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Veröffentlicht am 12.04.2025

Das Sorgerecht

Der Inselstrand
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Anne und Ben haben geheiratet, die Familiensituation mit Bens Tochter Marie ist entspannt. Und genau jetzt melden sich die Großeltern des Mädchens und beantragen das Sorgerecht beim Pflegschaftsgericht. ...

Anne und Ben haben geheiratet, die Familiensituation mit Bens Tochter Marie ist entspannt. Und genau jetzt melden sich die Großeltern des Mädchens und beantragen das Sorgerecht beim Pflegschaftsgericht. Als wäre das nicht schon genug, intrigiert ein Konkurrent gegen Annes gerade erst gegründeten Pflegedienst und schließlich grätscht auch noch Annes quirlige Freundin Franziska mitten in den Trubel. Wie lange kann es dauern, bis Anne die Luft ausgeht?

Von einem Problem geht es zum nächsten, allerdings bleibt vieles eher oberflächlich, dringen die Gefühle der einzelnen Figuren nicht richtig zum Leser vor. Auch das Inselflair Amrums vermisse ich im Vergleich zu den beiden Vorgängerbänden, was sehr schade ist. Jette Hansen reißt etliche interessante Themen und Problemfelder an, wechselt Blickwinkel und Perspektiven, um ein gewisses Maß an Spannung ins Geschehen zu bringen, die Auflösung des Ganzen gerät meiner Meinung nach dann aber etwas zu kurz und abrupt, sodass hier die Glaubwürdigkeit und Realitätsnähe nicht ganz stimmig sind.

Trotz aller Kritik umgeben einen bei diesem Abschluss der dreiteiligen Amrum-Serie sympathische Figuren, mit denen man gerne ein wenig Zeit verbringt. Für einen gemütlichen Sonntagnachmittag ist „Der Inselstrand“ also eine durchaus passende Abwechslung.

Veröffentlicht am 11.04.2025

Kriminalpolizei Reykjavik

Schmerz
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Ein verschwundener Teenager und eine Razzia in der Unterwelt beschäftigen das recht außergewöhnliche Ermittlerduo der Kriminalpolizei Reykjavik. Dora stammt aus Polen und hat nach einem Unfall mit einer ...

Ein verschwundener Teenager und eine Razzia in der Unterwelt beschäftigen das recht außergewöhnliche Ermittlerduo der Kriminalpolizei Reykjavik. Dora stammt aus Polen und hat nach einem Unfall mit einer posttraumatischen Belastungsstörung und Hypersensibilität und zu kämpfen, Rado kommt aus Serbien und ist mit familiären Verbindungen zur Drogen- und Hehlerwelt geschlagen. Düstere Stunden legen sich über Island.

Das erste Kapitel erzählt lebendig und eindringlich, warum Dora so ist, wie sie ist, dann wechselt die Erzählzeit vom Präteritum ins Präsens und wird deutlich nüchterner. Die knappen, teils abgehackten Sätze dazu verstärken die aufkeimende Distanz, welche den Leser gefühlsmäßig nur von Ferne teilhaben lässt am Geschehen. Die Neugierde auf spannende Ermittlungen und „überwältigender Natur“ [kindle, Pos. 16] schwindet zunehmend, denn vom Land selbst erfährt man wenig, die Kriminalarbeit wird zerrissen durch etliche unterschiedliche Handlungsstränge, die sich in rascher Folge abwechseln. Die Bevölkerung rund um Reykjavik bemängelt das lasche Vorgehen bei der Suche nach dem verschollenen Teenager, ich selbst habe ebenfalls öfter das Gefühl, dass „nichts weitergeht“. Die beiden Hauptfiguren hingegen werden von Jónasson vortrefflich charakterisiert, was aber diesmal nicht bedeutet, dass ich mit ihnen mitfiebere, die oben erwähnte Distanz betrifft sowohl den Inhalt als auch die einzelnen Personen.

Fazit: eine unübersichtliche Zahl an Figuren und verwirrende Szenenwechsel dominieren leider die grundsätzlich interessanten Ermittlungsfälle, daher drei Sterne für diesen Serienstart.

Veröffentlicht am 06.03.2025

Lodernder Sturm

The Christmas Fix
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Die Kleinstadt Merry (Connecticut) wird vom Hurrikan Veronica heimgesucht, die halbe Stadt steht unter Wasser. Bürgermeister Noah Yates weiß, dass staatliche Hilfen möglicherweise erst in einigen Monaten ...

Die Kleinstadt Merry (Connecticut) wird vom Hurrikan Veronica heimgesucht, die halbe Stadt steht unter Wasser. Bürgermeister Noah Yates weiß, dass staatliche Hilfen möglicherweise erst in einigen Monaten eintreffen, tut sich aber gleichzeitig schwer dabei, die Unterstützung von Catalina – Cat – King und ihrem Reality-TV anzunehmen, da er befürchtet, dass es ihr nur um Quoten und Selbstdarstellung geht. Während Cat und Noah einen Streit nach dem anderen ausfechten, spürt ihre Umgebung schon einen ganz anderen Sturm auflodern.

Cat ist eine selbstbewusste junge Frau, die sich ihre Position im Showbusiness hart erarbeitet hat und ihr Leben tagtäglich so genießt, wie es gerade daherkommt, Noah ein rational vorgehender Mensch, der jeden Schritt mehrfach abwägt und daher heimlich als „Mr. Neinsager“ in der Stadt gilt. Dass Turbulenzen vorprogrammiert sind, wenn die beiden aufeinandertreffen, ist also keineswegs verwunderlich. Die Rahmenhandlung mit einer überfluteten Stadt und etlichen Bürgern ohne Dach über dem Kopf zwingt alle Beteiligten zum raschen Handeln, für Gefühle kann gar keine Zeit bleiben. Leider vermisst man diese aber auch später, während der Putz- und Wiederaufbauarbeiten und der sich anbahnenden Liebelei. Obwohl abwechselnd aus Cats und Noahs Sicht erzählt wird, können deren Emotionen nicht richtig an die Oberfläche dringen, schon gar nicht mich als Leser so berühren, dass ich mit ihnen fühle. Ich kann nicht genau benennen, woran es liegt, ich vermisse die romantische Stimmung, die weihnachtliche Atmosphäre, welche ich trotz einer vorangegangenen Katastrophe erwartet habe. Das Ende kommt dann überhastet, der zweite Epilog zieht die Sache unnötig in die Länge.

Die Idee zum Buch, welche der Klappentext vermittelt, gefällt mir ausgezeichnet, die Geschichte selbst könnte aber ein wenig straffer, dafür mehr gefühlsbetont sein. Alles in allem eine reizvolle Geschichte, die gut rund um die Weihnachtszeit passt.

Veröffentlicht am 15.02.2025

Krieg

Ginsterburg
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1935: Langsam, aber spürbar ändert sich im kleinen Städtchen Ginsterburg die Stimmung. Die Jugend marschiert zur HJ bzw. zum BDM, Lothar lässt sich zum Piloten ausbilden, Blumenhändler Gürckel wird Kreisleiter. ...

1935: Langsam, aber spürbar ändert sich im kleinen Städtchen Ginsterburg die Stimmung. Die Jugend marschiert zur HJ bzw. zum BDM, Lothar lässt sich zum Piloten ausbilden, Blumenhändler Gürckel wird Kreisleiter. Über einen Zeitraum von zehn Jahren beobachtet Arno Frank, wie der Krieg die Menschen beeinflusst.

Drei große Abschnitte, drei Jahre, 1935, 1940 und 1945, führen durch die Handlung, welche eher eine Ansammlung an Puzzlestücken ist als ein dahinfließendes Geschehen. Mehrere Personen aus Ginsterburg stehen im Mittelpunkt, und obwohl sie vieles am gemeinsamen Wohnort verbindet, gibt es große Verschiedenheiten, ganz besonders im Umgang mit dem Krieg. Obwohl Arno Frank mit seinen Figuren beste Beispiele erschafft, wie Menschen auf Judenhass, Paragraf 175 oder Gier nach Macht reagieren, wie auch Familienzusammenhalt und Liebe weitergehen können, so verspürt man beim Lesen kaum Gefühlsregungen. Einzelne, häufig wechselnde Szenen, nüchterne Beschreibungen, teilweise ohne Dialoge, lassen die Handlung manchmal eher zäh erscheinen, in die Figuren hineinversetzen, das funktioniert nur selten. Es braucht keine brutalen Episoden in solch einem historischen Roman, aber ein wenig mehr an Emotionen hätte schon sein dürfen. So fügen sich leider nur viele kleine Puzzlesteine aneinander, die zwar wichtige Themenbereiche ansprechen, aber das Gefühl einer real ablaufenden Geschichte vermissen lassen.

Ein nüchtern und kühl gehaltener Roman über die Zeit von 1935 bis 1945 mit einer Fülle an Botschaften, die jedoch die emotionale Ebene beim Leser kaum erreichen. 3 Sterne.

Veröffentlicht am 10.02.2025

Geständnis

Ein Sonntag in den Bergen
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Der Schweizer Architekt und Autor Daniel de Roulet hat im Jahre 1975 das in den Bergen gelegene Chalet des Pressemagnaten Axel Springer in Brand gesetzt. Erst viele Jahre später erkennt er, dass sein Motiv ...

Der Schweizer Architekt und Autor Daniel de Roulet hat im Jahre 1975 das in den Bergen gelegene Chalet des Pressemagnaten Axel Springer in Brand gesetzt. Erst viele Jahre später erkennt er, dass sein Motiv auf falschen Annahmen beruht, weshalb er dieses Buch als Geständnis und Erklärung niederschreibt.

In wechselnder Zeitabfolge dokumentiert dieses Büchlein einerseits die Tat selbst, andererseits die weltgeschichtlichen Hintergründe und Zusammenhänge für dessen Planung und die spätere Sicht auf die Fehleinschätzung. So springt das Geschehen munter hin und her und verlangt volle Aufmerksamkeit vom Leser, um nicht hoffnungslos unterzugehen zwischen falschen Doktoren und Ausflügen bis nach Hanoi.

Daniel de Roulets Schreibstil ist sachlich, aber detailverliebt, sodass man die Überlegungen des Täters gut nachvollziehen und den Tag des Brandanschlages bestens mitverfolgen kann. Dazwischen findet der geneigte Leser aber allerlei Ausschmückendes und Ausschweifendes, das gleichzeitig erklärt und ablenkt vom zentralen Thema, mich also zwiegespalten zurücklässt.

Der Sonntag in den Bergen ist ausgesprochen interessant, man muss sich aber auf allerlei Zeitgeschichtliches einlassen, um den Autor, der gleichzeitig Brandstifter ist, zu verstehen.