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Veröffentlicht am 18.03.2025

Kolonialismus, Flucht und europäische Asylpolitik

Die Sehenden
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Keren 1941

Während britische Truppen die Italiener besiegen, die fünfzig Jahre über Eritrea geherrscht hatten, wurde Hannahs Mutter geboren. Als Hannahs Großvater in den Straßen ihre Befreiung feierte, ...

Keren 1941

Während britische Truppen die Italiener besiegen, die fünfzig Jahre über Eritrea geherrscht hatten, wurde Hannahs Mutter geboren. Als Hannahs Großvater in den Straßen ihre Befreiung feierte, drehte sich ein Engländer zu ihm und sagte: „Ich Hab Das Nicht Für Dich Gemacht! N*****.

Da weinte der Großvater über das Ende einer Erniedrigung und den Anfang einer anderen. S. 6

Die äthiopische Arme löste die Briten ab und tötete Hannahs Mutter. Sie hat keine Erinnerung an sie, weiß alles, was sie weiß aus zweiter Hand.

Wie gebrauchte Kleider spazieren manche von uns durchs Leben mit Geschichten voller Löcher und Lücken. S. 7

Hannahs Vater vertrat das Mantra: „Alles vergeht, nur die Liebe bleibt.“ Obwohl er nicht lesen konnte, sammelte er alle Bücher, die er fand aus dem Müll, brennenden Häusern, Ruinen und Hannah las sie. Er trauerte so intensiv um Hannahs Mutter, dass er entschied, alleine zu bleiben, bis auch er starb. Da wurde Hannah mit den Tagebüchern ihrer Mutter durch die Familie gereicht, bis sie siebzehn war. Ihre Tante schickte sie nach London, damit sie studieren konnte. Nachdem sie in London gelandet war, hielten sie Hannah fest, weil sie keinen Pass hatte. Sie sollte ihn im Flugzeug entsorgen, das hatte ihr der Schlepper gesagt. In London sollte sie sich dumm stellen und so tun, als ob sie die Sprache nicht spreche und das tat sie. Nach stundenlanger Befragung durch eine Arabischdolmetscherin:

Sie übergaben mich der Flüchtlingsorganisation wie ein zerfleddertes Buch voller Eselsohren, das sie alle zu lesen versucht und dann, nachdem sie über schwierige Sätze, verstörende Bilder gestolpert waren, mittendrin abgebrochen hatten und jetzt weiterreichten. S. 41

Und dann kommt Hannah in das Haus von Diana und lernt den wunderschönen, muskulösen Bina Balozi mit dem knackigen PO kennen und von da an nennt sie den ahnungslosen nur noch O BinaB.

Fazit: Sulaiman Addonia hat eine Protagonistin geschaffen, deren Land und Familie durch kolonialistische Besatzungsmächte, Okkupierung und Bürgerkrieg schwerst traumatisiert wurden. Ihre Familie meint es gut mit ihr, die Tante möchte ihre Chancen auf Bildung erhöhen, aber niemand kann sich vorstellen, welches Leid eine alleinstehende junge Frau auf der Flucht erleiden muss. Endlich im Land ihrer ehemaligen Kolonialherren angekommen wird sie von A nach B gereicht. Ein Asylantrag, der jahrelang nicht bearbeitet wird, verhindert jedes Studium, jeden Job, um in die Eigenständigkeit zu kommen. Hannah bleibt Mensch zweiter Klasse in einem Land, das sie für den Tod ihrer Eltern verantwortlich macht. Auf der Suche nach ihrer eigenen Identität, dem Wunsch nach Frieden und ihrer Verlorenheit findet sie eine Form von körperlichem Austausch, in dem sie sich intensiv spürt, der ihr ein Gefühl von Macht gibt. Der Autor kann schreiben, seine Metaphern sind großartig. Das ganze Drama der trägen Bürokratie und ihres steifen Regelwerks wird in diesem Roman erlebbar, die Gründe, das eigene Land zu verlassen verstehbar. Ein Buch über Trauma, Freiheit, Weiblichkeit und weibliches Begehren, das ich unbedingt empfehlen möchte. Achtung: Auf manche Gemüter könnten die Liebesszenen verstörend wirken.

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Veröffentlicht am 17.03.2025

Ein außergewöhnlich tiefgreifendes Buch

Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken
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Mit elf wurde Elisa aus der Sicherheit kleiner Häuser in die Kälte des Riesenhauses geworfen. Mit neun musste sie sich zwischen Vater und Mutter entscheiden und zwei Jahre später war sie der Mutter zu ...

Mit elf wurde Elisa aus der Sicherheit kleiner Häuser in die Kälte des Riesenhauses geworfen. Mit neun musste sie sich zwischen Vater und Mutter entscheiden und zwei Jahre später war sie der Mutter zu schwierig geworden und kam in die erste Jugendhilfeeinrichtung. Die Mutter gab Elisa früher Liebe, ein offenes Ohr, einen konstanten Blick und offene Arme für Elisas Tränen. Nach der Trennung vom Vater bekam Elisa ein cooles Kinderzimmer von Neckermann, coole Poster, ihre coole Limo- und Coladosensammlung, aber die Mutter war weg, emotional abwesend. Sie warf Elisa Undankbarkeit vor. Auch die Mutter war in einem kalten, großen Haus aufgewachsen, ohne eine Chance auf gute Schulbildung. Als Elisa geboren wurde, war die Mutter sechzehn und Elisas Vater siebenundzwanzig. Darüber hatte Elisa sich nie Gedanken gemacht, ganz egal, wie sehr sie ihren Vater liebt, ist ihr heute klar, dass das ein Fehler von ihm war.

Im großen kalten Haus gab es einen Onkel, der wollte Onkel genannt werden und war der Heimleiter. Der machte Dinge und alle wussten es. Es gab Kinder, die auch Onkel hatten und in dem großen, kalten Haus waren, um vor ihnen geschützt zu werden. Man sagte, Elisa sei schwer erziehbar, frech. Mit vierzehn hat sie ihrer Mutter einen Zettel geschrieben: Danke für alles, aber ich kann nicht mehr.“ Sie tauschte ihr Teenie-Zimmer gegen die Jugendschutzeinrichtung und zog dann in die Jugendwohngemeinschaft in Köln. Auf der Domplatte verliebte sie sich in den Jungen mit den schönsten Augen. Mit ihm war es das erste Mal und es tat höllisch weh. Er sagte allen, dass sie wie ein Bügelbrett dalag. Sie zogen sie auf und amüsierten sich, sie schämte sich so sehr, dass sie keinen Ton mehr rausbrachte und auf ihrer Unterlippe kaute.

Fazit: Sarah Lorenz hat ein außergewöhnlich tiefgreifendes Debüt geschrieben. Sie lässt ihre Protagonistin mit Ende dreißig ein Lebensresümee ziehen, indem sie mit ihrer Lieblingsdichterin Mascha Kaléko in Zwiesprache geht. Der Mascha erzählt sie ihr Leben, bestehend aus einzelnen Episoden, die sich aneinanderreihen und sie zu dem Menschen machten, von dem sie nie geglaubt hätte, dass sie so werden könnte. Schon früh kam sie in staatliche Obhut, weil die Mutter die Trennung vom Kindsvater nicht verkraftet hat. Die Parallelen zum Leben der Mutter sind augenscheinlich. Die Liebe oder besser, das, was Elisa darunter versteht, wird für sie das erstrebenswerteste Ziel. Sie sucht die Wertschätzung und Anerkennung, die sie zu Hause verloren hat. Sie ist so stark geprägt durch ihre emotional unsichere Kindheit, dass sie in Beziehungen gelernte Muster wiederholt, indem sie die Nähe emotional unsicherer Männer sucht. Elisa kannte ihre eigenen Grenzen nicht und konnte sie nicht verteidigen. Zahlreiche Männer bedienten sich an ihrer Offenheit und Freizügigkeit. Sie wurde behandelt, wie sie sich fühlte, wie ein wertloses Etwas. Alles klingt autobiografisch, wird doch als Roman verkauft und so sei es drum. Die Worte, die die Autorin findet, diese Geschichte zu erzählen, machen ihre Liebe zur Literatur deutlich. Sie schafft es, krasse Erlebnisse durch ihren Humor und ihre Zuversicht zu entschärfen. Daher liest es sich trotz allem mit einer angenehmen Leichtigkeit. Erst im Nachhinein entfaltet diese Geschichte eine emotionale Kraft, die mir das Herz zusammenkrampft. Ein ganz besonderes Buch, dem ich die allergrößte Aufmerksamkeit wünsche.

Es ist eine Geschichte, wie sie viele Kinder- und Jugendliche erleben (geschätzte 6.500 Minderjährige in Deutschland waren in 2023 obdachlos) und das ist megatraurig. Ich war auch eine davon, erst mit siebzehn und nicht in Köln, sondern in Düsseldorf, aber unsere Geschichten sind nahezu identisch. Viele, die ich damals kannte, haben ihr fünfzigstes Lebensjahr nicht erreicht. Die Reihen lichten sich. Hintergrund bei uns allen, körperliche Gewalt, Missbrauch, emotionale Verwahrlosung, überall das Gleiche.

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Veröffentlicht am 14.03.2025

Ein durch und durch spannungsgeladenes Romandebüt

Nest
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Ciara und Ryan fahren mit der vierjährigen Sophie und der jüngeren Ella an den Strand. Ryan will mit seinen Töchtern schwimmen gehen, aber sie können es noch nicht und es ist zu kalt, insistiert Ciara. ...

Ciara und Ryan fahren mit der vierjährigen Sophie und der jüngeren Ella an den Strand. Ryan will mit seinen Töchtern schwimmen gehen, aber sie können es noch nicht und es ist zu kalt, insistiert Ciara. Sie soll ihnen die Neoprenanzüge anziehen. Sie quetscht die Mädchen in ihre alte Schwimmausrüstung und weiß, was passieren wird. Wo die neuen Anzüge seien, für die er ihr extra Geld gegeben habe. Er nimmt die Mädchen an der Hand und schreitet mit ihnen ins Wasser. Ella brüllt Mammy, reißt sich los und rennt zu ihrer Mutter. Sophie folgt Ella sofort. Ryan springt elegant in die Flut und schwimmt ein paar Züge. Ciara schält die beiden aus dem widerspenstigen Material und trocknet sie ab. Ella weint und klappert mit den Zähnen.

Zuhause kocht sie Penne mit Tomatensoße. Ryan schiebt die Nudeln von links nach rechts, steht auf, er gehe auswärts essen. Als er zurückkommt, wirft er ihr vor, dass sie ihn vor den Mädchen bloßgestellt habe. Sie würde ihn kontrollieren, genau wie ihre verdammte Mutter, die alles orchestrieren müsse. Er will sein Geld für die neuen Neoprenanzüge zurück und das Wechselgeld vom letzten Einkauf. Sie schläft, wie so oft, mit dem Rücken zur Kinderzimmertür, Ella in ihrem Arm. Sie weiß, dass sie etwas unternehmen muss, aber sie weiß nicht wie. Sie hat 120 Pfund, damit kommen sie nicht weit.

Als sie sich vor fünf Jahren kennenlernten, war er charmant und klug und er sah so gut aus. Sie redeten miteinander, er führte sie zum Essen oder zum Tanz aus. Sie wurde schwanger, heiratete ihn, verließ ihre Eltern und zog rüber zu ihm nach Irland. Sie wollte als Grundschullehrerin arbeiten, aber er wollte, dass sie sich um Sophie kümmerte. Er veränderte sich, fing an, sie zu beschimpfen. Wenn sie sich wehrte, befürchtete sie, dass er sie schlagen würde. Sie hatte noch nie so viel Hass in einem Gesicht gesehen. Er sprach tagelang nicht mit ihr. Und dann war er wieder wie ausgewechselt und sie zweifelte an ihrer Wahrnehmung, sagte sich, sie müsse sich zusammenreißen, so schlimm sei es doch gar nicht.

Fazit: Roisin O´Donnell hat ein grandioses Debüt hingelegt. Ihre Protagonistin hat sich auf den falschen Mann eingelassen. Nach anfänglicher Verliebtheit entpuppt sich ihr Prinz als narzisstische Persönlichkeit. Er entfremdet sie von allen sozialen Kontakten und forciert ihre Abhängigkeit von ihm. Ihr Selbstwert leidet so sehr, dass sie sich selbst infrage stellt und zu der Überzeugung gelangt, dass sein Verhalten an ihr liegt. Seine Unberechenbarkeit hält sie permanent in Alarmbereitschaft. Sie findet nicht zum ersten Mal einen Ausweg, droht aber durch seine Manipulationen zu scheitern. Ihre Schamgefühle sind ebenso groß wie ihre Angst. Es ist nicht schwierig, Sachbücher über narzisstische Männer zu schreiben, aber Worte wie „Gaslighting“, „Empathielosigkeit“, „Missgunst“, oder „Selbstverherrlichung“ bleiben Konstrukte. Und deshalb ist dieses Buch so besonders. Die Autorin zeigt in Prosa ganz genau, wie sich betroffene Frauen fühlen, wenn ihnen niemand glaubt, dass sie psychisch misshandelt und emotional missbraucht werden. Ich weiß, dass es vielen Frauen so geht, dass sie sich nach den anfänglichen Engelstrompeten in der Hölle wiederfinden und der Ausgang verschlossen ist, deshalb finde ich diese Geschichte so gut gemacht. Ich habe von der ersten bis zur letzten Seite mit der Heldin gefühlt und gelitten. Ein durch und durch spannungsgeladener Roman. Lesenswert!

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Veröffentlicht am 13.03.2025

Ein rundum gelungener Roman

Die erste halbe Stunde im Paradies
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Anne ist Anfang dreißig und arbeitet als Pharmavertreterin. Angefangen hat sie mit Hustensaft und sich mittlerweile zu Psychopharmaka hochgearbeitet Diazepam ist nach wie vor das Mittel zur Wahl und wird ...

Anne ist Anfang dreißig und arbeitet als Pharmavertreterin. Angefangen hat sie mit Hustensaft und sich mittlerweile zu Psychopharmaka hochgearbeitet Diazepam ist nach wie vor das Mittel zur Wahl und wird entsprechend oft verordnet. Anne hält sich für eine Benzodiazepinkoryphäe. Sie braucht nur noch zwanzig Credit Points, um sich für den Innendienst bewerben zu können und tausende Kilometer Asphalt hinter sich zu lassen. Sie ist unterwegs zu diesem Frischlingsseminar, weil die Firma mehr soziale und kommunikative Kompetenzen von ihr erwartet. Sie folgt diszipliniert ihrem Alltag nach Vorschrift, geht früh schlafen und steht früh auf. Ihre Morgenroutine beinhaltet das Laufen nach ihrer Fitness App. Sie ist überzeugter Single:

Keine Beziehung bedeutet auch kein schwarzes Loch, das Lebensenergie frisst und Verpflichtungen und Konflikte am laufenden Band produziert. S. 22

Zu ihrem etwas älteren Bruder hat sie keinen Kontakt mehr. Damals ging alles drunter und drüber. Sie hatten sich schon sehr früh, mit vereinten Kräften, um die chronisch kranke Mutter gekümmert, dann ist Kai einfach abgehauen und nicht zurückgekommen. Die Krankheit begann mit zitternden Händen. Die Oper engagierte sie schon längst nicht mehr. Und auf Hochzeiten oder kleineren Festen wollte sie auch bald niemand mehr singen hören. Dann fingen die Gleichgewichtsstörungen an, die sich dermaßen verstärkten, dass sie hinfiel. Sie durften mit niemandem darüber sprechen, weil Mutter Angst hatte, dass man ihr Anne wegnehmen würde. Also hörte Anne auf zu existieren. Offiziell gab es nur noch Kai.

Fazit: Janine Adomeit erzählt eine Geschichte über familiären Zusammenhalt und kindliche Prägung. Ihre Protagonistin musste früh Verantwortung übernehmen. Der einzige Orientierungspunkt war der ältere Bruder, der im gleichen falschen Film lebte. Anne, mit der Krankheit ihrer Mutter heillos überfordert, klammerte sich an die Hoffnungen, die Mutter und Ärzte ihr machten. Wirklich exzellent herausgearbeitet hat die Autorin die überbeanspruchten Kinder, die kein eigenes Leben haben und die egoistische Mutter, die das von ihnen verlangt und erwartet. Beide Kinder sind als Heranwachsende zutiefst gebeutelte Persönlichkeiten. Während Anne durch Perfektionismus glänzt, in sich selbst jedoch einsam und nähevermeidend ist, erliegt Kai einer intensiven Sucht. Ebenfalls arg gut gezeichnet fand ich den Charakter Annes. Ihre Überheblichkeit, das Kontrollbedürfnis, das darauf gründet, nie wieder die Fäden aus der Hand zu geben und fallen gelassen zu werden. Großartig! Und obwohl Anne mich als Leserin so unangenehm berührt, ist ihr Schmerz für mich spürbar und Kais Leid unübersehbar. Die Geschichte wird aus Sicht Annes erzählt. Die Autorin bedient sich einer Sprache, die so einfach wie wirkungsvoll ist. Sie verzichtet auf emotionale Übertreibungen und berührt mich genau damit. Ich mag die Dialoge sehr. Ein rundum gelungener Roman, den ich hundertprozentig empfehle.

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Veröffentlicht am 03.03.2025

Eine anspruchsvolle Geschichte, der ich gerne gefolgt bin

Woran ich lieber nicht denke
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Ihr erster Gedanke gilt ihrem Zwillingsbruder. Wenn sie am Morgen erwacht, ist er da. Wie sie damals Waterboarding gemacht hatten. Er legte sich aufs Sofa und sie legte ihm ein Geschirrtuch über das Gesicht. ...

Ihr erster Gedanke gilt ihrem Zwillingsbruder. Wenn sie am Morgen erwacht, ist er da. Wie sie damals Waterboarding gemacht hatten. Er legte sich aufs Sofa und sie legte ihm ein Geschirrtuch über das Gesicht. Dann ließ sie Wasser in seinen Mund laufen, in einem feinen Rinnsal. Er hielt nicht lange aus, dann fesselte sie seine Hände und er bat sie aufzuhören. Danach war sie dran, aber sie zappelte und wand sich aus den Fesseln. Sie wollten wissen, wie die Leute in Guantanamo empfanden, wenn sie gefoltert wurden.

Die Mutter machte sich Sorgen um sie, weil sie keine Schönheit war. Um den Sohn musste sie sich nicht sorgen, der konnte alles und sie wusste: Aus dem wird einmal was. Er war zwanzig Minuten vor ihr geboren, als wäre das eine Erklärung für alles.

Nach einem Workshop bei Oshos Anhängern war ihr Bruder erleuchtet. Danach wusste er, dass das Leben keine Linie, sondern ein Kreis war. Sterben und wieder von vorne anfangen. Es gab nur zwei Aspekte des Lebens, die völlige Hingabe oder die akzeptierte Selbsttötung, um der Enge des Egos zu entkommen.

Mit achtzehn zogen sie aus, jeder in eine eigene Wohnung, nur dreihundert Meter voneinander entfernt. Sie studierte Englisch und jobbte in einem Secondhandshop. Er studierte Englisch und jobbte in einer Schwulenbar. Dann gefiel es ihm dort so gut, dass er sich exmatrikulierte und fest anstellen ließ.

Er wurde mit neun gemobbt. Auf einem Foto aus dieser Zeit sieht man, dass seine Augen langsam an Glanz verloren. Sie erinnert sich, wie er ganz allein auf dem Schulhof in der Ecke stand und sie ihn ignorierte. Sie spürte seine Bedürftigkeit und das passte nicht dazu, dass er ihr zuhause in allem überlegen war. Seine Sorgen, Ängste und Albträume begannen schon, als er zwölf war.

Fazit: Die Niederländerin Jente Posthuma hat eine fein abgestimmte Erzählung ähnlich eines Memoirs geschaffen. Darin zeigt sie ihre fiktive Protagonistin in ihrem Alltag, während sie sie immer wieder zurückblicken lässt. Sie versucht den Tod des geliebten Bruders zu verstehen. Ohne Bewertung blickt sie auf die vielen Ereignisse, die möglicherweise dazu führten, dass ihr Bruder depressiv geworden ist. Die Mutter, die Nähe schwer zulassen und keine schenken konnte. Der Vater, der die Familie frühzeitig verließ. Wie der Bruder glorifiziert wurde und ein Quell der mütterlichen Freude war. Der frühe Hang zur Melancholie beider Geschwister. Die Geschichte plätschert leise vor sich hin und erzeugt auch mit humorvollen, komischen Anekdoten eine einnehmende Stimmung. Die Tragik ist spürbar und die Verarbeitung des Verlustes tief und lang anhaltend. Eine anspruchsvolle Geschichte, der ich sehr gerne gefolgt bin.

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