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Veröffentlicht am 04.07.2025

Weder „warmherzig“ noch „schonungslos“

We Burn Daylight
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Auf dem Cover von Bret Anthony Johnstons zweitem Roman „We Burn Daylight“ ist ein Zitat des Lobes vom The Boston Globe abgedruckt, welches in seiner Kürze sagt: „So warmherzig wie schonungslos“. Leider ...

Auf dem Cover von Bret Anthony Johnstons zweitem Roman „We Burn Daylight“ ist ein Zitat des Lobes vom The Boston Globe abgedruckt, welches in seiner Kürze sagt: „So warmherzig wie schonungslos“. Leider kann ich in diesem Roman beides nicht oder nur minimal angedeutet erkennen. Um noch weiter zu gehen: Der Roman, der seinen Plot an die realen Ereignisse eines missglückten Behördeneinsatzes gegenüber einer dubiosen, christlichen Sekte in Texas in 1993 entlang führt, hat mich wirklich enttäuscht.

Auf Plotebene verfolgen wir als Hauptfiguren zwei Teenager, Roy und Jaye, die beide 14 Jahre alt sind und sich ineinander verlieben. Nur, dass Jaye mit ihrer Mutter innerhalb der Sekte lebt und Roy der Sohn des Sheriffs ist. Somit stehen sie scheinbar auf zwei verschiedenen Seiten dieser Geschichte, was sie, mit der Deutung des Buchtitels „We Burn Daylight“ als Shakespeare-Zitat aus „Romeo und Julia“ die beiden jugendlichen Liebenden zu einem modernen Romeo-und-Julia-Equivalent machen. Tragisch geht nicht nur das Original von Shakespeare aus, sondern tragisch sind auch die Geschehnisse um die mit schweren Waffen ausgestatteten Sekte und eine schief gelaufende Razzia mit anschließender Belagerung des Farmgeländes.

Auf den ersten Blick haben mir sehr viele stilistische Entscheidungen des Autors wirklich gefallen, aber er konnte sie einfach in meinen Augen nicht gut umsetzen. So entscheidet sich Johnston dafür, das fast 500 Seiten starke Buch in vier große Abschnitte und einen Prolog einzuteilen. Die vier Teile des Buches sind nach den vier Pferden der Apokalyptischen Reiter benannt. Das weiße Pferd steht für Jesus, das feuerrote Pferd für den Krieg, das schwarze Pferd für Hunger und das fahle Pferd für den Tod. Die Handlung in diesen vier Teilen, welche sich in einem sehr engen Zeitraum von Januar 1933 bis März 1993 bezogen auf die Ereignisse auf der Farm des Sektenführers abspielen, soll somit unten diesen Vorzeichen der vier Apokalyptischen Reiter stehen. Das passt zu Beginn noch gut, wenn uns Perry Cullen, der sich zukünftig nur noch „Lamb“ (also wie „das Lamm Gottes“) nennt, als selbsternannter Prophet, der seine Schäfchen zu sich ruft, vorgestellt wird. Das passt inhaltlich in die Teilüberschrift, allerdings passt die Figur nicht, aber dazu später mehr. Mitunter stellt er sich Jesus gleich somit passt zu ihm das weiße Pferd. Allerdings schon im zweiten Teil, wenn man den „Krieg“ erwartet, passiert noch gar nicht das, was dort eigentlich reingehören würde: nämlich die gewaltsame Razzia. Und auch die folgenden Überschriften halten – ohne hier ins Detail zu gehen – nicht, was sie versprechen. Mit kleinen Verschiebungen innerhalb der Ploteinteilung zu den Teilüberschriften hätte diese strukturelle Idee meines Erachtens wirklich sehr gut werden können.

Die nächste sehr gute stilistische Idee des Autors ist neben den wechselnden personalen Kapiteln zwischen Roy und Jaye auch noch Kapitel einzuflechten, die Ausschnitte aus Podcast-Sendungen beinhalten. Dieser Podcast ist dreißig Jahre nach den Ereignissen in Waco, Texas, angesiedelt und beinhaltet Interviews von verschiedenen Beteiligten der damaligen Ereignisse. Diese Möglichkeit der Rückschau auf die fatalen Geschehnisse in 1993 wäre ein perfektes Stilmittel gewesen, um das Geschehene nachträglich einzuordnen. Leider verschießt auch hier Johnston sein Pulver, da die Personen einfach mitunter so schwer auseinanderzuhalten sind, dass man über die 500 Seiten hinweg mitunter den Überblick verliert, wer hier eigentlich wer ist. Auch erscheinen mit die Interviewauszüge mitunter wenig hilfreich, was die Handlung betrifft, wenngleich sie durchaus auch aufzeigen, welche Fehlentscheidungen hier auf Seiten der Regierungsorganisationen getroffen wurden, die zur Verschlimmerung der Situation auf der belagerten Farm beigetragen haben. So muss ich Johnston zugestehen, dass er sowohl auf Seiten der Sektenanhänger als auch auf Seiten der Regierungsorganisationen verschiedene Akzente setzt, was Fehler aber auch positive Aspekte angeht.

Was mich allerdings stilistisch am meisten gestört hat ist, wie die Figuren konstruiert sind und vor allem wie sie miteinander umgehen. Sowohl im Kleinen, wenn sie miteinander kommunizieren als auch im Großen, wenn es um Entscheidungen innerhalb ihrer Beziehung zueinander geht. Vieles ist einfach unplausibel und psychologisch nicht nachvollziehbar. Und leider betrifft dies auch wirklich alle Figuren. Sie sind meines Erachtens wirklich in sich nicht gut entworfen und dargestellt. Allen voran natürlich Lamb selbst, der im Klappentext als „charismatisch“ beschrieben wird. An keiner Stelle des Romans wurde mir klar, warum diese Menschen ihm folgen in seinen wilden Prophezeiungen, außer eine Mörderin auf der Flucht und die portugiesische Familie, die als Illegale in den USA leben. Aber ehrlich, gerade aus Portugal?! Na ja, aber bei denen weiß man wenigstens, dass sie einfach nur in erster Linie pragmatisch einen Unterschlupf brauchten, der scheinbar von den Behörden unbeachtet bleibt.

Von allen stilistischen Fragen abgesehen, muss ich betonen, dass vielleicht dieses Buch besser funktioniert hätte, wenn es dann nicht auch noch 500 Seiten lang gewesen wäre. Ich empfand den Roman so dermaßen zäh, dass ich zwischendurch sogar eine Pause machen musste, weil es sich wie Treibsand anfühlte. Der Autor verwendet viel zu viel Zeit mit Nebensächlichkeiten und schafft es nicht, die Handlung knackig zu gestalten. Wenn dann auch noch keine plausiblen Figuren – ob sie nun Sympathieträger oder nicht wären, aber leider haben die Figuren fest keinerlei Regung bei mir ausgelöst – existieren, die den Roman tragen und die Sprache nur mittelmäßig ausfällt, zeihen sich 500 Seiten wie Gummi. Hier kann ich nur ein Zitat aus dem Buch anbringen:

„Was immer gesendet wurde, ich schaute es mir an. Ich konnte nicht wegsehen. Niemand konnte das. Wir waren alle Geiseln.“ Hier geht es zwar um die fragwürdige Medienberichterstattung über die Belagerung der Sekte, aber es könnte auch eine Beschreibung sein, wie ich mich beim Lesen fühlte: Wie eine unfreiwillige Geisel. Ich musste das Buch lesen, weil es ein Rezensionsexemplar ist, hätte es aber eindeutig abgebrochen, wenn dieser Zwang nicht dagewesen wäre.

Somit kann ich dieses Buch leider nicht weiterempfehlen. Es trägt gute schriftstellerische Ideen in sich, die allerdings nicht gut ausgeführt wurden.

2,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 23.03.2025

Gefährliche Dynamik

Halbe Leben
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Klara und Paulína ähneln sich zwar in den Merkmalen „Frau, Mutter, Alter“, könnten aber unterschiedlicher nicht sein, ebenso wie ihre Lebenswirklichkeiten. Während Klara eine erfolgreiche Architektin ist, ...

Klara und Paulína ähneln sich zwar in den Merkmalen „Frau, Mutter, Alter“, könnten aber unterschiedlicher nicht sein, ebenso wie ihre Lebenswirklichkeiten. Während Klara eine erfolgreiche Architektin ist, die ihre Arbeit vor alles, auch ihre Familie, stellt, tut Paulína alles für ihre Kinder, sogar aus der Slowakei aufgrund von Geldnöten nach Österreich ins Ausland gehen, um dort fremde Menschen zu pflegen. Dieser fremde Mensch ist im Speziellen Klaras Mutter, die nach einem Schlaganfall Pflege benötigt. Klara, die zuvor aber noch mit der tatkräftigen Unterstützung der Mutter bei der Erziehung der eigenen Tochter gerechnet hat, hat keine Kapazitäten, um sich selbst um sie zu kümmern. Also wird über eine Agentur u.a. Paulína immer für zwei Wochen im Wechsel mit einem anderen ausländischen Pfleger ins Haus geholt, damit sie sich kümmern kann. Eigentlich um Klaras Mutter, aber die Familie überschreitet immer wieder Grenzen von Paulína bezüglich der von ihr geforderten Aufgaben und Paulína hat Schwierigkeiten, sich selbst abzugrenzen und Nein zu sagen. So entsteht eine gefährliche Dynamik innerhalb der Familie, die, wie wir schon auf den ersten Seiten erfahren, irgendwie dazu führt, dass am Ende Klara tot ist und Paulína lebt.

Mithilfe von Rückblicken erfahren wir immer mehr darüber, wie Paulína ins Haus der Familie kam, welche echten und gefühlten Zwänge sie immer mehr dort einspannen und wie sie beginnt, sogar ihre minderjährigen Söhne, die sie in der Slowakei bei der Schwiegermutter lassen musste, zu vernachlässigen. Ein psychologisch sehr interessantes Konstrukt, welches sich nicht von jetzt auf gleich aber nach und nach immer mehr verschärft.

Während der Roman solide im Sprachstil ist, so ist der Erzählstil bezüglich der Perspektivwechsel zu wechselhaft und mitunter anstrengend bis nervig. Die Autorin wechselt immer wieder, mitunter nach nur wenigen Sätzen die personale Perspektive von einer Figur zur nächsten. Selbst für kürzeste Momente springen wir in die Haut einer neuen Figur, auch kleinere Nebenfiguren. Mitunter war mir literarisch nicht klar, warum man nun auch noch diese oder jene Sicht auf ein Ereignis lesen muss.

Sehr gut hingegen stellt die Autorin heraus, wie hoch die Kosten für (meist) Frauen sind, die ihr Heimatland verlassen, ihre Familie zurücklassen, um ein bisschen mehr Geld in die Haushaltskasse zu bringen, indem sie im Ausland arbeiten. An ganz eindrücklichen Beispielen sehen wir, was alles durch diese Zwänge kaputtgeht.

Wir wissen von Anfang an, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen wird. Und ich habe bis zuletzt gehofft, dass das Ende mir mehr Aufschluss darüber geben wird, wie es dazu kommen konnte. Allerdings lässt die Autorin einen hier gefühlt am ausgestreckten Arm verhungern. Hier hätte ich mir, neben einem ruhigeren perspektivischen Erzählen, mehr Einblicke gewünscht. Letztlich bleiben mir die Figuren psychologisch zu schwammig.

So kann ich zwar den Roman aufgrund der inhaltlichen Beschäftigung mit den Pflegekräften, die in reicheren Ländern die Care-Arbeit, die Angehörige nicht übernehmen können oder wollen, leisten und die fatalen Kosten für deren eigene Familie empfehlen, literarisch konnte er mich allerdings nicht überzeugen.

2,5/5 Sterne

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  • Handlung
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Veröffentlicht am 25.12.2024

Sehr merkwürdiges Buch über Trauerbewältigung

Trauer ist das Ding mit Federn
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Von diesem Buch hatte ich mir laut Klappentext unglaublich viel erhofft. Eine mystische, unkonventionelle Trauerbewältigung mit überlebensgroßer Krähe, die einen jungen Wittwer und dessen beide Söhne zuhause ...

Von diesem Buch hatte ich mir laut Klappentext unglaublich viel erhofft. Eine mystische, unkonventionelle Trauerbewältigung mit überlebensgroßer Krähe, die einen jungen Wittwer und dessen beide Söhne zuhause aufsucht. Sogar etwas Witz wurde versprochen.

Das Ganze ist aber leider viel zu künstlerisch angelegt. Dass der Autor damit den Dylan Thomas Prize bekommen hat, ist nachvollziehbar. Kritiker lieben sicherlich diesen Roman. Es ist aber eher eine kryptische Ansammlung von Fragmenten zum Thema Trauer. "Roman" hätte ich es nun nicht unbedingt genannt. Das Buch konnte mich weder berühren (weder durch Tragik noch durch Komik) noch hat es eine Auswirkung auf mich und mein Denken hinterlassen.

Allein die Übersetzung scheint mir hier positiv erwähnenswert. Wer es schafft solch Wortneuschöpfungen ins Deutsche zu übersetzen, gehört gelobt.

Veröffentlicht am 25.12.2024

Eine vertane Chance

Dein ist das Reich
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Dieser als Roman getarnter Bericht über eine außergewöhnliche Familiengeschichte lässt sich nur schwer einordnen. Thematisch erzählt die Autorin die wahre Geschichte ihrer eigenen Großelterngeneration, ...

Dieser als Roman getarnter Bericht über eine außergewöhnliche Familiengeschichte lässt sich nur schwer einordnen. Thematisch erzählt die Autorin die wahre Geschichte ihrer eigenen Großelterngeneration, welche als Heidenmissionare während und zwischen den beiden Weltkriegen in Neuguinea und Indonesien tätig gewesen sind. Das Thema des deutschen Kolonialismus ist definitiv unterrepräsentiert, wenn es um die Aufarbeitung deutscher Geschichte geht. Deshalb ist dieses Buch schon einmal grundsätzlich interessant. Ob dieses Buch nun aber auf literarischem Wege dazu beiträgt, mehr Licht ins Dunkle zu bringen, ist fraglich.

Dass sich Christen aus verschiedenen Ländern aufmachten, um "die Wilden" zu christianisieren und "zivilisieren", ist bekannt. Auch deren grundlegende Annahme bei dem einen handle es sich "göttliche Macht" und dem anderen um "Aberglauben" entspricht den Vorstellungen der Kolonialisierer. Der westliche Weg zu leben, sei richtig, der Weg der Urahnen der entdeckten Völker sei falsch. So schreibt Döbler: "Wie die meisten Missionare hatte er kaum einen Begriff von den Sitten, gegen die sie andauernd verstießen. Sie hielten sich an die göttlichen Gebote, da konnte nichts falsch sein." Für mich ein neuer Aspekt an dieser Stelle ist, dass es sich hierbei um protestantische und nicht katholische Missionare handelt. Aber wie bringt die Autorin die Thematik rüber? Sie schreibt in kurzen Passagen als Ich-Erzählerin über das Verhältnis zu ihrer Großmutter als diese schon im hohen Alter war. Und sie schreibt über weite Strecken in Form eines Berichtes, welcher in 1913 beginnt und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg endet. Dabei ordnen vor allem die erstgenannten Passagen das Berichtete historisch-gesellschaftlich ein. Das macht Döbler gut. Sie reproduziert eben nicht einfach nur kolonial-rassistische Ansichten. So schreibt sie klar: "Ich hätte meiner Großmutter erklären können, dass die Verbreitung ihres Gottes für die, die sie ihre Papua nannte, koloniale Unterdrückung bedeutete. Sie hatte dabei geholfen, den Neuguineern den Schmerz der Unterlegenheit zuzufügen, ihnen ihre Würde zu nehmen und ihr Land und ihre Kultur. Das war Beihilfe zu einem weitreichendem Verbrechen, das nur zu verdammen war, und ich verdammte es, aus vollem Herzen." Hier geht es also definitiv nicht um rein nostalgische Abenteuerromantik. Sehr gut. Warum aber ist für mich das Buch trotzdem nur mittelmäßig einzuschätzen? Weil es literarisch einfach nicht überzeugen kann.

Ich finde es schwierig, dass das Buch nur online, aber nicht im Klappentext oder anderorts als das definiert wird, was es ist. Nämlich der auf einer wahren Geschichte beruhende Familienbericht von der Familie der Autorin. Kein rein erfundenes prosaisches Werk. Ja, die Sinnhaftigkeit dieser Einordnung wird wild diskutiert. Hier hätte diese Einordnung meines Erachtens jedoch dem Buch gut getan. Vielleicht sogar durch ein kurzes Vor- oder Nachwort. Des Weiteren wäre eine starke Verdichtung der Erzählung notwendig gewesen. Die Autorin beschreibt vieles zu weitschweifig und ausufernd, sodass der Roman sich auf 480 Seiten unglaublich in die Länge zieht. Für diesen Umfang hat mir das Buch dann doch letztendlich zu wenig Aussage. Das Ganze dann auch noch in Berichtform geschrieben und literarisch wenig ansprechnd, macht die Lektüre zäh und mitunter langweilig. Auch konnten mich die Beschreibungen atmosphärisch nicht auf die Inselgruppe entführen. Wenn ich hier vergleichsweise an "Das Volk der Bäume" von Hanya Yanagihara denke, kommt Döbler nicht ansatzweise an die fantasieanregende Kraft Yanagiharas heran. Auch wird der Lesefluss durch den Verzicht auf jegliche Anführungszeichen bei trotzdem vorhandener direkter Rede massiv beeinträchtigt. Stilistisch ein No-Go. Der aus meiner Sicht einzige stilistische Coup des Buches ist das Ersetzen von klassischerweise sonst bei biografischen Berichten genutzten Fotos aus dem Familienalbum durch Textpassagen, welche eingerückt in einem extra Textfeld stehen und welche genauestens das Abgebildete auf ebendiesen Fotos beschreiben. Durch des Textfeld wirkt das Ganze wie in Schrift gegossene Abbildungen. Abbildungen, die man sonst nur mal kurz anschauen würde und dann überblättert, bekommen hier eine große beobachterische Tiefe. Leider war dies jedoch der einzige, herausragende literarische Pluspunkt, den ich finden konnte.

Letztendlich komme ich zu dem Resümee, dass mir dieses Buch, wäre es ein erfundener literarischer Roman gewesen, durchaus gefallen hätte. Die gewählte Berichtform dann Stilmittel statt die nacheliegendste Schriftformentscheidung. Da es sich jedoch unter dem Strich um einen recht trocken runtergeschriebenen Bericht handelt, der nun einmal nicht erfunden, sondern nacherzählt ist, habe ich mich für nur zwei Sterne entschieden. Selten ist mir eine Entscheidung zwischen zwei und drei Sternen so schwer gefallen. Yanagihara hat einfach bewiesen, dass so ein Vorhaben literarisch viel intensiver umsetzbar ist. Schade, eine vertane Chance.

Veröffentlicht am 25.12.2024

Wichtiges Thema, zu unterfordernd umgesetzt. 2,5*

Halbmond über Heinde
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Sarina Hayat beschäftigt sich in ihrem Jugendroman mit dem Krieg in Syrien, der Flucht von dort und das Ankommen in einem fremden Deutschland aus Sicht einer 15- bzw. später 17-Jährigen Protagonistin. ...

Sarina Hayat beschäftigt sich in ihrem Jugendroman mit dem Krieg in Syrien, der Flucht von dort und das Ankommen in einem fremden Deutschland aus Sicht einer 15- bzw. später 17-Jährigen Protagonistin. Diese kommt als Waise in die niedersächsische Provinz und lernt sich dort in ein neues Leben zu integrieren.

Dieses 117 Seiten Büchlein nimmt sich viel vor. Neben der Skizzierung des oben genannten Konflikts geht es außerdem um viele andere angerissene Themengebiete, wie Fremdenfeindlichkeit, intramuslimische Konflikte im Irak, Freundschaften finden, erste Liebe, Traumatisierung, Gutbürgertum usw. usf.. Das ist ganz schön heftig für ein einziges Buch. Fast zwingend können in diesem begrenzten Umfang die angesprochenen Themen gar nicht tiefgründig behandelt werden. Sie werden (fast) kindgerecht vorgekaut, zusammengefasst, pointiert und mit moralisch einwandfreien Lösungen versehen. Das funktioniert sicherlich als gute Schullektüre, als Stichwortgeber für weitere geleitete Diskussionen. Als selbstständige Lektüre fehlt mir hier eine bessere Einbettung, eine ausgearbeitetere Geschichte. So wirkt der Roman eher wie ein Entfwurf für einen "ausgewachsenen" Roman. Viele Jugendbücher mit ernsten Themen sind durchaus auch für Erwachsene geeignet. Dies ist hier weniger der Fall. Da darf auch den Jugendlichen mehr Vertrauen bezüglich ihrer Aufnahmefähigkeit geschenkt werden.

Insgesamt handelt es sich um einen gut konstruierten, jedoch noch nicht ausgereiften Roman, der etwas mehr Emotionalität, Tiefe sowie Mut zu ungelösten Problemen gut zu Gesicht gestanden hätte. Dass sich an dieses (leider immer noch) aktuelle Thema in Form einer Umsetzung für Jugendliche herangewagt wurde, verdient definitiv Respekt. Ich vermute hier eine Zielgruppe von um die 13-Jährigen, weniger dem Alter der Protagonistin entsprechend Jährigen, welche ja im Hauptteil schon 17 Jahre alt ist. Ältere Jugendliche wären vermutlich ein wenig unterfordert.