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Venatrix

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Veröffentlicht am 11.03.2025

Nur ein kleiner Krieg?

1864
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„Mit dem Einmarsch der preußischen und österreichischen Truppen in Dänemark begann am 1. Februar 1864 der deutsch-dänische Krieg, der später der erste »Einigungskrieg« genannt werden sollte.“

Wenn ich ...

„Mit dem Einmarsch der preußischen und österreichischen Truppen in Dänemark begann am 1. Februar 1864 der deutsch-dänische Krieg, der später der erste »Einigungskrieg« genannt werden sollte.“

Wenn ich diesen Satz lese, muss ich mich als Österreicherin doch kurz einmal fragen, was macht das Kaiserreich Österreich bei einem deutsch-dänischen Konflikt? Die Entfernung Wien - Flensburg beträgt rund 1.200 km. Doch das wird nicht die einzige Frage sein, die mich als Leserin dieses Sachbuchs beschäftigt. Übt Kapitän Wilhelm von Tegethoff 1864 vor Helgoland für seinen Sieg in der Schlacht von Lissa 1866?

Warum zählt der Sieg der dänischen Fußballmannschaft über die deutsche Elf im Jahr 1992 für einige Dänen als späte Rache für die Niederlage von 1864? Warum entzündet sich 50 Jahre nach dem Wiener Kongress ein bewaffneter Konflikt an der Grenze Dänemark und dem Deutschen Reich? Ja, Dänemark hat während der Napoleonischen Kriege auf das falsche (französische) Pferd gesetzt. Das Königreich hat anders, als zahlreiche andere Reiche, Napoleon bis zu seinem Sturz, die Treue gehalten. Also ein treuer Verbündeter, der „in guten wie in schlechten Zeiten“ zu seinem Partner steht, unabhängig der daraus folgenden Konsequenzen? Die ehemalige Großmacht am Rande Europas musste ja im Jänner 1814 durch die Vereinbarungen am Wiener Kongress ganz Norwegen an Schweden abtreten.

Fragen über Fragen, die sich in meinem Kopf manifestieren. Können sie nach der Lektüre schlüssig beantwortet werden?

Wie wir es von Klaus-Jürgen Bremm gewöhnt sind, widmet er sich der Aufgabe der Ursachenforschung wieso und warum es 1864 zu diesem, später als „Einigungskrieg“ bezeichneten Krieg und seine Auswirkungen auf Dänemark und das Deutsche Reich kommt, mit Verve und viel Detailwissen. Penibel listet er den Verlust an Soldaten aller Beteiligten sowie den Verbrauch von Granaten auf.

In den folgenden Abschnitten, die in weitere Kapitel unterteilt sind, zeichnet der Historiker und Autor die Ereignisse nach:

Der Prolog - Der große „Oprur“ von 1848/51
Vom Londoner Protokoll bis zur Novemberverfassung
Vereint gegen Dänemark
Epilog - Der Wiener Vertrag und seine Folgen
Fazit - Bismarcks stolzeste Kampagne

Ergänzt wird dieses Sachbuch durch einen ausführlichen Anhang mit Zeittafel, Anhang und Bibliografie.

Meine eingangs aufgeworfenen Fragen werden im Großen und Ganzen beantwortet. Wenige Jahre später werden sich das Deutsche Reich unter Preußens Führung und die Habsburgermonarchie feindlich gegenüberstehen. Der Ausgang ist bekannt - das Match um die Vorherrschaft in (Mittel)Europa hat das Deutsche Reich, gewonnen.

Der deutsch-dänische Krieg ist aus dem Gedächtnis der meisten Menschen außerhalb Dänemarks und Schleswig-Holsteins verschwunden. Er war ja nur ein „kleiner“ Krieg am Rande Europas.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem an Details und Fakten reichen Sachbuch 5 Sterne und warte gespannt auf das nächste Buch von Klaus-Jürgen Bremm mit dem Titel „Amerikas unwahrscheinlicher Sieg: Der Unabhängigkeitskrieg 1775 bis 1783“ (ET 11.03.2025).

Veröffentlicht am 10.03.2025

Penibel recherchiert und fesselnd erzählt

Die Anatomie einer neuen Zeit
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Man schreibt das Jahr 1540. Die kräuterkundige Verena von Pfäffikon wartet wie Karin im Kerker auf ihre Hinrichtung. Die beiden wurden als Hexen denunziert. Nachdem seit Wochen der Regen ausgeblieben ist, ...

Man schreibt das Jahr 1540. Die kräuterkundige Verena von Pfäffikon wartet wie Karin im Kerker auf ihre Hinrichtung. Die beiden wurden als Hexen denunziert. Nachdem seit Wochen der Regen ausgeblieben ist, kommt es zu einem großflächigen Waldbrand, in dessen Chaos Verena die Flucht aus dem Turm gelingt. Allerdings nicht ohne ihrem ärgsten Widersacher Hämmerli, der schon ihre Mutter als Hexe auf den Scheiterhaufen geschickt hat, zu niederzuschlagen und sich seiner Kleidung zu bemächtigen.

Als Johann Lederer überwindet sie die Alpen und trifft nach einer mehrwöchigen Wanderung in Padua ein. Dort lernt sie Andreas Versalius (1514-1564) kennen, der öffentliche Sektionen vornimmt und dafür bekannt ist, seine Erkenntnisse lautstark zu verkünden, vor allem dann, wenn sie von der offiziellen Lehrmeinung der Kirche und dem Medicus Galen abweichen.

Als während einer Vorlesung ein deutscher Student vor den Toren der Universität zusammenbricht und in Verenas Armen stirbt, sind sich die beiden einig, dass der Mann vergiftet worden ist. Nur welches Gift? Und von wem und vor allem WARUM?

Die Suche nach Motiv, Täter und Gift führt Verena/Johann und Vesalius in höchste Kirchenkreise und beweist Johann, dass man auch in Padua nicht vor der Inquisition sicher sein kann.

Meine Meinung:

Dieser historische Roman ist kein Krimi im engeren Sinn, sondern ein Einblick in die Medizingeschichte des 16. Jahrhunderts. Padua ist damals der Nabel der (medizinischen) Welt. Obwohl die katholische Kirche Obduktionen streng verbietet, ausgenommen sind nur Körper von verurteilten Verbrechern, nimmt Andreas Vesalius heimlich Sektionen vor. Sein Drang nach Wissen, wie der menschliche Körper innen aussieht bzw. wie man Krankheiten erkennen und möglicherweise heilen kann, lässt ihn das Verbot der Kirche missachten. Diese Erkenntnisse notiert es akribisch, zeichnet, was er sieht und verfasst letztlich sein Lebenswerk, die sieben Bücher „De humani corporis fabrica“ („Über den Bau des menschlichen Körpers“). Um diese Bücher geht es letztendlich auch, denn der schwerkranke Vesalius muss letztlich auch Padua verlassen, nachdem er sich im Netz der geistlichen Intrigen verfangen hat. Eigenständig denken, die Bibel in deutscher Sprache lesen - das alles „bedroht“ die katholische Kirche, die nun die Inquisition auf Frauen und Wissenschaftler loslassen.

Geschickt werden Fakten und Fiktion miteinander verquickt. So begegnen wir anderen Geistesgrößen dieser Zeit wie Tizian, Jan van Kalkar und – indirekt - der Basler Drucker Oporinus). Ich hätte mir neben einem Personenverzeichnis zu diesen Persönlichkeiten auch ein historisches Nachwort gewünscht. Aber, das ist Jammer auf hohem NIveau.

Einzig über den Namen Karin bin ich anfangs gestolpert. Ich glaube nicht, dass er in der Schweiz des 16. Jahrhunderts gebräuchlich war, da er die schwedische Form von Katharina ist. Lokale Namensheilige sind eher Elisabeth, Anna oder Johanna. Verena hingegen, auch wenn der Name modern klingt, ist ein gängiger „alter“ Name in der Schweiz, auch wenn seine Herkunft nicht zur Gänze geklärt ist.

Der Schreibstil ist ansprechend. Hin und wieder sind die Dialoge zwischen Verena/Johann und Andreas Versalius ein wenig zu modern geraten.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem sehr gut recherchierten und opulent erzählten historischen Roman 5 Sterne.

Veröffentlicht am 08.03.2025

Anita Berber - Ikone und Enfant Terrible

Der ewige Tanz
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Autor Steffen Schröder lässt Anita Berber (1899-1928) in ihrem Bett der Tuberkulosestation im Berliner Bethanienspital ihr Leben Revue passieren.

Die Berber, wie man sie nennt, ist eine Tänzerin, die ...

Autor Steffen Schröder lässt Anita Berber (1899-1928) in ihrem Bett der Tuberkulosestation im Berliner Bethanienspital ihr Leben Revue passieren.

Die Berber, wie man sie nennt, ist eine Tänzerin, die ähnlich wie Isadora Duncan (1877-1927) und Josephine Baker (1906-1975) den Bühnentanz revolutioniert und mit ihrem schillernden Privatleben für Skandale sorgt.

Auf ihrer letzten Tournee durch den Nahen Osten im Sommer 1928 bricht bei Anita Berber die Tuberkulose aus. Ihr durch jahrelangen Alkohol- und Drogenmissbrauch geschwächter Körper hat der Krankheit nichts entgegenzusetzen.

Meine Meinung:

Diese Romanbiografie ist für manche Leser vielleicht nicht einfach zu lesen. Die Lebensgeschichte der Anita Berber wird nicht chronologisch erzählt, sondern springt durch Zeit und Raum. Wir folgen dem durch Suchtmittel verbrauchten Geist der Tänzerin, der kaleidoskopartig gute und schlechte Episoden durcheinanderbringt. Wir erfahren einiges über die zahlreichen Skandale, ihr unstetes Leben sowie über einige Exzesse und die wechselnden Liebschaften. Eine so schillernde Persönlichkeit zieht natürlich auch Erbschleicher und Heiratsschwindler an. So macht sich Ehemann Nr. 2, Sebastian Droste (eigentlich Willy Knobloch, schwarzes Schaf einer reichen Familie), mit dem gesamten Vermögen inklusive des Schmucks davon und lässt die Berber nahezu mittellos zurück. Ihr dritter Ehemann ist Sänger „Henri“ Heinrich Châtin-Hofmann mit dem sie zahlreiche Auftritte hat. Doch Henri interessiert sich hauptsächlich für ihre Gage und das Kokain bzw. Morphium, das er dafür kaufen kann.

Wir begegnen auch anderen Persönlichkeiten dieser Zeit. Hier ist vor allem der Maler Otto Dix zu nennen, der sie in seine eigenwilligen Art porträtiert. Oder Filmschaffende wie Willi Forst und Fritz Lang. Interessant auch der kurze Einblick ins damalige Filmbusiness mit den besonderen Schminktipps für schwarzweiß Filme.

Eine Assoziation, die mich zum Schmunzeln gebracht hat, hatte ich beim Titel, denn „ewige Tanz“ bedeutet im Wiener Dialekt ständige Querelen. Daran hat Autor Steffen Schröder bestimmt nicht gedacht, oder vielleicht doch? Er war ja einige Zeit Ensemblemitglied im Wiener Burgtheater.

Es scheint, als hätte Anita Berber gewusst, dass ihr kein langes Leben vergönnt war, denn sie lebte ihr kurzes, immer auf der Überholspur. Das Cover ist in der Farbgebung an das bekannte Bild von Otto Dix angelehnt, das eine ganz andere Anita Berber darstellt - eine verbrauchte Frau, die doppelt so alt wirkt, als sie tatsächlich war.

Fazit:

Dieser Romanbiografie des Enfant Terrible der Weimarer Republik gebe ich gerne 5 Sterne.

Veröffentlicht am 05.03.2025

Nichts für Zartbesaitete

Ein Krieg wie kein anderer
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Jochen Hellbeck, deutsch-amerikanischer Historiker, schildert in diesem Buch einen Krieg, der wahrlich wie kein anderen zuvor war. Den Weg in den Krieg gegen die Sowjetunion hat die Propaganda schon längst ...

Jochen Hellbeck, deutsch-amerikanischer Historiker, schildert in diesem Buch einen Krieg, der wahrlich wie kein anderen zuvor war. Den Weg in den Krieg gegen die Sowjetunion hat die Propaganda schon längst vorgezeichnet. Sie nimmt den latent vorhandenen Antisemitismus sowie die Angst vor dem Kommunismus und verquickt beides zu monströsen Feindbild, die es zu vernichten gilt. Dabei ist völlig unwichtig, ob die Feindbilder real oder nur in der Paranoia von Einigen vorhanden ist. Durch stete Präsenz und Wiederholungen wird den Menschen eine falsche Wahrheit suggeriert, um nicht zu sagen eingebläut. Das Ergebnis ist die verzerrte Wahrnehmung, dass Kommunisten immer auch Juden sind, was die Rechtfertigung für Hitler ist, den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion zu beginnen.

Hellbeck beschreibt an Hand von bislang unbekannten Dokumenten die Gräueltaten der Deutschen während des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion. Dabei kommen die Bevölkerung aus Russland, der Ukraine, des Baltikums und Weißrusslands, Juden wie Nichtjuden, sowie deutsche Soldaten zu Wort.

Das Buch ist ein Zeugnis darüber, welche archaischen Relikte in jedem Menschen wohnen, wenn sie von entsprechender Propaganda entfesselt werden. Deshalb blicke ich ein wenig mit Sorge in die Zukunft, wenn Politiker im Westen wie im Osten mit Urängsten der Bevölkerung, um ihrer persönlichen Eitelkeit und ihres Machtstrebens wegen, spielen. Ebenso unerklärlich ist es, wieso Millionen Wähler Parteien nachlaufen, die es weder mit der eigenen noch mit der fremden Wahrheit genau nehmen.

Aber Achtung, das Buch ist nichts für Zartbesaitete. Es ist nicht leicht zu lesen, da es die Gräuel des NS-Unrechtsregimes detailliert beschreibt. Einzelne davon sind auch mit eindringlichen Fotos belegt, die passend zum jeweiligen Text eingestreut sind.

Fazit:

Gerne gebe ich Jochen Hellbecks Sachbuch über einen Krieg, der so vorher noch nie da gewesen war, 5 Sterne.

Veröffentlicht am 01.03.2025

Die wichtigsten Freiheitskämpferinnen aus allen fünf Kontinenten

Revolutionärinnen. Frauen, die Geschichte schrieben
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Historikerin Alexandra Bleyer, die sich neben ihrem Lieblingsthema Propaganda, den Biografien von Kämpferinnen für Frauenrechte verschrieben hat, erzählt in diesem Buch von 20 Frauen, die unter Einsatz ...

Historikerin Alexandra Bleyer, die sich neben ihrem Lieblingsthema Propaganda, den Biografien von Kämpferinnen für Frauenrechte verschrieben hat, erzählt in diesem Buch von 20 Frauen, die unter Einsatz ihres Lebens, dafür eingetreten sind. Sie legt den Fokus auf Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts. Natürlich gibt es noch zahlreiche weitere Frauen, die für ihre Überzeugung, Frauen müssen Männern gleich gestellt sein, mit Repressalien wie Gefängnis, behördliche Abnahme der Kinder oder gar einer Hinrichtung ausgesetzt waren. Nicht alle können in diesem Buch Aufnahme finden. Wie ich die Autorin kenne, ist ihr die Wahl sehr schwer gefallen.

Einige, wie Olympe de Gouges, Bertha von Suttner, Louise Otto-Peters, Rosa Luxemburg, George Sand oder Alexandra Kollontai sind durchaus bekannt. Andere wiederum kennen nur Insiderinnen. Zum einem, weil sie auf einem anderen Kontinent oder wie Sojouner Truth (USA) zusätzlich noch von schwarzen Sklaven abstammten. Namen von Feministinnen wie Pandita Ramabai (Indien), Kishida Toshiko (Japan) oder Emine Semiye (Türkei) sind hier Mitteleuropa kaum bekannt.

Natürlich können in einem rund 300 Seiten umfassenden Buch keine ausführlichen Biografien dargestellt werden. Sie machen allerdings Lust, sich mit den Frauen näher zu beschäftigen. Alexandra Bleyer ist bekannt dafür, das Wesentliche auf nur wenigen Seiten anschaulich ihrer Leserschaft näherzubringen. So ist es ihr gelungen, Aufstieg und Fall von Napoleon Bonaparte in der Reclam-Reihe „100 Seiten“ auf ebenso viele zusammenzufassen.

Wer mehr über Revolutionen, vor allem über jene von 1848/49 lesen möchte, dem sei Alexandra Bleyer Buch „1848. Eine gescheiterte Revolution“ ebenfalls im Reclam-Verlag erschienen, empfohlen. Hier geht die Autorin ebenfalls auf die weibliche Sicht der Revolutionen ein.

Eine an den Verlag gerichtete Anmerkung möchte ich auch noch anbringen: Die Schriftgröße im gedruckten Buch ist unglücklich gewählt, weil sie für ein angenehmes Lesen viel zu klein ist. Ursprünglich war das Buch ja mit 400 Seiten ne gekündigt worden. Geht das Schonen von Ressourcen nun auf Kosten der Lesefreundlichkeit?

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Überblick über revolutionäre Frauen, der zahlreiche Anregungen bietet, sich mit einer der genannten Frauen näher zu beschäftigen, 5 Sterne.