, gezogen- Sowohl Staatsanwalt Benjamin Röder als auch KHK Gerald Steiner rücken dem Pensionsalter immer näher. Man könnte glauben, dass sie nun ein ...

Einige Jahre sind nun ins Land, genauer in die Pfalz, gezogen- Sowohl Staatsanwalt Benjamin Röder als auch KHK Gerald Steiner rücken dem Pensionsalter immer näher. Man könnte glauben, dass sie nun ein wenig gesetzter agieren würden. Doch nein, die Kameradschaft aus den Zeiten der Bundeswehrzeit hat sichtlich alle Stürme überdauert.

Als Röders Jugendfreund und Schwerenöter, der Starwinzer Achim Hellinger, verdächtigt wird, der Kopf einer internationalen Weinfälscherbande zu sein, dürfen die beiden wegen Befangenheit nicht ermitteln.

Doch KHK Gelderer, der beauftragte Ermittler, gilt als schlampig, aber karrieregeil und ist ausgerechnet ein Freund eines bekannten Politikers. Ein Schelm, der sich hierbei nichts oder doch etwas denkt. Dass hat Achim blöderweise mit der Politiker-Ehefrau gerade ein Pantscherl hat, ist der Sache auch nicht wirklich dienlich.

Gleichzeitig kommen mehrere Winzer bei Arbeitsunfällen zu Tode, die sich recht bald als vorgetäuscht herausstellen.

Um Achim aus der Patsche zu helfen, aktivieren Röder und Steiner ihre Beziehungen zu ihren Kollegen in anderen Dienststellen und können ein mehrdimensionales kriminelles Netzwerk enttarnen.

Meine Meinung:

Ich habe ja in letzter Zeit mehrere Krimis aus dieser Pfalz-Krimi-Reihe gelesen. War in den früheren Bänden der Pfälzer Dialekt sparsam eingesetzt, so ist er diesmal für mich persönlich ein wenig zu oft verwendet worden. Andere Leser mögen das vielleicht recht gerne.

Interessant, weil nicht so präsent, ist die Produktpiraterie, die auch vor Wein nicht Halt macht. Dabei sind es nicht nur die exklusiven Rothschild-Weine, die hurtig ge- und verfälscht werden, sondern auch das mittelpreisige Segment im gut sortierten Supermarkt oder Fachhandel. Hier sind zwar die Margen pro Flasche geringer, aber die Menge bringt ordentlich Gewinn. Die Moral von der Geschichte: Kaufe deinen Wein nur beim Winzer deines Vertrauens direkt ab Hof. Dieser Einblick in das Weinpantsch-Business hat mir gut gefallen!

Wieder siegt das Gute über das Böse und das mit dem Ruhestand müssen sich Röder und Steiner noch einmal überlegen. Die beiden feiern ohnehin erst ihren 60iger.

Fazit:

Ein typischer Krimi mit viel Lokalkolorit und viel Interessantes über das Weinbusiness. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 25.02.2025

Der dritte Mann lässt grüßen ...

Internationale Zone
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Der 1984 gegründet Picus Verlag bringt jedes Jahr ca. 35 Bücher heraus. Dabei sind auch einige Neuausgaben wie dieses gemeinsam Buch von Milo Dor (1923 - 2005) & Reinhard Federmann (1923 - 1976) „Internationale ...

Der 1984 gegründet Picus Verlag bringt jedes Jahr ca. 35 Bücher heraus. Dabei sind auch einige Neuausgaben wie dieses gemeinsam Buch von Milo Dor (1923 - 2005) & Reinhard Federmann (1923 - 1976) „Internationale Zone“, dabei. Der Roman ist in gediegener Aufmachung in Leinen und Lesebändchen wieder auf dem Markt gebracht werden.

Das Autoren-Duo hat einen fesselnden Roman verfasst, dessen Story sich so, oder so ähnlich im Wien von 1950 abgespielt haben kann.

Die ersten Jahre des blühenden Schwarzmarktes sind vorbei. Schieber, Straßenhändler und Profiteure der Nachkriegs(un)ordnung müssen sich nach anderen Einnahmequellen umsehen. Da kommen ihnen die unterschiedlichen Eigeninteressen der vier Besatzungsmächte gerade recht.

Nur, was ist nur die aktuell interessante Ware? Nun zuerst einmal Informationen, denn die Alliierten trauen einander nicht über den Weg. In weiterer Folge ist Menschenhandel im Auftrag einer der vier Besatzungsmächte ein lukrativer Job. Passieren darf allerdings nichts, sonst ist das gefährliche Geschäft hinfällig. Das müssen auch die Protagonisten leidvoll lernen, als ihnen eine für die Russen gesuchte Person unterwegs stirbt.

Wer sich nun von Klappentext und Cover an den „Dritten Mann“ von Graham Greene und den gleichnamigen Film erinnert fühlt, liegt richtig. Das Wien von 1950 ist, wie der Rest von Österreich in vier Besatzungszonen aufgeteilt, und im ersten Bezirk, der „Interalliierten oder Interantionalen Zone“, fahren die „Vier im Jeep“ gemeinsam Streife.

Der Schreibstil erinnert an amerikanische Hard Boild-Krimis. Kurze Sätze, schneller Szenenwechsel - im Film als „harter Schnitt“ bezeichnet.

Fazit:

Mir hat dieser Roman aus dem Nachkriegs-Wien sehr gut gefallen. Die eine oder andere diesbezügliche Andeutung haben meine Großeltern fallen lassen. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.